Flucht und Versteck - Schrafstetter, Susanna
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In Deutschland versuchten etwa 10.000 bis 15.000 Juden dem nationalsozialistischen Völkermord zu entgehen, indem sie untertauchten. Sie wagten mit Hilfe von jüdischen und nicht-jüdischen Verwandten, Freunden oder ihnen gänzlich unbekannten Personen ein Leben in der Illegalität. Nur etwa 5.000 überlebten. Die meisten dieser Fluchten gab es in Berlin, aber auch in anderen deutschen Städten tauchten zahlreiche Menschen unter, wobei regional ganz unterschiedliche Rahmenbedingungen für ein Leben im Versteck herrschten. Im Zentrum dieser Studie stehen die Schicksale der Juden in München und…mehr

Produktbeschreibung
In Deutschland versuchten etwa 10.000 bis 15.000 Juden dem nationalsozialistischen Völkermord zu entgehen, indem sie untertauchten. Sie wagten mit Hilfe von jüdischen und nicht-jüdischen Verwandten, Freunden oder ihnen gänzlich unbekannten Personen ein Leben in der Illegalität. Nur etwa 5.000 überlebten. Die meisten dieser Fluchten gab es in Berlin, aber auch in anderen deutschen Städten tauchten zahlreiche Menschen unter, wobei regional ganz unterschiedliche Rahmenbedingungen für ein Leben im Versteck herrschten.
Im Zentrum dieser Studie stehen die Schicksale der Juden in München und Oberbayern, die durch Untertauchen vor den Deportationen flüchteten.
Susanna Schrafstetter zeigt die Handlungsoptionen und -strategien der Untergetauchten und ihrer Helfer auf, identifiziert Fluchtwellen und thematisiert die Art und Weise, wie sich Deutsche an den Flüchtigen bereicherten. Das Buch erweitert auch den Blick auf die Zeit nach 1945: Es behandelt die Erfahrungen der Überlebenden in der frühen Bundesrepublik und die Bedeutung von "Hilfe für Juden" in der lokalen Münchener Geschichtspolitik.
  • Produktdetails
  • Verlag: Wallstein
  • Seitenzahl: 336
  • Erscheinungstermin: Oktober 2015
  • Deutsch
  • Abmessung: 228mm x 149mm x 30mm
  • Gewicht: 588g
  • ISBN-13: 9783835317369
  • ISBN-10: 3835317369
  • Artikelnr.: 42755282
Autorenporträt
Susanna Schrafstetter, geb. 1969, ist seit 2009 Associate Professor of History und Mitarbeiterin am Center for Holocaust Studies der Universität Vermont (USA). Veröffentlichung u. a.: The Germans and the Holocaust: Popular Responses to the Persecution and Murder of the Jews (Mithg., 2015).
Rezensionen

