Schmerz (Restexemplar) - Shalev, Zeruya
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(Liebes)Schmerz
Kann Liebeskummer, der Schmerz über das Verlassenwerden, töten? Iris hätte er fast getötet. Damals, als sie als junge Frau von ihrer ersten, ihrer großen Liebe Eitan verlassen worden war. Sie hatte ihn durch die schwere Zeit der Krankheit und des Todes seiner Mutter begleitet. Und als die starb, wollte Eitan sich von allem befreien, das er mit diesem Sterben verband. Auch Iris gehörte dazu. Er schmiss sie aus seinem Leben und Iris lag verwundet und weggeworfen da. Wochenlang. Ein Schatten ihrer selbst nur noch. Beinahe wäre sie dieser Verwundung, diesem Schmerz erlegen.
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Produktbeschreibung

(Liebes)Schmerz



Kann Liebeskummer, der Schmerz über das Verlassenwerden, töten? Iris hätte er fast getötet. Damals, als sie als junge Frau von ihrer ersten, ihrer großen Liebe Eitan verlassen worden war. Sie hatte ihn durch die schwere Zeit der Krankheit und des Todes seiner Mutter begleitet. Und als die starb, wollte Eitan sich von allem befreien, das er mit diesem Sterben verband. Auch Iris gehörte dazu. Er schmiss sie aus seinem Leben und Iris lag verwundet und weggeworfen da. Wochenlang. Ein Schatten ihrer selbst nur noch. Beinahe wäre sie dieser Verwundung, diesem Schmerz erlegen.

Ein Selbstmordanschlag. Iris wäre beinahe getötet worden …

Heute ist Iris Schuldirektorin in Jerusalem, Mitte vierzig, verheiratet mit Micki, und die Kinder Alma und Omer sind fast erwachsen. Die gut 20-jährige Ehe mit Micki, einem Informatiker, könnte man als unspektakulär normal bezeichnen. Dass sich Iris für getrennte Schlafzimmer entschieden hat, liegt auch am ausdauernden Schnarchen von Micki. Vor allem aber an ihrem empfindlichen Körper und den Schmerzattacken, die sie oft nicht schlafen lassen. Denn vor zehn Jahren wäre sie bei einem Selbstmordanschlag beinahe getötet worden.

„Es war noch nicht einmal die Macht der Explosion, jene fast vulkanartige Eruption des Zündstoffs, es waren auch nicht die Schrauben und Nägel und Muttern, gemischt mit Rattengift, um stärkere Blutungen zu verursachen, die ihre Ohren betäubten, sondern ein anderes Geräusch, tiefer und schlimmer als die Detonation, das Geräusch, mit dem sich Dutzende Fahrgäste vom Leben verabschiedeten, das Klagelied von Müttern, die Waisen zurückließen, die Schreie junger Mädchen, die nie erwachsen werden würden, das Weinen der Kinder, die nie mehr nach Hause kommen würden […].“

Was bleibt, ist der Schmerz. Begleiter ihrer Tage und Nächte

Iris überlebt, schwer verletzt. Was bleibt, ist der Schmerz. Von nun an ein treuer Begleiter ihrer Tage und Nächte. Was bleibt, ist das Gefühl von Iris, „als hätten diese Sekunden, die sie durch die Luft geflogen war, sie in einem anderen Land landen lassen, aus dem sie nie zurückkehren konnte“.

Was noch bleibt: der gestörte Kontakt zu Tochter Alma, nach „ihrer Heimkehr hatte sie ein anderes Mädchen vorgefunden, verschlossen, fast feindselig, erloschen“. Und die Frage, warum Micki, der sonst immer die Kinder zur Schule gefahren hat, an diesem Morgen, am Morgen des Attentats, plötzlich um 6 Uhr früh zu einem IT-Notfall musste. Noch nie zuvor und nie wieder danach passierte so etwas. Iris vermutet eine Affäre hinter dem frühmorgendlichen Aufbruch ihres Mannes. Sicher ist sie sich nicht … doch der Gedanke, deswegen fast getötet worden zu sein, nagt an ihr.

