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70 Jahre Kriegsende
Über 5000 Familiennachlässe hat Walter Kempowski gesammelt und archiviert. Regisseur Walter Adler hat aus den unzähligen Briefen, Tagebüchern und Alltagsdokumenten eine lebendige und facettenreiche Erinnerung an das Jahr 1945 geschaffen: So zeichnen die privaten Erfahrungen und Erlebnisse detaillierte, überaus persönliche Bilder vom Ende des Zweiten Weltkriegs, hörbar als überwältigende Chronik der Stimmen.
(7 CDs, Laufzeit: 8h 56)
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Produktbeschreibung
70 Jahre Kriegsende

Über 5000 Familiennachlässe hat Walter Kempowski gesammelt und archiviert. Regisseur Walter Adler hat aus den unzähligen Briefen, Tagebüchern und Alltagsdokumenten eine lebendige und facettenreiche Erinnerung an das Jahr 1945 geschaffen: So zeichnen die privaten Erfahrungen und Erlebnisse detaillierte, überaus persönliche Bilder vom Ende des Zweiten Weltkriegs, hörbar als überwältigende Chronik der Stimmen.

(7 CDs, Laufzeit: 8h 56)
Autorenporträt
Rolf Boysen wurde 1920 in Flensburg geboren. Nach einer kaufmännischen Ausbildung und Kriegsdienst begann er seine schauspielerische Ausbildung in Hamburg. Ab 1948 war er an den staatlichen Bühnen in Dortmund, Kiel, Hannover und Bochum engagiert. Von 1957 bis 1968 gehörte Rolf Boysen zum Ensemble der Kammerspiele in München. Danach spielte er zehn Jahre am Deutschen Schauspielhaus Hamburg, unter anderem 1969 die Titelrolle in Fritz Kortners Inszenierung von Schillers "Don Carlos". Seit 1978 stand Rolf Boysen wieder auf der Bühne der Münchner Kammerspiele und gilt bis heute als Doyen des Ensembles um Dieter Dorn - 2000 wechselte er mit ihm ans Münchner Residenztheater. Von 1993 bis 1999 verkörperte Boysen Shakespeares "König Lear" unter der Regie von Dieter Dorn, eine besondere und doch nur eine der mehr als hundert Rollen seiner Laufbahn. Als "Wallenstein" und "Michael Kohlhaas" ist er im Fernsehen auch einem breiten Publikum begegnet. Im Januar 2000 erhielt 'der großartige Schauspielkünstler' (SÜDDEUTSCHE ZEITUNG) den "Kulturellen Ehrenpreis der Stadt München". Boysen liebt die komplexen Figuren, er gibt ihnen, was ihnen scheinbar fehlt, Einfachheit und damit Leben. Er nimmt ihnen nichts von ihrer Fremdheit aber er macht sie verständlich'. Wieland Schmied, Präsident der Akademie der schönen Künste (SÜDDEUTSCHE ZEITUNG, 22.01.2000). Für den Hörverlag las er einige seiner gesammelten Essays aus "Nachdenken über Theater", die 1997 im Verlag der Autoren erschienen sind. In Umberto Ecos "Der Name der Rose" spricht er die Rolle des Malachias von Hildesheim. 2014 verstarb Rolf Boysen im Alter von 94 Jahren in München. Traugott Buhre gehört zu den besten Schauspielern auf deutschen Bühnen. Bekannt und berühmt ist er spätestens seit de Thomas-Bernhard-Stück "Der Theatermacher", das ihm in der Regie von Claus Peymann und seit der ersten Inszenierung 1985 wie auf den Leib geschrieben schien. Als Filmschauspieler war Traugott Buhre u.a. in "Anatomie" und "Notturno" zu sehen, der Verfilmung von Franz Schuberts Leben. Ulrich Matthes, geboren in Berlin, ist nach zahlreichen festen Engagements u.a. an den Kammerspielen München und der Schaubühne Berlin seit 2004 festes Ensemblemitglied am Deutschen Theater Berlin. Daneben glänzte er in Filmen wie z. B. Oliver Hirschbiegels Der Untergang oder Volker Schlöndorffs Der neunte Tag. 2005 und 2008 wählte ihn die Jury von Theater heute zum Schauspieler des Jahres, 2008 wurde er mit dem Theaterpreis Der Faust ausgezeichnet. Ulrich Matthes ist einer der gefragtesten deutschen Hörbuch- und Hörspielsprecher. Rosemarie Fendel, eine der großen deutschen Charakterdarstellerinnen, hat alle "Fünf Freunde"- Titel