Das große Meer des Sinns - Stierle, Karlheinz
26,90 €
versandkostenfrei*

inkl. MwSt.
Sofort lieferbar
Verlängertes Rückgaberecht bis zum 10.01.2020
0 °P sammeln

    Buch mit Leinen-Einband

Die europäische Literatur der Neuzeit ist im italienischen 14. Jahrhundert begründet worden. Bis heute ist Dantes Commedia das kühnste, sprachmächtigste Werk, das die Nachantike hervorgebracht hat. Der Aufbruch des Danteschen Odysseus ins westliche Weltmeer, um am Abend seines Lebens die unbekannte Welt ,ohne Menschen' jenseits der untergehenden Sonne zu erkunden, steht im Mittelpunkt der hier unternommenen Explorationen in Dantes ,großem Meer des Sinns'. Wie Odysseus bricht auch Dante zu einer ungeheuren Reise auf, um sich in einer tiefen Lebenskrise des Sinns der Welt zu vergewissern. Doch…mehr

Produktbeschreibung
Die europäische Literatur der Neuzeit ist im italienischen 14. Jahrhundert begründet worden. Bis heute ist Dantes Commedia das kühnste, sprachmächtigste Werk, das die Nachantike hervorgebracht hat. Der Aufbruch des Danteschen Odysseus ins westliche Weltmeer, um am Abend seines Lebens die unbekannte Welt ,ohne Menschen' jenseits der untergehenden Sonne zu erkunden, steht im Mittelpunkt der hier unternommenen Explorationen in Dantes ,großem Meer des Sinns'. Wie Odysseus bricht auch Dante zu einer ungeheuren Reise auf, um sich in einer tiefen Lebenskrise des Sinns der Welt zu vergewissern. Doch zugleich ist der Aufbruch des imaginären Wanderers durch das Ganze der menschlichen und göttlichen Welt ein Aufbruch des Dichters Dante zu einer neuen Idee des Werks. Der Dynamik dieses vielfältigen Aufbruchs ins Offene, der im Horizont jener Überschreitung des Zeichens steht, mit dem Adam bei Dante Größe und Verhängnis des Menschen begründete, gelten die ,hermenautischen Erkundungen' dieses Buchs.
Rezensionen

Frankfurter Allgemeine Zeitung - Rezension
Frankfurter Allgemeine Zeitung | Besprechung von 28.01.2009

Zeit wird Ewigkeit

Ein imaginäres Museum für die Geburtshelfer der Künste: Karlheinz Stierle lauscht den Fabeln der Welt bei Ovid, Dante und Proust.

Was verbindet Ovids "Metamorphosen", Dantes "Göttliche Komödie" und Prousts "Auf der Suche nach der verlorenen Zeit"? Die Antwort des Romanisten Karlheinz Stierle hat Format, weil sie zugleich einfach und höchst komplex ist. Sie lautet: Diese drei außerordentlichen Werke der Weltliteratur treiben wie keine anderen das Erzählen bis an die Grenzen des Möglichen. Und in ihrer universalen Welterfassung überbieten sie sich auch noch gegenseitig. Mit einem Wort Nietzsches könnte man alle drei Bücher "Fabeln der Welt" nennen: Anders als die meisten Romane und Mythen begnügen sie sich nicht mit einem Ausschnitt der Welt, sondern bieten ein Supplement zur vorhandenen und fabulieren, fingieren, schöpfen sie zugleich von Grund auf neu - und das stets mit maximalem Anspruch auf Unübertrefflichkeit.

In der Antike beginnt Ovid mit dem Versuch, individuelle Zeit in Ewigkeit zu verwandeln, und am Ende des letzten Buches behauptet er mit gutem Grund, etwas vollbracht zu haben, was "die zehrende Zeit nicht zu tilgen vermögen" wird. Am Übergang vom Mittelalter zur Neuzeit antwortet Dante auf dieses "perpetuum carmen" Ovids mit einem heiligen Gedicht. Seine Metamorphosenerzählungen aus den Jenseitswelten der Hölle, des Purgatorio und des Paradieses sind von derartiger Unerhörtheit, dass der Erzähler sich selbst davon zu distanzieren beginnt: "ich, der es sah, glaube es selbst kaum noch". Während bei Dante Zeit aus der Perspektive der Ewigkeit und diese umgekehrt "sub specie temporis" betrachtet wird, geht Proust darüber nochmals entschieden hinaus, indem er die verlorene Zeit in die subjektive Ewigkeit des erinnernden Ichs verwandelt. Die mythisch oder göttlich erschaffene Welt Ovids oder Dantes wird durch den selbstgeschöpften Weltinnenraum der Erinnerung abgelöst.

