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In deutschen Kliniken wird operiert, katheterisiert, bestrahlt und beatmet, was die Gebührenordnung hergibt - bei 1.600 Euro Tagespauschale für stationäre Beatmung ein durchaus rentables Geschäft. Dr. Matthias Thöns berichtet aus seiner jahrelangen Erfahrung von zahlreichen Fällen, in denen alte, schwer Kranke mit den Mitteln der Apparatemedizin behandelt werden, obwohl kein Therapieerfolg mehr zu erwarten ist. Nicht Linderung von Leid und Schmerz, sondern finanzieller Profit steht im Fokus des Interesses vieler Ärzte und Kliniken, die honoriert werden, wenn sie möglichst viele und aufwendige…mehr

Produktbeschreibung
In deutschen Kliniken wird operiert, katheterisiert, bestrahlt und beatmet, was die Gebührenordnung hergibt - bei 1.600 Euro Tagespauschale für stationäre Beatmung ein durchaus rentables Geschäft. Dr. Matthias Thöns berichtet aus seiner jahrelangen Erfahrung von zahlreichen Fällen, in denen alte, schwer Kranke mit den Mitteln der Apparatemedizin behandelt werden, obwohl kein Therapieerfolg mehr zu erwarten ist. Nicht Linderung von Leid und Schmerz, sondern finanzieller Profit steht im Fokus des Interesses vieler Ärzte und Kliniken, die honoriert werden, wenn sie möglichst viele und aufwendige Eingriffe durchführen. Thöns' Appell lautet deshalb: Wir müssen in den Ausbau der Palliativmedizin investieren, anstatt das Leiden alter Menschen durch Übertherapie qualvoll zu verlängern.
  • Produktdetails
  • Verlag: Piper
  • 2. Aufl.
  • Seitenzahl: 312
  • 2016
  • Ausstattung/Bilder: 312 S. 6 Tabellen.
  • Deutsch
  • Abmessung: 211mm x 131mm x 30mm
  • Gewicht: 439g
  • ISBN-13: 9783492057769
  • ISBN-10: 3492057764
  • Best.Nr.: 44880889
Autorenporträt
Prof. Karl Lauterbach, geboren 1963 in Düren, studierte Medizin und Gesundheitsökonomie in Deutschland und den USA. Er ist der Direktor des Instituts für Gesundheitsökonomie und Epidemiologie (IGKE) an der Universität zu Köln und lehrt an der Harvard School of Public Health. Der SPD-Politiker und Bundestagsabgeordnete war Mitglied der Rürup-Kommission, des Sachverständigenrats zur Begutachtung der Entwicklung im Gesundheitswesen und gehörte der Verhandlungskommission zur Gesundheitsreform an.
Rezensionen
Besprechung von 19.11.2016
Umsonst ist der Tod schon lang nicht mehr

Mit dem Notarzt durch die Pflegeheime: Wenn es ans Sterben geht, wird noch einmal richtig abkassiert. Der Palliativ-Mediziner Matthias Thöns plädiert für eine bessere Medizin am Lebensende.

Wollen sie unbedingt verfaulen und stinken bei lebendigem Leib?", fragt der Oberarzt die dreiundsiebzig Jahre alte Patientin mit bereits fortgeschrittenem Darmkrebs. Es klingt nicht nur wie eine Drohung, es ist auch so gemeint, wie wir aus dem engagierten Buch von Matthias Thöns erfahren, der sich als Palliativmediziner seit bald zwei Jahrzehnten um Sterbenskranke kümmert. Der zitierte Oberarzt bietet das volle Programm - Operation, Chemotherapie und Bestrahlung, aber die Patientin verweigert sich, zieht stattdessen bei der Familie der Tochter ein und stirbt nach einigen Wochen in deren Zuhause.

Thöns beschreibt viele Beispiele dieser Art. Mal gelingt es ihm und seinem Praxisteam, mit den Patienten und ihren Angehörigen gegen Widerstände den Wunsch nach einem möglichst schmerzfreien, friedlichen Tod zu Hause zu verwirklichen, mal nicht. Der Autor verfügt erkennbar über ein Arsenal an erstaunlich unaufwendigen Therapien, die vermutlich das Repertoire von so manchem Arztkollegen sinnvoll erweitern könnten. Wer weiß schon, dass ein Amphetaminpräparat, das sonst eher unruhige Kinder bekommen, einem Krebskranken aus seiner depressiven Lethargie heraushelfen kann?

