Privacy - Singh, Dayanita
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Produktdetails
  • Verlag: Steidl
  • Seitenzahl: 115
  • Erscheinungstermin: Januar 2004
  • Deutsch, Englisch
  • Abmessung: 246mm x 207mm x 20mm
  • Gewicht: 700g
  • ISBN-13: 9783882439625
  • ISBN-10: 3882439629
  • Artikelnr.: 12413218
Autorenporträt
Dayanita Singh was born in New Delhi in 1961 and studied at the National Institute of Design in Ahmedabad and the International Center of Photography in New York. Singh has exhibited at institutions including the Serpentine Gallery in London and Hamburger Bahnhof in Berlin. Handcrafting books is central to her practice.
Rezensionen

Frankfurter Allgemeine Zeitung - Rezension
Frankfurter Allgemeine Zeitung | Besprechung von 07.10.2004

Macht der Intimität: Indien einmal anders

Mrs. Bijli sitzt, umflossen von ihrem Sari, auf einem Louis-Quinze-Sofa, einem Blattgoldmonstrum, echt oder teuer gefälscht, an den Wänden Rokoko-Gemälde, auf dem Boden ein achtlos verrutscher Perser-Teppich, und schaut mit müden Augen stumm fragend in die Kamera, als wolle sie sagen: Seht her, das alles ist meins, was soll ich damit? Ist das Foto einer schwerreichen, europäischen Geschmack bis an die Schmerzkitschgrenze imitierenden Inderin obszön, entlarvend, anklagend? Es ist nichts von alldem, sondern ein ebenso selbstverständlicher Teil Indiens wie das Pilgerfest am Ganges. Es ist ein Indien, das derjenige nicht sieht, der dem Land kein Recht auf eine eigene Realität zugestehen, sondern nur den Hunger seiner Vorstellungen stillen will.

Die Fotografin Dayanita Singh, eine Tochter der besseren Gesellschaft, hat lange die menschliche Misere ihrer Heimat dokumentiert, Kinderprostituierte mit Aids, Eunuchen, die auf Friedhöfen hausen. Dann wollte sie nicht mehr mit dem Elend anderer ihren Lebensunterhalt verdienen, und fing an, leere Räume, vor allem aber Freunde und Verwandte zu fotografieren, meist glückliche Mitglieder der Oberschicht aus Delhi, Bombay, Kalkutta, Bangalore. Diese Porträts sind eine Negation des gängigen Indien-Bildes, quasi das Negativ des Klischees: Es sind Schwarzweißaufnahmen aus dem farbenprächtigsten Land der Erde. Bilder voller Ordnung, Stille und Leere aus dem lautesten und chaotischsten Gemeinwesen der Welt, in dem alles Glaube, alles Religion zu sein scheint. Hier aber geht es um Profanes, um elegante Häuser, kostbare Kleider, perfektes Make-up, schöne Frauen. Singh ist dabei aber nicht der Arrangeur, das überläßt sie den Menschen, die sich so präsentieren, wie sie sich selbst sehen wollen. Sie können es gefahrlos tun, denn Singh macht sich nie lustig, auch wenn es so leicht wäre, weil sich die Porträtierten manchmal unter schauerlichen Mona-Lisa-Repliken zum Familienfoto zusammensetzen. Gerade die Distanz der Nichteinmischung schafft eine subversive Nähe, vor der man beinahe erschreckt - etwa wenn zwei junge Frauen in Minirock und Satin-Hemdchen den Betrachter mit einem Blick anschauen, der auf verstörende Weise intim ist, weil er genau den kurzen Lebensmoment offenbart, in dem die beiden Mädchen die Wirkung ihrer eigenen Schönheit schon entdeckt, aber noch keine Vorstellung von deren Macht haben. Das ist wirklich ein Privatissimum.

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"Privacy" von Dayanita Singh. Mit einem Essay von Britta Schmitz. Steidl Verlag, Göttingen 2003. 115 Schwarzweißfotografien. Broschiert, 25 Euro. ISBN 3-88243-962-9.

Alle Rechte vorbehalten. © F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main
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Perlentaucher-Notiz zur FR-Rezension

Daniel Kothenschulte stellt die indische Fotografin Dayanita Singh vor, die im vorliegenden Band mit einer für sie neuen Fotogattung vertreten ist. Bekannt geworden ist Singh mit Porträts von indischen Prostituierten und Eunuchen. Im Vorwort des Buches "Privacy" erklärt Singh nun, dass sie mit der "Elendsfotografie" nichts mehr zu tun haben möchte. Für das neue Buch begibt sie sich in die Tradition der Familienfotografie zurück, die in Indien, wie Kothenschulte erklärt, ein äußerst populäres Medium sei. Schon die Mutter Singhs hatte fotografiert - in manchen Familien werden alte Originalaufnahmen aus dem späten 19. und frühen 20. Jahrhundert wie Schätze gehütet. Singh entstammt der indischen Oberschicht, weiß Kothenschulte, von dessen Luxus und postkolonialen Ritualen auch das Bollywoodkino kaum einen Eindruck vermitteln würde. Die Fotografin hat sich für die Schwarzweiß-Aufnahmen in diesem Band auf die Familie und den Bekanntenkreis konzentriert; viele Bilder wirken wie aus dem Fotoatelier in früherer Zeit, meint der Rezensent. Sie seien streng komponiert, behielten aber die Lebensräume der Porträtierten stets im Blick. Das Seltsame daran sei, überlegt Kothenschulte, dass ihm auch bei diesen Aufnahmen die Elendsfotografie in den Sinn gekommen sei: denn ob Singh Reichtum oder Armut zeigen würde, spiele bei dem "humanistischen Ton der Fotos" eigentlich keine Rolle.

© Perlentaucher Medien GmbH
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