Michelle ist Anfang dreißig, als ihr Leben im Osten des Landes auseinanderbricht. Sie lässt alles hinter sich und fängt von vorne an: Als Rezeptionistin eines Hotels trifft sie auf Luxus, westdeutschen Reichtum und - Henry. Einer, der ganz andere Startmöglichkeiten hatte als sie, dem es nie an irgendetwas gemangelt hat. Sie verlieben sich, allen Unterschieden zum Trotz. Es erscheint Michelle zum ersten Mal möglich, ein sorgloses Leben. Aber es wäre kein Buch von Ruth-Maria Thomas, wenn nicht alle schönen Gewissheiten irgendwann gehörig ins Wanken gerieten ...
Mit großer Sogkraft und berückender Leichtigkeit erzählt das Hörbuch von Aufstiegswünschen, Abstiegsängsten und von der Frage, was Freiheit und Sorglosigkeit für einen Preis haben.
Kundinnen und Kunden meinen
4.6/5.0
Eternal-Hope
aus Österreich
5/5
02.08.2026
Hörbuch-Download (MP3)
Muss die Liebe an sozialen Unterschieden scheitern?
Ich habe das Hörbuch zum Buch "Die zweitgrößte Liebe" von Ruth-Maria Thomas, sehr einfühlsam und differenziert gesprochen von Lili Zahavi, vor kurzem fertig gehört und bin auch jetzt, nach mehreren Tagen Abstand, noch tief bewegt, wenn ich daran denke.
Ich glaube, ich habe noch nie so eine berührende, im Grunde tieftraurige und dabei so authentische Liebesgeschichte zwischen zwei Menschen aus unterschiedlichen Sozialmilieus, die sich doch eigentlich so sehr lieben und zwischen denen dabei aber so viele Trennendes steht, gehört oder gelesen. Die meisten Liebesromane tendieren dazu, eher seicht, unrealistisch und überromantisch zu sein. Dieser gar nicht!
Ich habe mich schon viel mit sozialen Unterschieden aus psychologischer und soziologischer Sicht befasst und auch die Autorin, die neben dem Schreiben auch gelernte Sozialarbeiterin ist, hat offensichtlich ganz viel Ahnung von diesem Thema. Hier ist ihr das große Kunststück gelungen, all ihr Wissen über verschiedene soziale Milieus und die damit verbundenen Unterschiede in Denken, Fühlen, Auftreten, Erfahrungen, Kommunikation, Sehnsüchten, Ängsten, Werten, Lebenszielen und noch so vielem mehr in einen absolut packenden Roman einzubauen, der überhaupt nicht akademisch oder sachbuchartig wirkt, doch wie nebenbei alle Lesenden, die hinschauen möchten, tief für soziale Unterschiede sensibilisiert.
Ich habe mich keine Sekunde gelangweilt, war die ganze Zeit tief emotional verbunden mit den beiden Hauptfiguren, hab mit ihnen gehofft und gebangt, ihre wachsende Beziehung miterlebt, dabei viel nachgedacht und gelernt.
Worum geht es?
Um Michelle, eigentlich Mishelle (die Mutter kannte bei der Eintragung des Namens die richtige Schreibweise nicht), arm bei einer alleinerziehenden Mutter im Osten von Deutschland aufgewachsen. Die die Kreativität liebt und einen eigenen Kunsthandwerksladen hatte, doch Corona und weitere Krisen haben dazu geführt, dass sie diesen nicht mehr gewinnbringend betreiben konnte und ihn mit Schulden schließen musste. Nun arbeitet sie im Servicebereich eines gehobenen Hotels, mehrere hundert Kilometer entfernt, in einem der "alten" Bundesländer. In diesem Hotel lernt sie auch Henry kennen, die zweite Hauptfigur des Romans. Henry heißt eigentlich Paul-Heinrich, ist der Sohn einer sehr wohlhabenden Familie mit erfolgreichen Eltern, die er in seiner Kindheit aber wenig zu Gesicht bekommen hat und viel von Au-Pairs betreut wurde, wobei er sich sehr einsam fühlte.
Die beiden lernen sich also kennen und verlieben sich ineinander: Henry fühlt sich angezogen von Michelles natürlich-offener Art, ihrer unverblümten Sprache und ihrer Direktheit, während Michelle sich bei ihm sicher und geborgen fühlt und seine Sensibilität schätzt.
