Neue Menschen - Wackwitz, Stephan
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Mit Selbstironie, provozierender Ehrlichkeit und berührender Offenheit erzählt Stephan Wackwitz vom Studieren in den 70er Jahren, das weniger den Studienerfolg als die marxistische Weltrevolution und den dazugehörigen "neuen Menschen" zum Ziel hatte. Aber er belässt es nicht beim Blick auf die eigene Verblendung. Von den pietistisch verzückten Pfarrern des 18. Jahrhunderts über die nationalistisch entzündeten jungen Männer des Dritten Reichs bis zu den islamischen Selbstmordattentätern des Jahres 2001 verfolgt Wackwitz die gespenstischen Spuren der "neuen Menschen" durch die Geschichte. Und er…mehr

Produktbeschreibung
Mit Selbstironie, provozierender Ehrlichkeit und berührender Offenheit erzählt Stephan Wackwitz vom Studieren in den 70er Jahren, das weniger den Studienerfolg als die marxistische Weltrevolution und den dazugehörigen "neuen Menschen" zum Ziel hatte. Aber er belässt es nicht beim Blick auf die eigene Verblendung. Von den pietistisch verzückten Pfarrern des 18. Jahrhunderts über die nationalistisch entzündeten jungen Männer des Dritten Reichs bis zu den islamischen Selbstmordattentätern des Jahres 2001 verfolgt Wackwitz die gespenstischen Spuren der "neuen Menschen" durch die Geschichte. Und er erzählt im Gegenzug von Beispielen positiver Neuerschaffung: von der "Religion der jungen Frauen" im Berlin der 20er Jahre bis zur homosexuellen Selbstrettung in die Welt von Kunst und Kultur.
  • Produktdetails
  • Verlag: S. Fischer
  • Seitenzahl: 271
  • 2005
  • Ausstattung/Bilder: 2005. 271 S. m. 18 Abb.
  • Deutsch
  • Abmessung: 210mm
  • Gewicht: 395g
  • ISBN-13: 9783100910561
  • ISBN-10: 3100910567
  • Best.Nr.: 14042781
Autorenporträt
Stephan Wackwitz, geboren 1952 in Stuttgart, studierte Germanistik und Geschichte in München und Stuttgart. Er arbeitete als Lektor für Deutsch am King's College in London, danach für das Goethe-Institut in Frankfurt am Main, Neu Delhi, Tokio, München und Krakau. Ab Sommer 2005 leitet er das Goethe-Institut in Bratislava. Neben zahlreichen Aufsätzen erschienen von ihm zuletzt die Essaysammlung "Selbsterniedrigung durch Spazierengehen", der Roman "Walkers Gleichung" sowie der "Familienroman" "Ein unsichtbares Land".
Rezensionen
Besprechung von 21.11.2005
Lob der verbeulten Lebensläufe
Konversionen: Stephan Wackwitz schreibt seinen Bildungsroman

Wilhelm Meister und seine Karrierebrüder: Das frisch emanzipierte Bürgertum schuf sich im achtzehnten Jahrhundert mit dem Exzellenzcluster Bildungsroman ein dem stratifikatorisch organisierten Ancien régime entgegenarbeitendes Programm der "perfectibilité" im Zeichen phylo- wie ontogenetischer Totalreform: Nicht nur sollten da Pfarrerssöhne zu Professoren werden, die Erneuerung des gesamten Menschengeschlechts war zu gewärtigen. "Besonders sind Jünglinge diese neuen Ritter", heißt es altväterlich in der Hegelschen Ästhetik. Überquellenden Herzens opponierten die Romanhelden gegen jede Ordnung. Allerdings bestehe das "Ende solcher Lehrjahre" in der Austreibung pubertär-idealistischer Flausen, in der Fügung ins Bestehende, der "Korrektion". Erst die Romantiker, loyal einzig gegenüber der Poesie, fuhren im Namen des Gefühls jede Teleologie (und damit den Bildungsroman) vor die Wand: Ihre Ritter versinken in Umnachtung. Dabei lag in der Literatur längst eine komplexe Form bereit, in der das Subjekt der Welt die Regeln gibt: der Essay, wie ihn Michel de Montaigne etabliert hatte.