Süddeutsche Zeitung - Rezension
Süddeutsche Zeitung | Besprechung von 07.11.2015

U-Boot an der Isar
„Flucht und Versteck“ – eine Studie
München – Bis heute gibt es keine abschließende Untersuchung, wie viele jüdische Bürger auf welche Weise in München vor den Deportationen in den Untergrund flüchteten. Bekannt sind lediglich Berichte einzelner Überlebender und ihrer Helfer. Diese Lücke versucht die in Vermont/USA lehrende Münchner Zeithistorikerin Susanna Schrafstetter mit ihrer bemerkenswerten Studie „Flucht und Versteck“ zu schließen. Was die Autorin ermittelt hat, ist ungewöhnlich: Anhand von 77 dokumentierten Fällen im Großraum München gelingt es ihr, die Fluchtstruktur der „U-Boote“, wie die untergetauchten Juden damals genannt wurden, aufzuzeigen. Insgesamt kann man wohl nur von etwa 120 Fluchtvorgängen ausgehen. Die Überlebensrate lag bei etwa 26 Prozent. Anfang 1941 lebten noch mehr als 3500 Juden in München, im Dezember 1942 nur noch 650. Reichsweit versuchten bis zu 15 000 deutsche Juden, so schätzt man, im Untergrund zu überleben.
  Die Autorin versteht ihre Studie als Beitrag zur „Sozialgeschichte der deutschen Juden während des Holocausts, zur Nachkriegsgeschichte der Überlebenden sowie zum Umgang mit Verfolgung und Verfolgten nach 1945“. Diesem hochgesteckten Ziel geht sie auf der Basis privater Aufzeichnungen von Opfern wie Helfern wie auch der Korrespondenz mit den Entschädigungsämtern nach. Fragen der Lebensumstände beantwortet sie aus vielschichtiger Perspektive unter Berücksichtigung des regionalen Aspekts.
  Indem sie die Bedingungen für das Untertauchen und Überleben in der Region München analysiert, macht sie die Überlebensstrategien und Handlungsoptionen nachvollziehbar. Sie vergleicht die Situation in München mit der in Berlin, wo immerhin 2000 Juden im Untergrund überlebt haben, und geht der Frage regionaler Unterschiede bei den Deportationen nach. Das Kriegsende ist für sie keineswegs eine Zäsur, da sich vielfach erst nach 1945 das Schicksal der Betroffenen geklärt hat. Dabei stehen die Beziehungen zwischen Überlebenden und Helfern in der Zeit nach der Verfolgung, das unrühmliche Kapitel der Wiedergutmachung, die Bestrafung der Täter und Anerkennung von Hilfeleistungen im Mittelpunkt, auch unter dem Aspekt, wie sich die Stadt München gegenüber den Juden während des Dritten Reichs und danach verhalten hat.
  Berührend ist die Darstellung aus der Sicht der Opfer, obgleich sich die Autorin nicht allein darauf beschränkt. Lebendig schildert sie die diffizile Gemengelage von untergetauchten Juden, Helfern, Mitwissern, Sympathisanten, finanziellen Profiteuren („Aufbewariern“), Denunzianten und Tätern, die alle über eine „Verfolgungserfahrung“ verbunden waren. Zwar ist die Geschichte Münchens und der jüdischen Gemeinde während der NS-Zeit gut erforscht, nicht aber unter diesem Aspekt.
Das Jahr 1938 markierte den Übergang von der „wilden“ zur staatlich geregelten, zwangsweisen „Arisierung“. Die Folge war zwischen 1939 und 1941 ein deutlicher Anstieg der Auswanderungszahlen.
  Nachdem auch die Auswanderung unmöglich geworden war, rollte vom Güterbahnhof München-Milbertshofen im Morgengrauen des 20. November 1941 der erste Deportationszug mit 999 jüdischen Männern, Frauen und Kindern nach Kaunas im besetzten Litauen – fünf Tage später waren alle ermordet. Die meisten sahen weg, wenn die Juden zum Bahnhof getrieben wurden. „Niemand aus der Bevölkerung sah uns an, es war, wie wenn wir nicht existieren würden“, schrieb eine Betroffene. Vor der Deportation hatte die Gestapo sämtliches Vermögen eingezogen, der Hausrat wurde versteigert. Entsprechend panisch gestaltete sich die Suche der Verfolgten nach Fluchtmöglichkeiten, die Suizidraten stiegen an. Am 13. März 1943 verließ der letzte Sammeltransport München. Danach blieb nur noch verschont, wer bestimmten „Mischlingskategorien“ genügte oder in „Mischehe“ lebte.
  Das typische Münchner „U-Boot“ war weiblich, alleinstehend und zwischen 40 und 50 Jahre alt. In München sind bis 1943 mehr Fluchten verzeichnet als im restlichen Reich. Im Verlauf desselben Jahres sind allerdings nur sieben Fluchten nachweisbar. Ohne private oder kirchliche Unterstützung hätten die Münchner Juden überhaupt keine Chance gehabt. In der Regel waren bis zu zehn Helfer erforderlich für das Überleben eines Menschen unter meist drangvollen Bedingungen: „Versteckt in einer kleinen Kammer, musste ich Tag und Nacht, Winter wie Sommer, ohne einen Sonnenstrahl, ohne Bewegung in frischer Luft verbringen, immer in der Angst, dass nicht ein unerwünschter Besuch uns aufbringt.“
  Erst als das Kriegsende absehbar war, erreichte die Fluchtbewegung aus München, anhaltendem Gestapo-Terror zu Trotz, im Februar 1945 ihren Höhepunkt. Über die Zeit ihres Wiederauftauchens und die damit verbundenen Gefühle sind nur wenige Aussagen ehemaliger U-Boote dokumentiert. Das Schweigen der Täter korrespondierte mit dem Schweigen der Opfer.
KNUD VON HARBOU
Susanna Schrafstetter: „Flucht und Versteck. Untergetauchte Juden in München – Verfolgungserfahrung und Nachkriegsalltag“ 336 Seiten, Wallstein Verlag, 38 Euro
Zehn Helfer waren nötig,
um das Überleben eines
Einzelnen zu ermöglichen
Vor der Deportation: Ankunft von jüdischen Münchnern im Barackenlager Milbertshofen, November 1941. Von dort ging es weiter nach Kaunas.
Foto: Verlag
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Frankfurter Allgemeine Zeitung - Rezension
Frankfurter Allgemeine Zeitung | Besprechung von 26.01.2016