Doch je besser sie sich kennen lernen, desto mehr zeigen sich die tiefgehenden Unterschiede in ihrer Prägung und den damit verbundenen Wünschen, Zielen und Lebensvorstellungen: Michelle ist es gewohnt, zu kämpfen, um durchzukommen: als sie zu einem tödlichen Autounfall kommt, zieht sie der Sterbenden den Ehering vom Finger, als Kompensation für das eigene erlittene Trauma durch das Erlebnis und als Sicherheit. Als sie Henry davon erzählt, ist er entsetzt. So etwas würde er nie tun! Braucht er aber auch nicht, denn durch das Vermögen seiner Familie ist er schon von Kindheit an bestens abgesichert.
Dreisten Gästen spuckt Michelle heimlich in die Getränke. Ihre Wortwahl ist so direkt, dass sie manchmal fast schon ordinär wirkt, insbesondere auf Henrys gehobenes Umfeld. Und sie war immer schon gewohnt, für sich selbst zu sorgen und kann sich nicht vorstellen, die klassisch-konservative Rolle einer unterstützten Ehefrau an Henrys Seite einzugehen.
Liebeswürdige Seiten hat sie auch eine Menge, doch die zeigen sich erst bei näherem Hinsehen und wenn sie sich sicher fühlt. Henry hingegen ist zwar sehr sensibel, doch wirklich nachfühlen kann er Michelles Existenzängste nicht und er versteht auch nicht, warum sie den sicheren Hafen, den er ihr doch so gerne großzügig anbieten möchte, nicht einfach annehmen kann und damit alle Probleme erledigt seien.
Die beiden lieben sich sehr und kämpfen um ihre Liebe, das ist spürbar, und doch drohen die extremen Unterschiede in sozialem Hintergrund, Sozialisation und Vermögen, aber auch die unterschiedlichen Umfelder, sie auseinanderzureißen.
Das Hörbuch bzw. Buch ist extrem gut erzählt. Beide Figuren sowie deren Umfelder und die daraus resultierenden Prägungen sind tiefgründig und authentisch gezeichnet, jedes Wort sitzt. Die Autorin Ruth-Maria Thomas ist für mich ein ganz außergewöhnliches Talent nicht nur im Schreiben, sondern auch im Fühlbar-Machen psychologischer Feinheiten und sozialer Unterschiede.
Dieses Buch ist eines meiner Jahreshighlights, ich werde mir demnächst auch den mir bisher unbekannten Debütroman der Autorin besorgen und freue mich schon auf weitere Werke von ihr! Absolute Empfehlung für alle, die sich für Psychologie, Soziologie und soziale Unterschiede, aber auch für jene, die sich einfach nur für richtig gute Literatur interessieren!
Bewertung
aus Quickborn
4/5
27.07.2026
Hörbuch-Download (MP3)
Wahre Liebe oder Ware Liebe?
Ruth-Maria Thomas lässt Leser und Hörer teilhaben an eine Lovestory, die mit dem Verschwinden der Liebsten beginnt. Henry kommt nach Hause und findet die Wohnung verlassen vor, Michelle ist weg, von einer Stunde auf die andere meldet sie sich nicht mehr. Zuerst glaubt Henry an ein Verbrechen, er ruft in der Not seine jüngere Schwester an, die die Sache nicht ganz so ernst betrachtet. Aus der Position vom Ende der Geschichte wird die Liebesgeschichte von Henry und Michelle erzählt von Anfang an erzählt: Michelle, Anfang 30, verlässt ihre kleine Stadt, lässt den jüngeren Bruder, der noch studiert, und die tote Mutter auf dem Friedhof ebenso zurück, wie ihre Zukunftsträume als selbstständige Goldschmiedin. Alles ist ihr den Bach hinuntergegangen und sie beginnt von vorn, mit wenig Geld, mit einem Job im Hotel- und Gastgewerbe, mit einer unsäglich kleinen, heruntergekommenen Wohnung in einer fremden Stadt. Aber sie sieht trotzdem in die Zukunft, spart und versucht, das Beste aus der Situation zu machen. In der lernt sie Henry kennen, in ihrem Alter, gut aussehend, gut situiert, aus gutem Hause, einfach alles an Henry kommt ihr gut vor. Sie verlieben sich und immer steht im Raum der Elefant Geld, er hat viel, sie hat wenig, er gibt es aus, ihr bleibt das teure Essen im Halse stecken. Und immer denkt sie zurück an ihre Mutter, die einfach war, aber liebevoll und immer für die Kinder da, wenn es denn ging.
Obwohl sehr verschieden, verlieben sich Henry und Michelle, haben schöne gemeinsame Stunden. Als Henry Michelle einlädt, bei ihm zu wohnen, beginnt sie sich allmählich, aber auch gern an die luxuriöse Umgebung zu gewöhnen. Auch zu Henrys Eltern und Schwester findet sie einen Draht. Wenn da nicht die ständige Frage wäre, ob Michelle Henry heiraten würde. So knirscht es ab und zu im Getriebe der Beziehung und doch wird immer wieder alles gut. Scheint es.