Eine Begegnung nach Jahrzenten: die große Liebe, der große Schmerz

Trotz starker Schmerzmittel bestimmt der Schmerz vieles in Iris‘ Leben. Eine besonders heftige Schmerzattacke führt sie nun zur Quelle ihres ersten, fast tödlichen Liebesschmerzes. Sie begegnet Eitan, Koryphäe und Palliativspezialist, im Krankenhaus. Die kurze Begegnung, in der Eitan sie scheinbar nicht einmal ansieht, sondern nur kurz mit einem Kollegen die Röntgenbilder beurteilt, verwandelt Iris, wühlt sie auf und katapultiert sie zurück zu den mächtigen Gefühlen von damals. Sie muss ihn treffen, sprechen – der Beginn einer Obsession. Doch lässt sich an eine alte Liebe anknüpfen? Eitan jedenfalls bereut seine damalige Entscheidung, Iris zu verlassen, zutiefst, und bei Iris beginnt ihr Körper auf die Aufwallung der Gefühle zu reagieren – mit heftigem Fieber …

„Er hat immer leicht geweint, leichter als sie, nur an dem Tag, als er sie von sich wies, weinte er nicht, aber jetzt wird er sie nicht mehr wegschicken können, denn sie ist hier eingepflanzt wie der Pflaumenbaum, nie hat sie so sehr irgendwohin gehört, in keiner der Wohnungen, in der sie lebten, hat sie dieses tiefe Gefühl empfunden, zu Hause zu sein. Jetzt trägt er sie auf den Händen ins Schlafzimmer und zieht ihr den Morgenrock aus, und es gibt nichts zwischen seiner kühlen Haut und ihrer glühenden, zwei verschiedene Klimazonen treffen aufeinander, zwei Kontinente, von einem einzigen Sturm gepackt, über denen eine schwere Hagelwolke in einer Lichtexplosion zerspringt.“

Dass Zeruya Shalev über Liebesobsessionen so schreiben kann, dass ihre Leser diesen Strudel der Gefühle sozusagen hautnah erleben, diesen Liebeswahnsinn, hat sie meisterhaft in „Liebesleben“ bewiesen. Hier in „Schmerz“ verfallen zwei ehemals Liebende nach mehr als 20 Jahren einander neu. Doch anders als Eitan ist Iris gebunden. Wie weit wird sie also gehen? Wird sie ihre Familie zerstören und alles hinter sich lassen? Und wenn ja, wird sie Eitan noch einmal vertrauen können? Der Eitan, den Iris nun in ihrem Mobiltelefon unter dem Namen „Schmerz“ abgespeichert hat …

Eine Obsession und die Frage: „Wie wirst du ihm noch einmal glauben können?“

„Du kennst ihn nicht, er ist, was dich betrifft, ein völlig fremder Mann. Er ist nicht mehr der Junge, der er einmal war, und auch den Jungen, der er einmal war, hast du nicht wirklich gekannt, schließlich hast du nicht erwartet, dass er mit einem Axthieb eure Liebe zerschlagen würde, ohne zu zögern oder auch nur nachzudenken, mit einem Axthieb gegen deinen Hals, wie wirst du ihm noch einmal glauben können?“

Eitan beteuert ihr, dass er ohne sie gelebt habe, ohne etwas zu fühlen. Er will sie zurück, will eine zweite Chance. Will, dass Iris sich entscheidet. Für ihn entscheidet. Und als ob die Verwirrung und Auflösung des bisherigen Lebens noch nicht groß genug wären, hört Iris Gerüchte über ihre Tochter Alma. Die Alma, die in Tel Aviv kellnert und scheinbar auf die schiefe Bahn geraten ist. Sie soll einem Guru hörig sein … Ein Besuch von Iris und Micki in dem Restaurant, in dem Alma arbeitet, scheint all das zu bestätigen. Alma ist in die Falle dieses Mannes gegangen. Dieses Mannes, der sie „aus der Eintönigkeit ihres Alltags befreit und ihr eine Alternative geboten“ hat. Davon „ist sie abhängig, sie ist wie hypnotisiert von der aufregenden und schrecklichen Vielfalt, die sie plötzlich in sich entdeckt hat“. Kann Iris ihr beistehen, die Iris, die sich ebenso sehr nach Eitan sehnt und sich verzehrt wie ihre Tochter Alma nach diesem Restaurantbesitzer? Iris muss eine Entscheidung treffen …

