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Als die Schreibstube des Erzählers dem urbanistischen Größenwahn des Diktators zum Opfer fällt, kehrt Mircea in die Wohnung der Eltern zurück, wo die Vergangenheit wieder lebendig wird. Bukarest leuchtet - die Stadt wird zur Literatur, wenn er Urgroßvater Vasile herbeihalluziniert oder wenn sich Urgroßmutter Maria allmorgendlich in einen Schmetterling verwandelt. In diesem irrwitzigen Roman voller Alpträume, dem zweiten Teil der "Orbitor"-Trilogie des Schriftstellers aus Rumänien, fügen sich Phantastik und Physik, Tradition und Moderne, Sinnlichkeit und Abstraktion zu einem Kunstwerk.…mehr

Produktbeschreibung
Als die Schreibstube des Erzählers dem urbanistischen Größenwahn des Diktators zum Opfer fällt, kehrt Mircea in die Wohnung der Eltern zurück, wo die Vergangenheit wieder lebendig wird. Bukarest leuchtet - die Stadt wird zur Literatur, wenn er Urgroßvater Vasile herbeihalluziniert oder wenn sich Urgroßmutter Maria allmorgendlich in einen Schmetterling verwandelt. In diesem irrwitzigen Roman voller Alpträume, dem zweiten Teil der "Orbitor"-Trilogie des Schriftstellers aus Rumänien, fügen sich Phantastik und Physik, Tradition und Moderne, Sinnlichkeit und Abstraktion zu einem Kunstwerk.
  • Produktdetails
  • Orbitor Trilogie Bd.2
  • Verlag: Zsolnay
  • Artikelnr. des Verlages: .551/05504, 551, 551/05504
  • Seitenzahl: 606
  • Erscheinungstermin: 29. August 2011
  • Deutsch
  • Abmessung: 207mm x 136mm x 48mm
  • Gewicht: 725g
  • ISBN-13: 9783552055049
  • ISBN-10: 3552055045
  • Artikelnr.: 33337345
Autorenporträt
Mircea Cartarescu wurde 1956 in Bukarest geboren und lebt in seiner Heimatstadt. Zahlreiche Auslandsaufenthalte u. a. in Berlin, Stuttgart, Wien, Florenz. Leipziger Buchpreis für Europäische Verständigung (2015), Österreichischer Staatspreis für Europäische Literatur (2015), Thomas-Mann-Preis, Premio Formentor (beide 2018). Auf Deutsch erschienen zuletzt bei Zsolnay die "Orbitor"-Trilogie (2007 bis 2014) sowie der Erzählungsband Die schönen Fremden (2016). Im Herbst 2019 folgt sein Opus Magnum, der Roman Solenoid.
Rezensionen
Besprechung von 26.11.2011
Monolith im Affenstaat

Literatur als Labyrinth: Mircea Cartarescus eigensinniger Roman "Der Körper" wagt ein biochemisches Experiment mit den Mitteln der Sprache.

Von Katharina Teutsch

Dieses Buch ist so unvermittelt zu uns gekommen wie der Monolith aus "2001: A Space Odyssee" zu den gaffenden Uraffen. Das macht es für die Kritik zu einem nur schwer zu ermessenden Fund. Kann ein Artefakt, das zwar aus dieser Welt stammt, offenbar aber lange schon nicht mehr von dieser ist, vor unserem weltlichen Gericht bestehen?

In diesem Herbst ist der zweite Teil der dreibändigen Orbitor-Trilogie des Rumänen Mircea Cartarescu in Deutschland erschienen. Insgesamt umfasst das zwischen 1997 und 2007 verfasste Werk mehr als eintausendfünfhundert Seiten. Über ein Drittel davon enthält allein "Der Körper", dessen Titel Programm ist, handelt es sich doch um ein biochemisches Experiment auf literarischem Boden. Froschtümpelartig blubbert es vor sich hin, wenn der Erzähler seinen Helden namens Mircisor Cartarescu ins kommunistische Bukarest zurückversetzt.