"U-Boote" in München
Juden in der Illegalität und Formen "wilder Arisierung"

Sie lebten versteckt in Wohnungen, hausten in Gartenlauben oder auf Dachböden, in ausgebombten Häusern oder waren gänzlich obdachlos. Wenn sie über gefälschte Papiere verfügten, konnten sie sich zwar freier bewegen, sofern es sich um gute Fälschungen handelte. Sie mussten jedoch ihre neue Identität überzeugend vertreten. Die meisten Untergetauchten wechselten häufig ihren Aufenthaltsort aus Furcht, entdeckt oder denunziert zu werden. Auf den Straßen und in Zügen drohten Kontrollen der Gestapo sowie das Erkanntwerden durch unbarmherzige Nachbarn, Denunzianten oder "jüdische Greifer", die Spitzeldienste für die Gestapo leisteten.

Die Rede ist von Juden, die untergetaucht waren, um der Verfolgung und drohenden Deportation im Zweiten Weltkrieg zu entgehen. Als die nationalsozialistischen Machthaber 1941 ein Auswanderungsverbot erließen, flohen mindestens 10 000 jüdische Menschen in die Illegalität. Von den etwa 5000 in Berlin untergetauchten Juden - im Volksmund "U-Boote" genannt - sollen annähernd 1500 das Ende der nationalsozialistischen Herrschaft überlebt haben; darunter auch Hans Rosenthal, der spätere Quizmaster und TV-Moderator.

Nach Pionierarbeiten des Historikers Wolfgang Benz, der 2003 den Sammelband "Überleben im Dritten Reich. Juden im Untergrund und ihre Helfer" mit Fokus auf Berlin herausgegeben hat, analysiert Susanna Schrafstetter auf sehr breiter Quellenbasis zahlreiche Einzelschicksale der Untergetauchten in München und Erfahrungsberichte ihrer Helfer. Ebenso akribisch wie einfühlsam beschreibt sie die komplexen Bedingungen für ein Untertauchen und Überleben im Raum München zwischen 1938 und 1945. "Im Zentrum stehen dabei die Überlebensstrategien und Handlungsoptionen der Juden und ihrer Helfer." Sodann wird in vergleichender Perspektive untersucht, inwiefern sich die Gegebenheiten in München von der Situation in Berlin unterschieden.

