Autor im Porträt

Toptitel von Alice Munro

Kleine Aussichten

Gebundenes Buch
Der einzige Roman der Nobelpreisträgerin Alice Munro - ein frühes Meisterwerk! "In der Anlage autobiographisch, nicht aber in den Details", so hat Alice Munro ihren Roman 'Kleine Aussichten' beschrieben: Die junge Del Jordan wächst auf der Fuchsfarm ihres Vaters in dem verschlafenen Provinznest Jubilee auf. Ihre Freundinnen interessieren sich fürs Heiraten, die Tanten sind mit Bodenschrubben, Backen, Bügeln und der Suche nach Gott beschäftigt. Als die Mutter ein Haus in der Stadt mietet, lernt Del eine neue Welt kennen: Die der Bücher, der ersten Liebe, der Suche nach einem eigenen Platz in der Welt.
Das virtuose Porträt einer jungen Frau - und einmal mehr Weltliteratur.
…mehr

 

13,00 €

 

Die Jupitermonde

Broschiertes Buch
Einmal mehr schafft Alice Munro das, was nur die wenigsten Autoren vermögen: Uns Figuren zu schenken, die so lebendig sind, dass wir für einen Moment ganz in ihr Leben tauchen. Da ist Janet, die ihren alten Vater ins Krankenhaus bringen muss und unverhofft Trost in einem Planetarium findet. Ein junges Mädchen, das auf einer Truthahnfarm anheuert. Und eine Frau, die dem überheblichen Gerede ihres Mannes begegnet, indem sie ihm eine Schüssel Zitronenbaiser an den Kopf wirft. Sie alle blicken zurück und blicken nach vorn, stolz und manchmal zweifelnd - und wie Munro behutsam davon erzählt, ist einzigartig.…mehr

 

10,99 €

 

Alice Munro

Am 10. Juli 1931 erblickte Alice Munro, die heute vom Nobelpreiskomitee als "Meisterin der zeitgenössischen Kurzgeschichte" bezeichnet wird, in Wingham, in der kanadischen Provinz Ontario, das Licht der Welt. Obgleich sie in eher ärmlichen Verhältnissen aufwuchs, entschied sie sich bereits in ihren frühen Kinderjahren dazu Schriftstellerin zu werden. Ihre ersten Geschichten verfasste Alice Munro im Teenageralter und kam ihrem Berufswunsch im Jahr 1949 einen großen Schritt näher als sie sich ein Stipendium für die University of Western Ontario verdiente. Unglücklicherweise konnte sie ihr Journalistik Studium aufgrund von Geldproblemen nicht abschließen.


1968 veröffentlichte Alice Munro ihren ersten Kurzgeschichtenband "Tanz der seligen Geister" (dt. 2010) für den sie ebenfalls ihre erste Auszeichnung, den Governor General´s Award, verliehen bekam. Diesen Preis sollte sie noch zwei weitere Male erhalten, nämlich für "Das Bettlermädchen: Geschichten von Flo und Rose"(1978, dt. 1981) und "Der Mond über der Eisbahn"(1986, dt. 1989). Insgesamt veröffentlichte Alice Munro 14 Sammlungen mit über 150 ihrer Kurzgeschichten sowie einen Roman.


Ihre Familiengeschichte verarbeitete sie selbst unter anderem in dem Band "Wozu wollen Sie das wissen?"(2006, dt. 2008), beginnend im späten 18.Jahrhundert mit ihren schottischen Vorfahren bis in die Gegenwart und ihrer eigenen Familie. Doch auch ihre Tochter machte das Leben der Autorin in dem Buch "Lives of Mothers & Daughters. Growing up with Alice Munro"(2002, nicht ins Deutsche übersetzt) zum Thema.


Sie legt den Fokus ihrer Geschichten meist auf die Themen Liebe, Ehe und Geschlechterrollen und behandelt diese aus der Sicht von Frauen.