Wie bereits im ersten Band ist die Ausgangsposition dieser metaphysischen Ich-Erkundung ein Bettkasten im ehemaligen Kinderzimmer. Von einem sozialistischen Wohnblock im Ceausescu-Format blickt Mircisor noch immer hinunter auf die Stefan-cel-Mare-Chaussee mit ihren purpurnen Sonnenuntergängen, den wirr verknoteten Stromkabeln, der rumpelnden Straßenbahn und den "kubistischen Häusern aus der Zwischenkriegszeit". Unter diesem Blick weitet sich der Raum wie in einem Spiegelkabinett in immer neue Fluchten eines vergangenen, eines gegenwärtigen und eines zukünftigen Lebens. Cartarescu selbst spricht bereits auf Seite zwölf von einem "Aleph in alephter Potenz". So liegt es nah, den Bettkasten, auf dem inzwischen ein junger Erwachsener Posten bezogen hat, mit Borges' Erzählung über das "Aleph" kurzzuschließen. Es handelt sich dabei um einen Punkt im Keller eines blasierten Schriftstellers, von dem aus Raum und Zeit zu einer Einheit verschmelzen, zu einem Überauge, einem hypersensiblen Sinnesorgan, dessen Nervenenden unmittelbar in den Kern des Weltgeschehens vordringen. Weil Größenwahn und Höhenrausch konstitutiv für diese Prosa sind, wird Borges' Hypervision souverän in "alephter Potenz" übertrumpft.

Was man indes über die Größe des 1956 in Bukarest geborenen Mircea Cartarescu mit Fug und Recht behaupten kann: Er ist der avancierteste und darin sicher wichtigste Autor des postkommunistischen Rumänien. Im Ausland ist er bereits mit Joyce, Proust und Pynchon verglichen worden. In seiner rumänischen Heimat, so giftete Cartarescu vor ein paar Jahren, nur mit drittklassigen Kollegen. Tatsächlich ist das Werk dieses Autors, der vor etwa zehn Jahren mit seinem Erzählungsband "Nostalgia" in Deutschland kurz bekannt wurde, eine Klasse für sich. Das erkennt man unter anderem daran, dass die Kritik für seine körperreiche Sprache, die exaltierten Manierismen, seinen metaphysischen Gemischtwarenladen, die erzählerischen Wundertüten, Räuberpistolen und neurologischen Metaphern noch nicht die richtigen Begriffe gefunden hat. Doch das spricht am Ende ja eher für als gegen das Werk.

Bei der Orbitor-Trilogie, was übersetzt "blendendes Licht" heißt, handelt es sich nämlich um eine Literatur in Bildern. Cartarescu arbeitet sich im Steinbruch seines Unbewussten ab, fördert Albträume, Halluzinationen und Phantasmagorien ans Tageslicht. Großartige Passagen saugen den Leser in Lupanarien, wie sie Hieronymus Bosch nicht besser in seinen "Garten der Lüste" hätte hineinmalen können. So führt uns eine Episode zur Glaubensgemeinschaft der Skopzen, die im Schwitzbad sündig werden und in der Selbstentmannung Vergebung, Erleuchtung und schließlich jede Menge Nachahmer finden.

Stand im ersten Band die numinose Sekte der "Wissenden" im Mittelpunkt, so führt Cartarescu seine Leser nun direkt hinein in einen sprachlichen Kosmos, der pulsiert und zuckt, der alle Geschichten, Erinnerungen und zuletzt das Buch gewordene Manuskript des Helden in sich trägt und sich unter dem Blick des Lesers neu zusammensetzt.