bei den Audionauten vorgelesen, in der ELTERN-Edition "Abenteuer Hören" von Ottfried Preussler "Die Abenteuer des starken Wanja" sowie von Carlo Collodi "Pinocchio". Ulrich Noethen, geboren 1959 in München, ist ein vielseitiger Schauspieler, der den Bösewicht genauso überzeugend verkörpert wie den gutmütigen Kinderstar. Das junge Publikum kennt Ulrich Noethen als Herr Taschenbier in der Verfilmung der Sams-Bücher und als Vater Bernhard in den Bibi Blocksberg-Filmen. Mit seiner melodiösen, warmen Erzählstimme hat er viele Hörbücher gesprochen. Nach seiner Schauspielausbildung an der Hochschule für Darstellende Kunst in Stuttgart, spielte er auf vielen Bühnen klassische und moderne Rollen. In den letzten zehn Jahren war er zunehmend und mit großem Erfolg als Filmschauspieler tätig. Er wurde u.a. mit dem Goldenen Löwen, dem Bayerischen Filmpreis und dem Bundesfilmpreis ausgezeichnet. Burghart Klaußner, geb. 1949 in Berlin, erhielt seine Schauspielausbildung an der Max-Reinhardt-Schule für Schauspiel in Berlin. Er hatte Engagements am Maxim Gorki Theater Berlin, Schauspielhaus Bochum, Schauspielhaus Zürich, Deutsches Schauspielhaus in Hamburg u.v.a. Außerdem wirkte er in zahlreichen Film- und Fernsehproduktionen mit und wurde mehrfach ausgezeichnet. Zuletzt mit dem deutschen Filmpreis für seine Rolle in "Das weiße Band". Imogen Kogge, geboren 1957 in Berlin, studierte von 1976 bis 1980 an der Berliner Hochschule der Künste. Unter den Regisseuren Peter Stein und Luc Bondy feierte sie an der Schaubühne am Lehniner Platz große Erfolge. Zusätzlich begann Kogge ab 1997 als freiberufliche Schauspielerin für Film und Fernsehen zu arbeiten. Von 2002 bis 2010 spielte sie die Hauptkommissarin Johanna Herz in der ARD-Reihe "Polizeiruf 110". Daneben war sie in Kinoerfolgen wie "Barfuß" (2004), "Requiem" (2006) und "Russendisko" (2012) zu sehen. Im Jahr 2006 erhielt Imogen Kogge sowohl den Adolf-Grimme- als auch den Deutschen Filmpreis. Mittlerweile steht sie auf der Bühne des Düsseldorfer Schauspielhauses.
Trackliste
CD 1
1Januar00:00:27
2Januar00:05:35
3Januar00:04:19
4Januar00:03:32
5Januar00:05:11
6Januar00:03:48
7Januar00:06:25
8Januar00:05:16
9Januar00:05:22
10Januar00:03:49
11Januar00:03:47
12Januar00:03:10
13Januar00:04:43
14Januar00:03:52
15Januar00:03:49
16Januar00:04:42
17Januar00:05:19
18Januar00:05:01
CD 2
1Januar00:03:46
2Januar00:04:44
3Januar00:04:26
4Januar00:03:26
5Januar00:05:32
6Januar00:05:52
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12Februar00:06:06
13Februar00:05:16
14Februar00:04:13
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CD 3
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12Februar00:05:00
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15Februar00:03:40
16Februar00:05:31
Rezensionen

Süddeutsche Zeitung - Rezension
Süddeutsche Zeitung | Besprechung von 10.03.2015

Ohne Unterbrechung Alarm
Vor zwanzig Jahren schufen Walter Adler und Walter Kempowski ein Hörstück über
die letzten Monate des Zweiten Weltkriegs – In dieser Form wird die Geschichtserzählung zum Denkmal
VON JENS BISKY
Vernünftig wäre es, wenn man endlich Walter Kempowski folgen und dieses Hörstück ununterbrochen in der Neuen Wache, Unter den Linden, spielen würde: „und wenn es einmal zu Ende ist, von vorne wieder beginnen, jahre-, jahrzehntelang, bis eines Tages sowieso alles vergeht . . . Die Menschen würden kommen, es regnet vielleicht, und sie hören einen Fetzen aus einer ganz anderen Zeit herüberwehen, sie gehen weg, andere kommen wieder. Ein Kommen und Gehen, und es wird gesprochen, die Zeugnisse dieser Zeit werden weiterverkündet.“ Das Gespräch, in dem er dies vorschlug, steht im Beiheft zur Neuveröffentlichung von „Der Krieg geht zu Ende“.