Schließlich wird das Schicksal von Überlebenden über 1945 hinaus nachgezeichnet. Dabei geht es vornehmlich um "Wiedergutmachung, Bestrafung der Täter und Anerkennung von Hilfe". Schrafstetter versteht ihre Studie als "Beitrag zur Sozialgeschichte der deutschen Juden während des Holocausts, zur Nachkriegsgeschichte der Überlebenden sowie zum Umgang mit Verfolgung und Verfolgten nach 1945". Die Untergetauchten gehörten verschiedenen Personengruppen an. Die Autorin weist zu Recht darauf hin, dass manche Verfolgte keine Juden im religiösen Sinne gewesen seien, sondern christlich getaufte Zeitgenossen. Nach den nationalsozialistischen "Rassengesetzen" galten sie dennoch als Juden und wurden als solche verfolgt.

Die untergetauchten Münchner waren überwiegend assimilierte Juden. Sie hatten meist christliche Partner. Nicht wenige waren vom Judentum zum katholischen oder evangelischen Glauben konvertiert. Für München ließ sich nachweisen, dass es überwiegend Christen jüdischer Herkunft waren, die christliche Hilfsnetze in Anspruch nehmen konnten. So wurden zum Teil auch "Mischehe"-Partner zusammen mit ihren Kindern in der Abgeschiedenheit oberbayerischer Dörfer und Bauernhöfe in Sicherheit gebracht.

In ihrer Schlussbetrachtung kommt Schrafstetter zu dem Ergebnis, dass eine Minderheit von Deutschen den Flüchtigen geholfen und eine andere Minderheit den Verfolgern zugearbeitet habe. Die Mehrheit der Deutschen und auch die Mehrheit der Münchner hatten aber nichts mit flüchtigen Juden zu tun. Daneben gab es Denunzianten und Profiteure, "die sich in ganz unterschiedlichen Formen an der Not der Flüchtenden bereicherten". Potentielle Denunzianten ließen sich ihr Schweigen "versilbern": Verstecke wurden im Voraus bezahlt, durften dann aber nicht genutzt werden. "Vermeintliche Helfer denunzierten ihre ,Gäste' und behielten deren Habe ein." Diese Formen der "wilden Arisierung" offengelegt zu haben ist ein besonderes Verdienst dieser Studie.

Unter den Helfern in München befanden sich Menschen aus sehr verschiedenen Kreisen: Pfarrer, Kommunisten, Fabrikbesitzer, Hausfrauen, Künstler, Nonnen und viele andere. Trotz der Vielfalt der Personengruppen habe es sich laut Schrafstetter gezeigt, dass Untergetauchte und Helfer überwiegend aus dem bürgerlichen Milieu kamen und sich häufig schon aus früherer Zeit kannten. Anders als in Berlin seien die untergetauchten Münchner seltener mit Helfern aus anderen sozialen Schichten konfrontiert worden. In Berlin habe das Untertauchen für viele bürgerliche "U-Boote" gleichzeitig ein Eintauchen in Armenviertel oder kleinbürgerliches Milieu bedeutet. Das gut lesbare Buch sei allen historisch interessierten Lesern empfohlen.

HANS-JÜRGEN DÖSCHER

Susanna Schrafstetter: Flucht und Versteck. Untergetauchte Juden in München - Verfolgungserfahrung und Nachkriegsalltag. Wallstein Verlag, Göttingen 2015. 336 S., 38,- [Euro].

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Perlentaucher-Notiz zur F.A.Z.-Rezension

Hans-Jürgen Döscher empfiehlt Susanna Schrafstetters Analyse von Einzelschicksalen untergetauchter jüdischer Verfolgter in München zwischen 1938 und 1945 allen historisch Interessierten. Akribisch auf breiter Quellenbasis recherchiert und gut lesbar wie einfühlsam verfasst, eröffnet das Buch dem Rezensenten einen Blick auf die Bedingungen des Untertauchens und Überlebens in der Zeit des Nationalsozialismus. Der von der Autorin gezogene Vergleich zu Berlin bietet Döscher zusätzlichen Erkenntnisgewinn. So erfährt er, dass sowohl Untergetauchte als auch Helfer anders als in Berlin in München vor allem dem bürgerlichen Milieu entstammten und dass es sich bei den in Rede stehenden Verfolgten wesentlich um assimilierte Juden handelte.

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