Besonders stark erweisen sich all jene Passagen, in denen Cartarescu seine phantasmagorischen Exzesse auf der Ebene realsozialistischer Surrealitäten durchspielt. So gehört die Episode seiner teppichknüpfenden Mutter Maria zu den besten dieses Bandes. Darauf zu sehen sind "märchenhafte Blumen, rätselhafte Tiere, Wasserbecken mit Springbrunnen in der Mitte, unverständliches Farbengewirr, an seinem Platz dennoch passend". Ein Teppich, vor dem Maria mit offenen Augen träumt und der sich unter ihrer Bearbeitung mehr und mehr in einen ornamentalen Staub- und Traumfänger verwandelt. Auswuchernd und bedrohlich, mit Bildern und Szenen, auf denen mit genügend Phantasie ein römischer Kaiser zu sehen ist, der seine "krampfadrigen Füße auf einen purpurnen Schemel stellt". Verhängnisvollerweise zeigt dieses quellende Gebilde auch seine Wirkung auf die Eberfleisch ausdünstenden Männer der Securitate. Sie erkennen Geheimoperationen ihrer eigenen Organisation auf dem Teppich oder den Ort des neuen Kosmodroms, sie sehen die Stationierung der neuen sowjetischen Kernwaffen sowie Bilder von Marilyn Monroe. Eine phantastische Wucherung mit Ausschlägen ins Paranoide. Sie verwandelt eine einfache, durch Kapriolen der Phantasie ins Visier der Staatsmacht geratene Arbeiterin in ein "schwärzliches" Mütterchen, das sich fortan beim Geruch von Eberfleisch gründlich übergeben muss.

Was hat "Der Körper" noch zu bieten? Wie bereits in dem 2010 erschienenen Roman "Travestie" gibt es Hinweise auf einen traumatischen Hermaphrodismus. Auch taucht ein verlorener Zwilling auf, der entweder nach Holland entführt wurde oder vielleicht auch nur ein Gespinst seines Erfinders ist, wie so vieles in diesem Buch dem Halluzinatorischen entspringt. So gibt es bei Cartarescu herrlich verzerrte Architekturen, rabenschwarze Aufzugschächte und monströse Wohnblocklabyrinthe. Schmetterlinge in allen Varianten, mal als prachtvolle Opfertiere im Maul einer Tarantel, mal als Rohrschachtest eines inhaftierten Trinkers, führen das allegorische Rudel an.

"Ein Buch", sagt der bereits aus dem ersten Band bekannte Herman, "sei schließlich ein Sieb, eine Auswahlvorrichtung, eine Abfolge immer schwieriger werdender Raster und Prüfungen, so dass sich die Horde von Lesern, die in die große Eingangshalle dringe, unterwegs verliere, sich, wenn möglich schon nach den ersten zehn Seiten, halbiere und nach den ersten hundert Seiten auf ein Zehntel beschränke."

Man wünscht ausgerechnet diesem Werk ein anderes Schicksal. Doch könnte es gerade auf seinen Forschungsreisen in den physiologischen Nanobereich, wenn also endlos von Fraktalen, Spermien und Paraganglien die Rede ist, Leser verlieren. Der wahre Schatz dieser verqueren Geheimlehren ist indes noch nicht gehoben. Allenfalls ahnt man, dass Cartarescu im Medium der Schrift Ähnliches versucht wie Stanley Kubrick im Film: nämlich vollkommen neuartige, referenzlose und nach allen Seiten offene Denkbilder zu schaffen. So wie bei Kubrick die Schnitttechnik erst eine Grammatik der Bilder stiftet, indem sie Entlegenes aneinanderreiht (ein Monolith im prähistorischen Affenstaat), schafft auch Cartarescu neuartige kosmische Zusammenhänge. Er reiht und stapelt Träume, Erinnerungen, Visionen und Erkenntnisse und setzt so eine Denkbewegung in Gang, deren Ziel zum jetzigen Zeitpunkt ebenso unklar ist wie ihre Herkunft. Deshalb lässt sich über Cartarescu mit den üblichen Mitteln der Kritik noch so wenig sagen. Und deshalb sollte ihn jeder lesen, der genügend Humor besitzt und genügend Geduld, um mit diesem Autor die mehrdeutigen Phänomene des menschlichen Werdens, aber auch ein Stück absurder europäischer Geschichte in den Blick zu nehmen.

Mircea Cartarescu: "Der Körper". Roman.

Aus dem Rumänischen von Gerhardt Csejka und Ferdinand Leopold. Zsolnay Verlag, Wien 2011. 607 S., 26,- [Euro].