  • Produktdetails
  • Verlag: Berlin Verlag
  • Seitenzahl: 368
  • Erscheinungstermin: 14. September 2015
  • Deutsch
  • Abmessung: 221mm x 143mm x 35mm
  • Gewicht: 565g
  • ISBN-13: 9783827011855
  • ISBN-10: 382701185X
  • Artikelnr.: 42760159
Autorenporträt
Shalev, Zeruya
Zeruya Shalev, 1959 in einem Kibbuz am See Genezareth geboren, studierte Bibelwissenschaften und lebt mit ihrer Familie in Jerusalem. Ihre vielfach ausgezeichnete Trilogie über die moderne Liebe - «Liebesleben», «Mann und Frau», «Späte Familie» - wurde in über zwanzig Sprachen übertragen. Zeruya Shalev gehört zu den bedeutendsten Erzählerinnen unserer Zeit.

Pressler, Mirjam
Mirjam Pressler, 1940 in Darmstadt geboren, ist eine der beliebtesten Kinder- und Jugendbuchautorinnen Deutschlands, sie arbeitet zudem als Übersetzerin aus dem Hebräischen, Englischen und Niederländischen. So hat sie Zeruya Shalev, Sayed Kashua, Aharon Appelfeld isn Deutsche übertragen. 2004 erhielt sie den Deutschen Bücherpreis für ihr Lebenswerk, 2015 wurde ihre Übersetzung avon Amos Oz' Judas mit dem Preis der leipziger Buchmesse ausgezeichnet.
Rezensionen
Besprechung von 14.10.2015
Charakterfehler lösen sich nicht einfach in Luft auf
In ihrem neuen Roman "Schmerz" untersucht Zeruya Shalev sämtliche Spielarten dieser universalen Empfindung - unheikel ist das nicht

Eine ganze Weile lang sitzt man dem seltsam ernüchternden Gedanken auf, Zeruya Shalev, die seit ihrer bestsellenden Trilogie "Liebesleben", "Mann und Frau" und "Späte Familie" als Expertin für kosmopolitisch-weibliche Seelenabgründe gilt, sei sentimental geworden. Aufs Neue erzählt sie die in Israel angesiedelte Geschichte einer Ehe. Sie schildert die solide Beziehung zwischen dem irakischstämmigen Juden Micki und seiner Frau Iris, die, wie die Autorin selbst, zehn Jahre vor der Romanhandlung von der Bombe eines Selbstmordattentäters zerfetzt wurde und seither Schmerzpatientin ist.

Micki und Iris haben zwei Kinder, einen schulpflichtigen Jungen und ein erwachsenes Mädchen, das inzwischen den Militärdienst hinter sich hat und in Tel Aviv ein eigenes Leben beginnt. Iris ist im neuen Roman von Zeruya Shalev kein fragiles Frauenzimmer, das Orientierung in sadistischen Beziehungen sucht ("Liebesleben"). Sie ist eine gestandene Schulleiterin, die voller Idealismus für die Aussöhnung von Arabern und Juden kämpft und durch pädagogische Programme ("Der andere bin ich!") mit gutem Beispiel vorangeht. Was es zu ihrer Ehe zu sagen gibt, ist nach wenigen Seiten klar. Um die große Liebe scheint es sich nie gehandelt zu haben, denn da hat es einst einen Jungen namens Eitan gegeben, den liebte Iris, als sie siebzehn war. Nachdem Eitan allerdings seine brustkrebskranke Mutter beerdigt hatte, verließ er seine Freundin mit der Begründung, er müsse sich von der schmerzhaften Vergangenheit befreien.

