Berlin im August 1936: Zehntausende Gäste aus aller Welt strömen in die Stadt. Die Olympischen Spiele locken die Besucher zu den Sportstätten, in die Straßen, Bars und Cafés. Für einen kurzen Moment wirkt Berlin in diesem Sommer weltoffen und unbeschwert, als schalte die Diktatur in einen Pausenmodus. Oliver Hilmes folgt Berlinern und Touristen, Sportlern und Künstlern, Diplomaten und Nazi-Größen, Nachtschwärmern und Showstars durch die fiebrig-flirrende Zeit der Sommerspiele und erzählt ihre Geschichten. Es sind Geschichten von Opfern und Tätern, von Mitläufern und Zuschauern. Es ist die Geschichte eines einzigartigen Sommers.
Kundinnen und Kunden meinen
4.7/5.0
Bewertung
aus Hamburg
5/5
17.04.2018
Buch (Taschenbuch)
Wie es Hitler und seiner Regierung gelang, die Welt zu täuschen...
Ein wirklich großartiges Buch! Chapeau Herr Hilmes, für die sicherlich mühselige und aufwendige Recherchearbeit!
Oliver Hilmes beschreibt die Zeit vom 1. - 16.8.1936 (Olympische Spiele in Berlin) chronologisch: jeder einzelne Tag beginnt mit der Prognose des "Reichswetterdienstes" für Berlin. Danach folgen in überschaubarer Form einzelne Geschichten über bekannte und
unbekannte Personen, Vorfälle, Begebenheiten und Zwischenfälle -
sie alle hängen in irgendeiner Form mit Berlin, der Politik und Olympia zusammen. Aber auch Beschreibungen über das quirlige Leben im Berlin jener Tage kommt nicht zu kurz, wir hören von der Musik, die in den Bars und Nachtclubs gespielt wird, wir können das Treiben in den Straßencafés beobachten, wir flanieren gemeinsam mit dem Autor auf dem Ku-Damm - es ist so anschaulich geschildert, dass wir als Leser das Gefühl haben, Teil des Geschehens zu sein.
Natürlich kommen auch die Wettkämpfe und die sportlichen Ereignisse nicht zu kurz: Jesse Owens mit seinen sensationellen vier Goldmedaillen, die 0:2 Niederlage Deutschlands beim Fußballspiel gegen Norwegen, den Erfolgen der deutschen Reitermannschaft usw.
Aber wir lernen auch Helene Mayer (Silbermedaille im Fechten) kennen: "Sie ist Teil der Mannschaft des nationalsozialistischen Deutschlands, nicht trotz, sondern wegen ihrer jüdischen Abstammung. Helene, die einfach nur Sport treiben will und sich für Politik im Grunde nicht interessiert, ist in ein perfides Spiel geraten, dessen Ausmaß sie zunächst gar nicht überschauen kann. Ihre Geschichte ist auch die Geschichte eines boykottierten Boykotts." (S.202) Sie war vom "Reichssportführer" extra eingeladen worden - und nahm entgegen vieler warnenden Stimmen diese Einladung an! Wenn sie dieser Einladung nicht gefolgt wäre, dann "wären die Vereinigten Staaten sowie einige weitere Länder womöglich nie nach Berlin gereist, mehr noch, Hitlers Spiele hätte es dann wahrscheinlich nie gegeben." (S.206)
Oliver Hilmes erklärt deutlich die Hintergründe, warum Hitler und seine Regierung die Olympischen Spiele unbedingt stattfinden lassen wollten und es gelingt ihnen "sich als friedliebender und verlässlicher Partner der Völkerfamilie zu präsentieren. In diesen Sommertagen schöpfen viele Menschen Mut, sie hoffen auf Veränderungen und glauben Hitlers Friedensschwüren" (S. 254)
Man hat es sicherlich gemerkt: ich war von diesem Sachbuch der ganz anderen Art ganz gefesselt, habe sehr viel Neues erfahren und konnte es kaum aus der Hand legen - eine ganz deutliche Leseempfehlung!
Bewertung
5/5
10.12.2017
Buch (Taschenbuch)
Hitler täuscht die Welt
Oliver Hilmes ist sicherlich einigen von Ihnen durch seine Biografien Witwe im Wahn und Herrin des Hügels bekannt. Und auch seine anderen bisherigen Bücher waren Biographien, die sich hauptsächlich mit Menschen beschäftigten, die mit Musik zu tun haben. Doch dieses Buch ist anders. Es ist im Prinzip eine Biografie über die Olympischen Spiele 1936 in Berlin.
