Jago Trevarno war vierzig Minuten lang klinisch tot. Nun ist sein Leben ein anderes. Sein Kopf funktioniert nicht mehr so wie vorher, er ist schnell überfordert, wenn zu viele Dinge gleichzeitig passieren, lebt maximal im Augenblick, weil es nicht anders geht. Auf dem Hof seines Onkels Jacob an der Küste in Cornwall versucht er, die Teile seines Lebens wieder zusammenzusetzen. Hier gibt es keinen Strom, sondern Öllampen, die Butter wird im Fass gestoßen, auf dem Ofen steht eine große Kupferwanne. In dieser Umgebung findet Jago langsam zur Ruhe. Seine Tage sind bestimmt vom Rhythmus der Natur und der Arbeit. Er melkt die Kühe, repariert Zäune, reitet zum Meer aus und hilft sogar dabei, ein Fohlen zur Welt zu bringen. Alles könnte gut sein, zumindest für den Moment, wenn da nicht der Schurke Bill Sligo wäre, der Jago und seinem Onkel Jacob Ärger macht. Jago muss ihn stoppen, um zu bewahren, was er hat: einen Ort, an dem er weiterleben kann. Patrick Charnleys Roman erzählt anrührend und dabei unsentimental von einem Neuanfang im eigenen Tempo. Der Autor teilt das Schicksal seines Protagonisten – dieses Buch hat er dem Leben abgetrotzt.
Kundinnen und Kunden meinen
4.6/5.0
Kerstin Kartenwerkstatt Kreativ- und Buchblog
Thalia Book Circle Community
5/5
12.10.2026
Buch (Gebundene Ausgabe)
Berührend und authentisch
Das Cover würde ich mir als Bild genau so in mein Lesezimmer hängen. Zu sehen ist eine gemalte Landschaft am Meer. Zwischen zwei Kurven einer schmalen Straße liegt auf der rechten Seite ein weißes Häuschen mit rotem Dach. Folgt man der Straße, wird der Blick auf die Steilküste und das Meer frei. Klappt man das Buch auf, bilden Rückseite und Cover ein zusammenhängendes, schönes Ölgemälde.
Weiterleben von Patrick Charnley erschien im Dumont Buchverlag. Aufmerksam wurde ich auf das Buch bei der Programmvorschau auf der Leipziger Buchmesse. Im Sommer trudelte die Hardcover-Ausgabe bei mir ein und schenkte mir ein paar schöne Lesestunden. Dabei habe ich das Buch wechselweise gehört oder gelesen. Das Hörbuch wurde übrigens von Aram Tafreshian eingelesen. Die Geschichte spielt in Cornwall und handelt von Jago Trevarno, der in einfachen Verhältnissen bei seinem Onkel direkt an der Küste lebt und sich dort von seinem Beinahe-Tod und den Folgen erholt.
Jago ist der Ich-Erzähler der Geschichte. Zu Beginn glaubte ich, er sei ein Mann in mittleren Jahren und Onkel Jacob müsse damit ein alter Mann sein. Doch meine Vorstellung wurde sehr bald relativiert, denn Jago ist gerade mal 20 Jahre jung, und damit wird sein Erlebnis und die damit verbundene Erschöpfung viel ergreifender. Neugierig habe ich verfolgt, wie er die Tücken seines nicht mehr ganz funktionierenden Kurzzeitgedächtnisses meistert. Aber lies am besten selbst. Mit dabei ist durch den Schurken Bill Sligo aus der Nachbarschaft auch noch ein gewisses Maß an Spannung.
Ich war sehr schnell mitten in der Geschichte und habe Jagos Erzählung gespannt verfolgt. Ich darf ihm im Alltag auf dem Hof seines Onkels über die Schulter schauen. Dabei muss ich gar nicht so viel schauen, sondern darf einfach zuhören, denn er beschreibt sein Vorgehen und seine Umgebung detailliert. So sehe ich ihn förmlich vor mir, wie er gerade wieder Holz auf den Ofen legt, um für Wärme, aber auch für die Zubereitung des Frühstücks zu sorgen.
Mit den Beschreibungen bekam ich ein gutes Gefühl für die Umgebung und konnte mir das Haus gut vorstellen. Schmunzeln musste ich bei der Abwesenheit von elektrischem Strom im Haus und dem Kompromiss, einzig im Schuppen eine Steckdose für die Kühltruhe zu betreiben. In Gedanken war ich so immer wieder beim Haus eines Nachbarn meiner Kindheit. Dort gab es zwar Strom und auch Wasser im Haus, allerdings kein wirkliches Badezimmer in dem Sinne, sondern noch ein Häuschen mit Herz in der Tür auf dem Hof.
