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Tagebuch der Natur - Puchner, Willy
  • Buch mit Leinen-Einband

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  • Verlag: Np Buchverlag
  • 2001
  • Ausstattung/Bilder: 2001. o. Pag. Mit zahlr. Farbabb.
  • Deutsch
  • Abmessung: 30, 5 cm
  • Gewicht: 510g
  • ISBN-13: 9783853262443
  • ISBN-10: 3853262449
  • Best.Nr.: 09944890
Autorenporträt
Willy Puchner wurde 1952 in Niederösterreich geboren. Er besuchte die Abteilung Fotografie der Höheren Graphischen Lehr- und Versuchsanstalt Wien, an der er auch selbst zwei Jahre unterrichtete; daran schloss sich später das Studium der Philosophie, Geschichte und Soziologie an. Seit 1978 arbeitet er als freischaffender Fotograf und Autor für diverse Magazine und Zeitschriften wie STERN, GEO oder die Wiener Zeitung.
Rezensionen
Besprechung von 01.12.2001
Wer Fernweh hat, kennt auch das Nahweh: Willy Puchner führt ein akribisches "Tagebuch der Natur"

Eine skurrile Idee machte den Wiener Maler und Fotografen Willy Puchner berühmt: Er reiste mit zwei Pinguinen aus Kunststoff um die Welt und ließ sie etwa vor dem Eiffelturm, den Pyramiden und auf der Chinesischen Mauer posieren. Dann fotografierte er sie so, wie man Familienmitglieder während des Urlaubs fotografiert, damit man später sagen kann: Schau, da waren wir! "Die Sehnsucht der Pinguine" nannte Puchner die Arbeit. Gemeint aber war natürlich seine eigene - der Wunsch, alles zu sehen, nichts zu versäumen.

Diese Sehnsucht, die man auch Fernweh nennen kann, findet bei Puchner zugleich eine Umkehrung, die Nahweh heißen müßte. Es geht die Rede, daß er Räume gemietet hat, nur um aufzuheben, was er nicht übers Herz bringt wegzuwerfen: Kostüme und Hüte, aber auch gewöhnliche Artikel des Alltags, klitzekleine Fundstücke - keineswegs also wertvolle Antiquitäten oder zumindest potentielle Schätze für eine spätere Epoche. "Ich sammle", sagt er, "wenn ich das Gefühl habe: Dieser Gegenstand sagt mir etwas, gibt Auskunft." Eine solche Sammlung endet zwangsläufig im Chaos.

Seit einiger Zeit räumt Puchner auf. Und es kann nicht verwundern, daß er sich dazu des Prinzips der Collage bedient. "Materialbücher" sind seine Folianten überschrieben, in denen er winzige Mitbringsel seiner Reisen mit eigenen Texten und Zeichnungen zu buchstäblich vielschichtigen Darstellungen kombiniert. Getragen sind diese Blätter von der Hoffnung, die Eindrücke von unterwegs zu ordnen; dennoch vermitteln sie vor allem eine Erkenntnis: Es ist aussichtslos, die Welt auf den Punkt bringen zu wollen.

Einem ähnlichen Antrieb ist wohl auch Puchners "Tagebuch der Natur" entsprungen, eine Art Poesiealbum für Feld, Wald, Wiese und Meer. "Ich weiß nicht, wo Natur beginnt und wo sie endet", schreibt er im Vorwort. So wird das Buch zugleich zur Suche nach einer Antwort.

