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Sechs Jahre nach Faserland - Der lang erwartete zweite Roman von Christian Kracht
Teheran 1979: Die Stadt liegt in einem schwer durchschaubaren Taumel, es ist der Vorabend der islamischen Revolution - des Aufstandes der Anhänger Ajatollah Khomeinis gegen den Schah und sein westliches Regime.
Der Erzähler, ein junger deutscher Innenarchitekt, und sein hoch gebildeter, zynischer, gesundheitlich zerstörter Freund Christopher reisen zu der Musik von Devo und Blondie durch den Iran bis nach Teheran. Panzer stehen an den Straßenkreuzungen, doch die beiden Protagonisten sehen dies nicht. Sie
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Produktbeschreibung
Sechs Jahre nach Faserland - Der lang erwartete zweite Roman von Christian Kracht

Teheran 1979: Die Stadt liegt in einem schwer durchschaubaren Taumel, es ist der Vorabend der islamischen Revolution - des Aufstandes der Anhänger Ajatollah Khomeinis gegen den Schah und sein westliches Regime.

Der Erzähler, ein junger deutscher Innenarchitekt, und sein hoch gebildeter, zynischer, gesundheitlich zerstörter Freund Christopher reisen zu der Musik von Devo und Blondie durch den Iran bis nach Teheran. Panzer stehen an den Straßenkreuzungen, doch die beiden Protagonisten sehen dies nicht. Sie unterhalten sich lieber über Herrensandalen und Bezüge von Sofakissen. Und deshalb kommen beide in die Hölle.

In seinem Roman 1979 inszeniert der Autor in staubtrockenem Ton eine postmoderne Groteske, die seltsam verstörende Bilder hinterlässt. Vor allem aber ist es ein großartiges Stück deutschsprachiger Literatur, dessen Klang völlig eigenständig ist, bisher ungehört. In einer extrem disziplinierten, betörenden Sprache saugt Christian Kracht den Leser in eine Geschichte über das Ende der Zivilisation hinein. Es gibt kein Entkommen.
  • Produktdetails
  • Verlag: Kiepenheuer & Witsch
  • Artikelnr. des Verlages: 670172
  • 4. Aufl.
  • Seitenzahl: 240
  • Erscheinungstermin: 24. September 2001
  • Deutsch
  • Abmessung: 214mm x 134mm x 22mm
  • Gewicht: 312g
  • ISBN-13: 9783462030242
  • ISBN-10: 3462030248
  • Artikelnr.: 09818793
Autorenporträt
Kracht, ChristianIn Saanen in der Schweiz wurde Christian Kracht am 29. Dezember 1966 geboren. Nach der Schule nahm er in den USA das Studium der Filmwissenschaften auf, arbeitete bei verschiedenen Presseerzeugnissen und begann dann zu reisen - durch Asien ebenso wie durch Afrika oder den Südpazifik. Er zählt zu den modernen deutschsprachigen Schriftstellern. Seine Werke sind in 30 Sprachen übersetzt. 2012 erhielt Christian Kracht den Wilhelm-Raabe-Preis, für den Roman »Die Toten« 2016 den Schweizer Buchpreis sowie den Hermann-Hesse-Literaturpreis.
Rezensionen

