Alte Freunde - Dazai, Osamu
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1946. Plötzlich steht ein grobschlächtiger Kerl in Feldarbeitskluft vor der Tür und behauptet, ein alter Schulfreund zu sein. Der Hausherr, ein namhafter Schriftsteller, in Tokyo mit der Familie ausgebombt und jetzt wieder auf dem Land lebend, kann sich nicht erinnern, lässt den Mann aber ein. Der »alte Freund« kommt vom Erzählen ins Schwadronieren, vom Schwadronieren ins Belehren, dezimiert dabei ganz ungeniert den in der Nachkriegszeit raren Whiskey des Hausherrn, ruft gar nach der Frau des Hauses, um sich einschenken zu lassen. Dann geht es ans Beleidigen. Der Hausherr windet sich, sagt…mehr

Produktbeschreibung
1946. Plötzlich steht ein grobschlächtiger Kerl in Feldarbeitskluft vor der Tür und behauptet, ein alter Schulfreund zu sein. Der Hausherr, ein namhafter Schriftsteller, in Tokyo mit der Familie ausgebombt und jetzt wieder auf dem Land lebend, kann sich nicht erinnern, lässt den Mann aber ein. Der »alte Freund« kommt vom Erzählen ins Schwadronieren, vom Schwadronieren ins Belehren, dezimiert dabei ganz ungeniert den in der Nachkriegszeit raren Whiskey des Hausherrn, ruft gar nach der Frau des Hauses, um sich einschenken zu lassen. Dann geht es ans Beleidigen. Der Hausherr windet sich, sagt aber nichts. Beim endlichen Abschied gibt der ungebetene Gast, beladen mit Zigaretten und dem Rest des Whiskeys, dem Hausherrn den Gnadenstoß. Er zischt ihm etwas zu. Eine Wahrheit. Eine Lüge. Dazais berühmte Erzählung über die Feigheit des Intellektuellen, über Scham und Selbstverachtung. Erstmals aus dem Japanischen ins Deutsche übertragen.
  • Produktdetails
  • Verlag: Cass
  • Seitenzahl: 51
  • Erscheinungstermin: Oktober 2017
  • Deutsch
  • Abmessung: 190mm x 121mm x 12mm
  • Gewicht: 197g
  • ISBN-13: 9783944751146
  • ISBN-10: 3944751140
  • Artikelnr.: 48044681
Autorenporträt
Osamu Dazai (1909 - 1948) zahlt zu den bedeutendsten japanischen Schriftstellern. Im Juni 1948 setzte Dazai gemeinsam mit einer Geliebten seinem Leben ein Ende.
Rezensionen
Besprechung von 28.12.2017
Kalter Entzug der Tradition Japans

"Kunst ist Ich" oder "Ich habe ein schändliches Leben geführt" sind prägnante Äußerungen des Autors und Dandys Osamu Dazai (1909 bis 1948), der nicht nur zur Zeit der Campus-Proteste der sechziger Jahre zum Idol und dunklen Stern der japanischen Jugend avancierte. Seine selbstzentrierten, aber auch klassische östliche und westliche Stoffe verarbeitenden Romane und Kurzgeschichten erzählen von Bindungsarmut (bei dem Spross einer Großgrundbesitzerfamilie waren die Eltern oft abwesend) und evozieren ein Leben zwischen Frauengeschichten, Alkohol- und Medikamentensucht, Nervenheilanstalt und Selbstmordversuchen.

"Alte Freunde" ist eine existentialistische Kurzgeschichte aus dem Jahr 1946. Ein ungebetener Gast in Feldarbeitskluft namens Hirata steht eines Spätsommertags am Eingang des Elternhauses in Nordjapan, in das sich der in Tokio zu Ruhm gelangte, doch im Krieg ausgebombte Erzähler Shûji zurückgezogen hat. Hirata behauptet, mit ihm zur Volksschule gegangen zu sein. Hirata ist ein "Kaliber für sich", die "Krone der Abscheulichkeit". Wie ein Wiedergänger des schlechten Gewissens und Rachegeist einer neuen Zeit zeigt der bäurische Gast dem Hochwohlgeborenen, dass es unmöglich ist, der Herkunft zu entfliehen. Der Freund entpuppt sich als eine neue Spezies Mensch, der sein Gegenüber in einem Crescendo der Ungehörigkeiten einen Säufer schimpft, ihm Geld für die Zeche eines geplanten Klassentreffens abverlangt, mit eigenen Affären in der Hauptstadt prahlt, Gastfreundschaft einfordert und sich von Shûjis Frau bedienen lassen will.

Die Nachkriegszeit erscheint in dieser Erzählung als "kalter Entzug" gewachsener Tradition und des kulturell Erhabenen. Der entgöttlichte Tenno hinterließ ein ideologisches Vakuum, das westliche Heilsangebote wie Kommunismus, Christentum oder Demokratie nur unzulänglich füllten: Als Bourgeois hatte Dazai im Kommunismus einen schweren Stand, sein Interesse an Christus fokussierte die Außenseiterfigur, und zu glühenden Demokraten gewandelte Militaristen waren ihm suspekt. Er sah sich zeitlebens als Outcast und das Clowneske als probates Medium der Kontaktaufnahme zur Umwelt. Kommentare aus dem Off entlarven das Nachkriegsjapan als Possenspiel: "Der hier auftretende Mensch kommt zwar als Bauer daher, hat aber mit dem von Ideologen so geschätzten Landmann nicht das Geringste zu tun."

Tiefenscharf fängt Dazai Eigendynamiken im demoralisierten Nachkriegsuniversum zwischen Schwarzmärkten und geistigen Grauzonen ein. Wiederholt versichert Shûji, der mit Huren "sehr ernst" den Sinn des Lebens diskutierte, frei von Standesdünkel zu sein, doch das erweist sich als verlogen. Hirata fragt unverblümt nach Shûjis Geisha-Stammrevier in Tokio und mokiert sich zugleich über das Gutsherrengehabe der bis zum Krieg zu Reichtum Gekommenen.

Ein Exkurs entwirft eine Kulturgeschichte der Demütigungen und des Langmuts. "Rührstücken" wie dem eines Samurais, der die Beleidigungen eines Teedieners gelassen ertrug, die aber von Überlegenheitsgefühl zeugen, stellt der Erzähler das Dulden des Atlas und die Passion Christi gegenüber, wobei durch den dreisten Gast Shûjis Mitgefühl für "Rabauken" und "aufsässige Strolche" ins Wanken gerät und ihm nur noch bleibt, sich geschlagen zu geben.

Dazai skizziert das Schwinden der hierarchischen Gesellschaft, aber auch ihrer Wärme und Werte. Er hält Intellektuellen, Wendehälsen und Profiteuren gleichermaßen den Spiegel vor. An seinem 39. Geburtstag wurde der Schriftsteller im Tokioter Tamagawa-Kanal tot aufgefunden: Er beging Doppelselbstmord mit einer Geliebten. Ein Gedenkstein dort zitiert Verlaine: "Die Ekstase und der Terror des Auserwähltseins - ich trage beide in mir".

STEFFEN GNAM.

Osamu Dazai: "Alte Freunde".

Aus dem Japanischen von Jürgen Stalph. Cass Verlag, Löhne 2017. 56 S., 7 Abb., geb., 18,- [Euro].

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