Alle Rechte vorbehalten. © F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main
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Besprechung von 17.01.2012
In der Staubritze
Die Welt hinter Bukarest: Mircea Cartarescus Roman „Körper“
„Ich bin ein einziges großes Sinnesorgan, offen wie die Seelilien filtere ich durch das weiße Fleisch meiner Nerven die Strudel dieses einmaligen Lebens, dieses einmaligen Meeres, das mich nährt und birgt.“ Schon auf den ersten Seiten des neuen Romans von Mircea Cartarescu schwankt der Ich-Erzähler zwischen Feier der Wahrnehmung und Klage über ihre Unmöglichkeit. „Vergeblich öffne ich die Augen, denn ich kann nicht mehr sehen.“ Wobei die Wahrnehmung nicht stumpf ist, eher das Gegenteil: „Es ist, als hätte ich nicht nur einige wenige, sondern Milliarden Sinne, und jeder ist anders als der andere, jeder auf andere Reize eingestellt: der eine nur auf die Form der Tasse, aus der ich meinen Kaffee trinke, ein anderer auf die Form des Traums von heute Nacht.“ Was im Ich anlangt, ist nicht mehr in einer Welt unterzubringen: „Als müssten die Dinge, um mir zustoßen zu können, mir alle bereits zugestoßen sein.“ Vieles trifft auf dieses Ich, immer weniger gehört zu ihm.
Wer als Erzähler an die Grundlagen geht, hat nicht selten Probleme mit den Forderungen des Alltags. Schon oft wurde Cartarescu seine apolitische Haltung unter dem Ceausescu-Regime vorgeworfen, auch von Herta Müller (das harte Wort „Mitläufer“ wurde allerdings nur durch die Veröffentlichung eines privaten Gesprächs bekannt). Es gab Kritik an Cartarescus Zugehörigkeit zu einer selbsternannten Gruppe rumänischer „Top-Intellektueller“, die sich in der Nähe des autoritären Präsidenten Basescu wohlzufühlen schien. Bis Cartarescu, im September 2010, erklärte, er halte „die Epoche Basescu“ für „beendet“. Auch er sei zum „Gefangenen“ des „nepotistischen“ Systems geworden.
Nun muss man sagen, dass Cartarescu, der 1956 in Bukarest geboren wurde, bei allen Wandlungen nie behauptet hat, „im Widerstand“ gewesen zu sein. In den achtziger Jahren trat er allein mit Gedichten auf und seine Erzählungen wurden zensiert. In den letzten Jahren zeigte er sich sogar ausgesprochen selbstkritisch. Er sei früher „Dichter im klassischen Sinne“ gewesen, „zerstreut und idealistisch“. Er habe Emile Cioran und Mircea Eliade gepriesen, ohne ihre faschistische Vergangenheit zu bedenken. Jetzt sei er „reifer“ – und der letzte Band seiner Trilogie „Orbitor“ wolle als eine „Satire auf die rumänische Revolution“ gelesen werden.
Das klingt sehr korrekt. Doch keine Angst, schon in „Der Körper“, dem gerade auf Deutsch erschienenen, zweiten Band von „Orbitor“, kann man feststellen, was spätestens nach Cartarescus schönem, leider kaum wahrgenommenen Essayband „Europa hat die Form meines Gehirns“ (Texte zu Kultur und Literatur. Aus dem Rumänischen von Ernest Wichner und anderen. edition solitude, Stuttgart 2007) klar war: Der Kontakt mit der Wirklichkeit lag diesem Autor nie fern und auch jetzt schadet er ihm nicht. Cartarescus Bukarest, dessen sinnenstarke Ausweidung der Dichter seit Jahren betreibt, war schon immer geerdet und phantastisch zugleich. Manche Beschwörung war da Kritik.
Denn „nicht aus meinem Schädel, nicht aus meinem Manuskript“, schreibt der Ich-Erzähler, „kam der Arbeiter in der Schlange, die keine Schlange mehr war, sondern ein Brei menschlicher Leiber, ein verzweifelter Ansturm auf einige wenige feuchte, blaurote Hühnergerippe, ein Haufen, der brüllte und die Schaufenster einschlug“. Nein, dieses wuchernde Bild eines gewalttätigen Protests gegen das System Ceausescu kommt nicht „von innen“, sondern aus der Wirklichkeit, von der der junge Erzähler durch seine Mutter erfuhr, aus der Wirklichkeit als Teil eines politischen Wahns.