Alice Munro lebte gemeinsam mit ihrem zweiten Ehemann, Gerald Fremlin, in Clinton, Ontario, bis dieser im April 2013 verstarb, dem gleichen Jahr in dem sie ihren Nobelpreis gewinnen sollte. Ihr Buch "Liebes Leben"(2012, dt. 2013) soll Munros eigener Aussage zufolge ihr letztes Werk gewesen sein.


Sie ist eine von insgesamt nur 13 Frauen die den Nobelpreis für Literatur erhalten haben.

Kundenbewertungen

Himmel und Hölle

Bewertung von Kathi aus Gerolstein am 07.05.2010
Himmel und Hölle unfasst 9 Kurzgeschichten der großartigen Alice Munro. Ich picke mir die letzte heraus, weil ich sie am beeindruckendsten fand. In "Der Bär kletterte über den Berg" begegnen wir Fiona und Grant. Sie sind seit 45 Jahren verheiratet und trotz der in diesen Jahren erlebten Unwegbarkeiten noch immer sehr verliebt. Sie leben gemeinsam in einem kleinen Haus, umgeben von viel Natur. Als bei Fiona eines Tages Alzheimer festgestellt wird, ist von einem Tag auf den anderen nichts mehr wie vorher. So sehr die beiden versuchen mit der Krankheit alleine klar zu kommen, muss Grant eines Tages doch Fiona in ein Heim geben. Als sie sich immer weiter von ihm zu entfernen scheint und schließlich eine innige Bindung zu ihrem Leidensgenossen Aubrey aufbaut, weiß Grant nicht mehr, wie er damit umgehen soll. Erst langsam beginnt er zu begreifen, dass loslassen nicht das Ende der Liebe bedeuten muss, sondern der größte Beweis der Liebe überhaupt sein kann.
Eine unglaublich einfühlsame Geschichte, so wie auch die anderen Kurzgeschichten von Alice Munro. Man begegnet hier einer unglaublichen Erzählerin.