  Das akustische Denkmal – „wie eine Rauchsäule, die gen Himmel steigt“ – könnte den Missgriff Helmut Kohls ungeschehen machen, der an dieser Stelle 1993 zum Gedenken an die „Opfer für Krieg und Gewaltherrschaft“ eine willkürlich vergrößerte Skulptur von Käthe Kollwitz aufstellen ließ, „Mutter mit Sohn“.
  Ob die ehrwürdige Form der Pietà zusammen mit der unbestimmten Inschrift nicht alle Unterscheide verwischen würde, ist in den Neunzigerjahren, in der Hochzeit erinnerungspolitischen Streits, viel diskutiert worden. Der Historiker Reinhart Koselleck, seit 1941 Soldat der Wehrmacht, seit Mai 1945 in sowjetischer Kriegsgefangenschaft, kritisierte damals, die Pieta schließe die Juden und die Frauen aus, „die beiden größten Gruppen der unschuldig Umgebrachten und Umgekommenen des Zweiten Weltkrieges“.
  Das Hörstück beruht auf dem Riesenwerk „Echolot“, der Collage aus Erinnerungen, Briefen, Berichten, für die Walter Kempowski über Jahre Tausende Nachlässe gesammelt hatte. Das Jahr 1945 galt ihm dabei als Zentrum des Werks. Zu Wort kommen Prominente und Namenlose, Täter und Opfer, Verblendete und Desillusionierte. Die Auswahl aus dem Textmaterial, die der Regisseur Walter Adler traf, ergibt kein Panorama, sie sollte nicht mit einem abgeschlossenen, alles umfassenden Bild verwechselt werden. Dieser Chor ist auf Ergänzung angelegt, auf weitere Stimmen, andere Erfahrungen.
  Ein „kollektives Tagebuch“ der letzten Kriegsmonate ist eine Zumutung, denn das „Kollektiv“ umschließt absichtsvoll Gemordete – das Töten in den Konzentrationslagern geht weiter –, Soldaten in Uniform, Zivilisten im Luftschutzbunker oder auf der Flucht. Dieser Stimmenchor vergegenwärtigt eine Gemeinschaft der Zeitgenossen, die Geschichtsschreibung voneinander unterscheiden muss: nach Positionen und Interessen, Lebensläufen, Überlebenschancen. Indem sie hier nebeneinander stehen, wird allerdings eine verbreitete Unsitte unterlaufen: die häppchenweise, Zusammenhänge vernebelnde Betrachtung erst des Schicksals der verfolgten und ermordeten Juden, dann des der deutschen Vertriebenen, daneben des Bombenkriegs und – wiederum als Einzelfall – des NS-Terrors gegen die Männer und Frauen des 20. Juli oder gegen Deserteure – eines Terrors, der wesentlich dazu beitrug, den Krieg zu verlängern.
  Kempowski und Adler bieten selbstredend keine analytische Geschichtsschreibung, aber ihr Chor der Zeitgenossen, der Mitlebenden provoziert Fragen, statt Antworten zu inszenieren oder, schlimmer noch, zu sentimentalen Abwehrgesten einzuladen. Wer es genauer wissen will, kann – anders als Kempowski während der Arbeit an „Echolot“ zu Ian Kershaws großer Studie „Das Ende. Kampf bis in den Untergang – NS-Deutschland 1944/45“ greifen, die auf Deutsch 2011 erschien.