Auch die Negativbeispiele sind lehrreich. Wer als Krebskranker angebotene Therapien verweigert, fällt in Ungnade. Nicht nur die erwähnte Dreiundsiebzigjährige wird "unehrenhaft" und umgehend entlassen. Dass Patienten von zurückgewiesenen Klinikärzten Hals über Kopf vor die Tür gesetzt werden, kommt offenbar häufiger vor, wenn man dem Buch glauben darf. Ist es Freitagmittag, fehlt der Arztbrief und kommt der Kranke ohne Tabletten nach Hause, muss er mitunter bis montags die Tumorschmerzen ertragen. Zudem ist das Heim nicht vorbereitet auf einen Schwerkranken, es gibt kein verstellbares Krankenbett, keinen Toilettenstuhl und auch keine anderen Hilfsmittel für die Versorgung. Dafür aber kaltschnäuzige Ratschläge wie den der Mitarbeiterin einer Betriebskrankenkasse, den kranken Vater auf eine Matratze auf den Boden zu legen.

Da Thöns und seine Mitarbeiter in solchen Notlagen oft verzweifelte Anrufe erhalten, schöpft er bei der eindrücklichen Schilderung der Beispiele aus dem Vollen. Er beschreibt schonungslos, etwa wie er nach dem zweifelhaften "Einsatz" des Notarztes bei einem dokumentiert todkranken Nierenkrebspatienten den dann bei der Wiederbelebung doch Verstorbenen in einer Blutlache vorfindet, während ihm noch der Beatmungsschlauch aus dem Mund hängt, Frau und Kinder weinend danebensitzen, der Notarzt raucht.

Oder er macht dem Leser mit Insiderwissen klar, wie sich die Dinge zum Unguten gewendet haben. Denn wenn der Notarztdienst heutzutage "Reise durch die Pflegeheime" heißt, dann beschreibt dies anschaulich die Tatsache, dass die Rettungsdienste nicht mehr in der Mehrzahl zu akut Unfallverletzten fahren, sondern unter Umständen alte, unheilbar kranke Menschen zum x-ten Mal in die Klinik bringen.

Der Autor erspart dem Leser auch nicht die nüchterne Sicht auf den in vieler Hinsicht schmerzhaften und unwürdigen Alltag von Menschen am Lebensende und den ihrer Angehörigen. Zum Beispiel den Krebspatienten, die ohne Aussicht auf Genesung Dialysetherapie erhalten, obwohl die Blutwäsche bei Tumorkranken das Leben meist nicht verlängern, aber massiv beeinträchtigen kann. Nicht nur, weil sie dreimal die Woche ganze Tage in der Dialysestation verbringen, Transport nicht eingerechnet. Die Blutverdünnung bringt Zahnfleisch- und Nasenbluten mit sich, anschließend fühlen sich die Kranken wie gerädert, sie leiden unter Durst und Mundtrockenheit, weil sie sich das Trinken oft verkneifen müssen.

Durchschnittlich 173 Tage im Jahr ist ein Dialysepatient entweder in der Blutwäschestation oder im Krankenhaus. Thöns berichtet von den Schmerzen der Demenzkranken, die über Jahre hinweg nicht erkannt werden, weil solch ein Patient "eh nix mehr mitkriegt". Ähnliche Ignoranz müssen Komapatienten erdulden, bei denen man aufgrund eines schnellen Herzschlages, Schweißausbrüchen, Krämpfen und anderen Anzeichen sehr wohl darauf kommen könnte, dass sie Schmerzen haben.