Wie sich die Liebe weiterentwickelt, das empfehle ich gern jedem, selbst zu erkunden. Von mir eine Leseempfehlung, auch wenn manches etwas klischeehaft und vorhersehbar wirkt, hat mich das Ende dann doch verwundert.
Vorgelesen wird der Roman von der Schauspielerin und Filmemacherin Lili Zahavi, die perfekt passt in diese vertrackte Zweierbeziehung.
Fazit: für die Geschichte vergebe ich drei Sterne, für die perfekte Umsetzung als Hörbuch einen extra schönen Stern!
Diese Rezension gibt meine eigene Meinung wieder und wurde nicht mit Hilfe von KI erstellt.
zeilen_echo
5/5
04.08.2026
Buch (Gebundene Ausgabe)
Eine präzise Analyse von Klassismus
Es gibt Romane, die von Liebe erzählen. Und es gibt Romane, die zeigen, wie wenig Liebe gesellschaftliche Ungleichheit allein überwinden kann. „Die zweitgrößte Liebe“ von Ruth-Maria Thomas gehört eindeutig zur zweiten Kategorie.
Im Mittelpunkt stehen Michelle und Henry, deren Beziehung von Beginn an unter sehr unterschiedlichen Lebensrealitäten steht. Michelle ist im Osten Deutschlands mit wenig Geld aufgewachsen und kämpft nach der Schließung ihres Geschäfts während der Corona-Pandemie um einen Neuanfang. Henry kennt finanzielle Sorgen dagegen kaum. Aus dieser Ausgangslage entwickelt Ruth-Maria Thomas keinen klassischen Liebesroman, sondern einen Gesellschaftsroman, der Klassismus in den Mittelpunkt rückt. Unaufgeregt, aber mit einer unfassbaren Präzision.
Besonders stark ist, wie konsequent die Autorin zeigt, dass Armut nicht einfach ein Mangel an Geld ist, sondern den gesamten Blick auf die Welt verändert. Während Henry finanzielle Sicherheit als Selbstverständlichkeit begreift, ist sie für Michelle nie selbstverständlich gewesen. Genau daraus entstehen Missverständnisse, die weit über persönliche Differenzen hinausgehen. Der Roman macht deutlich, wie soziale Herkunft Beziehungen prägt und wie schwer es ist, Erfahrungen nachzuvollziehen, die man selbst nie machen musste.
Eine Szene, in der Henry Michelle vorwirft, sie sei wie ein Taschenrechner, der niemals still steht, hat mich absolut wütend gemacht. Nicht, weil Henry als Figur unsympathisch wäre - im Gegenteil. Gerade seine fehlende Einsicht macht ihn glaubwürdig. Er meint es oft gut und scheitert dennoch daran, die strukturellen Unterschiede zwischen ihnen WIRKLICH zu erkennen. Diese Ambivalenz macht beide Figuren unglaublich lebendig.
Auch sprachlich überzeugt der Roman. Ruth-Maria Thomas schreibt nüchtern und ohne Pathos, wodurch die emotionalen Momente umso stärker wirken. Besonders gelungen fand ich den Kontrast zwischen Michelles pragmatischer Sicht auf die Welt und Henrys emotionalem Zugang. Diese Gegensätze wirken wie eine logische Folge ihrer unterschiedlichen Biografien.
Mich hat selten ein Roman so frustriert und gleichzeitig so überzeugt zurückgelassen einfach weil er gesellschaftliche Machtverhältnisse so selbstverständlich in den Alltag seiner Figuren einschreibt. „Die zweitgrößte Liebe“ ist für mich deshalb weit mehr als eine Romance-Geschichte. Es ist ein Roman über Klassismus, soziale Ungleichheit und die Frage, wie tief Herkunft unsere Beziehungen prägt. Gerade weil Ruth-Maria Thomas auf einfache Antworten verzichtet, trifft ihre Gesellschaftskritik mit voller Wucht.
Eric
aus Dresden
5/5
03.08.2026
Buch (Gebundene Ausgabe)
Liebe macht blind?
Michelle & Henry, beide Anfang 30, ein Paar. Henry kommt in die Wohnung. Die Fenster sind offen, die Vase zerbrochen & Blut im Bad. Michelle & ihre Sachen sind verschwunden. Wo ist sie & was ist passiert? Gehen wir 2,5 Jahre zurück.
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„Die zweitgrößte Liebe“ von Ruth-Maria Thomas ist ihr 2.Roman.
