Joseph ist einsam und hadert mit seinem Schicksal, nicht erst, seit seine Frau Lis mit dem gemeinsamen Sohn in die Stadt gezogen ist, weil sie den Alltag auf dem Hof nicht mehr ausgehalten hat. Wahrlich etwas Besonderes in den Sechzigerjahren auf dem Land. Zum Glück ist da noch Ada, Lis' ältere Schwester, mit der sich Joseph schon immer sehr verbunden fühlt. Und dann steht plötzlich die 20-jährige Birdie vor seiner Tür, geschwächt und auf der Flucht vor ihrer Familie. Lis, Ada und Birdie – sie werden ihrem eigenen, aber auch Josephs Leben eine ganz neue Richtung geben.
Mit "Wirf einen Schatten" gelingt Elena Fischer ein Roman, der lange nachhallt. In einer präzisen, poetischen Sprache erzählt sie von Erinnerung, Herkunft und den feinen Verschiebungen menschlicher Beziehungen. Besonders beeindruckend ist, wie unaufgeregt und zugleich eindringlich sie emotionale Tiefe entstehen lässt, ohne sich einfachen Antworten hinzugeben.
Ingrid
Thalia Book Circle Community
5/5
03.08.2026
Buch (Gebundene Ausgabe)
Ein Protagonist zwischen Pflicht und Sehnsucht
Der Roman „Wirf einen Schatten“ von Elena Fischer führt zurück zum Heiligabend des Jahres 1963. Statt sich auf das kommende Weihnachtsfest zu freuen, wird der Protagonist Joseph vermutlich allein auf seinem Bauernhof verbringen. Schon auf der ersten Seite spricht sein Kummer aus den Zeilen und der Anlass dafür wird angedeutet: Seine Frau hat ihn verlassen und den gemeinsamen vierjährigen Sohn mitgenommen. Den Hof hat er von seinen Eltern übernommen, die bereits verstorben sind. Wo einst Betriebsamkeit herrschte, ist nun Einsamkeit eingekehrt.
Sein Beruf verlangt Joseph täglich einiges ab, doch nun bleibt ihm Zeit darüber nachzudenken, wie er sich seine Zukunft vorstellt. Er fragt sich, ob ihn überhaupt jemand oder etwas ihn vermissen würde und kommt zu einer ernüchternden Antwort. Am tiefsten Punkt seiner Überlegungen klingt es an der Tür. Es ist jedoch nicht die Person, auf die er insgeheim hofft, sondern eine unbekannte junge Frau, die in der Folgezeit einigen Wirbel verursacht. Außerdem lebt seine Schwägerin nur unweit entfernt. Von Beginn an ist spürbar, dass er zu ihr eine besondere Beziehung hat, auch wenn die Hintergründe lange im Dunkeln bleiben.
Nach und nach wird deutlich, warum Joseph so sehr mit sich selbst ringt. Bereits als Kind wurde er von seinen Eltern ständig mit seinem Bruder verglichen, meist nicht zu seinem Vorteil. Immer wieder unterbrechen Rückblenden die Gegenwartshandlung und formen das Bild der Lebensvorstellungen seines Vaters, seiner Mutter und seiner Großmutter in den 1920er und späteren Jahren.
Eine zweite Erzählebene führt in wechselnden Kapiteln immer weiter in die Vergangenheit. Darin durchlebt Joseph noch einmal die einzelnen Phasen der Beziehung zu seiner Frau bis hin zu ihrem Kennenlernen. Indem die Geschichte rückwärts erzählt wird, schließt sich der anfänglich klaffende Spalt der Trennung immer weiter zu und es wird die unbeschwerte Anfangszeit ihrer Liebe spürbar. Es zeigt sich aber auch, dass Joseph seinen Alltag einfach weitergeführt und nicht daran gezweifelt hat, dass seiner Frau das ländliche Leben gefallen wird, obwohl sie in der Stadt aufgewachsen ist und immer dort gewohnt hat.
Joseph ist ein gebildeter und sensibler Mann, der sich den Gegebenheiten und den Erwartungen seines Umfelds angepasst hat. Das Erscheinen der unbekannten jungen Frau in seiner dunkelsten Stunde wirkt zwar konstruiert, setzt jedoch einen entscheidenden Veränderungsprozess in Gang. Insbesondere die weiblichen Hauptfiguren der Geschichte, die Selbstbewusstsein entwickelt haben und sich souverän geben, zeigen ihm, dass man sich aus seiner Rolle lösen kann.
