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Als Kinder vertrauten sie einander stets alle Geheimnisse an - und nun ist ihr wunderbarer Bruder Liam tot. Mit Steinen in den Hosentaschen hat er sich ins Meer gestürzt. War er, das schwarze Schaf der Familie, wieder einmal nur betrunken? Während Veronica im Dubliner Elternhaus die Beerdigung vorbereitet, überwältigen sie die Erinnerungen: an ihre Mutter, an ihre Großmutter und an all die anderen Mitglieder der weitverzweigten, blauäugigen, trinkfesten Familie Hegarty. Und schließlich an jenen Tag, an dem Liam, gerade mal neun Jahre alt, im Haus der Großmutter etwas angetan wurde, vor dem sie ihn hätte bewahren müssen.…mehr

Produktbeschreibung
Als Kinder vertrauten sie einander stets alle Geheimnisse an - und nun ist ihr wunderbarer Bruder Liam tot. Mit Steinen in den Hosentaschen hat er sich ins Meer gestürzt. War er, das schwarze Schaf der Familie, wieder einmal nur betrunken? Während Veronica im Dubliner Elternhaus die Beerdigung vorbereitet, überwältigen sie die Erinnerungen: an ihre Mutter, an ihre Großmutter und an all die anderen Mitglieder der weitverzweigten, blauäugigen, trinkfesten Familie Hegarty. Und schließlich an jenen Tag, an dem Liam, gerade mal neun Jahre alt, im Haus der Großmutter etwas angetan wurde, vor dem sie ihn hätte bewahren müssen.

  • Produktdetails
  • Penguin Taschenbuch .10180
  • Verlag: Penguin Verlag München
  • Originaltitel: The Gathering
  • Seitenzahl: 343
  • Erscheinungstermin: 13. November 2017
  • Deutsch
  • Abmessung: 185mm x 118mm x 32mm
  • Gewicht: 338g
  • ISBN-13: 9783328101802
  • ISBN-10: 3328101802
  • Artikelnr.: 48069684
Autorenporträt
Enright, Anne§Anne Enright, 1962 in Dublin geboren, zählt zu den bedeutendsten zeitgenössischen englischsprachigen Schriftstellern und wurde 2015 zur ersten Laureate for Irish Fiction ernannt. Für »Das Familientreffen« erhielt sie u. a. 2007 den Booker-Preis. Zuletzt erschien »Rosaleens Fest«, ihr sechster Roman, der ebenfalls für den Booker-Preis nominiert war und mit dem Irish Novel of the Year Prize ausgezeichnet wurde. Auch für ihre Erzählungen erhielt Enright mehrfach Preise.
Rezensionen

Frankfurter Allgemeine Zeitung - Rezension
Frankfurter Allgemeine Zeitung | Besprechung von 15.10.2008

Unseren Knochen eingeschrieben
Klar wie der Hass: Anne Enrights "Das Familientreffen" / Von Rose-Maria Gropp

Einmal fährt Veronica, die Erzählerin in diesem Buch, aus der Stadt hinaus und hat das Gefühl, dass sie schon bald, lange bevor sie das Ufer erreicht, mit ihrem Auto ins Gleiten über dem Wasser gerät, das an die Bucht von Dublin andrängt. Nichts ist an seinem sicheren Ort in diesem Roman. Nicht die Lebenden und nicht die Toten, nicht die Wirklichkeit und nicht die Phantasie, nicht die Liebe und nicht die Körper, nicht die Vergangenheit und nicht die Zukunft. Das kündigen schon die ersten drei Sätze an: "Ich möchte niederschreiben, was im Haus meiner Großmutter geschah in dem Sommer, als ich acht oder neun war. Aber ob es wirklich geschehen ist? Mit Gewissheit kann ich es nicht sagen." Ich - heißt das erste Worte dieses Romans. Und was folgen wird, ist durch diese Instanz nicht gesichert. Jedoch der Leser muss dem Roman vertrauen; denn er tritt immer wieder ganz nah an die Wahrheit heran, an die Schmerzgrenzen.