Michelle & Henry sind ein ungleiches Paar. Sie kommt aus ärmlichen Verhältnissen & er aus einer reichen Familie. Sie besaß einen Schmuckladen & musste ihn aufgeben. Nun hat Michelle einen Berg voll Schulden. Henry lädt Michelle oft zum Essen ein, unterstützt sie finanziell damit sie wieder einen neuen Schmuckladen eröffnen kann. Derweil jobbt sie an einer Hotelrezeption. Wie reagiert Henry darauf?
Liebe macht blind? Bei diesem Paar ist es der Fall bzw. bei einem von beiden. Kann die Liebe erkauft werden? Welchen monetären Wert hat sie? Hier spielt Herkunft eine wesentliche Rolle. Einer muss genau überlegen, wofür sie das Geld ausgibt & der andere nicht. Die Ungleichbehandlung zwischen Arm & Reich spielt in der Beziehung eine Rolle. Wie finanziell abhängig ist man voneinander & wie wichtig sind Bedürfnisse des anderen?
Rituale & Traditionen die aus Kindheitstagen stammen werden im Erwachsenenalter weitergelebt. Sie unterstützen Erinnerungen, Bewältigung von Trauer & Verlusten. Sie geben Halt & dem Bewussten innehalten.
Thomas hat einen authentischen, eindringlichen & mitfühlenden Roman geschrieben. Das Buch entwickelt beim Lesen eine Sogwirkung. Stellenweise waren Szenen konstruiert & überspitzt. Die Hauptprotagonist*innen sind stark gezeichnet & weitere Figuren haben bildhafte Charaktere. Interessant ist die Entwicklung zwischen Michelle & Carlotta, der Schwester von Henry, die zu Verbündeten werden. Das Buch beginnt mit dem Ende, dadurch wird ein kleiner Spannungsbogen aufgebaut. Lange bleibt offen, was in der Wohnung passiert ist & der Auslöser war.
Kennt Liebe Grenzen bzw. wie weit kann sie gehen. Am Ende des Romans bleibt ein gebrochenes Herz zurück & mit dieser Person habe ich Mitleid.
jellyhead
Thalia Book Circle Community
5/5
03.08.2026
Buch (Gebundene Ausgabe)
Authentisch, berührend und wunderschön
Ich habe mich so sehr auf „Die zweitgrößte Liebe“ von Ruth-Maria Thomas gefreut, nachdem mir schon „Die schönste Version“ so gut gefallen hatte. Auch bei diesem Buch ist das Cover wieder sehr schlicht gehalten. Man sieht nur einen Teil eines Gesichts vor einem kräftigen blauen Hintergrund. Ich finde diese Schlichtheit einfach wunderschön. Und genauso wunderschön war für mich auch wieder die Geschichte, die Ruth-Maria Thomas erzählt.
Michelle und Henry kommen aus völlig unterschiedlichen Lebenswelten. Michelle ist im Osten Deutschlands aufgewachsen, hatte nie viel Geld, musste sich schon früh durchs Leben kämpfen und hat außerdem ihre Mutter verloren. Als ihr Leben immer mehr aus den Fugen gerät, zieht sie in eine andere Stadt und arbeitet dort als Rezeptionistin in einem Hotel, in dem täglich wohlhabende Gäste ein- und ausgehen. Dort lernt sie Henry kennen. Er stammt aus einer liebevollen Familie, kennt Geldsorgen nicht und scheint ein völlig anderes Leben zu führen als Michelle. Gegensätzlicher könnten die beiden kaum sein und trotzdem verlieben sie sich ineinander. Doch ihre Beziehung bleibt nicht ohne Höhen und Tiefen.
Dieses Buch war wieder so toll. Ruth-Maria Thomas hat Michelle und Henry so greifbar beschrieben, dass ich mich richtig gut in beide hineinversetzen konnte. Auch wenn ich über Michelles Verhalten zwischendurch immer wieder den Kopf geschüttelt habe, konnte ich ihre Entscheidungen trotzdem nachvollziehen. Und Henry war einfach ein unglaublich sympathischer junger Mann, wie man ihn sich nur wünschen kann. Natürlich trifft auch er nicht immer die richtigen Entscheidungen, aber genau das macht beide Figuren so authentisch.
Der Schreibstil hat mir wieder richtig gut gefallen. Ich wollte das Buch gar nicht aus der Hand legen und habe es innerhalb von zwei Tagen gelesen.
Für mich war auch „Die zweitgrößte Liebe“ wieder ein ganz tolles Buch. Ich kann es nur weiterempfehlen und freue mich jetzt schon auf das nächste Buch von Ruth-Maria Thomas.
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