In ihrem Roman „Wirf einen Schatten“ lässt Elena Fischer den Zeitgeist des Jahres 1963 wieder aufleben, in der traditionelle Werte noch hochgehalten wurden, aber bereits gesellschaftliche Umbrüche spürbar waren. Mit feinem Gespür für die Zwischentöne zeichnet sie die Gefühle des Protagonisten, der zwischen Pflicht und Sehnsucht mit sich hadert und nach einem Dasein sucht, das er für lebenswert hält. Gerne empfehle ich das Buch weiter.
Bewertung
5/5
29.07.2026
Buch (Gebundene Ausgabe)
Sehr berührend
Wirf einen Schatten – Elena Fischer
„Wann hatte es begonnen, dieses Warten, dieses Sehnen? So oft wurde er nicht, wer er hätte sein können. Er selbst.“
Im Sommer 1963 wird Joseph von seiner Frau Lis und dem Kind verlassen. Sie erträgt das Leben auf dem Bauernhof nicht.
Joseph hat keine Energie mehr, er wird von innen aufgefressen. Als er am Weihnachtsabend seine Leben beenden möchte, steht plötzlich eine junge, verwahrloste Frau vor seiner Tür.
Er nimmt Birdie, so nennt sie sich, bei sich auf und erfährt Stück für Stück ihre Geschichte. Birdie und Joseph verbringen Silvester zusammen mit Josephs Schwägerin, Ada, sie fassen Vertrauen zueinander.
Joseph ist ein trauriger, einsamer Mann, er hat nicht nur den Verlust von Frau und Kind zu verarbeiten, sondern kämpft mit den Erinnerungen an seine Vergangenheit.
Diese Vergangenheit ist präsent, sie wird Stück für Stück aufgerollt.
Parallel schafft es Joseph, auch durch die Unterstützung der beiden Frauen, seine Schüchternheit und seine Ängste zu überwinden und entdeckt, was er die ganze Zeit verdrängt hat, den Wunsch nach einer großen Liebe und einem selbstbestimmten Leben.
Diese Geschichte nimmt uns mit in die Zeit der frühen 60er Jahre, die zwar von Aufbruch geprägt sind, in der aber immer noch konservative, traditionelle Werte gepflegt werden. Ehe, Familie, Beziehungen zwischen Mann und Frau sind durch diese Vorstellungen definiert. Die Frauen in diesem Roman brechen aus diesen Rollenerwartungen aus, sie zeigen Joseph, dass auch er sich befreien kann. Er wird plötzlich sichtbar, „wirft einen Schatten“.
Das Buch hat mich sehr berührt, Josephs Geschichte ist nahbar, fühlbar, sein trauriger Alltag, seine Einsamkeit, seine Pflichterfüllung. Parallel dazu seine Zerrissenheit. Die besonderen Frauen an seiner Seite zeigen ihm den Weg. Das ist in jeder Beziehung überzeugend.
Sprachlich hat mir das Spiel der Autorin mit den Erzählzeiten befallen. Die Vergangenheit ist für Joseph im Präsens präsent, die aktuelle Zeit wird im Präteritum erzählt.
Große Leseempfehlung.
Diogenes 2026
brauneye29
Thalia Book Circle Community
5/5
29.07.2026
Buch (Gebundene Ausgabe)
Schöne Geschichte
Zum Inhalt:
Joseph ist kein glücklicher Mann und dass nicht erst seit ihn seine Frau mit dem Sohn verlassen hat. Er fühlt sich einsam, doch immerhin gibt es da noch die Schwester seiner Frau, mit der er sich verbunden fühlt. Als es eines Tages an seine Tür klopft, fällt ihm die erst zwanzigjährige Birdie in die Arme, die auf der Flucht vor ihrer Familie ist. Und genau diese junge Frau setzt Gedanken in ihm in Gang
Meine Meinung:
Das war so ein Buch, bei dem man nicht so richtig weiß, wo die Reise wohl hin gehen wird und man sich einfach darauf einlassen muss. Nach der Lektüre kann ich sagen, dass es sich einfach lohnt das Buch zu lesen. Nicht das so wahnsinnig viel passiert, aber es menschelt so sehr und dieses menscheln wirkt so authentisch und zeigt, dass es eben nicht immer leicht im Leben ist, dass sich Lebenswege ändern können, ja manchmal auch ändern müssen. Mir hat das Buch richtig gut gefallen.
Fazit:
Schöne Geschichte
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