Tempo, Tempo! - Braun, Andreas
  • Broschiertes Buch

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Produktdetails
  • Verlag: Anabas
  • Erscheinungstermin: März 2001
  • Deutsch
  • Abmessung: 285mm x 220mm
  • Gewicht: 799g
  • ISBN-13: 9783870383275
  • ISBN-10: 3870383275
  • Artikelnr.: 08972242
Rezensionen
Besprechung von 25.08.2001
Rasender Stillstand
La Jamais Contente: Andreas Braun fährt ein schnelles Thema in den Graben
Natürlich ging es um den Effekt, um möglichst spektakuläre Aufnahmen: „Ich fotografiere mich selbst beim Absturz mit dem Fallschirm”, hieß im Mai 1931 eine Bilderserie in der Berliner Illustrierten Zeitung, mit der der Fotograf Willi Ruge Aufsehen erregte. Ruge hatte zwei Wochen lang einen Lehrgang besucht und sich der vorschriftsmäßigen Pilotenprüfung unterzogen. Ausgerüstet mit Fliegerkappe, Schutzbrille und Kamera sprang er aus fünfhundert Meter Höhe aus einem Flugzeug ab und fotografierte in Bruchteilen von Sekunden, was er für entscheidend hielt: den Augenblick, in dem der Fallschirm sich öffnete, den eigenen Gesichtsausdruck während des schnellen Sturzes und – zweihundert Meter über dem Erdboden – seine Füße, an denen er komischerweise Straßenschuhe trug.
Sein dokumentierter Selbstversuch war wie die Allegorie jenes riskanten Unternehmens, das „Sensationsfotografie” hieß. Niemand musste zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts Kriegsfotograf werden, um auf der Jagd nach Ereignis und Geschwindigkeit sein Leben aufs Spiel setzen zu können. Regelmäßig verunglückten Fotografen an Straßenkreuzungen oder an den Banden der Rennbahnen. Als Urban Hennrich Ende der zwanziger Jahre in einer Schleife auf der Avus die Gewalt über seinen Wagen verliert und in die Zuschauermenge rast, erfasst er auf der Böschung zwischen Publikum und Rennwagen den Reporter Willy Brämer, der von dem sich überschlagenden Auto mitgerissen und dabei schwer verletzt wird. Sein Unfall ist nur ein Fall von vielen. Lebensmüde ein ganzer Berufsstand.
Die Faszination der Geschwindigkeit, der Andreas Braun unter dem Titel Tempo, Tempo! jetzt ein neues Buch gewidmet hat, war seit Ende des neunzehnten Jahrhunderts eine doppelte. Während die einen mit ihren Autos den Rausch der rasenden Fahrt suchten – die „Umnebelung der Sinne”, vor der schon Medizinalräte warnten –, jagten die anderen deren dahinjagende Maschinen mit ihren Kameras. Die Apparate verkoppelten die Schnelligkeit des sich in Bewegung befindenden fotografierten Objekts und die des Verschlusses, der die Dauer des Lichteintritts in die Kamera bestimmte.
Gelungen waren die Schnappschüsse dann, wenn sie den Zeitverlauf verdichteten. Wenn das betrachtende Auge das Zeit-Fragment wieder in Bewegung setzen konnte, weil das Bild auch das Davor und Danach des belichteten Moments suggerierte. Was Lessing im „Laokoon” für die Malerei gefordert hat, so der Autor, die Darstellung eines „fruchtbaren Augenblicks”, der „der Einbildungskraft freies Spiel” lässt, schien die Momentfotografie mithilfe technischer Mittel realisieren zu können. In der Betrachtung changieren die Aufnahmen zwischen Stillstand und absoluter Bewegung.
Fliegender Galopp
„Eine Kunst- und Kulturgeschichte der Geschwindigkeit im neunzehnten Jahrhundert” nennt Braun seine großzügig bebilderte Studie und lässt sich dabei von seinem Gegenstand fast allzu sehr anstecken. In rasantem Tempo legt er den historischen Weg vom Pferderennen über die „Geschichte der Eisenbahnreise” zum Großstadtverkehr zurück; führt den Leser von Rubens über Delacroix und Turner zum Impressionismus und Futurismus; streift die Architektur der Weltausstellungen und die Flugvisionen von Goya bis Zeno Diemer; spricht über Momentfotografie und den Film als „Dynamit der Zehntelsekunden”.