Auch noch der deutsche Titel "Das Familientreffen" meint mehr als die Zusammenkunft einer Zwangsgemeinschaft miteinander Versippter, deren Angehörige von der Erzählerin gern als "psychotisch" bezeichnet werden. Aufgemacht ist das ganze Feld von Beziehungen, die menschliches Zusammenleben bedeuten; nicht nur seine Unausweichlichkeit, sondern auch seine Notwendigkeit. "The Gathering" heißt das Buch von Anne Enright im Original; es ist das Sammeln, um das es geht, in allen seinen Formen, die Ernte der Erinnerungen. Liam ist tot. Er hat sich im englischen Seebad Brighton das Leben genommen, indem er sich ins Meer stürzte. Er ist einer aus dem Verband der Hagertys, der zwölf Kinder umfasst, von denen neun als Erwachsene noch am Leben sind, und deren Mutter, die sieben Fehlgeburten erlitten hat. Liams Schwester Veronica gerät durch seinen Verlust in eine Verfassung, die ihr geordnetes Leben aufsprengt. Man könnte auch sagen, sie dreht ziemlich durch.

Veronica begibt sich auf eine riskante Reise an die ausgefransten Ränder ihrer Kindheit und ihrer Wahrnehmung, die sie mit ihren Aufzeichnungen begleitet, genauer gesagt, festzuschreiben versucht. In ihr wächst eine Unruhe, die sie nachts herumfahren lässt, dabei Wein trinkend. Worüber Veronica sich selbst und uns dabei Rechenschaft ablegt, ist Liams Geschichte, für die sie lange vor der Geburt ihres Bruders beginnen muss. Warum das? Veronica muss so früh einsetzen, weil es eben nicht nur Liams Geschichte ist, sondern auch bis ins Mark ihre eigene, eine verschüttete verstellte Genealogie. Der Bewusstseinsstrom dieses Buchs erteilt Auskunft über den Zustand einer Frau, die kurz vor ihrem vierzigsten Jahr beinah jede Stelle ihrer Existenz abtastet.

Die irische Schriftstellerin Anne Enright, die 1962 in Dublin geboren wurde, bekam für "The Gathering" im vergangenen Jahr den Man-Booker-Preis, die wichtigste Auszeichnung für englischsprachige Literatur. Unerwartet genug, schlug sie damit vor allem Ian McEwans Novelle "Am Strand" aus dem Rennen. Vergleicht man diese beiden Bücher, dann ist es so, als stehe eine englische Tasse Tee einem Glas voll irischen Whiskeys gegenüber. Beide Romane handeln viel über Sex, aber Enright bringt die Gewalt der Geschlechtlichkeit aufs Tapet. Sie phantasiert die Abgründe aus, für sich selbst, für Liam - und zurück in die zwei Generationen vor ihr und ihren Geschwistern. Sie muss ihre Großmutter Ada in ihrer Erinnerung regelrecht herstellen, als dreidimensionales Geschöpf gewissermaßen, in deren Jugend eindringen, zu den zwei jungen Männern gelangen, die Adas Leben bestimmen sollten - aber auch Veronicas und das offenbar unlebbare von Liam. "Was der Zukunft vorgeschrieben ist, ist dem Körper eingeschrieben, der Rest ist nur eine Spur. Ich weiß nicht, wann Liams Schicksal seinen Knochen eingeschrieben wurde."

Ihr Name, so sagt es dem kleinen Mädchen eine Nonne, als sie über Monate gemeinsam mit Liam im Haus ihrer Großmutter Ada bleiben muss, sei der einer Heiligen: Veronika war die Frau mit dem Tuch am Kalvarienberg; sie hat das Gesicht von Jesus abgewischt, und ihr blieb das Schweißtuch. Ein Schemen, eine Idee, ein Versprechen für die Zukunft, fast wie ein Stigma: "Ich dachte, wenn ich erwachsen wäre, könnte ich jemand werden, der Dinge abwischt: Blut, Tränen, all das." So steht dreißig Jahre später Veronica im Kreis ihrer Familie, im Angesicht des Todes, der Tränen. Die Wunde, die offensteht am Sarg von Liam ist nicht die des Warum, sondern die des Was wird?. Die drei "kleinen Todesumstände" für Liam, so empfindet es Veronica, waren eine fluoreszierende Jacke, Steine in den Hosentaschen und keine Unterhose. Liam wird zur versunkenen Lichtgestalt einer für immer verpassten Chance: Er wollte gefunden werden, deshalb die Jacke; er wollte untergehen; er wollte ganz sauber sein, wenn er auftaucht als Leiche. So sieht die Narbe aus, um die sich "The Gathering" schließt.

