Der Schuh im Nationalsozialismus - Sudrow, Anne

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In welchem Zusammenhang stehen die Menschenversuche an Häftlingen auf der "Schuhprüfstrecke" im Konzentrationslager Sachsenhausen mit der Verwendung erster Kunststoffe in deutschen Schuhen? Wie lenkten die Nationalsozialisten die Schuhmode? Warum raubte die SS in Auschwitz und anderen Vernichtungslagern ganze "Schuhberge" und was geschah mit ihnen in der deutschen Kriegswirtschaft? Anne Sudrow untersucht die Entstehung des "modernen Schuhs" in Deutschland im Vergleich mit Großbritannien und den USA. Dabei setzt sie die erkennbaren Veränderungen in den Praktiken des Konsums, der Produktion und…mehr

Produktbeschreibung
In welchem Zusammenhang stehen die Menschenversuche an Häftlingen auf der "Schuhprüfstrecke" im Konzentrationslager Sachsenhausen mit der Verwendung erster Kunststoffe in deutschen Schuhen? Wie lenkten die Nationalsozialisten die Schuhmode? Warum raubte die SS in Auschwitz und anderen Vernichtungslagern ganze "Schuhberge" und was geschah mit ihnen in der deutschen Kriegswirtschaft?
Anne Sudrow untersucht die Entstehung des "modernen Schuhs" in Deutschland im Vergleich mit Großbritannien und den USA. Dabei setzt sie die erkennbaren Veränderungen in den Praktiken des Konsums, der Produktion und der Verbreitung zur Autarkie- und Aufrüstungspolitik und zur Konsumpolitik der Nationalsozialisten in Beziehung. Als neue Methode entwickelt die Autorin den historischen Produktlinienvergleich, der aus Elementen der Sozial-, Alltags-, Wirtschafts-, Wissenschafts- und Technikgeschichte ein prägnantes Bild des kulturellen Wandels entstehen lässt. So werden NS-spezifische Phänomene auf diesem Gebiet der Konsumgüterwirtschaft nicht nur erstmals in ihrem ökonomischen und wissenschaftlichen Kontext erklärt, sondern diese auch in die internationale Entwicklung eingeordnet.
  • Produktdetails
  • Verlag: Wallstein
  • Seitenzahl: 876
  • Erscheinungstermin: September 2010
  • Deutsch
  • Abmessung: 227mm x 157mm x 61mm
  • Gewicht: 1190g
  • ISBN-13: 9783835307933
  • ISBN-10: 3835307932
  • Artikelnr.: 29748890
Autorenporträt
Anne Sudrow, geb. 1970, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam. Davor wissenschaftliche Tätigkeiten an der Technischen Universität München und der Universität Göttingen. Ausgezeichnet mit dem Hedwig-Hintze-Preis 2010 des Verbandes der Historiker und Historikerinnen Deutschlands.
Rezensionen
Besprechung von 27.11.2010
Qualen der Versuchskonsumenten

Die Schuhindustrie in Deutschland profitierte von der Autarkiepolitik des "Dritten Reichs".

Von Gregor Schöllgen

Der Titel täuscht. Anne Sudrows monumentale Untersuchung ist kein Beispiel für die hierzulande populäre Nischenforschung. Ihr Buch ist ein gewichtiger Beitrag zur Kultur- und Konsum-, zur Wirtschafts- und Technikgeschichte. Der Stellenwert des marginal anmutenden Themas ergibt sich aus der herausragenden Bedeutung seines Gegenstandes: "Schuhe als Fortbewegungsmittel" spielten in den zwanziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts eine wesentlich größere Rolle als heutzutage. Sie waren "die Grundlage aller Mobilität. Der weit überwiegende Teil aller Fortbewegung, im ländlichen wie im urbanen Raum, fand auf ,Schusters Rappen' statt. Alle anderen Formen der Mobilität bauten auf dieser auf. Kulturell und wirtschaftlich gesehen kann das Gehen in Schuhen daher in seiner Bedeutung kaum überschätzt werden. Es war das billigste Mittel des Reisens, der Lieferung von Waren, der Anreise zum Arbeitsplatz."

