Juni 1952, Annie ist 12 Jahre alt. Eines Sonntagnachmittags muss sie miterleben, wie der Vater versucht die Mutter umzubringen. Nach kurzer Zeit beruhigt sich der Vater, und Annie verdrängt den Vorfall. Bis sie nahezu ein halbes Jahrhundert später auf ein altes Foto stößt, das eine Flut von Erinnerungen auslöst. Je tiefer Annie Ernaux in dieses entscheidende Jahr eintaucht, umso deutlicher wird ihr die Spannung, in der die Eltern lebten, zwischen dem Wunsch nach sozialem Aufstieg und dem demütigenden Rückfall in die alten Verhältnisse. In »Die Scham« seziert sie dieses beharrliche Gefühl der eigenen Unwürdigkeit.
Ungekürzte Lesung mit Corinna Kirchhoff 2 CDs | ca. 2 h 33 min
Kundinnen und Kunden meinen
4.0/5.0
katis zettelchen
aus Salzburg
5/5
05.02.2026
Buch (Taschenbuch)
Ein weiterer Baustein ihres tollen Gesamtwerks
„Ich habe nichts mehr mit dem Mädchen auf dem Foto gemein, außer dieser Szene eines Junisonntags, die das Mädchen im Kopf trägt und die mich dieses Buch hat schreiben lassen, weil ich sie nie vergessen konnte.“
Ernaux ist und bleibt eine meiner Lieblingsautorinnen. Ich finde es toll, wie sie autobiographische Themen reflektiert und so erzählt, dass sie auf eine ganz andere Ebene gehoben werden. Sie liefern ein Abbild der französischen (oder mitteleuropäischen) Gesellschaft einer bestimmten Zeit, wenn man ihr gesamtes Oeuvre betrachtet, ergibt sich besonders die sozialhistorische Entwicklung der Rolle der Frau im 20. Jahrhundert. Gleichzeitig – was ich besonders mag – thematisiert sie noch den Schreibvorgang und Sprache. In diesem Roman geht es um ihr 13. Lebensjahr. Sie ist Schülerin einer privaten Klosterschule, sehr behütet von den Regeln und Zwängen der Nonnen. Sie wächst auf in einer Umgebung, die sehr darauf achtet, was andere machen, wer sich wie verhält und benimmt, was man macht und was nicht, wichtig ist, was die anderen von einem denken, bzw was sie über einen reden. Das erinnert mich an meine Kindheit auf dem Land, auch dort lästerte jeder über alles jenseits des Gartenzauns und der Ruf war vielen wichtig (ich lebte eher nach Wilhelm Busch, „Ist der Ruf erst ruiniert, lebt sich’s völlig ungeniert). Allerdings war das in den 70ern in Bayern und nicht in den 50ern in der Normandie, dort noch konservativer, strikter und religiöser. Dreh- und Angelpunkt des Plots ist ein Ereignis, zu dem es ein Vorher und ein Nachher gab, ein Ereignis, über das die Erzählerin bis zu diesem Buch nicht gesprochen hat, vielleicht der Verlust der Unschuld verdeutlicht durch Scham – Was hat das Ereignis mit ihrer Kindheit / Jugend gemacht, was mit ihrem Platz in der Gesellschaft von außen gesehen, aber auch für sie selbst? Was passiert, wenn man über etwas spricht, was man nur noch aus der Erinnerung weiß? Was ist die Erinnerung, was war damals Realität? Wenn man über seine eigene Kindheit 40 Jahre später spricht, ist man dann noch dieselbe Person? Was macht der Schreibvorgang aus der Erinnerung? Was bewirkt der Schreibvorgang in der Erzählerin? Wie vergleicht sich die Sprache der 12jährigen mit der Sprache der Mittfünfzigerin?
Eins von vielen Lieblingszitaten: „Vielleicht macht das Erzählen, egal in welcher Form, jede beliebige Tat, sogar die dramatischste, zu etwas Normalem. Aber weil ich die Szene bisher in mir getragen habe wie ein Bild ohne Wörter und Sätze […] kommen mir die Worte, mit denen ich sie hier beschrieben habe, fremd vor, beinahe unpassend. Die Szene gehört jetzt anderen.“
Bewertung
5/5
16.04.2023
Buch (Gebundene Ausgabe)
Ein weiteres autobiografisches...