Vor dem Beginn der eigentlichen Geschichte erfährst du durch eine kurze Anmerkung des Autors etwas zu seinen Beweggründen. Patrick Charnley hat selbst die Erfahrung gemacht, die er seinem Protagonisten mit der chronischen Erschöpfung andichtet. So wirken die Gedanken und Handlungen sehr authentisch, und man bekommt ein Gefühl dafür, wie viel Kraft es den Autor gekostet haben muss, dieses Buch zu schreiben, da er sich vermutlich immer wieder in die Geschichte einlesen musste.
Ich finde es spannend, wenn solche einschneidenden Erlebnisse in einen Roman eingebaut und verarbeitet werden. Bei mir sorgen sie dafür, dass ich mich der Geschichte noch näher fühle als sonst. Daher lese ich immer wieder gerne Geschichten mit autobiographischen Bezügen, auch wenn wir hier eine rein fiktive Geschichte vor uns haben, die ich bis zum Schluss einfach nur verschlungen habe.
Hast du dem Tod schon mal ins Auge geblickt? Magst du Geschichten mit sehr authentischen Figuren, die sich durch Krankheit ein neues Leben aufbauen müssen? Dann habe ich hier einen ganz besonderen Roman für dich. In „Weiterleben“ von Patrick Charnley darfst du den Protagonisten bei seinen täglichen Herausforderungen begleiten. Diese fangen schon mit dem Aufstehen und der Essenszubereitung an und ziehen sich mit immer wiederkehrender Erschöpfung durch den Tag. Es ist eine Geschichte, die dich lehrt, wie glücklich du dich schätzen kannst, dass dein Kurzzeitgedächtnis Informationen aufnehmen und speichern kann und du nicht jedes Detail aufschreiben musst, damit du dich auch morgen noch daran erinnern kannst. Ich habe die Geschichte einfach nur verschlungen und empfehle sie sehr gerne weiter.
Bewertung
aus Leipzig
5/5
04.10.2026
Buch (Gebundene Ausgabe)
Das Leben neu entdecken
Das Leben neu entdecken
Manchmal verändert ein einziger Moment ein ganzes Leben. Und genau darum geht es in diesem einfühlsamen Buch.
Denn Jago überlebt einen vierzigminütigen Herzstillstand. Danach ist nichts mehr wie vorher. Sein Gehirn ist nun geschädigt und selbst ganz alltägliche Dinge können ihn schnell überfordern. Er ist ständig müde und sein Kurzzeitgedächtnis funktioniert nicht mehr richtig. Trotzdem hadert er nicht ständig mit seinem Schicksal und er nimmt sein neues Leben an und versucht, damit zurechtzukommen.
Was sich erstmal ganz “furchtbar” anhört, ist jedoch eine Geschichte über das Leben, wie es verlaufen kann. Über Zusammenhalt und wie man trotz aller Widrigkeiten sein Glück finden kann. Dabei hilft ihm sein Onkel Jacob. Auf seinem abgelegenen Hof in Cornwall findet Jago einen Ort, an dem er zur Ruhe kommen kann. Das einfache Leben mit den Tieren, im Garten und draußen in der Natur tut ihm gut.
Besonders gefallen hat mir die Beziehung zwischen Jago und Jacob. Jacob nimmt Rücksicht auf ihn, behandelt ihn aber nicht wie jemanden, dem man nichts mehr zutrauen kann. Er gibt ihm Zeit und lässt ihn trotzdem Dinge selbst machen, damit er lernen und sich gebraucht fühlen kann.
Ganz ruhig bleibt es auf dem Hof allerdings nicht. Ein schwieriger Nachbar sorgt für Ärger und bedroht das Leben, das Jago und Jacob sich aufgebaut haben. Dadurch nimmt die Geschichte immer mehr Fahrt auf und man hat noch einen weiteren Plott. Gleichzeitig geht es um Liebe, Freundschaft, Verlust und die Frage, wie man weitermacht, wenn das eigene Leben plötzlich völlig anders aussieht.
Mir hat die ruhige Art gefallen, in der die Geschichte erzählt wird. Die kurzen Sätze passen gut zu Jagos Wahrnehmung. Manchmal war mir die Handlung allerdings etwas zu ruhig und stellenweise hat sie sich für mich ein wenig gezogen.
Trotzdem hat mich das Buch zum Nachdenken gebracht. Es zeigt, dass man nicht immer zu seinem alten Leben zurückkehren kann. Manchmal muss man lernen, mit dem zu leben, was geblieben ist. Und vielleicht auch wieder Freude an ganz kleinen Dingen zu finden.
ISBN: 978-3755800507
Autor: Patrik Charnley
Verlag: Dumont
ET: 11.08.26
Umfang: 288 Seiten
Bewertung
5/5
03.10.2026
Buch (Gebundene Ausgabe)
Liebe Menschen
Ich habe den Titel für die Rezension mit " Liebe Menschen" betitelt, da in dem Roman von Patrick Charnley solch liebe, bzw. liebenswerte Personen allgegenwärtig sind.
Ich glaube, in Wirklichkeit gibt es so viele "liebe" Menschen nicht.