Diese Stränge knüpft Stephan Wackwitz in seinem intelligenten, auf einer Metaebene agierenden "Bildungsroman" zusammen: Roman, Essay, Autobiographie und Bildung verbinden, durchkreuzen und betrügen sich hier in jeder erdenklichen Weise, wobei das auf vielen Ebenen umspielte Zentralmotiv die titelgebende, religiöser wie kommunistischer Erlösungsrhetorik eigentümliche Wiedergeburtsphantasie bildet: "Neue Menschen". Als Leitfaden dient dem Autor und Hölderlin-Spezialisten, der gerade die Leitung des Goethe-Instituts in Bratislava übernommen hat, gut romantisch das eigene Leben. Mit Memoiren hat das nichts gemein. Das Nachwort hebt den inszenatorischen Charakter eigens hervor: Zwischen literarischer und echter Person bestehe derselbe Abstand wie zwischen der "Brillo-Box" im Supermarkt und jener in der Galerie. Man wird in diesem Fall vielleicht noch weitergehen dürfen: Der Autor opfert sich für den Erzähler. Er reicht Überreste (aus dem Supermarkt des Lebens) hinein in der berechtigten Hoffnung, der an einem ausgesprochenen Forscherkomplex laborierende Narrator werde ihn "neu formatieren", ja "verklären". Andererseits ist der Held, wo er sich zu politisch überkorrekten Platitüden verleiten läßt, alles andere als sympathisch.

Die "Recherche" schließt an den 2003 erschienenen "Familienroman" an, in dem der Autor, orientiert am Leben seines Großvaters, eine "exorzistische" Expedition in "Ein unsichtbares Land" unternahm, die zugleich eine Reflexion über das Scheitern der Identifikation mit der eigenen Provenienz darstellte. Zwei Jahre später tritt der "Aufopferungs- und Kasteiungs-,Fimmel'" noch stärker hervor: Total ist vor allem die Abrechnung mit den Jahren des eigenen "Jugendirreseins", der willfährigen Teilnahme am "Totalitarismus" des "deutschen Kommunismus" durch Eintritt in den Marxistischen Studentenbund "Spartakus" - und freilich baldigen Wiederaustritt. Der innere Isomorphismus aller doktrinären Renaissancen dient Wackwitz als Zeittunnel: Die (folgenlose) eigene Verstrickung, die Hyperion-Imitation bringt ihn der Eltern- und Großelterngeneration psychologisch näher.

Visionen, Träume und Offenbarungen treten immer wieder hervor, allerdings als kritische Instanzen. In konzentrierter Form nimmt das erste Kapitel "Schnee" den manichäischen Kampf der Gewalten vorweg, der sich im Verlauf des Textes herauskristallisiert. Beim Spaziergang durch Nowa Huta, einen stalinistisch anmutenden Vorort von Krakau, erscheinen dem Erzähler die schwankenden Gestalten der leninistischen Lehre wieder, und siehe da, es sind stümperhaft verkleidete Heroen der deutschen Philosophiegeschichte. Woran es in Nowa Huta mangelt, ist schlicht die Liebe, das Elixier der offenen Gesellschaft. Es sind jedoch nicht diese (zugegeben schlichten) Metathesen, sondern die kleinen Reflexionen und gelungenen Einfühlungen, die das Buch lesenswert machen. Thematisch reizvoll und stilistisch elegant bahnt sich die Erzählung ihren Weg. Sie gewinnt Schwung an intellektuellen Schwerkraftzentren, gerät in weiter entfernte Umlaufbahnen und kehrt doch immer wieder zurück.

In der revolutionären Schwüle der siebziger Jahre betreten alte Bekannte das Terrain: Klaus Scherpe, Gert Mattenklott, vor allem aber der liebevoll adressierte Heinz Schlaffer, Stuttgarter Doktorvater und Retter (erster Turmgesellschafter) des Helden. Die größte Wirkung sei nicht von Schlaffers Intelligenz ausgegangen, sondern von seiner Erscheinung: "selbstbewußt elegant und sexy". Dieses Aperçu dient Wackwitz zum Überblenden in die Geschichte des Vaters Gustav, der sich von 1939 an im kanadischen Cananaskis in britischer Gefangenschaft befand. Hier sei ihm im Jahre 1943 ebenfalls der Dandyismus in Form des Mithäftlings Christian Adolf Isermeyer rettend zur Hilfe gekommen. Die bewunderte "persönliche Souveränität" des homosexuellen Kunsthistorikers Isermeyer habe die aufs Völkische gerichtete Emphase des Einundzwanzigjährigen allmählich in kulturhistorische Bahnen gelenkt.