Nicht nur durch diese drei Spielarten einer Aufhebung von Zeit in Ewigkeit bringt Stierle Ovid, Dante und Proust miteinander ins Gespräch, sondern auch als Geburtshelfer der Künste: In den "Metamorphosen" treten die Menschenbildner, Sänger, Musiker und Maler als mythische Gestalten hervor, in der "Commedia" vereinigen sie sich in der Poesie, und die "Recherche" schafft für die darin vielfach aufgerufenen Künste gar "ein imaginäres Museum".

Solche komparatistischen Überlegungen bilden die Summe von Stierles monumentalem Dante-Buch "Das große Meer des Sinns". Der Untertitel "hermeneutische Erkundungen" kann angesichts des geballten Wissens und des Feinsinns der Deutungen nur als Bescheidenheit und Bekenntnis zu einer aufrichtigen Liebe zum dichterischen Wort verstanden werden. Hartnäckiges Fragen als Dienst am Text - ein leider aus der Mode kommendes literaturwissenschaftliches Verfahren - betreibt Stierle mit höchster Virtuosität. Dass dem Verlag solche Begriffe von Philologie hingegen fremd sind, ist schade, das Buch ist so schlampig und lieblos gesetzt wie beliebige Dutzendware.

Das Staunen über Zeit und Ewigkeit, also der Schlussgedanke des Dante-Buches, vertieft Stierle in einer weiteren Studie, einem eingehenden Vergleich der "Commedia" und der "Recherche". Die Zeitanalysen beider Werke gipfeln in einem "Triumphus eternitatis", Dante erkennt am Ende die göttliche Ewigkeit jenseits der Zeit. Und Proust, in dessen "Recherche" es von Dante-Reminiszenzen wimmelt, erbaut eine "Kathedrale der Zeit" als Reflexionsmedium seiner selbst.

Dante wie Proust beziehen die Leser dabei mit ein: Dante fordert sie ausdrücklich auf, das Werk über die Grenzen der Sprache hinaus weiterzuführen; und Proust ermuntert sie, zu Lesern ihrer selbst zu werden, die das Buch als "Vergrößerungsglas" benutzen. Beide fordern sehr viel, denn die inneren und äußeren Bezüge in diesen "Fabeln der Welt" erschließen sich erst durch wiederholte, hin und her springende Lektüre. Genau so bringt Stierle diese zwei Werke in eine eindrucksvolle Korrespondenz und Konstellation, schließlich sind es "die hellsten Sterne am poetischen Fixsternhimmel der Neuzeit".

ALEXANDER KOSENINA

Karlheinz Stierle: "Das große Meer des Sinns". Hermeneutische Erkundungen in Dantes Commedia. Wilhelm Fink Verlag, München 2007. 442 S., geb., 49,90 [Euro].

Karlheinz Stierle: "Zeit und Werk". Prousts À la Recherche du Temps perdu und Dantes Commedia. Carl Hanser Verlag, München 2008. 272 S., br., 21,50 [Euro].

Alle Rechte vorbehalten. © F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main
…mehr

Perlentaucher-Notiz zur NZZ-Rezension

Mit großem Lob bedenkt Kurt Flasch diesen Band mit Studien Karlheinz Stierles über Dante. Die Analysen und Deutungen des Romanisten haben ihn in weiten Teilen überzeugt. Vor allem begrüßt er Stierles Einspruch gegen die "schulmäßige" Verharmlosung Dantes. Er attestiert dem Autor, ein nuanciertes Bild des Dichters und seines Werks zu zeichnen, das Aspekte wie Individualität, Autonomie, Kampf mit der Kontingenz akzentuiert. Besonders schätzt Flasch die sublimen Detail-Analysen, die das Buch seines Erachtesns für die Dante-Forschung "unentbehrlich" machen. Bisweilen mutet ihn Stierles Dante allerdings zu existenzialistisch an. Auch kommt die politische und philosophische Dimension des Werks in seinen Augen zu kurz. Demgegenüber hält er die Ausführungen über Reim und Liebesdichtung für höchst instruktiv. Bedauerlich findet er nur das Fehlen eines Registers. Sein Fazit: ein Buch, das "zum Neulesen, zum Nachdenken und -fragen" anregt.

© Perlentaucher Medien GmbH