Liebes Leben

Bewertung von Buchdoktor aus Deutschland am 04.01.2017
Thema von Alice Munros Erzählungen ist das Leben von Frauen und Mädchen in der kanadischen Provinz, genauer gesagt Figuren, die am Übergang vom Dorf- zum Kleinstadtleben vom vorgezeichneten Pfad abzweigen. Jede einzelne Erzählung verblüfft mit der Fähigkeit der Autorin, banale Alltagsereignisse in einem besonderen Licht zu zeigen und so ihre Leser noch lange zu beschäftigen, nachdem sie das Buch geschlossen haben. Mit Figuren, die aus dem Krieg zurückkehren oder von der Wirtschaftskrise betroffen sind, lassen sich diese Geschichten klar der Zeit des Zweiten Weltkriegs und der unmittelbaren Nachkriegszeit zuordnen. Während Männer im Krieg sind, müssen Frauen sich nicht für ihr Alleinleben oder ihr Selbstbewusstsein rechtfertigen und haben die Chance, Neues zu riskieren. Auch Heimkehrer (wie in "Zug") nutzen die Möglichkeit zum Neuanfang mit einer neuen Identität. Munro verkündet in knappen Worten, dass es sich mit "dem Krieg" nur um den Zweiten Weltkrieg Handeln kann. Ihre biografische Erzählungen "Wozu wollen Sie das wissen? Elf Geschichten aus meiner Familie", verdeutlichten eindrucksvoll, wie nah Munros Kurzgeschichten ihrer eigenen Biografie als Tochter eines Fuchsfarmers waren. - "Japan erreichen" sehe ich als charakteristisches Beispiel dafür, dass Alice Munro allgemeingültige Empfindungen beschreibt, die Leser auf der ganzen Welt nachempfinden können. Die junge Mutter Greta reist zusammen mit ihrer noch sehr kleinen Tochter per Bahn quer durch Kanada von Vancouver nach Toronto, um in Toronto ein Haus zu sitten. Gretas Mann Peter ist Kind von Flüchtlingen aus der Tschechoslowakei und es wird betont, dass er als in Europa Geborener viele Dinge anders sieht als ein gebürtiger Kanadier. Greta lässt die schlafende kleine Katy im Zug nur kurz allein und muss bei ihrer Rückkehr schockiert feststellen, dass Katy verschwunden ist. Hat der Zug gehalten, kann Katy ausgestiegen sein? Greta ist sich unsicher. Wer ist als Mutter nicht schon in dieser Situation gewesen, in der Schuldgefühle und Aufregung das logische Denken blockieren? - Auch in der zweiten Geschichte verlässt die Hauptfigur ihre Heimatstadt per Bahn, um eine Stelle als Lehrerin in einem Erholungsheim für tuberkulosekranke Kinder anzutreten. Der Arzt und die Schwestern sind in der Klinik ebenso kaserniert wie die Patienten, von denen nicht alle überleben werden. Mancher Patient hat keine Angehörigen, die den Leichnam zur Beerdigung in den Heimatort abholen werden. Obwohl diese Geschichte (noch vor der Entwicklung eines Medikaments gegen Tuberkulose) zur Zeit des Zweiten Weltkriegs spielt, ist sie angesichts unheilbarer Krankheiten inzwischen wieder erschreckend aktuell. In "Kies" endet der Traum vom Hippieleben für eine Frau und ihre Kinder in einem Wohnwagen an der Zufahrt zu einer kleinen privaten Kiesgrube. - "Heimstatt" charakterisiert das schwierige Nebeneinander unterschiedlicher Religionen in einer Kleinstadt. Die Eltern der jugendlichen Icherzählerin sind als Lehrer nach Ghana aufgebrochen; ihre eigenen Kinder müssen solange bei kinderlosen Verwandten unterkommen. Onkel Jasper hat klare Vorstellungen von Anstand: ein Mädchen in der Pubertät, das in seinem Haushalt lebt, hat nicht mehr mit dem Fahrrad zu fahren. - "Dies ist keine Geschichte, nur das Leben." (S. 354) Abschließend nutzt Alice Munro ihre letzte Sammlung von Erzählungen dazu, sehr persönliche Erinnerungen an ihr Verhältnis zu ihren Eltern anzufügen. Im exakten Erinnern an ihre Gefühle als Fünfjährige und als Pubertierende zeigt sich bereits die spätere Autorin. "Liebes Leben" beeindruckt als Abschluss eines in Europa bisher noch unbekannten Schriftstellerlebens und kann stark gewinnen, wenn Sie ergänzend Munros biografische Erzählungen Wozu wollen Sie das wissen? lesen.

