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Was ist "tragische Erfahrung" im Theater?Anknüpfend an seine früheren Studien zur antiken Tragödie "Theater und Mythos" und an sein in 19 Sprachen übersetztes Standardwerk "Postdramatisches Theater" entwirft Hans-Thies Lehmann, einer der bedeutendsten Theatertheoretiker Deutschlands, in seinem neuen Buch eine Theorie der Tragödie, die sich in Europa von der Antike bis in die postdramatische Gegenwart entwickelte. Dabei wird das Konzept der tragischen Erfahrung als einer strikt an Theatererfahrung gebundenen erläutert. Im Zentrum steht die neuzeitliche Tragödie seit der Renaissance und die…mehr

Produktbeschreibung
Was ist "tragische Erfahrung" im Theater?Anknüpfend an seine früheren Studien zur antiken Tragödie "Theater und Mythos" und an sein in 19 Sprachen übersetztes Standardwerk "Postdramatisches Theater" entwirft Hans-Thies Lehmann, einer der bedeutendsten Theatertheoretiker Deutschlands, in seinem neuen Buch eine Theorie der Tragödie, die sich in Europa von der Antike bis in die postdramatische Gegenwart entwickelte. Dabei wird das Konzept der tragischen Erfahrung als einer strikt an Theatererfahrung gebundenen erläutert. Im Zentrum steht die neuzeitliche Tragödie seit der Renaissance und die Frage nach der Gegenwärtigkeit der Tragödie.
"Was genau ist (oder war) das Dramatische am dramatischen Theater? Was kann Tragödie und das Tragische bedeuten, wenn man zwischen prädramatisch, dramatisch und postdramatisch organisierten Formen von Theatralität klar unterscheidet?" Hans-Thies Lehmann
"Hans-Thies Lehmann ist ein Theaterwissenschaftler, der viel gesehen hat; einer, der seine Überlegungen aus der konkreten sinnlich-ästhetischen Anschauung entwickelt und seine ästhetische Erfahrung zum Profil einer Theaterwissenschaft erklärt. Das ist gut und leider viel zu selten." Jörg Wiesel, "Mykenae"
  • Produktdetails
  • Verlag: Alexander Verlag
  • Seitenzahl: 736
  • Erscheinungstermin: 18. März 2014
  • Deutsch
  • Abmessung: 238mm x 156mm x 52mm
  • Gewicht: 1270g
  • ISBN-13: 9783895813085
  • ISBN-10: 3895813087
  • Artikelnr.: 36866449
Autorenporträt
Hans-Thies Lehmann zählt zu den international bekanntesten Theaterwissenschaftlern, bis 2010 war er Professor für Theaterwissenschaft an der Goethe-Universität Frankfurt am Main. Publikationen u. a. "Theater und Mythos" (1991); "Postdramatisches Theater" (1999), "Das politische Schreiben" (2002). Wesentliche Mitarbeit am Aufbau der Studiengänge Angewandte Theaterwissenschaft (Gießen) und in Frankfurt am Main Theater-, Film- und Medienwissenschaft sowie Gründung des Studiengangs Dramaturgie.
Rezensionen

Perlentaucher-Notiz zur F.A.Z.-Rezension

Zwei unterschiedliche, aber gleichermaßen brillante Neuerscheinungen über das Theater hat Rezensent Thorsten Jantschek entdeckt. Während sich der Theaterkritiker Rüdiger Schaper in seinem Buch "Spektakel" mit den Theaterverächtern und seinen persönlichen Glückserlebnissen im Theater beschäftigt, liest Jantschek in Hans-Thies Lehmanns neuem Werk "Tragödie und dramatisches Theater" insbesondere eine Auseinandersetzung mit den allzu "innigen" Liebhabern des Mediums. Vor allem aber erscheint dem Kritiker das Buch des Theaterwissenschaftlers als äußerst informatives "Theorie-Exerzitium", in dem er lernt, dass die allzu große Fixierung auf den Text und die Nähe der Tragödie zur Philosophie den "erlösenden Moment des Wiedererkennens" verdrängt, der sich nicht in der Lektüre, sondern nur durch das Miterleben des Zuschauers offenbart. Fasziniert folgt Jantschek auch Lehmanns präzisen Einzelanalysen von Racine über Schiller zu Kleist und Hölderlin bis zum "postdramatischen" Theater der Gegenwart. Nach der Lektüre dieser "theatralischen Theorie des Tragischen" ist der Rezensent schlicht überwältigt.