Eine Doppelseite widmet er Fossilien, eine andere Walen. Im Museum zeichnet er einen Riesensalamander, eingelegt in Spiritus, und in der Kunstgeschichte spürt er den Feldhasen von Albrecht Dürer auf. Außerdem sieht er sich im Wald um, auf den Bauernhöfen Österreichs und am Strand des Neusiedler Sees, wo er Fußspuren von Vögeln kopiert. Und an einer Stelle zeigt er sogar eine Seite aus seinem Schulheft von 1960. Da war Puchner acht Jahre alt und mußte in einer "Wesfall-Übung" aufzählen, wessen Farbe auf der Wiese ins Auge springt. "Die Farbe des Löwenzahnes fällt auf", steht dort in artiger Kinderschrift, "Die Farbe des Gänseblümchens fällt auf", "Die Farbe des Schmetterlinges fällt auf", und so geht das weiter im Dutzend, fast wie moderne Lyrik. Aber vielleicht, denkt man plötzlich, bedarf es dieser monotonen Wiederholung, damit die Blümchen und Tierchen auffallen - weil man sie sonst eben doch übersieht. Auch dies zeichnet Puchner aus: die Penetranz des Kindes, dem alles wertvoll ist, alles gleich wertvoll. Dem nichts entgehen darf. Deshalb quillt jede Seite förmlich über vor Notizen, Andeutungen, Ausschnitten und großartig geschlagenen Bögen nicht nur quer durch die Biologie. Er zitiert in Handschrift aus dem Duden und aus Gaston Bachelards "Poetik des Raumes". Er schreibt ein Frühlingsgedicht von Rilke ab und einen Brief, in dem er klagt, daß die lateinische Nomenklatur den Tieren ihre Wunderlichkeit raube. Und er zeigt mit dem Charme der Kinderbuchillustration eine Gruppe kleiner Tierchen, die Winterschlaf hält, und den Frosch, der ihm kürzlich auf die Luftmatratze gesprungen ist, und er tobt sich aus in Blumenphantasien, inspiriert durch Namen aus der Botanik wie Kuhschelle und Frauenschuh; kurz: "Das Tagebuch der Natur" ist ein wunderbares Sammelsurium all dessen, was kreucht, fleucht und blüht.

Dabei wird die Welt keineswegs verniedlicht. Rinderwahnsinn und genverändertes Gemüse, Dioxinskandal und das geklonte Schaf Dolly sind ihm Zeichen für einen fragwürdigen Umgang mit der Natur. "Fortschritt birgt auch die Gefahr von Ignoranz und Größenwahn", notiert er. Dennoch hält sich Puchner mit der Zivilisationsschelte zurück, räumt etwa die Notwendigkeit der Jagd ein und sagt, daß der Garten Eden immer nur Traum gewesen ist: "Ein Paradies hat es nie gegeben."

Vielleicht ist sein Buch deshalb auch dieses: der Versuch, ein Paradiesgärtlein anzulegen. Wie ambivalent ein solches Unternehmen sein muß, zeigt sich freilich in Puchners Liste des Materials und Kritzelbedarfs für sein Buch, einer Art Aufforderung an die Leser, das Tagebuch fortzusetzen. Sie führt ebenso Stanleymesser und Schere wie Uhu-Stick und Klebeband auf. Wer die Welt zusammenfügen will, das ist das Resümee, muß sie zuvor zerlegen.

FREDDY LANGER.

Willy Puchner: "Tagebuch der Natur". NP Buchverlag, Wien 2001. 48 S., geb., 38,90 DM. Für jedes Alter.

Alle Rechte vorbehalten. © F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main
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Perlentaucher-Notiz zur F.A.Z.-Rezension

"Als eine Art Poesiealbum für Feld, Wald, Wiese und Meer beschreibt Freddy Langer dieses Buch und zitiert seinen Autor: "Ich weiß nicht, wo Natur beginnt und wo sie endet." Dies Buch sei auch die Suche nach einer Antwort. Dann zählt der Rezensent Beispiele von Fundstücken aus Puchners Tagebuch auf: eine den Fossilien gewidmete Doppelseite, im Museum gezeichnete Riesensalamander, oder kopierte Fußspuren von Vögeln. Puchner zeichnet nach Ansicht des Rezensenten in diesem Buch auch "die Penetranz des Kindes" aus, dem alles zugleich wertvoll sei, dem nichts entgehen dürfe. Deshalb quelle jede Seite förmlich über vor "Notizen, Andeutungen, Ausschnitten, großartig geschlagenen Bögen, nicht nur quer durch die Biologie". Dabei werde die Welt keineswegs verniedlicht. Rinderwahnsinn oder genverändertes Gemüse sind Langer zufolge für den Autor auch "Zeichen für einen fragwürdigen Umgang mit der Natur".

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