Zu viel Glück

Bewertung von R.E.R. am 30.10.2013
“Wie sollen wir leben” ist eine Sammlung von Erzählungen, kein Roman. Schon die erste Enttäuschung. Das scheint das Gewicht des Buches zu verringern, als sei seine Verfasserin jemand, der sich nur an die Pforten der Literatur klammert, statt sich in ihr sicher niedergelassen zu haben.” “Zu viel Glück” ist eine Sammlung von Erzählungen der diesjährigen Nobelpreisträgerin für Literatur. Die eingangs zitierte Stelle stammt aus der Geschichte “Erzählungen” aus eben jener Sammlung. Sie schien mir als Einstieg passend, weil das Buch (obwohl es kein Roman ist) sich nicht nur nicht an die “Pforten der Literatur klammert” sondern im Gegenteil diese weit aufstößt um die ganze Magie gut erzählter Geschichten zu verströmen. Ich habe bisher ungern Kurzgeschichten gelesen. Nicht weil ich, wie im Zitat erwähnt, der Meinung bin dies sei keine richtige Literatur. Vielmehr geht es mir beim Lesen so, dass ich bei liebgewordenen Charakteren gerne länger verweile, als es in Kurzgeschichten gestattet wird. Bei Alice Munro ist es anders. In der Kürze und der Einfachheit liegt das Besondere. Ihre Geschichten gehen unter die Haut. Doree “muss drei Bussen nehmen” um ihren Mann zu besuchen. Munro braucht nur wenige Sätze um ein junges Zimmermädchen zu skizzieren, dessen Schicksal einen brennend interessiert. Warum hat sie ihr Aussehen radikal verändert? Warum verschließt sie sich vor der Welt? Und vor allem, in was für einer Art Anstalt sitzt ihr Mann? Alle Fragen werden geklärt und die “Dimension” (so auch der Name der Geschichte) der Antworten sind tragisch. Munro aber nimmt dem Schrecken ohne viele Worte das Grauen. Sie spielt das Unglück nicht hinunter, sie zeigt nur dessen Alltäglichkeit. In jeder Geschichte gab es so etwas wie eine “Schlüsselstelle” die mich tief Atem holen ließ. Einen Moment, in dem mir klar wurde, wie banal und gleichzeitig bedeutend Situationen sein können. In “Erzählungen” war es der Moment als Joyce begreift, dass die bekannte Schriftstellerin einst eine ihrer Musikschülerinnen war, die nur aus Verehrung zu ihr, ein Instrument lernte. In “Der Grat von Wenlock” ist es der Laut den nackte Haut beim Aufstehen von einem Stuhl macht. Die “schmatzenden Pobacken” sind inmitten einer “skandalösen” Situation, das einzig normale. In “Tieflöcher” ist es die Erkenntnis, dass es manchmal schon etwas ist, “den Tag überstanden zu haben, ohne dass er zur absoluten Katastrophe” gerät. Jede einzelne Geschichte in diesem Band beweist, das Alice Munro sich nicht nur in der Literatur sicher niedergelassen hat. Sie scheint auch sicher im Leben zu stehen. Vielleicht mit ein Grund warum man ihr den Nobelpreis zuerkannt hat. Vielleicht der beste Grund überhaupt.

Tricks

Bewertung von Polar aus Aachen am 21.08.2008
Wo andere Schriftsteller Erzählungen bis auf wenige Seiten kürzen, testet Alice Munro ihre Geschichten bis an die Grenze zur Novelle, zum Roman hin aus. In ihnen fasst sie ganze Leben in Abschnitte zusammen, wechselt die Perspektiven und behält doch eines im Blick: Das Schicksal. Dies mag ein altmodischer Begriff sein, doch in Tricks folgt sie den feinfühligen Windungen von Ehen, Aufbrüchen und ungewolltem Scheitern. Was sich auf dem Papier anfühlt, als stände das Glück kurz bevor, erweist sich im Alltag als nicht lebensfähig: Lügen wie Betrug erwachsen dem Nichts, fußen fast immer in Verblendung, Verklärung, dem Versuch, einem Leben zu entfliehen. Eine Tochter fühlt sich in „Verfehlungen“ angesichts des Dauerstreits ihrer Eltern adoptiert, bis das schreckliche Geheimnis in Gestalt von Delphine, der Beinah-Mutter, aufkreuzt, die hellseherischen Kräfte von Tessa in „Kräfte“ bringen sie an der Seite eines Geschäfte witternden Mannes direkt in die Anstalt, wo sie ausgerechnet ihre Freundin Nancy ausfindig macht, die die beiden zusammengebracht hat, oder in „Leidenschaft“ endete ein flackernde Liebe in einem Unfall und der Erkenntnis, dass eine Frau den Bruder besser nicht heiraten sollte. Allesamt brüchige, fragile Geschichten, auf ein Mindestmaß reduziert, was ihren besonderen Reiz ausmacht, da der Leser mehr hinter den Erzählungen entdeckt, als Alice Munro preisgeben will. Ganz wie das Titelbild verspricht. Geschichten von Frauen, die ihren Schatten berühren.