"Schmerz" heißt der neue Roman von Zeruya Shalev, und darin werden alle Spielarten dieser universalen Empfindung durchgenommen - ohne Larmoyanz, vielmehr geht es in diesem Buch um das Erzählbarmachen jener Normalversehrungen, die das Leben uns früher oder später antut. Da ist zum einen der Initialschmerz einer frühen Seelenverletzung im Leben von Iris. Der Allerliebste hinterlässt mit seinem Verschwinden eine Lücke, die weder ein erfülltes Berufsleben noch eine halbwegs funktionierende Ehe schließen können. Als zehn Jahre nach ihrem Unfall der alte körperliche Schmerz aufs Neue auftritt, beschließt Iris, einen Palliativmediziner aufzusuchen. Und dort dann traut sie ihren Augen nicht. Der behandelnde Arzt, inzwischen ein Mittvierziger mit Vollbart, der seinen Namen von Rosenfeld auf Rosen eingekürzt hat, entpuppt sich als jener Lebensschmerz auslösende Eitan.

Natürlich erkennen sich die beiden, und sofort züngelt die Flamme der alten Liebe wieder auf. Und genau an dieser Stelle, etwa nach einem Viertel des Buchs, hat man keine Lust, sich nun seitenweise die Abwägungen einer Mutter in den besten Jahren anzutun. Soll sie ihren Mann verlassen, nur weil er inzwischen einen dicken, haarigen Bauch bekommen hat und ihr im Grunde sowieso nie genügte? Andererseits handelt es sich bei Micki ganz offensichtlich um eine treue Seele. Gelegentlich will er Sex, während sie sich vor Schmerzen kaum auf den Beinen halten kann. Man versteht, dass da nicht immer mit Fingerspitzengefühl gehandelt wird. Die Lösung heißt also Eitan, der, und das muss man der Autorin zugutehalten, allerdings auch nicht in Pastelltönen gezeichnet ist. Zwar soll es sich um Liebe handeln. Besonders scheint sich Eitan aber auch Jahrzehnte nach seiner verheerenden Fahnenflucht nicht für Iris' Leben zu interessieren. Bei einem gemeinsamen Restaurantbesuch schiebt er ihr unter Vortäuschung eines Kusses ein blutiges Stück Steak in den Mund. Wer tut einer Vegetarierin so etwas an? Gerade, weil Zeruya Shalev ihren Lesern eine kitschige Wiedervereinigung erspart, bekommt das Buch auf einmal einen Drive, den man ihm auf den ersten hundert Seiten gar nicht zugetraut hatte. Denn nun kommen ein paar neue Handlungsherde ins Spiel.

Iris' Tochter ist drauf und dran, in Tel Aviv einem Psycho-Quacksalber auf den Leim zu gehen, der sie zu einer despotischen Form von "innerer Arbeit" zwingt, die beinhaltet, sich von der eigenen Familie loszusagen. Die neue Konfliktlage also: Alte Liebe rostet nicht, einerseits; die eigene Tochter an eine Sekte verloren, andererseits. Die Fragilität des auf tönernen Füßen stehenden Konstrukts Familie scheint hiermit besiegelt. Und auf einmal entwickelt die Schmerzpatientin Iris ungeahnte Kräfte. Am erstaunlichsten: Sie widersteht dem Liebhaber. Wie Shalev hier die Kurve bekommt und ihren Lesern eben gerade keine Geschichte einer zerstörerischen Passion auftischt, sondern vielmehr eine von verpassten Chancen und Charakterfehlern, die sich, daran lässt die Autorin keinen Zweifel, auch nach einem Vierteljahrhundert nicht in Luft auflösen. Natürlich hat es eine wunderbare Ironie, dass Shalev ausgerechnet den Mann, von dem der Urschmerz ausgeht, zu ihrem Schmerztherapeuten macht. Am Ende wird Iris es aber selbst sein, die sich von ihrer Pein befreit. Denn sie hat eine Mission, die sie vorerst in ein anderes Gefühlsregister verfrachtet: nicht in das der schmachtenden Liebe zu einem Mann, sondern in das der tätigen Liebe zu einem Kind. "Wenn sie jetzt aus dem Auto steigt und ihn sieht, etwas, was sie unbedingt will, wenn sie ihr Leben in diese Richtung lenkt, hat sie nicht das Recht, von ihrer Tochter zu erwarten, dass sie die Richtung ändert. Das ist keine schwarze Magie, das ist Erziehung."