Ähnlich wie Florian Illies bei seinem Buch 1913 reiht auch Oliver Hilmes verschiedene kleine Schnipsel zu einem großen Ganzen zusammen. Doch ich persönlich finde, dass dieses Buch weitaus mehr zu sagen hat. So sind dies keine kleinen Anekdoten über private Details mehr oder weniger berühmter Zeitgenossen, sondern der Autor schafft es, ein Bild von Berlin zu vermitteln, welches den Besuchern aus dem Ausland präsentiert werden sollte. Ein reines, gut organisiertes und offenes Deutschland, welches seine Gäste willkommen heißt. Doch es glänzt nicht alles. Unter dem glänzenden Lack arbeiten Hitler und seine Schergen bereits daran ein neues Deutschland zu schaffen.
Oliver Hilmes berichtet über jeden einzelnen Tag der Olympischen Spiele. Jedem Kapitel voran kommt erst einmal ein Bild, dann folgt der Bericht des Reichswetterdienstes für Berlin. Und danach erzählt der Autor von bekannten und unbekannten Persönlichkeiten. Dazu gehören Sportler wie Jesse Owens, Helene Mayer, Tilly Fleischer und Eleanor Holm. Künstler wie Thomas Wolfe, Mascha Kaléko, Hubert von Meyerinck, Leni Riefenstahl und Teddy Stauffer. Widerständler wie Mildred und Arvid Harnack. Die Verleger Ernst Rowohlt und sein unehelicher Sohn Heinrich Maria Ledig. Und der Konkurrenzkampf der Nazigrößen Joseph Goebbels und Hermann Göring, sowie der diplomatischen Gäste. Er blickt in die Gastronomie der Zeit und er widmet sich aber auch den ganz normalen Bürgern des Reiches. Außerdem bekommen wir einen Einblick in das Leben von einigen unbekannten Juden und Sinti und Roma, die bis dato ein ganz normales Leben gelebt haben. Er zitiert offizielle Meldungen der Staatspolizei und anderer Behörden. Und so entsteht nach und nach ein sehr differenziertes Bild dieser Zeit. Es wird immer deutlicher wie Adolf Hitler und seine Helfer den Rest der Welt manipuliert haben. Es sind nur wenige, die dies durchschauten.
Abgeschlossen wird das Buch durch ein Kapitel, in dem der Autor berichtet, was aus dem Menschen nach dem 3. Reich geworden ist, und ein umfangreiches Quellen- und Literaturverzeichnis. So kann man die angesprochenen Themen noch vertiefen, auch wenn leider nicht mehr alle genannten Bücher aktuell auf dem Markt sind. Aber wofür gibt es Bibliotheken.
Ich bin von diesem Buch begeistert. Es hat mir viel Wissen auf ausgesprochen lesbare und unterhaltsame Weise vermittelt.
Bewertung
aus Kronberg
4/5
11.01.2020
Buch (Taschenbuch)
Unterhaltsames gelungenes Kaleidoskop
"Berlin 1936" ist ein unterhaltsames Kaleidoskop aus verschiedenen Schicksalen, die sich während der Olympiade jenes Jahres in Berlin abspielten. Jedem der 16 Olympiatage ist ein eigenes Kapitel gewidmet, das stets mit dem Wetterbericht und einer Fotografie beginnt. Dies sind die einzigen Konstanten, ansonsten erwartet uns in jedem Kapitel eine unterhaltsame, stetig wechselnde Mischung.
Der Text berichtet über eine Vielzahl von Menschen und dem, was sie an jenem Tag erlebten, verwebt dies mit Informationen über bekannte Berliner Hotels, Bars oder Restaurants und einem allgemeinen Stimmungsbild. Durchsetzt ist dieser Text von gelegentlichen Tagesmeldungen der Polizei, internen Anordnungen, Zitaten aus Zeitschriften- oder Zeitungsartikeln und anderem - diese originalen Wortlaute sind ausgesprochen erhellend. Ich fand die Mischung gut gelungen und unterhaltsam, weil auf diese Art so viele unterschiedliche Eindrücke aufeinandertrafen. Durch diese abwechslungsreiche Erzählweise und den eingängigen Schreibstil läßt sich das Buch gut lesen.
