Das Dämmern der Welt - Herzog, Werner
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Ein Mensch im Dschungel der Jahrzehnte, ein Abenteuer - endlich wieder ein Buch des großen Filmemachers Werner Herzog
Hiroo Onoda ist jung, als Japan vor den USA kapituliert und der Zweite Weltkrieg endet, ohne dass er davon erfährt. Er ist alt, als endlich auch sein Krieg ein Ende findet. Noch Jahrzehnte hat der Soldat weiter eine bedeutungslose Insel im Pazifik verteidigt. Wie ein Gespenst versteckt sich Onoda im Urwald, kämpft mit der erbarmungslosen Natur ebenso wie mit seinen eigenen Dämonen. Der große Autor und Filmemacher Werner Herzog hat den Mann mit dieser besonderen Vergangenheit…mehr

Produktbeschreibung
Ein Mensch im Dschungel der Jahrzehnte, ein Abenteuer - endlich wieder ein Buch des großen Filmemachers Werner Herzog

Hiroo Onoda ist jung, als Japan vor den USA kapituliert und der Zweite Weltkrieg endet, ohne dass er davon erfährt. Er ist alt, als endlich auch sein Krieg ein Ende findet. Noch Jahrzehnte hat der Soldat weiter eine bedeutungslose Insel im Pazifik verteidigt. Wie ein Gespenst versteckt sich Onoda im Urwald, kämpft mit der erbarmungslosen Natur ebenso wie mit seinen eigenen Dämonen. Der große Autor und Filmemacher Werner Herzog hat den Mann mit dieser besonderen Vergangenheit selbst in Japan getroffen. Sein erstes Buch nach vielen Jahren ist ein glühender, bewegender Bildertanz vom Sinn und Unsinn unserer Existenz.
  • Produktdetails
  • Verlag: Hanser
  • Artikelnr. des Verlages: 505/27076
  • 3. Aufl.
  • Seitenzahl: 126
  • Erscheinungstermin: 23. August 2021
  • Deutsch
  • Abmessung: 208mm x 131mm x 20mm
  • Gewicht: 225g
  • ISBN-13: 9783446270763
  • ISBN-10: 3446270760
  • Artikelnr.: 61361679
Autorenporträt
Herzog, WernerWerner Herzog, 1942 in München geboren, lebt in Los Angeles. Sein filmisches Werk wurde mit allen großen Preisen ausgezeichnet. Bei Hanser erschienen 1978 Vom Gehen im Eis, 2004 Die Eroberung des Nutzlosen und 2021 Das Dämmern der Welt.
Rezensionen

Perlentaucher-Notiz zur Süddeutsche Zeitung-Rezension

Rezensent Nicolas Freund wundert sich, dass Werner Herzog aus dem Stoff seines neuen Buchs nicht schon längst einen Film gemacht hat - so irrsinnig und im besten Sinne "sinnlos" wie viele von Herzogs Filmplots erscheint dem Kritiker die Geschichte des japanischen Soldats Hiroo Onoda, der bis weit nach Ende des Zweiten Weltkriegs meinte, seine Position auf den Philippinen halten zu müssen, und sich dort 30 Jahre lang durch den Dschungel schlug. In traumartigen, zwischen Fiktion und Realität schwankenden Beschreibungen taste sich Herzog dabei an das Erlebnis Onodas, den er auch selbst getroffen hat, heran (der Urwald "flackert" hier in "rituellen Qualen", wie Freund etwa zitiert), wobei diese Form dem Gegenstand durchaus gerecht werde, findet der Kritiker: Gemäß der "Poetik" von Herzogs Schaffen könne nur durch die literarisierte Form der Wahrheit von Onodas Geschichte überhaupt beigekommen werden, überlegt Freund.