Süddeutsche Zeitung - Rezension
Süddeutsche Zeitung | Besprechung von 15.10.2001

Kultur:
ESS-STÄBCHEN, DIE SICH IN DEN KOPF BOHREN.
Schwer zu hassen, schwer zu kopieren: '1979' - der neue Roman von Christian Kracht.
Vor sechs Jahren schrieb Christian Kracht ein Buch, das 'Faserland' heißt. Ein namenloser junger Mann macht darin eine Reise, 'einmal durch die Republik von Nord nach Süd. Dabei erzählt er von Partys und Bars, von Himmelfahrtsnasen der Mädchen und vom Kotzen mit Stil', so steht es im Klappentext. Und weil im Buch selbst tatsächlich nicht sehr viel mehr Handlung folgt und die Sprache von 'Faserland' sich gar nicht erst die Mühe macht, das hohle Gerede der Figuren literarisch zu glätten, all das dann auch noch oft besprochen und viel gekauft wurde, wünschten viele den Autor, der in seinem öffentlichen Auftreten seiner arroganten Hauptfigur oft bedrohlich nahe kam, einfach nur zum Teufel. Manche fanden wenigstens, Christian Kracht könne gut, habe aber nichts zu erzählen. Ein paar aber liebten ihn sehr dafür, dass endlich mal jemand ein wahres Buch über die armseligen Kinder reicher Eltern schrieb oder freuten sich, das eigene Leben vorgelegt zu bekommen.
Nun hat Christian Kracht wieder einen Roman geschrieben, er heißt '1979'. Wieder macht darin ein namenloser junger Mann eine Reise. Diesmal führt sie ihn viel weiter als nur von Sylt nach Zürich und sie endet auch in viel aussichtsloserer Lage als bloß in der Mitte eines Sees.
Der Erzähler fährt zunächst in Begleitung seines Freundes nach Persien, wo die Revolution des Ajatollah Khomeini direkt bevorsteht, schließlich weiter nach Tibet, einem heiligen Berg entgegen, wo er inneren Frieden suchen soll, aber den direkten Weg in die Hölle findet. Einen Ort, an dem man nur überlebt, wenn man Maden isst, die im eigenen Kot gedeihen und wo man stirbt, indem sich ein Ess-Stäbchen durch das Ohr ins Hirn bohrt.
Wie schon in 'Faserland' ist auch in '1979' die erzählende Hauptfigur ein ziemlich dämlicher Schnösel. Doch schleppte sich der 'Faserland'-Erzähler noch aus eigener Kraft von einem Drink zum nächsten, ist die Hauptfigur in '1979' völlig passiv, beobachtet die Welt nur noch, ohne in ihr noch etwas zu erkennen, was Halt geben könnte. Diesem Menschen, der sich im Verlauf des Buches körperlich und seelisch völlig auflöst, folgt man nicht mehr mit der gleich bleibenden und somit beruhigenden Distanz wie dem 'Faserland'-Erzähler, sondern mit wachsender Anteilnahme und Beklommenheit, bis hin zu jenem letzten Satz des Buches, den er spricht, diesem unfassbar traurigen Schlusswort eines Lebens, das von nichts als dem Erdulden handelt.
Den Feinden Christian Krachts wird es nach der Lektüre von '1979' nicht leicht fallen, ihr Bild von einem, der nur über die eigene Langeweile schreiben kann, aufrecht zu erhalten. Und auch einige seiner Bewunderer und Freunde, die selbst Bücher schreiben, stehen nun plötzlich vor einem Problem. Denn er ist ihnen mit '1979' wieder einmal vorausgeeilt, weiter noch als mit 'Faserland'. Und wer versuchen wird, Christian Kracht erneut hinterher zu schreiben, der wird es noch viel schwerer haben als vor sechs Jahren.
Timm Klotzek
Buch 1979 Autor Christian Kracht Verlag Kiepenheuer&Witsch Preis 35 Mark Lesungen alle Termine auf www.jetzt.de
Foto: Eva Munz/Kiepenheuer & Witsch
SZdigital: Alle Rechte vorbehalten - Süddeutsche Zeitung GmbH, München
Jegliche Veröffentlichung exklusiv über www.diz-muenchen.de
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Perlentaucher-Notiz zur FR-Rezension

Ganz so dumm ist dieser Typ also doch nicht, hört man Elke Buhr zwischen den Zeilen sagen. Schon Krachts Debütroman "Faserland" galt als der beste unter den Werken der jungen deutschen Pop-Literaten, die von Talkshow zu Talkshow zogen und die "Unterwerfung aller Lebensfragen unter das Primat des Stils" proklamierten, so Buhr. Darum geht es ansatzweise auch in Krachts neuem Roman, der im besagten Jahr 1979 im revolutionären Teheran spielt, das in seltsamem Kontrast zu den zwei westlich dekadenten Dandys steht, die es dorthin verschlägt. Krachts einst Unsicherheit verratende Sprache sei der Klarheit und Präzision gewichen, lobt die Rezensentin. Der Protagonist agiere wie ein "offenes Fass", das alles aufsaugt, protokolliert, aber nicht rebelliert, auch nicht, als er nach einem heilsuchenden Trip durch Tibet vom chinesischen Militär aufgegriffen und in ein Arbeitslager gesteckt wird. Was dort vom Dandy übrig bleibt, so Buhr, ist nicht etwa sein Zynismus, seine Verachtung, seine Intelligenz, sondern bloß Blasiertheit und Indifferenz: "zwischen Dummheit und Zen".