Der Roman, übersetzt von der preisgekrönten Mirjam Pressler, ist leider nicht ganz frei von Stilblüten. Man hängt sich allerdings auch nicht besonders lang daran auf. Denn ausgleichend subtil verfährt Zeruya Shalev, wenn sie die Mechanismen einer Ehe schildert, wenn sie etwa den Beginn einer Argwohn säenden Lügenspirale andeutet. Auch bleibt immer offen, ob der etwas träge Ehemann aus Ignoranz oder aus Weisheit handelt, wenn er im entscheidenden Moment seinem Verdacht nicht nachgeht: "Micki kommt auf sie zu, schwerfällig, wie ein Mondsüchtiger, er lächelt ihr auf dem Weg zur Kaffeekanne zu und stellt keine einzige Frage, vielleicht ist es kein Lächeln, sondern das freundliche Nicken des Erkennens, als würde er eine Nachbarin an der Mülltonne treffen."

Dass eine Ehe eben nicht nur von Passionen lebt, wirkt bei Zeruya Shalev gar nicht abgeschmackt, sondern irgendwie tröstlich. Und weil die Autorin Bibelwissenschaftlerin ist, kann man den an verschiedenen Stellen des Buchs auftauchenden Bezug zur Josefsgeschichte gut mit dem genealogischen Prinzip ihrer Erzählung verknüpfen. Denn nicht nur geht es ihr darum, zu zeigen, wie Menschen sich nach langer Zeit wiedererkennen, sondern auch, dass sich auf Abwege geratene Familienmitglieder wiederfinden können.

KATHARINA TEUTSCH

Zeruya Shalev: "Schmerz". Roman.

Aus dem Hebräischen von Mirjam Pressler. Berlin Verlag, Berlin 2015. 381 S., geb., 24,- [Euro].

Alle Rechte vorbehalten. © F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main
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Perlentaucher-Notiz zur TAZ-Rezension

Keinen Hehl macht Rezensent René Hamann, hauptberuflich Meinungsredakteur der taz, daraus, mit Shalevs Stil wenig anfangen zu können. Auch "Schmerz" sagt ihm, gelinde gesagt, nicht zu, was auch daran liegen mag, dass die Autorin sich darin vor dem Hintergrund eines Selbstmordattentats in Israel mit Fragen der Liebe und der persönlichen Lebensführung befasst und jeden Kommentar zur Lage im Nahen Osten vermeidet. Auch reibt sich der Rezensent daran, wie kleinfaserig Shalev ihr Sujet erzählerisch zerteilt und dabei stilistisch "gewöhnungsbedürftig" bleibe. Den Fans der Autorin, die deren Bücher in den Stand junger Klassiker emotionaler Literatur gehoben hätten, kann der Kritiker das Buch reinen Herzens empfehlen. Ihn hat es mit seinen "Satzgirlanden" und "selbstverliebten Redundanzen" eher gelangweilt.