Für diesen Vorgang hat der Erzähler die Formel "Alchymie" parat (Vergoldung des Ausgegrenzten), die ihn zu einem Hymnus auf emanzipatorische Sub- und Gegenkulturen führt. Juden, Homosexuelle, der Blues oder die Frauen: in jeder dieser Gruppen habe eine "Neubeschreibung" stattgefunden. Damit ist Wackwitz bei seinem wichtigsten Referenztext angelangt: Richard Rortys "Kontingenz, Ironie und Solidarität". Im (auch seitentechnischen) Zentrum des Romans steht das "fast religiöse" Bekenntnis des Erzählers, das auch ihn einer überwölbenden Idee (der Postmoderne) unterstellt: "eine Art Glaube daran, daß Gott in Wirklichkeit ein Liberaler ist, der anerkennt, daß Neubeschreibung, daß Sprache die Macht hat, neue und andere Dinge möglich und wichtig zu machen".

Es ist der hohe Anspruch dieser Selbsterforschung, exemplarisch zu sein. Sehr schön gelingt das im Kapitel "Verfall der Orakel" über die Tübinger Jahre des Historikers Gustav Wackwitz, die im Protokoll einer Unterhaltung mit dem nicht unvorbelasteten Mediävisten Heinrich Dannenbauer über die Zukunft der Geschichtswissenschaft münden. Während der Professor Johannes Hallers späte nihilistische Position übernimmt, hält der Pfarrerssohn Wackwitz am Luthertum wie an der Kulturtheologie eines Jacob Burckhardt fest. Burckhardt wiederum ist auch die Gewährsperson für die prototypische Konversion der Mutter des Helden. Die Urszene ihrer selbstbestimmten Lebensweise bildet geradezu klassisch eine Italien-Reise.

Das Buch gipfelt in eine Fundamentalreflexion über Wahn und Groteske des nicht mehr theologisch gedeckten Absoluten in der deutschen (Geistes-)Geschichte, die Wackwitz der schwäbischen Disposition zum Pietistischen anlastet. Den Ursprung verlegt er in Fichtes Suggestion eines Bewußtseins, das die Tathandlung des sich selbst und seine Umwelt setzenden Ichs umgreift. In erster Linie aber wird Hegels sich vervollkommnender absoluter Geist für die Wiederkehr eines gnostischen Schematismus (Unterdrückte versus "Böswelt") in die Pflicht genommen. Das große Gegenmodell ist - wenig erstaunlich - das Bekenntnis zur Metapher, das von Jean Paul, den Schlegels, Novalis und Schleiermacher bis zu Rorty reiche. Der gesamte Romanessay ist auch eine Konversion in diesem Sinne, eine literarisierende Neubeschreibung. Den skizzierten Biographien sind denn auch Romanpassagen parallelisiert, wobei die biographischen Epiker Hermann Lenz und Georg Büchner eine zentrale Rolle spielen.

Auf Wackwitz' eigenen Werdegang scheint Hegels schnaufender Realismus zuzutreffen: "Diese Kämpfe nun aber sind in der modernen Welt nichts Weiteres als die Lehrjahre, die Erziehung des Individuums an der vorhandenen Wirklichkeit." Doch das Ziel aller Bildung besteht für den Erzähler gerade in der Ziellosigkeit. So ist "Neue Menschen" zuletzt ein Trostbuch, ein Lob der verbeulten Lebensläufe. Der einzige, gleichsam spielerische Ausweg aus den Verführungen zur Teleologie besteht darin, die seit Augustinus in heiligem Eifer praktizierten Konversionen ausschließlich als performative Ereignisse zu zelebrieren, sie aus dem Leben in die Kunst zurückzuholen, ohne je zu einem Stillstand zu gelangen: "Wir machen weiter. Wir fangen immer noch einmal an (unsere Art von Romantik)."