© Perlentaucher Medien GmbH
"Christian Kracht hat mit '1979' einen verstörenden Text geschrieben, der wie ein dunkler Granitblock in der Landschaft unserer Herbstliteratur liegt. Hart, kalt, schön, unbegreiflich, drohend." Elke Heidenreich im 'Spiegel'

"Das ist absurd, das ist schrecklich. Das liest sich wie ein subtiler Splatterroman, wie die totale Schwindsucht, wie ein lauter Schrei nach Autorität und wie ein stiller nach Liebe." Gerrit Bartels in der 'taz'

"Ein brillant geschriebenes Buch. Ein sehr konsequentes, sehr trauriges Buch." Elmar Krekeler in der 'Welt'

"Christian Kracht ist ein ästhetischer Fundamentalist." Gustav Seibt in der 'Süddeutschen Zeitung'

"Schwer zu hassen, schwer zu kopieren: '1979' - der neue Roman von Christian Kracht." Timm Klotzek im 'jetzt-Magazin'

"Kracht ist seinem Publikum, kaum daß er es zu gutem Geschmack erzogen hat, schon wieder eine Nasenlänge voraus." Berliner Zeitung

"Die sozialen Überlegenheitsposen dieses wohlhabenden Taugenichts erscheinen als Protest gegen die Häßlichkeit der Gesellschaft, ihrer Menschen und Dinge, gegen das allgegenwärtige pädagogisch-moralische Geschwätz." Die Zeit

"Mit intelligentem Zynismus nimmt Kracht eine zwar ideologiefreie doch keineswegs amoralische Position ein." Regula Freuler in der 'Sonntagszeitung', Zürich

"Nachhaltig verstörend und sprachlich überzeugend." Marcus Bäcker im 'Kölner Stadt-Anzeiger'

"'1979' ist eine Überraschung. Schnell geschrieben? Unwahrscheinlich. Schnell gelesen? Unbedingt. Schnell vergessen? Auf keinen Fall." Hamburg pur…mehr

Frankfurter Allgemeine Zeitung - Rezension
Frankfurter Allgemeine Zeitung | Besprechung von 09.10.2001

Wir sehen uns mit Augen, die nicht die unseren sind
Der Blick auf die Oberfläche reicht nicht mehr: Aus Christian Krachts Roman "1979" spricht der Selbsthaß als Lebensgefühl des Westens

Als der Schah gestürzt wird und die islamische Revolution unter Ajatollah Chomeini sich anschickt, Iran zu erobern, befinden sich auch zwei junge Deutsche in Teheran, Angehörige der internationalen Partyszene, die sich zur Kreuzfahrt in der Ägäis, an der französischen Mittelmeerküste oder in den Villen im reichen Norden der persischen Hauptstadt trifft. Einer der beiden jungen Männer stirbt nach einer Jet-set-Party, weil er zuviel Alkohol getrunken und zuviel Drogen genommen hat und ohnehin nicht mehr ganz gesund war. Der andere, ein etwas einfältiger Innenarchitekt, wird von einem undurchsichtigen Partygast mit dem klingenden Namen Mavrocordato nach Tibet geschickt.

Dort soll er den heiligen Berg Kailash umrunden, um seine Seele zu reinigen, ein Opfer zu bringen und Buße zu tun. Am Fuß des Berges wird der Pilger aus Deutschland von chinesischen Soldaten aufgegriffen, zum russischen Spion erklärt und in verschiedenen Umerziehungs- und Arbeitslagern interniert. Die Zustände dort sind unmenschlich und grauenhaft, aber der ehemalige Globetrotter ergibt sich rasch in sein Schicksal. Er ist zufrieden. Der junge Mann, der nie wußte, was er wollte oder wollen sollte, will nun nichts mehr. Er ist ein "guter Gefangener"; willenlos, ohne Vergangenheit oder Zukunft, ohne Identität. "Ich habe mich gebessert" - mit dieser Selbsterkenntnis des Ich-Erzählers endet "1979", gewiß nicht der beste, aber der erstaunlichste Roman dieses Herbstes.