Alle ProtagonistInnen strahlen Liebe aus, oder ist es eher Mitleid?
Mitleid mit Jago, der seinen Herzstillstand überlebte und nun bei seinem Onkel Jacob liebevoll umsorgt wird. Jakob ist sehr rücksichtsvoll und tut alles, damit es Jago gut geht. Und es geht ihm gut! Er hilft auf dem Hof mit, versorgt die Pferde.....
Sein Gedächtnis ist sehr beeinträchtigt, trotzdem spürt er, dass durch Bill Sligo eine Gefahr lauert. Er tut alles, damit diese Gefahr vorüber geht, teilt sein Geheimnis nur mit einer Dorfbewohnerin, die ihm letztendlich das Leben rettet.
Eher unwahrscheinlich sind solche Begegnungen, trotzdem sollte man das Buch lesen.
Es strahlt soviel Liebe, Zuversicht und Mut aus......
Annabella
5/5
16.09.2026
Buch (Gebundene Ausgabe)
Leise und berührende Story
„Weiterleben“ von Patrick Charnley ist ein ruhiger und gleichzeitig sehr eindringlicher Roman, der mich vor allem durch seine besondere Hauptfigur Jago berührt hat.
Nach einem schweren Herzstillstand ist für Jago nichts mehr wie vorher. Er muss lernen, mit seinen Einschränkungen zu leben und seinen Alltag völlig neu zu gestalten. Bei seinem Onkel auf einem abgelegenen Hof an der Küste Cornwalls findet er langsam wieder Halt. Die Natur, die Tiere und der einfache Rhythmus des Landlebens geben ihm Sicherheit und zeigen ihm, dass ein neues Leben nicht unbedingt schlechter sein muss als das alte.
Besonders gefallen hat mir, dass die Geschichte nicht von großen dramatischen Wendungen lebt. Vielmehr sind es die kleinen Momente, die Jagos Entwicklung ausmachen. Dadurch wirkt der Roman sehr authentisch und lässt einen intensiv an seiner Perspektive teilhaben. Gleichzeitig sorgt der Konflikt mit einem Nachbarn dafür, dass neben der ruhigen Atmosphäre auch Spannung entsteht.
Auch die Beschreibungen der Landschaft Cornwalls haben mir sehr gefallen. Das wunderschöne Cover passt meiner Meinung nach perfekt zu dieser besonderen, etwas melancholischen Atmosphäre.
Dass Patrick Charnley selbst einen Herzstillstand überlebt hat und eigene Erfahrungen in den Roman einfließen lässt, gibt der Geschichte eine besondere Nähe und Authentizität.
„Weiterleben“ ist kein lautes oder spektakuläres Buch, sondern eines, das langsam seine Wirkung entfaltet. Eine berührende Geschichte über Verlust, Veränderung, Akzeptanz und die Frage, wie man nach einem tiefen Einschnitt wieder seinen Platz im Leben findet. Ein Roman, der noch eine Weile nach dem Lesen nachwirkt.
Eine klare Leseempfehlung für alle, die ruhige, gefühlvolle und lebensnahe Geschichten mögen.
Im_Lesehimmel
aus Berlin
5/5
16.09.2026
Buch (Gebundene Ausgabe)
Beeindruckender Neuanfang
Dieser ruhige und leise Spannungsroman klingt bei mir vor allem durch seine Atmosphäre und zwischenmenschlichen Töne nach.
Immer wieder schimmern die Beeinträchtigungen durch, die der Protagonist und wohl auch der Autor, denn der Roman hat autobiografische Züge, nach seinem Herzstillstand zurückbehalten hat. Ich konnte oft spüren, wie viel Kraft ihn das Leben kostet und wie sehr ihn diese Erfahrung geprägt hat.
Der Erzählton ist ruhig und wird durch eine schöne, bildhafte Sprache getragen. Die Naturbeschreibungen sind sehr treffend und haben bei mir viele Erinnerungen an Cornwall wach gerufen. Bei den Protagonisten spürt man dieses starke Heimatgefühl und das Gefühl von Verwurzelung und Zuhause.
Der achtsame Umgang zwischen Onkel und Neffen hat mich besonders berührt. Dieses stille Miteinander und die beschriebenen kleinen Gesten, die oft mehr sagen als Worte, werden sehr feinfühlig erzählt. Und auch die Figur der aufmerksamen Nachbarin hat mich sehr für sich eingenommen. Zwischen all den leisen Zwischentönen klingt sogar noch eine zarte Liebesgeschichte an.
Es ist ein Roman über große lebensverändernde Umbrüche und Zusammenhalt und darüber, was im Leben trotzdem noch Bestand haben kann.
Bei mir bleibt der Eindruck, dass das Gute nicht laut sein muss und trotzdem siegen wird. Manchmal setzt es sich ganz leise mit etwas Nachdruck durch.
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