© Perlentaucher Medien GmbH

Süddeutsche Zeitung - Rezension
Süddeutsche Zeitung | Besprechung von 28.08.2021

Im
Dickicht
Ein Soldat lebt 30 Jahre
im Dschungel, wegen eines Irrtums.
In „Das Dämmern der Welt“ erzählt
Werner Herzog seine Geschichte
VON NICOLAS FREUND
Es hieß, er würde abgelöst werden, sobald Japan die Insel zurückerobert. Also wartete Hiroo Onoda. 30 Jahre lang. Aber die Ablösung kam nie. In den letzten Tagen des Zweiten Weltkriegs hatte der japanische Soldat den Befehl bekommen, das Rollfeld und den Pier auf der philippinischen Insel Lubang zu zerstören, um dann die anrückenden amerikanischen Truppen in einen Guerillakrieg zu verwickeln. Unter keinen Umständen hätte er sich ergeben oder Suizid begehen dürfen.
Überleben ging nur mit viel Disziplin. Onoda und eine kleine Gruppe Soldaten lernten, im philippinischen Dschungel Nahrung zu finden, regelmäßig verübten sie Angriffe auf die Menschen, die sie für ihre Feinde hielten: meist die philippinische Armee, manchmal auch nur Reisbauern. Südostasien war da längst zwei Kriege weiter, in Korea und Vietnam hatten die Amerikaner versucht, dem Kommunismus Einhalt zu gebieten, die Welt hatte sich weitergedreht, aber Onoda und seine Männer waren der festen Überzeugung, noch immer für die japanische Armee eine kleine, völlig unbedeutende Insel verteidigen zu müssen. Versuchen, sie mit Zeitungen und Flugblättern aus ihren Verstecken zu locken, trotzten sie erfolgreich. Erst im März 1974 ergab sich Onoda der philippinischen Armee, nachdem er von dem Abenteurer Norio Suzuki aufgestöbert worden war und der es geschafft hatte, Onodas ehemaligen befehlshabenden Offizier nach Lubang zu bringen. Dieser entließ den Soldaten, damals schon lange der einzige Überlebende seiner Einheit, endlich offiziell aus dem Dienst.
Sein neues Buch „Das Dämmern der Welt“ beginnt Werner Herzog nun damit, wie ihn Hiroo Onoda retten musste. 1997 war der Filmemacher für die Inszenierung einer Oper in Japan und wurde zu einer Privataudienz beim Kaiser eingeladen, die er ablehnte. Ein unvergleichlicher Affront. Wen er denn bitte treffen wolle, wenn schon nicht den Kaiser, wurde er gefragt, und Herzog schlug ein Treffen mit Hiroo Onoda vor, dem Soldaten, der 30 Jahren alleine im Urwald überlebt hatte. Eine unglaubliche Leistung, die sich anscheinend mit der Erhabenheit des japanischen Kaisers messen kann.
Das Buch, das Herzog nun fast ein Vierteljahrhundert nach dieser Begegnung geschrieben hat, ist sein drittes, wenn man die Drehbücher nicht mitzählt. Die Geschichte von dem störrischen Soldaten, der unbeeindruckt von Feinden und Naturgewalten seinen Auftrag ausführt, ja der selbst zu so einer Art Naturgewalt geworden ist, passt so gut zu dem sonstigen Werk Herzogs, dass man sich fragt, wieso es nicht längst einen Onoda-Film von ihm gibt. Denn solche unmöglichen und auch sinnlosen Unternehmungen sind oft Thema seines Schaffens. 1978 erschien das Buch „Vom Gehen im Eis“ über Herzogs Winterwanderung von München nach Paris zu der schwer kranken Filmkritikerin Lotte Eisner. Herzog war überzeugt: Wenn er den Weg schafft, wird Eisner nicht sterben. So kam es auch, aber ob es an Herzogs Fußmarsch gelegen hat, wird wohl nie endgültig geklärt werden können.
Ein Jahr später brach Herzog nach Südamerika auf, um in Peru „Fitzcarraldo“ zu drehen, die Geschichte eines wahnsinnig gewordenen Industriellen, gespielt von Klaus Kinski, der im Urwald eine Oper aufführen möchte und dazu einen Flussdampfer über einen Berg schleppen lässt, was bei den Dreharbeiten wirklich fast so wie im Film vonstattengegangen sein soll. In dieser Zeit schrieb Herzog ein Tagebuch, das 2004 erschien und in dem es um alles geht, nur kaum um die Dreharbeiten, die wohl irgendwie nebenher stattgefunden haben müssen.
Im Zentrum des neuen Buches stehen zwar die Urwald-Abenteuer Hiroo Onodas, aber es muss dennoch wie die anderen beiden im weitesten Sinne autobiografisch gelesen werden. „Nur wenn es Film wäre, würde ich das alles für wahr halten“ ist einer dieser Sprüche, die von Herzog gerne zitiert werden. „Das Dämmern der Welt“, vom Verlag nicht als Roman deklariert, nicht einmal als Novelle, obwohl es die Gattungsdefinition einer „unerhörten Begebenheit“ sogar übererfüllt, ist am ehesten so etwas wie eine als Erzählung getarnte Poetik Werner Herzogs.