Auf 180 Seiten schildert der Schriftsteller Christian Kracht, Jahrgang 1966, das Schicksal eines armseligen Dandys aus dem Westen, der an der Seite seines schillernden Freundes durch die Welt reist, auf der Suche nach Zerstreuung, Schönheit, Liebe, Sex und Tod. "1979" ist kein großer Roman. Aber in diesen Tagen, da der Koran in unseren Buchhandlungen ausverkauft ist und der Westen gezwungen wird, sich mit Augen zu sehen, die nicht die seinen sind, ist Krachts "1979" ein Buch, das aufhorchen läßt. Es ist eine höhnische Parodie schöngeistiger Reiseliteratur, ein Abgesang auf die kurze Scheinblüte des literarischen Pop, ein Pamphlet gegen die Dekadenz und moralische Verrottung des Westens, dem die Revolution Chomeinis als gut und wünschenswert gegenübergestellt wird. Es ist, mit einem Wort, eine Auslöschungsphantasie.

Aber ihr Verfasser ist kein Fundamentalist oder Islamist, er ist nicht einmal muslimischen Glaubens, auch wenn er im Interview leichthin ein Bilderverbot nach islamischem Vorbild fordert oder Chomeini als "bärtigen gottesfürchtigen Mann" bezeichnet, dessen Bild etwas "Neues und Schönes" gewesen sei. Der müde Ekel, mit dem die Drogenexzesse und die Rituale des Jet-set-Milieus geschildert werden, hat selbst einen dekadenten, dandyhaften Unterton. Er ist das Markenzeichen einer Gruppe junger Autoren, die in den letzten Jahren unter dem Etikett "Popliteratur" für Aufsehen gesorgt hat. Man muß über dieses Phänomen nicht mehr viel Worte verlieren, und es wäre müßig, darüber zu spekulieren, was an Krachts neuem Buch ironisch gemeint sein könnte und was nicht. Viel interessanter ist die Frage, warum Christian Kracht seit seinem ersten Roman "Faserland" als sensibler Beobachter unserer Gesellschaft gilt. Nicht das Literarische, sondern das Atmosphärische, nicht die Genauigkeit der Analyse oder der Beschreibung - mit beidem ist es nicht weit her -, sondern die Intensität, mit der hier ein Lebensgefühl, eine Stimmung, erfaßt und wiedergegeben wird, macht dieses Buch zu einem aufschlußreichen Symptom. Deutlicher noch als in "Faserland" zeigt sich im neuen Buch des ehemaligen Salemer Internatszöglings neben dem Haß auf eine Welt, von der nur mehr zwei Seiten wahrgenommen werden, die eine abstoßend häßlich, die andere abstoßend dekadent, auch eine ungeheure Aggression des Ich-Erzählers gegen sich selbst. Wenn Kracht tatsächlich die seismographischen Fähigkeiten hat, die ihm zugesprochen werden, spricht aus diesem Buch der Selbsthaß als Lebensgefühl unserer Zeit.

Dieser Roman, der nach den Attentaten von New York und Washington auf eine beinahe unheimlich anmutende Weise aktuell wirkt, hat Wurzeln, die weit in das zwanzigste Jahrhundert zurückweisen, weiter als nur bis zu Bret Easton Ellis oder Michel Houellebecq, jenen Autoren, die stets erwähnt werden, wenn irgendwo von deutschsprachiger "Popliteratur" und ihren Vorbildern die Rede ist. Die Behauptung, daß Ellis, Autor von Büchern wie "American Psycho" und "Glamorama", der Abgott dieser oder jener Jungautoren sei, trifft, wenn sie je gestimmt haben sollte, zumindest auf Kracht nicht zu. Der Schweizer huldigt anderen Göttern und folgt anderen Spuren. Sie führen quer durchs zwanzigste Jahrhundert zurück zur vorletzten Jahrhundertwende, der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg, als die literarische Moderne die Dekadenz und die Lust am Untergang entdeckte. Eines ist diesen Stimmen, die als fernes Echo durch Krachts Roman hallen, gemeinsam: Sie beschwören die Sehnsucht nach Schönheit und beklagen deren Verlust. Und immer sind das Schöne und das Fremde, Morgenländische identisch oder werden dafür gehalten.