OLIVER JUNGEN

Stephan Wackwitz: "Neue Menschen". Bildungsroman. S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2005. 272 S., geb., 19,90 [Euro].

Alle Rechte vorbehalten. © F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main
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Besprechung von 18.10.2005
In Penneraufmachung
Nicht nur verhext, sondern auch noch schlecht angezogen: Stephan Wackwitz erzählt von den Verführungen der Revolution
Von Kristina Maidt-Zinke
Die Abrechnung mit den nationalsozialistisch verseuchten Vätern und Großvätern hat sich als literarisches Thema allmählich überlebt. Wenn jetzt die Selbstbezichtigung der marxistisch verführten Söhne und Enkel folgt, dann haben wir noch einiges zu erwarten. Nicht etwa aus dem Osten der Republik, wo der Marxismus bekanntermaßen nichts Verführerisches hatte, sondern zwangsverordnet war, weshalb dort fast alle irgendwie entschuldigt sind. Die wirklich gruseligen Dinge haben sich, daran erinnert uns jetzt Stephan Wackwitz, diesseits des Eisernen Vorhangs abgespielt. An westdeutschen Universitäten trieb in den siebziger Jahren eine Generation ihr Unwesen, die ohne staatliche Nötigung dem roten Teufelswerk anhing und, wie es im Klappentext zum Romanessay „Neue Menschen” heißt, „weniger den Studienerfolg als die marxistische Weltrevolution” anstrebte. Aus heutiger Sicht müssen derartige Ambitionen so befremdlich wirken, dass man ihnen nur mit Begriffen wie „Verhexung” und „Verzauberung” beikommen kann. Wackwitz, als Philologe, Schriftsteller und Goethe-Institutsleiter immerhin einer der Erfolgreichen seines Jahrgangs, bekennt sich dazu, verhext gewesen zu sein. Und, schlimmer fast: Er war in der fraglichen Zeit auch noch schlecht angezogen.
In dem 2003 erschienenen Vorgänger „Ein unsichtbares Land” hatte der Autor, ausgehend von Tagebuchaufzeichnungen seines Großvaters, seine Familienchronik mit einer essayistischen Annäherung an die jüngere deutsche Historie verwoben und daraus so etwas wie die Entwicklungsgeschichte eines Intellektuellen destilliert. Dieses autobiographische Projekt verfolgt er in seinem neuen Buch weiter, und wieder kann er dabei auf ein beneidenswert ergiebiges Familienarchiv zurückgreifen. Der Untertitel „Bildungsroman” führt allerdings in die Irre, denn die bunte Mischung aus Reminiszenzen, Recherchen und Reflexionen beschreibt zwar einen Bildungsweg, ist aber nicht als Romanhandlung organisiert und hievt den Verfasser, bei allem sichtbaren Willen zur Selbststilisierung, nicht in den Status eines literarischen Helden. Wackwitz scheint zum Begriff des Bildungsromans ein libidinöses Verhältnis zu haben, denn er verwendet ihn inflationär überall dort, wo er einen halbwegs interessanten Lebenslauf wittert. Und wenn er am Ende seine Ich-Erzählung in eine Reihe mit den großen europäischen Bildungsromanen stellt, mit „Anton Reiser” und „Heinrich von Ofterdingen”, mit „Wilhelm Meister”, dem „Grünen Heinrich” und der „Éducation sentimentale”, dann möchte man ihm begütigend zurufen: Hallo, Sie sind’s doch nur, Stephan Wackwitz.
Bis dahin hat er uns freilich gut unterhalten. Lässt man gattungsspezifische Aspekte einmal beiseite, so trennt Wackwitz von den Romanciers, auf die er sich beziehen möchte, vor allem das Verstricktsein, ein trotz Selbstironie eklatanter Mangel an epischer Distanz zu den geschilderten Vorgängen. Wenn er den „größenwahnsinnigen Lebensentwurf” seiner frühen Jahre geißelt und sich des „gnostischen Jugendirreseins” anklagt, dann spricht daraus noch immer jener Hang zur Überhöhung und Dramatisierung der eigenen Weltsicht, der ihn seinerzeit für Welterlösungsphantasien anfällig machte.