Ein weiteres autobiografisches Meisterwerk der Nobelpreisträgerin! In "Die Scham" erzählt Annie Ernaux unbeschönigt davon, dass sie trotz des sozialen Aufstiegs aus der Arbeiterklasse das Gefühl, nicht wirklich dazu zu gehören, niemals ganz los wird. Eine zeitlos aktuelles Buch.
Bewertung
aus Münster
4/5
17.11.2022
Buch (Taschenbuch)
Eindrucksvoll beschrieben.
Sehr schonungslos und reflektiert beschreibt Annie Ernaux ein prägendes Ereignis ihrer Kindheit und sucht Erklärungen. Das Thema Scham ist allgegenwärtig: Scham über Herkunft, Bildung, Arbeit. Man gewinnt einen Einblick in das Frankreich der 50er Jahre und begleitet die Protagonistin bei der Suche nach ihrem Platz in der Gesellschaft. Empfehlenswert!
speedy208
aus Wetzikon ZH
3/5
02.04.2021
Buch (Gebundene Ausgabe)
Die Scham (La Honte)
Soso làlà. Bin ein bisschen enttäuscht, wusste nicht recht, was ich eigentlich erwartet habe. Kam mir ähnlich vor wie das Buch von Rosemarie Burri, wo sie ihre "Memoiren" aufgearbeitet hat. Aber zum ersten Mal ein französisches Original(buch), das sehr gut auf Deutsch übersetzt wurde, sodass man das Französisch dahinter zwar erahnt, sich aber nicht ärgert, wie es übersetzt wurde. Chapeau der Übersetzung!
Eine Episode aus der Kindheit, die bis heute nicht verkraftet wurde. Die Sprache bringt das alte Frankreich der 1950er-Jahre zurück. Wirkt nicht verstaubt, eher realistisch. Sprache ist in der Ich-Erzählform, sodass der Leser mit dem Autor/in verschmelzt und sich über die knapp 100 Seiten ziehen lässt. Leider bleibt der Leser im Ungewissen am Ende.
Für jüngere Leute nicht zu empfehlen, die können sowas nicht nachvollziehen. Leser müssen schon vor 1970+/- geboren sein.
Juti
aus HD
3/5
24.10.2020
Buch (Gebundene Ausgabe)
Ausgezwitschert Dieses Buch…
Ausgezwitschert Dieses Buch könnte das kürzeste der Welt sein. Im ersten Satz (S.9) wird das ganze Buch erzählt: „An einem Junisonntag am frühen Nachmittag wollte mein Vater meine Mutter umbringen.“ Ab Seite 14 geht es dann mehr um das Jahr 1952 als um die Szene selbst. Wenn Kritiker in diesem Buch ein davor und danach sehen wollen, dann frage ich, ob die Scham nach dem Ereignis nicht auch wegen des Ende der Kindheit der 12jährigen Annie einsetzt. Das ist aber nie ein Thema. Die Ich-Erzählerin wünscht sich zwar immer endlich einen Busen zu bekommen, aber ihren ersten Orgasmus erlebt sie erst zwei Jahre später, wie sie uns freimütig im letzten Satz mitteilt. Lange Zeit verbringt das Buch im Jahr 1952 und ich als Leser frage mich, warum mich dieses Jahr so interessieren soll, nur weil die Hauptperson ein einschneidendes Erlebnis in dem Jahr hatte. Mich wundert, dass Thea Dorn durch dieses Buch zum Ernaux-Fan geworden ist. Ich fand ihre ersten Bücher spannender. Aber wer nur autobiografisch erzählt, dem müssen irgendwann die Themen ausgehen. So fragte ich mich auch, ob dies Ereignis wirklich geschehen ist, aber letztlich ist das egal. Ich weiß auch, dass Ernauxs Bücher neu ins Deutsche übersetzt wurden und älter sind. Erst gegen Ende des Buches bekam ich ein vergnügliches Leseerlebnis, als die Familie ihre erste Sommerreise macht und über ihre Verhältnisse lebt, ja sich im reicheren Milieu nicht auskennt. Anders als Frau Dorn vergebe ich mit 3 Sternen die schlechteste Note, die ich je für ein Ernaux-Buch verteilt habe.
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