© Perlentaucher Medien GmbH
Besprechung von 13.10.2015
Die zweite Haut
Zeruya Shalevs bester Roman: „Schmerz“
Zehn Jahre ist es her, dass Iris, die Heldin des neuen Romans von Zeruya Shalev, bei einem Bombenattentat in Jerusalem schwer verletzt wurde. Die Wunden sind verheilt, die komplizierten Brüche zusammengewachsen, die grauenhaften Bilder und Schreie irgendwo im Gedächtnis vergraben. Doch ein Wort ihres Mannes genügt, und plötzlich ist alles wieder da und schleudert sie zurück in das Jahr der Operationen, der Hilflosigkeit und des Leidens, in dem sie noch keine erfolgreiche Schuldirektorin war, sondern einfach nur eine „Frau mit Schmerzen“, die sich vor den eigenen Kindern schämt.
  Wie tektonische Platten, die sich ineinanderschieben, schichtet der Roman das Leben der Heldin um. Die Vergangenheit wird nicht erinnert, sie ist lodernd präsent. Sie brennt wie der Bus, der ausgerechnet in dem Moment explodiert, als sie ihn überholt, sie brennt wie der Schmerz, der folgt, und wie das Verlangen, das sie als Siebzehnjährige für einen jungen Mann empfindet, der ihre große Liebe bleibt. Ausgerechnet er begegnet ihr nun wieder, fast dreißig Jahre später, als Chefarzt der Schmerzambulanz, bei der sie Hilfe sucht. Damals hat sie mit ihm gemeinsam seine sterbende Mutter umsorgt. Nach deren Tod trennte er sich von ihr. Er wollte ein neues Leben beginnen, ohne ständig an seine Trauer erinnert zu werden. Sie aber versank in ihrem Liebesschmerz, so haltlos, dass ihre Mutter um ihr Leben bangte.
  Nach ihrem letzten Roman, „Der Rest des Lebens“, in dem die 1959 im Kibbuz Kinneret am See Genezareth geborene Autorin zum ersten Mal in die Geschichte Israels eintauchte, nimmt „Schmerz“ den Stil wieder auf, der sie bekannt gemacht hat. Wie „Liebesleben“, „Mann und Frau“ und „Späte Familie“, die Trilogie über das Chaos der modernen Liebe, ist auch der jüngste Roman mit jener furiosen Intensität geschrieben, die sich in langen Sätzen und großen Schleifen in das Bewusstsein der Protagonistin schraubt, um ihre Zweifel, ihr Verlangen, ihren Zorn und ihre Schuldgefühle ans Licht zu befördern.
  Die Qualität dieser Prosa, die Mirjam Pressler wie stets auch auf Deutsch spürbar macht, liegt in der Übertreibung. Sie ist ihrem Charakter nach pathetisch. Dass „Liebe wehtut“, wie es die israelische Soziologin Eva Illouz formuliert, steht für Zeruya Shalev außer Frage. Sie parallelisiert den am Jahrestag des Attentats wieder aufgeflammten körperlichen Schmerz mit dem Liebesschmerz der Siebzehnjährigen und schickt ihre Heldin durchs Purgatorium ihrer wiederaufblühenden Jugendliebe. Denn Eitan hat, während er ihre Röntgenbilder studierte, anders als sie dachte, seine Patientin erkannt. Dass er Iris verlassen hat, hält er für den größten Fehler seines Lebens. Er versucht, sie wiederzugewinnen, und sie lässt sich auf ihn ein. Während sie mit Fieber zu Hause liegt, besucht er sie heimlich. Die beiden schlafen im Bett von Iris’ Tochter Alma miteinander, die nach Tel Aviv gezogen ist.
  Alles vermischt sich: die Generationen, die Lebensphasen, die Zeiten. Zeruya Shalev gönnt ihrer Heldin ein paar Tage voller Leidenschaft. Sie ist sich fast schon gewiss, dass sie Micki, ihren Mann, verlassen wird. Mehr Sorgen als um ihn, der am liebsten online Schach spielt und, wenn sie ihn anspricht, meistens murmelt, „nicht jetzt, ich bin mittendrin“, macht sie sich um ihren Sohn Omer. Er war ein schwieriges Kind, bald wird er zum Militärdienst eingezogen. Was passiert mit ihm, wenn sie seine Familie zerstört?