"In der Jugend unseres Herzens, in der Einsamkeit unserer Seele, fanden wir uns in einer sehr großen Stadt, die geheimnisvoll und bedrohend und verlockend war, wie Bagdad und Basra. Die Lockungen und die Drohungen waren seltsam vermischt; uns war unheimlich zu Herzen und sehnsüchtig; uns grauste vor innerer Einsamkeit, vor Verlorenheit, und doch trieb ein Mut und ein Verlangen uns vorwärts und trieb uns einen labyrinthischen Weg, immer zwischen Gesichtern, zwischen Möglichkeiten, Reichtümern, düstern, halbverhüllten Mienen, halboffenen Türen, kupplerischen und bösen Blicken in den ungeheuren Bazar, der uns umgab; wie glichen wir diesen weit von der Heimat verirrten Söhnen, diesen Kaufmannssöhnen, deren Vater gestorben ist, und die sich den Verführungen des Lebens preisgeben, wie meinten wir ihnen zu gleichen."

So, als Spiegel seiner Generation und seiner selbst, hat Hugo von Hofmannsthal im Jahr 1906 die Geschichten aus "Tausendundeiner Nacht" empfunden, als Zeugnisse der abenteuerlichen Sinn- und Selbstsuche reicher Prinzen und Kaufmannssöhne, die in der Jugend ihrer Herzen und der Einsamkeit ihrer Seelen durch ein Land reisen, in dem eine "poetische Welt" sich offenbart. Ein gutes halbes Jahrhundert später erfüllt sich einer dieser schönen jungen Kaufmannssöhne einen langgehegten Traum. Er reist auf den Spuren seines vergötterten Vorbildes von England in den Orient und ist verzaubert: "In den Straßen von Herat sah man Männer mit gewaltigen Turbanen, Hand in Hand durch die Straßen schlendernd, Rosen zwischen ihren Lippen, ihre Gewehre in geblümten Chintz gehüllt." Der Reisende ist Bruce Chatwin, sein Vorbild der englische "Gentleman, Gelehrte und Ästhet" (Chatwin) Robert Byron, der gemeinsam mit seinem Freund, dem Historiker Christopher Sykes, in den dreißiger Jahren durch Persien und Afghanistan reiste und anschließend sein Tagebuch veröffentlichte. Unter dem Titel "Reise nach Oxanien" wurde es zu einem Klassiker der Reiseliteratur.

Chatwin besaß Byrons Buch seit seinem fünfzehnten Lebensjahr und trug es wie eine Bibel bei sich, wohin immer er reiste. Zwanzig Jahre nach seiner eigenen Reise nach Afghanistan schreibt er das Vorwort zu einer Neuausgabe der "Reise nach Oxanien". Sie erscheint 1980, wenige Monate nach dem Einmarsch der Russen und dem Sturz des Schahs. Chatwins Vorwort trägt den Titel "Klage um Afghanistan" und endet mit einer düsteren Vorhersage: "Wenn er (Byron) heute noch lebte, wäre er sicher auch der Ansicht, daß die Afghanen den Eindringlingen über kurz oder lang (alles in Afghanistan braucht seine Zeit) etwas Schreckliches antun werden - vielleicht werden sie die schlafenden Riesen von Zentralasien wecken."

Fortsetzung auf der folgenden Seite.