Auch die Personen, von denen wir hier erfahren, sind gänzlich unterschiedlich. Es sind die ganz normalen Bürger der Stadt, ausländische Gäste, Sportler, Naziprominenz, Personen des Nachtlebens. Ich hätte mich gefreut, wenn der Fokus etwas mehr auf den ganz normalen Menschen gelegen hätte, aber das ist wahrscheinlich auch eine Frage der vorhandenen Quellen. Ein wenig gestört hat mich allerdings, daß dem Schriftsteller Thomas Wolfe so unverhältnismäßig viel Platz gewidmet wurde. Sicher ist seine innere Reise vom unkritischen Touristen zu jemandem, der die Monstrosität der braunen Diktatur allmählich begreift, interessant. Aber es ist bei weitem nicht die interessanteste Geschichte in diesem Buch und sie wird zudem mit unnötiger Detailfreude und viel Nebensächlichem erzählt. Auch die Abstecher nach Spanien, wo die Nazis sich auf ihren brutalen Eingriff den dortigen Konflikt vorbereiten, hielten sich mit nebensächlichen Details auf und waren für ein sich auf Berlin konzentrierendes Buch unnötig. Die zahlreichen Empfänge und Feiern der Naziprominenz glichen sich ein wenig zu sehr, um so ausführlich beschrieben zu werden. So gab es also einige Abschnitte, die mich weniger fesselten, dafür aber sehr viele, die ich ausgesprochen interessant und unterhaltsam fand.
Oliver Hilmes gelingt eine gute Balance zwischen unterhaltsamen Betrachtungen, amüsanten Anekdoten und der dunklen Seite des Regimes. Auch die damaligen Aussagen über Geschehen und Leute sind aufschlußreich. So schüttelt es einen, wenn der massenmordende Diktator mehrfach als gütig aussehend beschrieben wird oder wenn Amerikaner, die vor der Olympiade untersuchen sollen, ob deutsche jüdische Athleten von der Olympiateilnahme ausgeschlossen werden, sich selbst als Antisemiten - und "nebenbei" noch Rassisten - erweisen und ihren Auftrag halbherzig bzw. gar nicht ausführen. Dann liest man das Lob der Berliner Zeitungen, die die olympischen Spiele als "die schönsten Spiele aller Zeiten" bejubeln und hat das Gefühl, gerade einen Tweet Trumps gelesen zu haben...
Man lernt in diesem unterhaltsamen Buch richtig viel über Berlin, über die so unterschiedlichen Menschen und Schicksale und auch über die Sorgfalt, mit der die menschenverachtende Diktatur sich von einer bewußt harmlosen Seite zeigte, um erfolgreiche Augenwischerei zu betreiben. Im Anhang wird über das weitere Schicksal der erwähnten Menschen berichtet, auch dies war ausgesprochen lesenswert. Jesse Owens, der vom amerikanischen Präsidenten für seine fulminanten Olympiaerfolge nicht mal ein lobendes Wort erhielt und aufgrund seiner Hautfarbe zu seinem eigenen Festbankett mit dem Lastenaufzug fahren mußte, berührt hier sehr. Thomas Wolfe nimmt leider auch in dieser Aufzählung viel mehr Raum ein als andere mit beeindruckenderen oder interessanteren Lebenswegen - dieses Ungleichgewicht ist doch ein Wermutstropfen.
Insgesamt ist "Berlin 1936" ein absolut lesenswertes, originelles Buch, das die Balance aus Unterhaltung und Wissensvermittlung ausgezeichnet meistert und uns zudem zeigt, was Verharmlosung und Propaganda anrichten können.
Bewertung
5/5
24.08.2022
Buch (Gebundene Ausgabe)
Die unterschiedlichen Blickwinkel...
Die unterschiedlichen Blickwinkel und Vorkommnisse aus dem zwiegespaltenen Berlin während der Olympischen Spiele 1936, machen dieses Buch so interessant und kurzweilig.
Bewertung
5/5
06.07.2021
eBook (ePUB)
16 Tage im August
Dieses Buch ist ein ganz großes Leseerlebnis! Während der Olympischen Spiele im Sommer 1936 starten die Nazis eine Charme-Offensive, um den Rest der Welt über den wahren Charakter der Diktatur im Unklaren zu lassen. Und sie waren damit erfolgreich... Das beweisen die Stimmen von bekannten und weniger bekannten Personen in diesem Buch. 16 Tage in denen sich Deutschland weltoffen und gastfreundlich zeigte und fast alle blendete... Ganz großes Lesekino!
Kurze Frage zu unserer Seite
Vielen Dank für dein Feedback
Wir nutzen dein Feedback, um unsere Produktseiten zu verbessern. Bitte habe Verständnis, dass wir dir keine Rückmeldung geben können. Falls du Kontakt mit uns aufnehmen möchtest, kannst du dich aber gerne an unseren Kund*innenservice wenden.