© Perlentaucher Medien GmbH
Besprechung von 10.01.2015
Maßlos muss das Theater sein
Rüdiger Schaper und Hans-Thies Lehmann verteidigen die Bühnenkunst gegen ihre Verächter und voreiligen Liebhaber

Irgendwann gegen 23 Uhr kniete er auf offener Bühne, der Regisseur Einar Schleef, und flehte den Wiener Burgtheaterintendanten Claus Peymann an, über ebendiese für das Haus unverrückbare Grenze hinaus weiterspielen zu lassen. Zwei Stunden später endete die Uraufführung von Elfriede Jelineks "Sportstück". Und danach hatten Zuschauer und Kritiker den Eindruck, Jelineks Textgerölllawine sei nicht nur in ein überwältigendes Bühnenspektakel mit monströsen Chören verwandelt worden, sondern die antike Tragödie habe eine zeitgenössische Form gefunden.

Die Inszenierung von 1999 hat Theatergeschichte geschrieben. Und es gehört zu den gutgeölten Routinen des Kulturbetriebs, angesichts zurückgehender Auslastungszahlen und schwindender Kulturetats auf solche großen Momente zu verweisen, um das Theater als solches zu verteidigen. Es zu hüten, nicht nur als bürgerliche Institution der Traditionspflege oder als gesellschaftskritisches Manual, sondern als genuine Kunstform, als unüberbietbares Kollektiverlebnis.

"Schleefs Chöre besaßen eine solche Wucht, solch zerstörerische, kathartische Kraft", schreibt in diesem Sinn der Theaterkritiker Rüdiger Schaper in seinem Buch "Spektakel", "wie es zuletzt nur im Kino zu erfahren war." Und bei dem Theaterwissenschaftler Hans-Thies Lehmann heißt es in seinem jüngsten Buch: "Tragisches Theater bei Einar Schleef ist Theater der Überschreitung der dramatischen ,Bühnenform' und Theater des Chors, der Stimme, des Körpers als Demontage des naiven Ich-Bewußtseins ... in Anknüpfung an das antike Modell des tragischen Exzesses."

Beiden Büchern geht es um die unhintergehbare ästhetische Erfahrung der Präsenz, von Menschen, Figuren, Schicksalen in einem Theaterraum. Und obwohl ihr Gegenstand ein jeweils anderer ist, lassen sie sich als Verteidigungsschriften des Theaters in Zeiten seiner kulturpolitischen Legitimationsdauerkrise lesen. Mit durchaus verschiedenen Gegnern: Während Schaper auf die Verächter zielt, hat Lehmann die allzu innigen Liebhaber im Visier.

Den Verächtern setzt Rüdiger Schaper seinen Enthusiasmus entgegen. Sein Buch ist eine Sammlung glücklicher und geglückter Theatererlebnisse. "Ich will von einem Theater erzählen, das Erinnerungen begründet, das an die Existenz geht", schreibt Schaper. Es sind vorwiegend die eigenen Erinnerungen, von denen er erzählt. Nicht das Theater im Allgemeinen ist sein Gegenstand, sondern der theaterbesessene Feuilletonist selbst, in dem sich das Theater spiegelt. Schapers Begegnungen mit Texten und Performances von Aischylos über Shakespeare bis hin zu Schlingensief, seine Begeisterung für Schauspieler und seine Begegnungen mit großen Regisseuren und Theatermachern von Heiner Müller, Jürgen Gosch oder Dimiter Gotscheff bis hin zu Robert Wilson. Begegnungen, die sich hier zu hingebungsvollen Porträts verdichten. Schaper stellt seine Liebe zum Theater so emphatisch aus, als gelte es, mehr um den Zuschauer als um den Leser zu werben, der wissen will, warum das Theater diese oft beglückende, ja bezwingende Kraft hat.