Was hat nun Krachts Buch mit Byron und Chatwin zu tun? Die Parallelen sind offensichtlich. Kracht behält die Figurenkonstellation von Ich-Erzähler und Begleiter bei, vertauscht aber die Rollen. Byron unternahm die Reise zu Studienzwecken, begleitet wurde er von seinem Freund Christopher Sykes. Bei Kracht heißt der Gefährte Christopher, während der Ich-Erzähler namenlos bleibt. Krachts Christopher ist wie Byron ein hochgebildeter, weltgewandter Ästhet und will, wie Byron, ein Buch über islamische Architektur schreiben. Er ist, wie Byron, der bestimmende Part dieser maroden homosexuellen Beziehung. Nur die unappetitliche Infektion, die geschwollenen, mit nässenden Blasen übersäten Beinen hat Krachts Christopher nicht von Byron, sondern von Sykes.

Krachts "1979" ist eine bittere Persiflage auf Byrons "Reise nach Oxanien" ebenso wie auf Chatwins Byron-Bewunderung. Kracht läßt seine Figuren blind und taub durchs Land reisen, ignorant und hochmütig. Chomeinis Revolution interessiert sie nicht, die Warnungen, es stünden große Veränderungen bevor, nun müsse der Westen Buße tun, weiß der Erzähler sich nicht zu deuten. Wo Hofmannsthal und Byron dem Orientalismus frönen, der Konstruktion des Orients als Projektion des Westens, ist Krachts Persien ein schwarzer Spiegel, der dem Westen nichts offenbart außer der eigenen Ignoranz und Häßlichkeit.

Während Chatwin in Byron den gelehrten Gentleman und homosexuellen Ästheten verehrte, stellt Kracht Christopher als ausgebranntes egomanisches Monstrum dar und bereitet ihm einen schäbigen Tod in einer verwahrlosten Teheraner Klinik. Mit seinen letzten Dollars sorgt der Erzähler dafür, daß Christopher nicht im apokalyptischen Massenschlafsaal, sondern im Einzelzimmer sterben kann.

Christophers Tod ist die Bedingung für die Erfüllung des Plots. Er muß sterben, damit Kracht den Erzähler seinem Schicksal zuführen kann, dem völligen Identitätsverlust in der Hölle des Straflagers: "Sich einem faschistischen System wie dem chinesischen Lagerleben unterzuordnen, sich zu ergeben, dort zum ersten Mal so etwas wie Heimat zu empfinden, das ist schon mehr als verkommen", hat Kracht im Interview über seine Figur gesagt. Aber welche Art von Verkommenheit ist hier gemeint? Kracht spricht von einer fiktiven "deutschen Ich-Figur", die nicht nur ein "moralisches und Intelligenzvakuum darstellt, sondern auch ein physisches." Der Erzähler handelt nicht, sondern reagiert nur, er spricht wenig, verspürt keinen Hunger mehr, nimmt kaum noch Nahrung zu sich. Was ihn im Lager überleben läßt, sind Maden, die mit Latrinenresten und Abfällen von der Krankenstation gemästet werden. Der Ästhet, der jedes Einrichtungsdetail in der Teheraner Nobelvilla sofort zu klassifizieren weiß und seine Pilgerreise in Christophers Edelschuhen der Marke Berluti, den "besten Schuhen der Welt", antritt, ernährt sich am Ende vom Widerlichsten, was sich denken läßt und verspürt nicht einmal mehr Ekel. Kracht hat seinen Erzähler vom Ästhetizismus geheilt, aber die Lektion hat einen hohen Preis: Sie kostet das Leben.

Im schmalen Werk Krachts ist der ausgeprägte Ästhetizismus, das Aufbegehren gegen eine als häßlich, verkommen, stil- und niveaulos empfundene Welt die eine Konstante. Die andere, weit weniger offensichtlich, ist das Thema des Freiheitskampfes und des Terrorismus. Aber Anspielungen und Verweise werden jetzt nur noch verdeckt gegeben: Alamut, die Stadt der Assassinen, der "Haschisch-Raucher" und Meuchelmörder, wird nur am Rande als Reiseziel Christophers erwähnt. Mit Mavrocordato, dem zwielichtigen Kämpfer gegen den Schah, wird eine Figur eingeführt, die Chomeinis Revolution adeln soll, ist Mavrocordatos doch der Name eines griechischen Freiheitskämpfers und späteren Premierministers, der mit Lord Byron befreundet war.