Eingängig sind die Beispiele auch da, wo es um die Gründe für das Hinauszögern des Todes um wirklich jeden Preis geht. Denn es hat allzu häufig mit den Preisen für die Therapien zu tun. Zum Beispiel mit der für Pflegeeinrichtungen höchst lukrativen Beatmung oder der künstlichen Ernährung, die inzwischen einen der Spitzenplätze bei den Kosten der ambulanten Krankenversorgung einnimmt. Hier verschafft Thöns dem Leser Einsichten in Bestechungsversuche, die bisher kaum bekannt wurden. So rechnen ihm findige Ernährungsberater vor, dass die Provisionen von Firmen für zwei bis drei Patienten, denen man die künstliche Ernährung mittels Magensonde andient, schon geeignet sind, eine Stelle für eine weitere Mitarbeiterin zu finanzieren, von persönlichen Annehmlichkeiten als Sahnehäubchen ganz abgesehen. Dass überall eine Menge Geld im Spiel ist, argwöhnen inzwischen viele, Thöns' Beispiele beglaubigen, dass es nicht nur Verschwörungstheoretiker sind.

Leider verkommt manche Klage zu einem Rundumschlag. Dass die Leitlinie der Deutschen Gesellschaft für Ernährung in Sachen Magensonde für Krebskranke nicht so stringent ablehnend formuliert ist wie die europäische, ist eine wichtige Information. Ebenso, dass die Erstellung dieser Leitlinie von den Herstellern der teuren Sondennahrung - Baxter, Braun Melsungen und Fresenius - hierzulande finanziell unterstützt wurde.

Wenn aber dann ein Lamento über die hinreichend bekannten Protagonisten, die eifrig Honorare von der Pharmaindustrie abgreifen, folgt, wenn es hierbei um neue Blutverdünnungsmittel geht und um andernorts schon an den Pranger gestellte Neurologen, dann leidet die Stringenz der Argumentation in einem Buch, in dem eigentlich ganz andere Patienten im Mittelpunkt stehen. Nicht nur an solchen Stellen hätte man dem Buch ein aufmerksameres Lektorat gewünscht.

Thöns will nicht frustriert klingen und Dampf ablassen, wie er betont, tut es aber doch. Es scheint in der Krebs- und Palliativmedizin nur die Trennlinie zwischen Gut und Böse zu geben - hier den ambulant tätigen Palliativmediziner, der verständnisvoll Stunde um Stunde bei den Sterbenden und ihren Angehörigen bleibt. Dort den Klinikarzt, der den stationär versorgten Kranken nach allen Regeln der Krankheitspauschalen ausbeutet, assistiert von Controlling-Ärzten, die für die teuerste Abrechnung geeignete Kennziffern ankreuzen. Natürlich ist es mehr als fragwürdig, eine sehr alte Patientin mit fortgeschrittenem Brustkrebs noch mit nebenwirkungsreichen und absehbar erfolglosen Chemotherapien und Bestrahlungen zu traktieren. Dennoch ist es die Bestrahlung nach einer brusterhaltenden Operation, die für viele Frauen langfristig eine dauerhafte Heilung bringt. Strahlentherapie garantiert eben nicht nur strahlende Gewinne, diesem Irrtum könnte der wenig informierte Leser bei der Lektüre jedoch leicht erliegen.

Alle Schieflagen der Darstellung werden durch die im Anhang abgedruckte, vom Autor mustergültig formulierte Patientenverfügung wettgemacht. Wer je eine der nichtssagenden und unbrauchbaren Patientenverfügungen gelesen hat, die sogar Landesärztekammern zur Verfügung stellen, der weiß zu schätzen, dass hier ein vorbildliches Dokument zusammengestellt wurde.

MARTINA LENZEN-SCHULTE

Matthias Thöns: "Patient ohne Verfügung". Das Geschäft mit dem Lebensende.

Piper Verlag, München 2016. 320 S., geb., 22,- [Euro].

Alle Rechte vorbehalten. © F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main
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"Jeder sollte das Buch gelesen haben.", Trust, 05.06.2017
»Das vorliegende Buch ist ein wichtiger beitrag. Mit großer Detailkenntnis schreibt Matthias Thöns vom ›Geschäft mit dem Lebensende‹, das mit ›Patient(en) ohne Verfügung‹ in den deutschen Kliniken gemacht wird. (...) Dem Buch ist eine weite Verbreitung, eine innerärztliche Diskussion und ihr folgende Veränderungen zu wünschen.«, Deutsches Ärzteblatt, 24.03.2017