  „Wenn der Krieg aus ist, dann ist alles sicher schnell wieder vergessen.“ – „Wenn der Krieg vorbei ist, ist von alter deutscher Kultur wahrscheinlich nur noch in kleineren Städten etwas zu finden.“ – „Wenn wir den Krieg verlieren, sind wir nach allgemeiner Überzeugung selbst daran schuld, und zwar nicht der kleine Mann, sondern die Führung.“ – „Hiermit fängt nun ein neues Jahr an und ich drück’ uns beide Daumen, dass es ein gutes Jahr wird, dass uns wieder nach Hause bringt und uns Kurt wiedergibt.“ – „Wie das alte Jahr endete, so beginnt das neue, denn heute war von neun Uhr morgens bis fast 17 Uhr nachmittags ohne Unterbrechung Alarm.“ – „Ziemlich gleichgültig das neue Jahr begrüßt.“ – „Um 12 Uhr Vollalarm, das ist das neue Jahr.“
  Mit diesen Sätzen beginnt das Hörstück. Keine Ansage informiert, wer da spricht, in welcher Situation so gedacht und geschrieben wurde. So ist man zur Aufmerksamkeit gezwungen, muss genau zuhören, will man die Berichte, Meinungen. Wünsche verstehen, sich zu ihnen verhalten. Dieses Hörbuch ist eine Herausforderung vor allem dank seiner akustischen Kargheit. Weder Musik noch Geräusche schaffen Vertrautheit oder Stimmung. Die Schauspielerinnen und Schauspieler verleihen den Hunderten Figuren Individualität, ohne dabei die Sympathien des Hörers zu steuern. Es sind viele der besten Sprecher des Landes dabei, einige – etwa Ulrich Mühe, Otto Sander, Rolf Boysen – sind inzwischen gestorben. Gerade weil es keine Dialoge, höchstens berichtete Gespräche gibt, weil jeder für sich von sich erzählt, überzeugt das Hörbuch als Ensembleleistung. Über knapp neun Stunden hinweg wird der richtige Ton getroffen.
  Die Flucht vor der Roten Armee, die so viele zivile Opfer kostete, weil man bis zum letzten Augenblick ausharrte und dann unvorbereitet ins Chaos des Rückzugs geriet, der Bombenangriff auf Dresden, Vergewaltigungen durch Sowjetsoldaten nehmen großen Raum ein. Man hört von Erschießungen in den KZs, vom Grimm der Volksgenossen auf Nazibonzen, „Goldfasane“, die sich um jeden Preis zu retten versuchten, man lauscht abfälligen Urteilen über jene, die auf die Soldaten der Alliierten zugingen, mit ihnen sprachen.
  Der Hörer mag fragen, ob die Proportionen stimmen, aber das gesamte Vorhaben richtet sich gegen den Geist einer Aufrechnung und einer Opferkonkurrenz. Die dichte Folge von Gewaltszenen, von Hunger, Elend, Tod und Mord, die unaufhaltsame Eskalation der Schrecken, scheint dem Recht zu geben, der gegen Ende sagt, er habe in diesem Krieg nie etwas anderes gesehen als eine „nihilistische Großkundgebung“.
  Einer geht wieder pflichteifrig ins Werk; einer erinnert, wie die Rote Armee ins Lager kam, die SS entwaffnet; eine andere mustert gemeinsam mit NKWD-Leuten Denunziationslisten, widerwillig, aber doch froh, dass hundertprozentige Nazis ihre Strafe finden; andere fühlen sich dumpf, freudlos oder erleichtert, unsicher. Es wird – dies zeigt die Zusammenstellung der Zeugnisse für die Tage nach der bedingungslosen Kapitulation – Zeit brauchen, bis das Ende des Dritten Reichs als Befreiung verstanden wird und bis die unterschiedlichen Geschichten von Kriegsende erzählt werden können. 
Walter Kempowski: Das Echolot. Der Krieg geht zu Ende. Regie: Walter Adler. Gelesen von Rolf Boysen, Rosemarie Fendel, Burghart Klaußner, Ulrich Noethen, Friedhelm Ptok u.v.a. Der Hörverlag, München 2015. 7 CD, 536 Minuten, 29,99 Euro.
„Wenn der Krieg aus ist,
dann ist alles sicher
schnell wieder vergessen.“
 
Die erfolgreiche
Familienchronik von „Tadellöser & Wolff“
bis hin zu „Herzlich
Willkommen“ ergänzte Walter Kempowski (1929–2007) durch das kollektive Tagebuch „Echolot“. Foto: dpa
„Der Krieg ist zu Ende. Seit fünf Jahren,
acht Monaten und acht Tagen haben wir sehnsüchtig auf diese Meldung gewartet.“
– Berlin, 1945.
Foto: Ursula Röhnert
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