In der vor zwei Jahren erschienenen Kurzgeschichte "Der Gesang des Zauberers" ließ Kracht einen Drogenkurier zu Wort kommen, der mit Sarin-Ampullen durch die Welt fliegt und das Gift verführerisch singen hört: "Sprühe! Sprühe! Sarin, stolzes Sarin." Das im Zweiten Weltkrieg in Deutschland entwickelte Nervengift, wurde 1995 beim Anschlag der Aum-Sekte auf die Tokioter U-Bahn verwendet. In "Der gelbe Bleistift", einer Sammlung von Reportagen und Reisenberichten, beschreibt Kracht, wie ihn ein Einheimischer mitnimmt in ein Dorf an der afghanisch-pakistanischen Grenze. Es ist eine einzige Waffenmanufaktur, in der Mordwerkzeuge aus aller Welt nachgebaut werden: "Ich probierte an diesem Tag noch ein paar andere Waffen aus, ich, der ich noch nie in meinem Leben geschossen hatte: Uzis und die M16 und einige obskure tschechische Fabrikate, und ich merkte, daß schießen wie Kartoffelchips essen ist, weil man davon erst genug kriegen kann, wenn einem schlecht ist." Der Reisende erwirbt eine Panzerfaust und einige chinesische Granaten, bevor er sich in eine Kalaschnikow "verliebt", das "Schwert und Schild des Islams". Zum Abschied schenkt ihm sein muslimischer Begleiter einen Koran. Die Geschichte trägt den Titel: "Der Islam ist eine grüne Wiese, auf der man sich ausruhen kann."

Als bei einem Gespräch der Popfraktion Spiritualität und Religion als einziger Ausweg aus dem "Teufelskreis der Kollektivierung des Individualismus" genannt wurden, gab Kracht zur Antwort: "Es gibt noch eine anderen Ausweg, und das ist wiederum der Krieg."

Man sollte solche Sätze Krachts und seine Texte nicht leichthin als Provokationsversuche eines jungen Schriftstellers, der um jeden Preis auffallen will, abtun. Vieles spricht dafür, daß "1979" ein Buch ist, das einen Endpunkt markiert. Mit Krachts Roman "Faserland", der beschrieb, wie ein junger Schnösel durch ein Luxus-Deutschland der Schönen und Leeren reiste, nahm die kurze Scheinblüte der deutschen Popliteratur 1995 ihren Anfang. Mit "1979" ist sie an ihrem vorläufigen Ende angelangt. Dazwischen liegen gerade einmal sechs Jahre, Jahre der Aufgeregtheiten, der Mißverständnisse, Marketingkampagnen und Wichtigtuereien. Eine Phase, in der viel über die junge deutsche Literatur geredet wurde; vielleicht mehr, als ihr guttat. Wenn nun über Krachts Roman "1979" gesprochen wird, hat dies andere, gewichtigere Gründe. Was Karl Heinz Bohrer einmal über Dante Gabriel Rosetti und die Präraffaeliten sagte, gilt auch für Kracht und seine Adepten: An ihrem Werk läßt sich erkennen, "inwiefern die Extreme, nämlich ästhetische Esoterik und gesellschaftliche Aggressivität, äußerster Ästhetizismus und moralisch-politische Empfindsamkeit, eine nicht zufällige Verbindung eingehen."

Wer Krachts Texte über den Sarin lobpreisenden Drogenkurier, den waffengeilen Globetrotter oder den todessehnsüchtigen Innenarchitekten liest, sieht den internationalen Terrorismus womöglich mit neuen Augen. Was dem radikalen Islamisten als letztes Instrument zur Errichtung eines idealen Gottesstaates erscheint, könnte dem zynischen Ästhetizisten als Mittel zur Negation der bestehenden Verhältnisse willkommen sein. Niemand sollte glauben, daß die Terrortaten radikaler Fundamentalisten nur in der islamischen Welt zu faszinieren vermöchten. Aus der kleinen Lust am Untergang spricht eine große Sehnsucht nach dem Purgatorium. Warum das so ist, erzählt dieses Buch.

Christian Kracht: "1979". Roman. Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln 2001. 183 S., geb., 34,80 DM.

Alle Rechte vorbehalten. © F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main
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