Anne Enright hat ein zornmütiges Buch geschrieben, das despotisch gebietet, geliebt zu werden. Es ist kostbar, wie darin dem ungebändigten Kummer Raum gegeben ist, in beinharten Beobachtungen, die gleichsam nicht mit einer einzigen Wimper zucken: "Gott, ich hasse meine Familie", steht da, "diese Menschen, die zu lieben ich mir nie ausgesucht habe und die ich dennoch liebe." Sie alle sind geschildert, in ihrer Not, Insuffizienz, Blödigkeit, Hilflosigkeit und Ignoranz. Veronica ist nichts so wenig wie eine demütige Beobachterin. Sie ist hochfahrend, ungeduldig und sehr ungerecht, im Angesicht all der Banalität, von der sie selbst ein Teil ist. Es tut weh, wenn an die Nerven der Wahrheit gerührt wird. Aber es ist zugleich atemraubende Erzählkunst, die kein Entrinnen zulässt in einem Erzählstrom, der nichts mit profaner Zeitrechnung gemein hat, in der Evokation von Bildern, die auf den Film nicht warten müssen, den ein hoffentlich begabter Regisseur aus ihnen einmal machen wird. Die ständig sich auflösende zerfledderte Story steht dabei gewissermaßen dauernd unter Strom; der Leser kann sich ihr nicht entziehen. Am Ende bleibt gar nicht nur die Zerstörung, sondern eine Art humane Feigheit Veronicas. Sie wird das Ergebnis ihrer einsamen Bohrungen in der Vergangenheit an ihren älteren Bruder Ernest, den hypokriten Priester, delegieren. Soll er es allen verkündigen; sie selbst hat die Worte nicht dafür. Denn diese Worte müssten mildern und kaschieren, und sie würden ihr die dumpfige Missbilligung ihrer verbliebenen Geschwister eintragen.

Anne Enright umfängt ihre Geschichte mit einer Sprache, auch in der deutschen Übersetzung, die sich wie mit Sehnen um das brüchige Skelett der Existenz legt. Das Gerüst wird in seiner Nacktheit sichtbar, manchmal rüde, sarkastisch zuweilen und mit einer Trauer ohne Trost; ohne Sentimentalität, mit einer Klarsicht, wie sie nur der Hass hervorbringen kann. Aber das warme Fleisch fügt sie auch dazu, es pulsiert im Sprachfluss dieses Romans. Es ist die unauslöschliche Sehnsucht nach der Liebe. Der Liebe der Lebenden und der Toten.

Anne Enright: "Das Familientreffen". Roman. Aus dem Englischen übersetzt von Hans-Christian Oeser. Deutsche Verlags-Anstalt, München 2008. 343 S., geb., 19,95 [Euro].

Alle Rechte vorbehalten. © F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main
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Perlentaucher-Notiz zur NZZ-Rezension

Bernadette Conrad zeigt sich verhalten bei der Lektüre des mit dem Booker-Preis ausgezeichneten Buchs "Das Familientreffen? von Anne Enright. Conrad referiert hauptsächlich die Handlung und hebt hervor, was Enright ihrer Meinung nach mit dem Roman bezwecken wollte. In der Familiengeschichte geht es um die 39-jährige Veronica, die nach dem Selbstmord ihres Bruders auf die schwierigen Familienverhältnisse zurückblickt und versucht, mit der Wut auf ihre Eltern und ihre Geschwister ins Reine zu kommen. Conrad zufolge holt die Autorin dabei noch weiter aus und zeichnet ein gesellschaftliches Porträt der katholischen Rigidität, die das Irland vor, aber auch während ihrer Zeit prägte. Conrad kritisiere die viel verbreitete häusliche Gewalt und den Alkoholismus in ihrer Thematisierung von Verdrängung und Aufarbeitung im Buch. Um eine Menge Wut geht es, aber auch um Liebe. Conrad verrät lediglich: "pathetisch, inspirierend, sprachlich nicht immer geglückt.?