Das gilt grundsätzlich für alle industrialisierten Staaten, in besonderem Maße aber für die in dieser Hinsicht führenden, die nach dem Ersten Weltkrieg nicht zufällig auch die drei "größten Erzeugerländer von Schuhen" waren. Ende der zwanziger Jahre standen Deutschland, Großbritannien und die Vereinigten Staaten gemeinsam für etwas mehr als die Hälfte der weltweiten Industrieproduktion auf diesem Gebiet. So gesehen liegt der Vergleich der drei Schuhindustrien nahe. Ihn zu erstellen, setzt allerdings nicht nur einen gewaltigen Rechercheaufwand, sondern auch sehr gute Kenntnisse des Produkts, seiner Herstellung und seines Vertriebes voraus. Frau Sudrow bringt beide Voraussetzungen mit. Sie hat sich durch Berge unveröffentlichter Materialien in Archiven gearbeitet und intensiv mit dem Produkt selbst befasst, zum Beispiel die Schuhbestände einschlägiger Institutionen wie des Deutschen Schuh- und Ledermuseums in Offenbach gesichtet. Dass sie vor vielen Jahren in England eine Schuhmacher-Lehre absolviert hat, kommt der Darstellung erkennbar zugute.

Denn das Buch ist in seinem ersten Teil nichts weniger als eine durchaus spannend zu lesende Geschichte des Schuhs, einschließlich seiner "Konstruktion", die wiederum Erläuterungen seiner Macharten - gewendet-genäht, rahmengenäht, durchgenäht und schließlich geklebt - oder auch der verarbeiteteten Materialien einschließt. So erfährt man, dass die deutschen Schuhhersteller seit 1939 der nationalsozialistischen Autarkiepolitik Tribut zollten, indem sie Damenschuhe aus Fischleder, vorzugsweise Seelachshaut, auf den Markt brachten: "Man trägt Fisch!" So schrieben die Zeitungen. Dem wachsenden Mangel an Rohhäuten konnten diese und andere Ersatzhäute und Ersatzfelle indessen ebenso wenig abhelfen wie der deutsche Beutefeldzug in den besetzten Gebieten. Da aber Leder für die Wehrmacht von herausragender Bedeutung war, blieb den nationalsozialistischen Planbewirtschaftern nur der Weg, die Haltbarkeit des verarbeiteten Rohstoffs zu steigern. So wurden bestehende Forschungseinrichtungen ausgebaut und andere neu gegründet: Zwei von ihnen, "die Gebrauchswertforschung und die Verbrauchsforschung, entstanden überhaupt erst im Kontext der nationalsozialistischen Autarkiepolitik". Zentrales Element ihrer Schuh-Studien war der "Trageversuch". Er steht im Mittelpunkt des zweiten Teils von Frau Sudrows Buch und erklärt zugleich seinen Titel.

Dass es im Konzentrationslager Sachsenhausen eine "Schuhprüfstrecke" gab, war bekannt. Allerdings ging die "Lagerhistoriografie" bislang davon aus, dass es sich dabei um eine der Foltermaßnahmen der SS handelte. Tatsächlich wurden die Häftlinge in Sachsenhausen auf dieser Anlage als "Versuchskonsumenten" missbraucht. Ursprünglich dienten die Versuche auf der "Schuhprüfstrecke" den staatlichen Bewirtschaftungsstellen als Lösung des "strategischen Problems der Verteilung von knappen Rohstoffen und Produktionsaufträgen", das durch Autarkiepolitik und Kriegswirtschaft entstanden war. Dann profitierten die beteiligten Unternehmen vom Großversuch, weil sie neue Werkstoffe, vor allem Kunststoffe, in verschiedenen Teilen des Schuhs testen und zugleich Probleme lösen konnten, welche die Bearbeitung von Ersatzstoffen "im Konsumgut Schuh" aufwarfen.

Die Industrieforschung auf der "Schuhprüfstrecke" des Konzentrationslagers Sachsenhausen bildete mithin "ein Kapitel von Menschenversuchen, bei denen Hunderte von unfreiwilligen Versuchspersonen zum Zwecke der wissenschaftlichen Erkenntnis körperlich gequält und viele von ihnen zu Tode geschunden wurden . . . Im Gegensatz zu den medizinischen Humanversuchen waren bei der Gebrauchswertforschung die Versuchspersonen nicht direkt Gegenstand der Forschung. Sie waren vielmehr Mittel und Werkzeuge der Erkenntnis. Eigentlicher Forschungsgegenstand war ein Konsumgut, in diesem Fall der Schuh, in Wechselwirkung mit dem menschlichen Körper in Bewegung."