Während Schaper die Unwiederholbarkeit des Theatererlebnisses durch das eigene Erleben lustvoll assoziativ "begründet", ist Hans-Thies Lehmanns Abhandlung ein strenges Theorie-Exerzitium. Eines, mit dem das Theater gegen die Liebhaber der großen Texte verteidigt wird. Denn seit in der Antike die Reflexion der Tragödie begann, so Lehmann, war der Inhalt der Texte alles, das Schauspiel dagegen sekundär. Lehmann diagnostiziert - vom Theaterverächter Platon über Aristoteles bis in die Gegenwart - eine Fixierung auf den Text und eine gefährliche Nähe der Tragödie zur Philosophie, in der vor allem die Katharsis hervorgehoben wird. Demgegenüber sieht Lehmann in der Anagnorisis, jenem erlösenden Moment des Wiedererkennens, das "Herz der tragischen Theatererfahrung".

Wenn etwa bei Sophokles die von Trauer und Rachegelüsten erfüllte Elektra in einem Fremden, der an den Atridenhof kommt, plötzlich ihren Bruder Orestes, der Agamemnon rächen wird, erkennt und mit einem Schlag all ihre Hoffnungen erfüllt sieht, dann ist das so ein Moment. Der erlösende Augenblick des Wiedererkennens - so Lehmanns Überzeugung - geht in der Lektüre nicht auf, er ist auf das Miterleben des Zuschauers angewiesen.

Lehmann denkt die Tragödie in den genuin theatralen ästhetischen Kategorien des Überschreitens, des Schreckens, des Exzesses, der Maßlosigkeit, die sich nur im Zusammenspiel von Schauspieler und Publikum zu einer Erfahrung des Tragischen verdichten können. Eine wichtige Rolle spielt dabei natürlich der Chor: "Im Tanz des Chors wird körperlich-sinnlich manifest, was in Rede und Handlung des Heros bedeuteter, angezeigter Sinn bleibt." Der Chor wird zum theatralischen Transmissionsriemen, um die Besessenheit des Helden auf die Zuschauer zu übertragen. Genau diese Wirkung hatte sich offenbar Einar Schleef zunutze gemacht.

Lehmann geht es darum, für das Nachdenken über das Tragische das Theater zurückzugewinnen. In minutiösen Einzelanalysen zeichnet er die Geschichte nach, entdeckt Hoch- und Verfallszeiten, von den "prädramatischen" Tragödien der Antike über die dramatischen Trauerspiele - von Racine über Schiller zu Kleist und Hölderlin - bis hin zum "postdramatischen" Theater der Gegenwart. Das gelingt ihm, im Wortsinn, überwältigend. Und zwar deshalb, weil er das Tragische in der immergleichen Grundsituation des Bühnengeschehens verortet: "Die Konfrontation des Lebewesens in seiner Sichtbarkeit = Gefährdung mit einem zuschauenden Kollektiv kann als Lebenselixier der tragischen Erfahrung angesehen werden."

Hans-Thies Lehmann legt hier die Summe seines theaterwissenschaftlichen Schaffens vor, die selbst Züge ihres Gegenstands trägt: Sie ist entgrenzend, kathartisch - und eine Zumutung. Sie wirkt wie Einar Schleefs pathetischer Kniefall am Wiener Burgtheater. Denn als Leser dieses Theoriemonolithen kommt man sich vor wie weiland Claus Peymann, der von der Dringlichkeit des Anliegens überzeugt wurde und weiterspielen ließ. Eine wahrhaft theatralische Theorie des Tragischen ist so entstanden. Manch ein Theaterkritiker schreibt an dieser Stelle: Jubel!

THORSTEN JANTSCHEK

Rüdiger Schaper: "Spektakel". Eine Geschichte des Theaters von Schlingensief bis Aischylos. Siedler Verlag, München 2104. 352 S., geb., 24,99 [Euro].

Hans-Thies Lehmann: "Tragödie und Dramatisches Theater". Alexander Verlag, Berlin 2013. 734 S., geb., 68,- [Euro].

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