© Perlentaucher Medien GmbH

Süddeutsche Zeitung - Rezension
Süddeutsche Zeitung | Besprechung von 16.02.2009

Iren trinken, Iren prügeln, Iren sind lustig
Anne Enright und ihr international erfolgreicher Roman „Das Familientreffen”
Bei Lesern wie bei Fernsehzuschauern scheint der Bedarf an Familiengeschichten unerschöpflich zu sein, auch und gerade jenseits der großen Epen, die von Generationskonflikten und Clan-Querelen der imposanteren Art handeln. Als hätte nicht jeder von uns genug an seiner real existierenden Sippe zu tragen, lässt sich die Mehrheit mit Vorliebe vom Blick hinter anderer Leute Gardinen unterhalten, wo es meist etwas krasser zugeht als in den eigenen vier Wänden, ansonsten aber alles hübsch wiedererkennbar bleibt. Ist die Romanfamilie beispielsweise in Irland beheimatet, muss getrunken, geprügelt und die Sexualität durch katholische Repression beeinträchtigt oder fehlgeleitet werden, um jene Authentizität herzustellen, die ein irisches oder an Irland interessiertes Publikum in den Lesesessel zwingt. Die Kunstfertigkeit des Autors erweist sich darin, wie weit es ihm gelingt, mit den Mitteln der Sprache das abgegriffene Genre neu zu beleben und die Grenzen des Milieus durchlässig zu machen für allgemeinere menschliche Belange.
Die bis vor kurzem wenig bekannte, jetzt international erfolgreiche Dublinerin Anne Enright hat in ihrem Roman „Das Familientreffen” beides geleistet. Den Booker-Preis des Jahres 2007 ver-dankt sie ihrem erzähltechnisch und sprachlich eigenwilligen Umgang mit einem Sujet, das im Resümee nicht besonders originell wirkt: Die 39-jährige Irin Veronica Hegarty wird durch den in Brighton vollzogenen Selbstmord ihres Lieblingsbruders Liam zu mehreren Reisen, einem Tauchgang in ihre Kindheitserinnerungen und einer Odyssee durch die Familiengeschichte veranlasst. Dabei stößt sie nicht nur auf ein dunkles Geheimnis, sondern gewinnt zugleich Erkenntnisse darüber, wie die familiäre Prägung sich auf ihr eigenes Leben, ihre Beziehungen, ihr Verhältnis zu ihrem „wartungsaufwendigen” Ehemann und den beiden kleinen Töchtern auswirkt. Dem ganz normalen Wahnsinn unserer Zeit, dem auch Vollwaisen und Singles ausgeliefert sind, zollt sie nebenbei ihren Tribut.
Zum Begräbnis von Liam Hegarty, der sich mit Steinen in den Hosentaschen ins Meer gestürzt hat, versammeln sich die Geschwister, zehn Überlebende von zwölf, bei der verwitweten Mutter, einer notorisch überforderten und zwecks Selbsterhaltung desensibilisierten Frau. Wie üblich bei solchen Treffen, werden alte Wunden aufgerissen, aber die Hegartys haben ihre buchstäblich hochprozentige Methode, mit solchen Irritationen fertig zu werden. Die Erzählerin repräsentiert eine gemäßigte Variante jener typisch irischen Familienkrankheit, weil sie vorwiegend Weißwein trinkt, den allerdings in Mengen. Und Anne Enright gewinnt unsere Sympathie von Anfang an mit sarkastischen Bemerkungen wie dieser, die eine schlimme häusliche Rauferei inklusive Messerwurf kommentiert: „Wenn wir auch sonst nichts hatten, Spaß hatte unsere Familie allemal.”
Nicht zuletzt das dürfte Anne Enright während ihres Creative-Writing-Studiums an der einschlägig berühmten University of East Anglia gelernt haben – dass Not und Elend erst durch Maßnahmen der Distanzierung, besser noch Ironisierung literaturtauglich werden. Und so hat sie immer wieder Kommentare und Reflexionen von einer gewissen Gnadenlosigkeit eingebaut, aus denen die New York Times die Quintessenz einer „pechschwarzen” und zugleich „glitzernden” Prosa ziehen konnte. Zu den Themen Sex und Tod etwa findet sich hier manches, was man schon des öfteren gedacht hat, sich aber bisher nicht zu sagen traute.