Himmel und Hölle

Bewertung von sabatayn76 am 27.12.2009
Inhalt: Alice Munro erzählt Geschichten von interpersonellen Beziehungen, von Liebe, von Schuld, von Leiden, von Tod. Mein Eindruck: Die Autorin beginnt ihre Erzählungen beinahe beiläufig. Der Leser ahnt initial noch nichts von der psychologischen Wucht der beschriebenen Szenarien, die sich erst nach und nach entfalten, und den Leser schließlich ganz unverhofft bewegen, verstören, anrühren. 'Himmel und Hölle' ist keine leichte und unbeschwerte Lektüre, und ich konnte das Buch nicht am Stück lesen, denn Munros Erzählungen brauchen Zeit zum Einlesen und Zeit zum Nachsinnen. Sobald man sich jedoch auf den Stil der Autorin eingelassen hat, lebt man förmlich in ihren Geschichten und nimmt teil am Leben und Leiden der Protagonisten. Mein Resümee: Munros Erzählungen brauchen Zeit. Nehmen Sie sich die Zeit und erleben Sie feinsinnige Geschichten, die sich so überall zutragen könnten und genau aus diesem Grund so bewegend sind.

Zu viel Glück

Bewertung von Borux aus München am 04.09.2015
Literarische Miniaturen Vielen Romanlesern dürfte es genau so gegangen sein wie mir, Alice Munro kam auf meiner Leseliste bisher nicht vor, Kurzepik als literarische Appetithäppchen ersetzen mir nicht die gedankliche Weite und thematische Vielfalt eines klassischen Romans. Aber wenn eine Autorin mit dem Nobelpreis geehrt wird wie Alice Munro in diesem Jahr, sollte man ruhig mal eine Ausnahme machen von der Leseroutine. Man muss denn auch mindestens zwanzig Jahre zurück gehen zu Toni Morrison (1993), um preisgekrönte Schriftsteller US-amerikanischer Herkunft zu finden. Kanada, immerhin nordamerikanisch, hatte bisher noch keinen Nobelpreisträger gestellt. Nach seinem Stifter soll den mit fast einer Million Euro dotierten Literaturpreis derjenige Autor erhalten, der «das Vorzüglichste in idealistischer Richtung geschaffen hat», und für 2013 ehrte die Jury nun also eine «Virtuosin der zeitgenössischen Kurzgeschichte». So betrachtet, das sei vorwegschickt, geht der Preis auch völlig in Ordnung. Zehn recht unterschiedliche Erzählungen sind in dem Band «Zu viel Glück» enthalten, dessen Titel schon darauf hindeutet, dass jedem Übermaß potenziell Leid, Unglück, Enttäuschung, Scheitern gegenübersteht, das Glück auf ein bescheideneres Maß zurückstutzend. Als Protagonisten begegnet man fast ausnahmslos Frauen in mittelständisch geprägten, meist ländlichen Milieus Kanadas. Alle sind in wenigen Worten sehr treffend geschilderte Charaktere, die oft in prekären Verhältnissen leben und Konflikten vielfältigster Art ausgesetzt sind. Wen wundert’s, dass meistens Männer den Gegenpol bilden, Ursache der Probleme sind oder gar Katastrophen auslösen wie in der ersten, sehr beklemmenden Geschichte. Munro schreibt jedenfalls aus weiblicher Sicht, ohne dass man ihr Feminismus vorwerfen könnte, sie liefert lediglich ihren Beitrag zu der These «Männer und Frauen passen einfach nicht zusammen». Als Konfliktpotential zieht die Autorin neben dem ziemlich dominant im Vordergrund stehenden Geschlechterkampf auch das Miteinander der verschiedenen Generationen heran sowie gesellschaftliche Umbrüche. Es gibt bei ihr innere Spannungen und menschliche Konflikte zuhauf, sie beschreibt unsentimental und mit viel Hintersinn gekonnt die vielfältigen seelischen Probleme des Menschen. Wie ein Schlag ins Gesicht beginnt es gleich in der ersten Geschichte einer Frau, deren Mann ihre drei Kinder umgebracht hat, die sich aber trotzdem an ihn gebunden fühlt. Eine Musikschülerin geht ihre eigenen Wege und taucht plötzlich als Autorin wieder auf, eine Philosophie-Studentin liest einem reichen Lustgreis nackt Gedichte vor, eine Mutter steht ratlos ihrem völlig aus der Bahn geworfenen Sohn gegenüber, eine Frau verblüfft den in ihr Haus eingedrungenen Mörder mit einer Giftmord-Geschichte. Die tragische Liebe einer jungen Frau zu einem durch ein Muttermal abstoßend verunstalteten Mann wird ebenso knapp und pointiert erzählt wie die Zuneigung einer lebenslustigen Masseurin zu ihrem sterbenskranken Leukämie-Patienten, die kaltblütige Ermordung eines geistig zurückgebliebenen Mädchens durch zwei Schülerinnen oder ein Unfall im Wald, der ein Paar wieder näher zusammenbringt. Zuletzt folgt eine Geschichte aus dem Europa des 18. Jahrhunderts, in der eine Frau als erste eine Professur für Mathematik erhält, die längste und sicherlich auch schwächste Erzählung dieses Bandes. Munro vermag Empathie zu wecken, sie erzählt in einfachen Worten, unaufgeregt, fast lakonisch Dramen ohne Katharsis, vor allem aber ohne Happy End, was ja nicht ganz selbstverständlich ist für die Kontinenthälfte, auf der sie lebt. Dabei bewegt sie sich immer haarscharf an der Grenze zur Trivialliteratur, hat aber mit ihrem inzwischen abgeschlossenen Lebenswerk, ihr erklärtermaßen letztes Buch erschien ja vor wenigen Tagen, ihre epischen Form zur Vollendung gebracht. Wer Munros komprimierte, humorlose Erzählweise mag, kommt jedenfalls voll auf seine Kosten.