Wer so viel sagen will auf so kurzer Strecke, nimmt in Kauf, vor allem die Topoi der Geschwindigkeitsdarstellung in den Blick zu rücken. Mit Bildbeschreibungen verordnet sich das Buch dabei einen gelegentlichen Stillstand. Wie der Besucher in einem Museum verweilt es vor einzelnen Gemälden und Fotografien, hält sich bei Bauplänen oder Karikaturen auf. Théodore Géricaults 1821 fertiggestelltes Bild „Das Derby in Epsom”, das den „fliegenden Galopp” der von ihren Jockeys angetriebenen Pferde zeigt, ist in diesem Zusammenhang natürlich oft betrachtet worden. Das Gemälde lässt die Tiere den Kontakt mit dem Boden verlieren. Die Vorderbeine nach vorn und die Hinterbeine weit nach hinten gestreckt, dehnen sich ihre Körper horizontal aus, berühren den Boden eher mit ihrem Bauch als mit den Hufen. Ihrem Ziel scheinen sie so gleichsam entgegenzuschweben.
Bis zum Aufkommen der Eisenbahn war der „fliegende Galopp” ein Gradmesser für das Erleben von Geschwindigkeit. Zur Tempo-Metapher machte man das Pferd auf den Darstellungen in der Kunst. Dass das Tier in seiner schnellsten Gangart die Hufe aber nur im Bruchteil einer Sekunde vom Erdboden löste, zeigte mit seinen bekannt gewordenen Versuchen der kalifornische Fotograf Eadweard Muybridge. Mithilfe von zwölf Apparaten mit Fallbrettverschluss gelang es ihm 1878, den Bewegungsablauf des Tieres systematisch zu verfolgen. Der Verschluss an den Kameras wurde jeweils ausgelöst, wenn das vorüberlaufende Pferd quer über die Versuchsstrecke gespannte elektrische Drähte zerriss. Die Serienaufnahmen fixierten, was das technisch ungerüstete Auge wahrzunehmen nicht imstande war.
Wer die Banden der frühen Rennbahnen liebt – vom Pferde- zum Radsport, vom Motorrad zum Automobil – hätte sich mit dem Buch dort gerne länger aufgehalten und entlegenere Bilder aus der Geschichte der Geschwindigkeitsdarstellung sehen wollen. La Jamais Contente hieß das stromlinienförmige Fahrzeug aus der Werkstatt des Rennfahrers Camille Jenatzy, mit dem der Belgier 1899 als erster die Grenze von hundert Stundenkilometern überschritt. Der Name des Wagens war Bekenntnis. Nie konnte es schnell genug gehen. Immerzu sollte das Tempo der „veloziferischen Glücksmaschinen” noch gesteigert werden, sollte Gas gegeben werden auf den Fahrersitzen der „windschnittigen” Karosserien. Für das Buch selbst hätte vielleicht das Gegenteil gelten sollen. Denn manchmal geht es darin einfach ein bisschen zu schnell.
JULIA ENCKE
ANDREAS BRAUN: Tempo, Tempo! Eine Kunst- und Kulturgeschichte der Geschwindigkeit im 19. Jahrhundert. Werkbund-Archiv 28. Anabas-Verlag, Frankfurt/Main 2001. 198Seiten mit zahlreichen Abbildungen, 48Mark.
Allons, enfants! Die Frau ist das erste Fahrzeug der Weltgeschichte, sagt Virilio, der Mann ihr erster Passagier. Weiblicher Halbakt, einen Stab schwingend, von Eugène Delacroix 1831. Abbildung aus dem besprochenen Band
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Perlentaucher-Notiz zur Süddeutsche Zeitung-Rezension

Einen Einwand hat die Rezensentin. Der Autor ist ihr einfach zu fix. Er rennt los und lässt sich von seinem Gegenstand fast allzu sehr anstecken, schreibt Julia Encke: "In rasantem Tempo legt er den historischen Weg vom Pferderennen über die 'Geschichte der Eisenbahnreise' zum Großstadtverkehr zurück", rast von Rubens zum Futurismus und hält nur bei Bildbeschreibungen, vor Gemälden und Bauplänen mal inne. Zu wenig, findet Encke, gerade vor entlegeneren Bildern der Geschwindigkeitsdarstellung hätte sie gern länger verweilt. Allein der Autor war schon wieder weiter.

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