„Die Nacht wälzt sich in Fieberträumen, und schon beim Erwachen, wie ein kaltes Frösteln, ist die Landschaft ein zum Tag verwandelter, statisch knisternder Traum, der nicht vergehen will, zuckend wie schlecht verkabelte Neonröhren zucken. Seit dem Morgen flackert der Urwald in den rituellen Qualen einer elektrischen Verzückung. Regen. Das Gewitter ist so weit entfernt, dass der Donner nicht zu hören ist. Ist es ein Traum. Ist es ein Traum. Ein breiter Pfad, links und rechts dichtes Unterholz, faulende Blätter auf dem Boden, das Laub tropft. Der Dschungel verharrt in Starre, in geduldiger Demut, bis das Hochamt des Regen zu Ende zelebriert ist.“
So beginnen die rund 100 Seiten, in denen, wie es vorne im Buch heißt, „viele Details stimmen, viele stimmen nicht“. Für den Dokumentarfilmer wie für den Buchautor stellt sich sofort das Problem: Wie kann man etwas so Unvorstellbares erzählen? Wie kann man dieser irrealen Erfahrung gerecht werden? In manchen Fällen gibt es Fakten, Dokumente und Beweise, aber was bleibt von diesen 30 Jahren im Dschungel? Herzog nimmt am Ende des Buchs Onodas Uniform in die Hand und findet darin ein Fläschchen Öl, das der Soldat selbst vergessen hatte und mit dem er im Dschungel seine Ausrüstung instand hielt. „Etwas Wirkliches, das sich irgendwo außerhalb seiner Erinnerungen versteckt hatte. Oft habe er gerätselt, ob seine Jahre auf Lubang Jahre des Schlafwandelns gewesen sein könnten, aber wenn etwas Greifbares, das nicht in seinen Träumen vorkam, sich auf einmal materialisierte, so konnte er sich nicht in einem Traum befunden haben. Wo bleibt das, was man anfassen kann, und wo beginnt die Erinnerung daran?“
Herzog erzählt sprunghaft, oft poetisch, an Cormac McCarthy erinnernd, dann wieder ganz nüchtern. „Außer dass sich der Tag seinem Ende zuneigte, manifestierte sich keine Zeit, als sei sie etwas Verbotenes – noch nicht einmal eine wirkliche Gegenwart scheint zu existieren, weil jede getane Handbewegung bereits Vergangenheit ist, und jede unmittelbar folgende Zukunft.“ Wenn es im Urwald keine Gegenwart gibt, keinen Halt, wie soll man davon dann anders als literarisch erzählen? Herzogs Sprache pirscht sich, gerade, indem sie die Grenze zwischen Fiktionalem und Realem bis zur Unkenntlichkeit verwischt, so nah wie möglich an ihren Gegenstand heran. Was Herzog über Onoda schreibt, stammt aus dessen Erzählungen, die er auch selbst zu einem Buch gemacht hat, und aus Herzogs Fantasie, teilweise sogar aus dessen Filmen. Etwa, wenn plötzlich wie in „Fitzcarraldo“ im Urwald ein Regenschirm auftaucht oder es über Onodas Lebenswelt heißt: „Träumt der Krieg von sich selbst?“ Ließen sich diese 30 Jahre besser beschreiben als wie eine Art Traum? Die Formulierung verwendete Herzog auch in seinem Film „Lo and Behold“ von 2016 über das Internet und variierte sie dort: „Träumt das Internet von sich selbst?“ Angeblich ist der Satz ein Zitat von Carl von Clausewitz, vielleicht hat es sich Herzog aber auch selbst ausgedacht, wie manche Zitate in seinen Filmen. Herzog möchte in seinen Filmen und Büchern etwas zeigen, das sich nur so und nicht anders zeigen lässt, und dieses Vorhaben hat er selten so auf den Punkt gebracht wie in diesem Buch.
Vielleicht lässt sich „Das Dämmern der Welt“ deshalb auch am besten verstehen, wenn man ein Zitat von Herzog nimmt und es für den eigenen Gebrauch zurechtbiegt: „Nur wenn es ein Buch wäre, würde ich die Geschichte Hiroo Onodas für wahr halten.“
Der Stoff passt gut zu Herzogs
Werk, warum hat er nicht
längst einen Film draus gemacht?
Wie kann man einer
so irrealen Erfahrung
literarisch gerecht werden?
Werner Herzog:
Das Dämmern der Welt. Carl-Hanser-Verlag,
München 2021.
127 Seiten, 19 Euro.
Um im philippinischen Dschungel zu überleben, überfielen Onoda und seine Kollegen hin und wieder Reisbauern und Männer der Armee.
Foto:  imago images/Ardea
Hiroo Onoda (links) bei seiner offiziellen Entlassung 1974.
Foto: imago/Kyodo News
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"Werner Herzog ist nicht nur ein Meister des Films, sondern auch ein Meister der Worte." Salomé Meier, SRF2 Kultur, 30.08.21

"Ein begnadeter Erzähler." Julian Schütt, SRF2 Kultur, 30.08.21