Wozu wollen Sie das wissen?

Bewertung von Silija aus Bonn am 20.11.2015
Bewertung von Silija aus Bonn am 20.11.2015 Alice Munro ist für ihre Bücher in den höchsten Tönen gelobt und mit dem Literatur-Nobelpreis ausgezeichnet worden, das klingt verlockend. Für mich war es aber letztlich eine enttäuschende Lektüre. Die Auswanderung der schottischen Vorfahren Munros, die Überfahrt nach Amerika, der Neubeginn in Kanada - eigentlich ein spannendes und plötzlich auch wieder sehr aktuelles Thema. Aber es bleibt alles sehr wage, bruchstückhaft und nicht besonders glaubwürdig erzählt. Immerhin gibt es ein paar Grabinschriften, Zeitungsartikel, Briefe vom Ururgroßvater, die die Autorin fleißig durchforscht und daraus ihre Erzählungen geschaffen hat. Diese lesen sich durchaus spannend und flüssig, manchmal beschreibt sie auch unappetitliche Dinge anschaulicher, als es für meinen Geschmack nötig gewesen wäre. Aber sie endet immer aprupt irgendwo im Nichts, man fühlt sich irgendwie verkohlt und fragt sich, ob man die nächste Geschichte überhaupt anfangen soll zu lesen. Und nachdem sich der Leser bis in die Kindheits- und Jugenderinnerungen der Autorin vorgearbeitet hat, wird es zwar konkreter, aber nicht gerade besser. Keine der handelnden Personen wirkt irgendwie sympathisch, nicht einmal sich selbst scheint die Erzählerin wirklich zu mögen. Fazit: für ein paar Novemberabende, falls man nichts anderes zum Lesen findet, ganz okay. Man kann es aber auch lassen und hat nicht wirklich etwas verpasst.
» Mehr anzeigen