Der Fall zeigt, dass man Anne Sudrows Untersuchung unter anderem auch als substantiellen Beitrag zur Rolle der Wissenschaft im "Dritten Reich" und als Aufforderung an die Adresse der involvierten Unternehmen und Forschungsinstitutionen lesen kann, diesem Kapitel ihrer Geschichte angemessen auf den Grund zu gehen. Denn die "Industrieforschung auf der ,Schuhprüfstrecke' im Konzentrationslager Sachsenhausen" ist ein Beispiel, wenn auch ein "besonders extremes", für die "ethische Entgrenzung von Wissenschaft im Nationalsozialismus".

Die Häftlinge der Konzentrationslager waren "Versuchskonsumenten" - und sie waren billige Arbeitskräfte. Ähnlich wie in den Vereinigten Staaten und in Großbritannien spielte die Wiederverwertung gebrauchter Schuhe während des Krieges auch in Deutschland eine große Rolle. Dass in den beiden angelsächsischen Ländern vor allem Militärstiefel, in Deutschland hingegen vornehmlich Zivilschuhe wiederverwertet wurden, lag an dem beträchtlichen Nachschub, den der deutsche Raub- und Vernichtungsfeldzug dem Recyclingprozess zuführte. Außerdem standen in Deutschland die für die Wiederverwertung notwendigen Arbeitskräfte zur Verfügung: das Riesenheer der Zwangsarbeiter aus aller Herren Länder und eben die Insassen der Konzentrationslager. Sie hatten maßgeblichen Anteil daran, dass alleine im Juni 1940 mindestens 20 Millionen Paar Schuhe "wirtschaftlich wiederverwertet" wurden, die aus Beutezügen aus den besetzten Gebieten, aber auch aus Sammlungen in deutschen Haushalten stammten.

So hatten die Konzentrationslager, hatte namentlich das KZ Sachsenhausen für die Entwicklung der Schuhindustrie eine herausragende Bedeutung. Sie waren sowohl Teil einer umfassenden Verwertungskette als auch Element eines "erheblichen Innovationsschubes". Wie andere Industrien profitierte nämlich die deutsche Schuhindustrie längerfristig von der nationalsozialistischen Autarkiepolitik, veranlasste sie die Schuhproduzenten doch, auf einigen Gebieten "grundlegende Werkstoffinnovationen hervorzubringen, die eine Voraussetzung für die weitere technische Entwicklung in der Nachkriegszeit waren". Der Preis für die Innovation war hoch. Jetzt wissen wir, wer ihn zu zahlen hatte.

Anne Sudrow: Der Schuh im Nationalsozialismus. Eine Produktgeschichte im deutsch-britisch-amerikanischen Vergleich. Wallstein Verlag, Göttingen 2010. 876 S., 69,90 [Euro].

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»Anne Sudrows Buch ist ein gewichtiger Beitrag zur Kultur- und Konsum-, zur Wirtschafts- und Technikgeschichte. (...) Der Vergleich setzt nicht nur einen gewaltigen Rechercheaufwand, sondern auch sehr gute Kenntnisse des Produkts voraus. Frau Sudrow bringt beide Voraussetzungen mit. (...) Das Buch ist in seinem ersten Teil nichts weniger als eine durchaus spannend zu lesende Geschichte des Schuhs. (...) Der Fall (der »Schuhprüfstrecke« des Konzentrationslagers Sachsenhausen) zeigt, dass man Anne Sudrows Untersuchung auch als substantiellen Beitrag zur Rolle der Wissenschaft im »Dritten Reich« lesen kann.« (Gregor Schöllgen, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 26.11.2010) »Lange dauerte es, bis die Wissenschaft den Schuh wahrnahm, den Blick hinuntersenkte, in die Perfidie des Fußtritts, des Zertretenseins, der Versohlung, wie's die Strafe vorsieht. Jetzt ist die Fußbekleidung als politisches Objekt entdeckt worden.«(Irene Suchy, Die Presse, 30.04.2011)»Eine umfassende Produktgeschichte des Schuhs, die Anne Sudrow facettenreich auffächert - und an der sie gleichzeitig exemplarisch aufzeigt, dass auch ganz gewöhnliche Alltagsgegenstände eine politische Geschichte haben. (...) All das macht das Buch zu höchst interessantem, in seinem Ergebnis jedoch verstörenden Lesestoff.«(Susanne Mathes, Stuttgarter Nachrichten, 26.02.2011)