Seine studentische Mitgliedschaft im MSB Spartakus, sein zeitweiliges Verfallensein an eine Ideologie, die er mittlerweile scharf verurteilt, vermag er auch nach drei Jahrzehnten nicht locker als Sturm-und-Drang-Episode abzubuchen. So stellt er seine „Verblendung” einerseits in eine familiengeschichtliche Tradition „häretischer Motive”, andererseits in eine angeblich dunkle und unheimliche deutsche Geistesströmung, die sich von Jakob Böhme über die schwäbischen Pietisten bis zu Hegel und Hölderlin zieht und deren gnostizistische, auf radikale Erneuerung des Menschen gerichtete Tendenzen er im Marxismus-Leninismus aufgehoben sieht.
Das macht natürlich einiges her, erzeugt jedoch zugleich Unbehagen, weil auch den Analysen und Selbstvorwürfen des Autors ein Drang zur Mystifizierung und Exaltation anhaftet. Ob Wackwitz im anekdotischen Teil seiner Erinnerungen das Phänomen der Beatles in biblischer Terminologie zu erfassen sucht, ob er schwule Lebenskunst als utopischen Gegenentwurf zu totalitären Menschenbildern deutet, ob er aus Modefotos der zwanziger Jahre auf eine von politischen Verwerfungen unabhängige „weibliche Nation” und eine „Religion der jungen Frauen” schließt oder ob er ein „spurenleserhaft ins Detail getriebenes Gefühl für Distinktion in Kleidung und Verhalten” als „intellektuelle und ästhetische Grundlage für die Unterscheidungen und Klassenspaltungen, für die Triumphe, Ekstasen, Schmerzen und Lächerlichkeiten des internationalen Konsumkapitalismus” postuliert - überall wird seine Neigung zum Verklären und Verabsolutieren evident, deren Kehrseite, die Bereitschaft zum Verdammen, man wohl gleichfalls nicht überbewerten darf. Dass seine Familiengeschichte streckenweise hagiographische Züge annimmt, passt perfekt ins Bild.
Etwas salopp könnte man den Schluss ziehen, dass die Mutter, von Beruf Modezeichnerin, den schon in der Pubertät wegen einer „religiösen Neurose” therapierten Sohn vor dem Schlimmsten bewahrt hat: Sie wies ihn darauf hin, dass die eigentliche Tragödie seiner marxistischen Phase in seiner „Penneraufmachung” bestand, an die er jetzt mit dandyhaftem Ekel zurückdenkt. Umgekehrt ist ihm von seinem Stuttgarter Doktorvater Heinz Schlaffer vor allem im Gedächtnis geblieben, dass er „elegant und sexy” auftrat. Heute ist Stephan Wackwitz ein neuer Mensch, nämlich bekennender „Bürger des amerikanischen Weltreichs und seiner Genussmöglichkeiten”. Und das ist sicher gut so.
Stephan Wackwitz
Neue Menschen
Bildungsroman. S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2005. 272 Seiten, 19,90 Euro.
SZdigital: Alle Rechte vorbehalten - Süddeutsche Zeitung GmbH, München
Eine Dienstleistung der DIZ München GmbH
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Perlentaucher-Notiz zur NZZ-Rezension

Als "mutig und witzig" feiert Rezensent Jochen Hörisch dieses Buch von Stephan Wackwitz, das seiner Meinung nach völlig zu Recht den Untertitel "Bildungsroman" trägt. Wackwitz löse den Anspruch voll und ganz ein, indem er seine Erzählung "offensiv und erfolgreich" mit der ebenso anspruchsvollen Tradition des autobiografischen Bekenntnisses verbinde. Wackwitz erzählt von seinen Jugendjahren als orthodoxer Jungmarxist, der irgendwann erkennen muss, dass er genau "so wahnsinnig, so gnostisch, so militant" ist wie sein Nazivater, mit dem ihn der Hang zu "gnostischen Großkonzepten" und Fichtes "fundamentalistischem Ich-Totalitarismus" verband. In dem, was Wackwitz hier beschreibt, sieht Hörisch weit mehr als nur den Generationenkonflikt zwischen Achtundsechziger und Nazieltern. Die "psychodynamisch-politische Pointe" muss man ernst nehmen, findet Hörisch.

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