Produktdetails
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  • Verlag: Assoziation A
  • ISBN-13: 9783935936194
  • ISBN-10: 3935936192
  • Best.Nr.: 11225597
Rezensionen
Besprechung von 10.06.2003
Abmarsch
Der argentinische Volksaufstand
ULRICH BRAND (Hrsg.) : Que se vayan todos! Krise und Widerstand in Argentinien. Verlag Assoziation a, Berlin, Hamburg, Göttingen 2003. 180 S., 14 Euro.
„Alle sollen abhauen” – die Parteien, die Unternehmer, die Regierung: Nichts anderes war gemeint, als Arbeiter, Arbeitslose und geprellte Sparer in Argentinien mit der Parole „que se vayan todos” durch die Straßen zogen. Die Empörung in der Bevölkerung war groß, nachdem Korruption und die Privatisierung staatlicher Unternehmen das Land in den neunziger Jahren ruiniert hatten. Täglich verloren Tausende ihren Arbeitsplatz, die Sperrung privater Konten brachte die Wirtschaft zum Stillstand. Nichts ging mehr im einstigen Vorzeigestaat wirtschaftsliberaler Modernisierung.
Doch kurz vor Weihnachten 2001 fegte ein Aufstand die Regierung hinweg. Dieses Datum steht im Zentrum des ersten deutschsprachigen Buches, das sich dieser Rebellion widmet. Elf Autoren machten sich auf die Suche nach den verschiedenen Aspekten der Revolte und ihren Folgen. Verarmte Mittelständler, die auf Kochtöpfe schlugen und ihre Ersparnisse einklagten, kommen ebenso zu Wort wie organisierte Arbeitslose, die mit Straßenblockaden auf sich aufmerksam machten. Im Ergebnis wird festgestellt: Menschen verschiedenster gesellschaftlichen Schichten haben „ohne feste Führung, ohne Versprechen und ohne Programme” einen der „wichtigsten Aufstände der zeitgenössischen argentinischen Geschichte vollzogen”.
/>Die Autoren schildern, dass nach der Revolte „massenhaft” mit Gegenmacht von unten experimentiert worden sei – etwa auf spontan entstandenen Stadtteilversammlungen, in denen Bürger seither das soziale Leben in den Vierteln selbst organisieren. Oder in den besetzten Fabriken, wo Arbeiter in Selbstverwaltung produzieren, nachdem die Chefs das Weite gesucht haben. Auch die Tauschringe gelten den Autoren als wichtige Erfahrung für den breit gefächerten Willen nach „alternativen Formen der Vergesellschaftung”. Schließlich tauschten in dieser Parallelwirtschaft zeitweise bis zu sechs Millionen Menschen Waren gegen andere Waren oder Dienstleistungen.
Mit einer Stabilisierung der Lage könnten diese Initiativen aber auch schnell wieder verschwinden. Das zeigen nicht zuletzt die Präsidentschaftswahlen vom April: Mit Ex-Staatschef Carlos Menem konnte anfangs jener Mann am meisten Stimmen verbuchen, der das Land in den neunziger Jahren in den Ruin getrieben hat.
WOLF-DIETER VOGEL
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Perlentaucher-Notiz zur Süddeutsche Zeitung-Rezension

Argentinien, einst Musterland des Internationalen Währungsfonds, stürzte Weihnachten 2002 in das totale wirtschaftliche Chaos. Die Regierung, bemüht, die Inflation einzudämmen, schränkte die Verfügbarkeit über die Bankkonten ein, was zu einem Volksaufstand führte, in dessen Verlauf die gesamte Regierung fliehen musste. Wolf-Dieter Vogel bescheinigt den Autoren, gut herausgestellt zu haben, wie angesichts des Machtvakuums "massenhaft" mit Gegenmacht von unten experimentiert worden sei, etwa in Stadtteilversammlungen, die seither das soziale Leben in den Bezirken organisieren, oder den besetzten Fabriken, in denen die Arbeiter selbstverwaltet produzieren, nachdem die Chefs das Weite gesucht hatten. Insgesamt Vogel attestiert den Herausgebern, ein breites Bild des Argentinischen Widerstands abzubilden. Viele Stimmen kommen zu Wort, so Vogel, vom verarmten Mittelständler, der seine Ersparnisse einzuklagen versucht, bis zum organisierten Arbeitslosen.

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