  Doch die Gefahr lauert anderswo. Alma ist dem Besitzer der Bar, in der sie in Tel Aviv arbeitet,völlig verfallen. Er gibt sich als Guru, will sie von ihrem Ego befreien und schickt sie mit wildfremden Männern ins Bett. Sex sei auch nur eine Dienstleistung wie Kaffeeservieren, plappert sie ihm nach. Mit dem gleichen Furor, mit dem Iris sich in die Liebe stürzte, geht sie nun die Rettung der Tochter an.
  Sieben Wochen beträgt die Erzählzeit des Romans, in ihnen kommt alles auf den Prüfstand, was das Leben der Heldin ausmacht: Hat sie Alma vernachlässigt, weil Omer so viel Aufmerksamkeit brauchte? Hat der Einsatz für ihre Schüler ihren eigenen Kindern zu viel Fürsorge geraubt? Und hat sie über Familie und Beruf die eigenen Bedürfnisse vernachlässigt? Die Fragen sind nicht originell. Aber Zeruya Shalev gibt ihnen eine Dringlichkeit, die nicht allein aus ihrem Stil kommt, sondern auch aus der israelischen Gesellschaft, die eine hohe Reibungsenergie zwischen den neuen Liebes- und Familienmodellen und traditionellen Werten erzeugt.
  Die Glorifizierung der Mutterschaft, das Verhältnis zwischen den Generationen, die Bedeutung der Familie nach dem Holocaust, die Angst vor Attentaten und der Militärzeit der Söhne, all das ist als eine Art Hintergrundrauschen in ihren Romanen präsent. In Interviews hatte Zeruya Shalev erklärt, sie wollte nicht über das Attentat schreiben, bei dem sie im Januar 2004 verletzt wurde. Das sei eine Tragödie, ihr Sujet sei dagegen der Alltag mit seinen Dramen und Krisen. Dass sie nun doch ihrer Hauptfigur etwas von der eigenen Erfahrung mitgibt, verleiht ihrem Roman Gewicht.
  „Schmerz“ erzählt von Kontrolle und Zwang, Angst und Fürsorge, Schuld und Rettung – und von den Narben, die ein Ausnahmezustand allen Familienmitgliedern zufügt. Eigentlich war Micki am Tag des Attentats an der Reihe, die Kinder zur Schule zu bringen. Doch „das System“ war abgestürzt, er musste früher ins Büro. Omer trödelte auf dem Klo, Alma wollte noch Zöpfe geflochten bekommen. Die ganze Familie fühlt sich schuldig, dass Iris zur falschen Zeit am falschen Ort gewesen ist. Aber zehn Jahre lang wurde nicht darüber gesprochen.
  Am Ende der siebenwöchigen Läuterungsekstase kommt Iris zu dem Schluss, dass weder die Furcht vor der Zukunft noch die Trauer über Versäumtes ihr Leben bestimmen sollte. Es ist der Schmerz, der ihr mitteilt, dass ihr nichts anderes übrig bleibt, als sich der Gegenwart zu überantworten, mit der er zusammenfällt: „Ich bin kein Echo der Erinnerungen, ich bin keine Brücke für zukünftige Pläne, ich bin alles, was du hast, die Essenz deiner Existenz, vertraue mir, denn du hast keine andere Wahl.“ Mit „Schmerz“ kommt Zeruya Shalevs Stil in seinem ganzen Pathos zu sich selbst, es ist ihr bester Roman seit „Liebesleben“.
MEIKE FESSMANN
  
Zeruya Shalev: Schmerz. Roman. Aus dem Hebräischen von Mirjam Pressler. Berlin Verlag, Berlin 2015. 368 Seiten, 24 Euro. E-Book 19,99 Euro.
Lange Sätze schrauben
sich in das Bewusstsein der
zweifelnden Heldin
Eine hohe Reibungsenergie
besteht zwischen alten Werten
und neuen Lebensmodellen
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»Ein Lob an die Übersetzerin Mirjam Pressler, die in immer neuen Wortfindungen den Tönen nachspürt.«, Evangelische Zeitung, Thomas Maess, 27.03.2016