Darin konnte eine „Schar nackter, schöner und schlampiger Mädchen aus der Konservenfabrik mit gespreizten Beinen aufs Fließband gelegt“ und dann befingert werden, um „die Schwangeren ins Verzeichnis einzutragen, damit sie später nicht abtrieben“. Wieder taucht Cartarescu tief in die mythisch-schäbigen Hinterhöfe seiner Jugend ein, in denen Mädchen ihren Zopf in den Mund nahmen, um bei der Liebe nicht zu schreien. Grobe und sanfte Sinnlichkeit wechseln sich ab. Als wolle er Andrzej Stasiuks wunderbar zarte Feier des Lichts in „Die Welt hinter Dukla“ übertrumpfen, beginnt Cartarescu sein Buch mit Phantasien zur Herkunft des Lichts. Schön auch die Irritation von Mircisor, als die Familie zum ersten Mal mehr als einen Raum zur Verfügung hat und der Junge von einem ins andere Zimmer irrt.
Als recht freies Ordnungsprinzip seiner Trilogie hat der Hobby-Entomologe Cartarescu den Schmetterling bestimmt: linker Flügel, Körper, rechter Flügel. Als sinnliche Erinnerung ist das Motiv ein Fleck auf Mutters Hüfte, aber die Dreifaltigkeit der Welt wird auch durch das dreiflügelige Fenster geschaffen, das in einem der Wohnblöcke der Bukarester Stefan-cel-Mare-Chaussee lag, aus dem der Erzähler über Jahre in die Welt hinausblickte. Auch im Mittelteil seines Papier-Tiers, bei dem man auch an einen prächtigen dicken Brummer denken mag, schert sich Cartarescu wenig um gängige dramaturgische Regeln.
Zu aus den „Wissenden“ wohlbekannten Figuren, etwa dem Securitate-Mann Ion Stanila, der dem halb angepassten Vater des Erzählers vorlebt, wie man es besser macht, kommen viele neue hinzu, ohne dass wirklich Bedarf bestünde. Auch, dass nach über 200 Seiten recht unvermittelt die Erzählperspektive zu wechseln scheint, überrascht. War man dem pathetisch wahrnehmungsoffenen Ich Mirceas in jede nostalgietrunkene Staubritze gefolgt, ist von dem markanten Jungen plötzlich in der dritten Person die Rede.
Erst weitere zweihundert Seiten später taucht das Ich wieder auf, und alles dazwischen wird zur Binnenerzählung. Auch die zeitweilige Verlagerung der Handlung nach Amsterdam bewirkt nichts Gutes. Indem Cartarescu den Gestus, in dem er sein Bukarest beschrieben hat, für Amsterdam einfach übernimmt, entsteht nicht der Eindruck doppelter Wertschätzung, sondern, trotz neuer Details, paradoxerweise der von Beliebigkeit.
Doch was soll die Mäkelei? All das gehört mit zu Cartarescus erzählerischem Programm des Überflusses. Wer nur einen Blick in diesen Roman wirft, wird von der rhythmischen Energie seiner Sprache und ihren ungewöhnlichen Bildern, eigentlichen Stromschnellen, deren Wirbel diesmal zwei Übersetzer auf beeindruckende Weise gemeistert haben, davongetragen: „Du, die du jetzt, auf deinem Sofa liegend, dieses unlesbare Buch liest, das nichts sagt, nichts will und nichts bedeutet, durchquerst zusammen mit ihm, wie ein Segelschiff, die durchsichtige Ebene unserer Welt.“
HANS-PETER KUNISCH
MIRCEA CARTARESCU: Der Körper. Roman. Aus dem Rumänischen von Gerhard Csejka und Ferdinand Leopold. Paul Zsolnay Verlag, Wien 2011. 606 Seiten, 26 Euro.
„Du, die du jetzt, auf deinem Sofa
liegend, dieses unlesbare Buch
liest, das nichts sagt . . . “
SZdigital: Alle Rechte vorbehalten – Süddeutsche Zeitung GmbH, München
Eine Dienstleistung der DIZ München GmbH
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Perlentaucher-Notiz zur NZZ-Rezension