Auch Enrights lakonische Personenporträts sind bemerkenswert, etwa die Szene, in der sie ihren Bruder Liam und die Heillosigkeit seiner Lebenspraxis charakterisiert: „Er hatte Zigaretten, aber keine Streichhölzer, hatte ich vielleicht Streichhölzer? Ja, aber das Streichholz bricht ab, das Streichholz zündet nicht, er kann diese billigen albanischen Drecksdinger nicht anzünden. Habe ich ein Feuerzeug? Scheiße, er hat die Streichhölzer über den Boden verstreut. Warum habe ich kein Feuerzeug? Er geht ein Feuerzeug suchen und klappert in sämtlichen Küchenschubladen. Er geht hinaus in den Garten und lässt die Hintertür offen. Zwanzig Minuten später kommt er mit einem Feuerzeug, das er auf der Straße gefunden hat, zur Haustür herein – es lag doch tatsächlich direkt vor dem Haus –, nur ist es nass. Mithilfe der Zündflamme schaltet er den Gasofen ein, zündet im Ofen seine Zigarette ein und verbrennt sich dabei die Hand, und nachdem er die Hand eine Weile unter den Wasserstrahl gehalten hat, kramt er im Küchenschrank nach einem Backblech und legt das Feuerzeug – ein billiges Plastikfeuerzeug –, legt er das Feuerzeug doch tatsächlich in den Ofen, und als ich ihn anschreie, brüllt er zurück, und es gibt ein Gerangel an der Ofentür. Danach schmollt er eine Stunde lang, weil ich ihm nicht zutraue, ein Feuerzeug im Ofen zu trocknen, ohne das ganze Haus niederzubrennen.”
Diese Skizze genügt im Grunde, um kommendes Unheil plausibel zu machen, und die familiäre Konstellation, wie die Verfasserin sie schildert, würde als Erklärung für des Bruders neurotische Schädigung vollkommen ausreichen. Leider muss zusätzlich die Keule des sexuellen Missbrauchs geschwungen werden, obwohl es sich dabei höchstens indirekt um eine Familienangelegenheit handelt: Der Hauswirt der Großmutter, der seine schöne Mieterin einst vergebens begehrte und über das unerfüllte Verlangen nicht hinwegkam, soll sich ihrem Enkel unsittlich genähert haben – womöglich auch noch dessen Schwester, denn je tiefer die Erzählerin in ihr Gedächtnis hinabtaucht, desto kurioser werden ihre Phantasien.
Eindrucksvoller setzt sie ihre Imagination ein, wenn sie das Leben der Großeltern rekonstruiert, in einem filmischen Präsens, das sich seiner Eigenmächtigkeit und Dubiosität stets bewusst bleibt, dabei aber eine große sinnliche Überzeugungskraft entfaltet. Und es berührt wiederum sympathisch, dass die Autorin selbst sich über das Missbrauchsthema lustig macht, indem sie Veronica notieren lässt: „Vor dreißig Jahren hat ein Toter einem noch Toteren die Hand in den Hosenstall gesteckt. Bestimmt gibt’s noch andere Dinge, über die man reden müsste. Bestimmt gibt’s noch andere Dinge, die enthüllt werden müssten."
Anne Enrights Erzählerin redet viel, aber meistens konzentriert und intelli-gent. Sie enthüllt eine Menge unerfreulicher Umstände und Zusammenhänge, verliert jedoch nur selten ihren schwarzen Humor. Gegen Kitsch und Klischees ist auch diese Familiengeschichte nicht völlig gefeit, was vermutlich in der Natur des Genres liegt. Das gute alte Irland grüßt mit Alkohol, Gewalt, unglücklichem Sex und repressivem Katholizismus, und doch hat es wieder eine neue, vitale Stimme gefunden. Mehr kann man von einem Buch, das mit dem wichtigsten Literaturpreis Großbritanniens ausgezeichnet wurde, heutzutage kaum verlangen. KRISTINA MAIDT-ZINKE
ANNE ENRIGHT: Das Familientreffen. Roman. Aus dem Englischen von Hans-Christian Oeser. Deutsche Verlags-Anstalt, München 2008. 346 Seiten, 19,95 Euro.
Not und Elend werden durch Distanzierung, besser noch Ironisierung, literaturtauglich
Sarkastisch und vital: Die Schriftstellerin Anne Enright, Booker-Preisträgerin, an Irlands Gestade Foto: Fran Veale/Getty Images
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»Ein starkes, unbequemes und zuweilen sogar wütendes Buch... Ein schonungsloser Blick auf eine trauernde Familie in harter, beeindruckender Sprache... Ein sehr lesbarer Roman.« Aus der Jury-Begründung des Man Booker Prize