Gänzlich in Bann geschlagen sieht sich Ulrich M. Schmid von diesem letzten Teil von Mircea Cartarescus "Orbitur"-Trilogie, und mit dem "Körper" wird ihm ein tiefgehender Zweifel an der "Wirklichkeit unserer Lebenswelt" eingepflanzt. Äußerst fasziniert beobachtet der Rezensent, wie sich unter Cartarescus Feder Materie in Lebewesen und Lebendiges in Materie verwandelt und er stellt beeindruckt fest, dass sich der rumänische Autor dabei, bislang selten in der Literatur, wie er meint,  "medizinischer oder biochemischer Terminologie bedient". Er erzählt in diesem autobiografischen Band von einer inzestuös anmutenden Mutter-Sohn-Beziehung unter ärmlichen Verhältnissen in einer sozialistischen Plattenhaussiedlung, die nicht allein durch die Ceausescu-Diktatur, sondern auch durch den gewalttätigen Vater zerstört wird, erfahren wir. Als wahres "Meisterwerk" preist der Rezensent dieses Buch, in dem der Autor das eigene Ich als künstlerisches Projekt begreift und die Wirklichkeit gegenüber dem künstlerischen Texte unwirklich wird.

© Perlentaucher Medien GmbH
"Ein Stück wirklicher 'Weltliteratur'." Alexander Cammann, Die Zeit, 19.03.15

"Mircea Cartarescus 'Orbitor'-Trilogie ist eines der großartigsten, exzessivsten Werke der Gegenwartsliteratur. Nach dem ersten Band 'Die Wissenden' ist nun - in der geschliffenen Übersetzung Gerhardt Csejkas und Ferdinand Leopolds - das lang erwartete Mittelstück 'Der Körper' auf Deutsch erschienen. ... Cartarescu ist ein literarischer Maler und Beschreibungskünstler, seine Palette ein schier unendlich reicher Wortschatz." Wolfgang Schneider, Deutschlandradio, 06.09.11

"Dem schöpferischen Sog von Cartarescus Prosa kann man sich nur schwer entziehen. ... Ein künstlerisches Meisterwerk." Ulrich M. Schmid, Neue Zürcher Zeitung, 08.10.11

"Die 'Orbitor'-Trilogie ist nicht nur eine Erinnerungs-, sondern auch eine Schöpfungsgeschichte, und die Realitätsebenen, die hier in den Blick kommen, sind so grandios ineinander verwoben, dass man an vielen Stellen von (mikro- wie makro)kosmischen Visionen sprechen muss und von einer Verschränkung aller Wissenschaften einschließlich der surrealistischen." Bert Rebhandl, Der Standard, 15.10.11

"Genial, gigantisch, größenwahnsinnig." Mathias Schnitzler, Frankfurter Rundschau, 21.10.11

"Die Intensität, mit der hier gelebt wird, ist mithin die traumhafte und nahe am Wahn gebaute Wachheit für die vielfältigen Schichten der Erinnerung, der Wahrnehmung und der Imagination, die den Schreibenden heimsuchen und bedrängen." Ernest Wichner, WDR3 "Gutenbergs Welt", 06.11.11

"Cartarescu überfällt den Leser mit einem aggressiven, detailbesessenen Theater des Grauens und der Obszönität, dessen Übersetzung ins Deutsche höchsten Respekt verdient." Jörg W. Gronius, Saarländischer Rundfunk, 05.11.11

"Cartarescu arbeitet sich im Steinbruch seines Unbewussten ab, fördert Albträume, Halluzinationen und Phantasmagorien ans Tageslicht. Großartige Passagen saugen den Leser in Lupanarien, wie sie Hieronymus Bosch nicht besser in seinen 'Garten der Lüste' hätte hineinmalen können." Katharina Teutsch, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 26.11.11

"Überwältigende Bild- und Sprachkraft dieser Reise ins Innere von Bukarest und des Ich-Erzählers Mircea, ein einzigartiges Erzähl-Universum, so einzigartig (und mit ihnen in einem Atemzug zu nennen) wie Kafka, Joyce, Borges." Uwe Tellkamp, Süddeutsche Zeitung, 21.12.11
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