Meine amerikanischen Jahre - Solschenizyn, Alexander
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Zwischen Kaltem Krieg und Glasnost, Einsamkeit und Hoffnung: Der Literaturnobelpreisträger schildert seinen Kampf für ein freies Russland während seines Exils.
Die Freiheit des Westens ist ein relativer Wert. Denn auch im amerikanischen Exil befand sich Solschenizyn zwischen zwei Mühlsteinen: Hier beschuldigte man ihn des großrussischen Nationalimus und Antisemitismus. Moskau dagegen hielt ihn für einen Agenten der CIA, weil seine Honorare für"Archipel Gulag"in einen Hilfsfonds für die Familien politisch Verfolgter flossen. Dieser neue Band der Erinnerungen des Literaturnobelpreisträgers…mehr

Produktbeschreibung
Zwischen Kaltem Krieg und Glasnost, Einsamkeit und Hoffnung: Der Literaturnobelpreisträger schildert seinen Kampf für ein freies Russland während seines Exils.

Die Freiheit des Westens ist ein relativer Wert. Denn auch im amerikanischen Exil befand sich Solschenizyn zwischen zwei Mühlsteinen: Hier beschuldigte man ihn des großrussischen Nationalimus und Antisemitismus. Moskau dagegen hielt ihn für einen Agenten der CIA, weil seine Honorare für"Archipel Gulag"in einen Hilfsfonds für die Familien politisch Verfolgter flossen. Dieser neue Band der Erinnerungen des Literaturnobelpreisträgers erzählt von seinen Begegnungen mit Freunden und Feinden und wie ihn die durch Gorbatschow in Gang gesetzte Entwicklung nach Russland zurückbrachte.
  • Produktdetails
  • Verlag: Langen/Müller
  • Originaltitel: Ugodilo sernyschko promesh dwuch shernowow
  • Seitenzahl: 571
  • Erscheinungstermin: September 2007
  • Deutsch
  • Abmessung: 230mm
  • Gewicht: 960g
  • ISBN-13: 9783784431123
  • ISBN-10: 3784431127
  • Artikelnr.: 22817600
Autorenporträt
Der Mathematiker und Schriftsteller Alexander Issajewitsch Solschenizyn (* Kislowodsk 1918, † Troitse-Lykovo bei Moskau 2008) wurde als Stalin-Kritiker verhaftet und jahrelang in Arbeitslagern gefangen gehalten. In seinem bekanntesten Werk, der dokumentarischen Schrift "Archipel Gulag" (1958-1967), legt Solschenizyn die Verbrechen, den Terror des Stalin-Regimes gegen Andersdenkende offen und wurde damit zu einer weltweit bekannten, aber auch oft kritisierten Symbolfigur gegen Unterdrückung. Verbannung in die Steppe und Rehabilitierung folgten, doch 1974 wurde Solschenizyn aus der damaligen Sowjetunion ausgewiesen. Literarisch bleiben u. a. seine Erzählung "Ein Tag im Leben des Iwan Denissowitsch" (1963), der historische Romanzyklus "Das rote Rad" oder "Der erste Kreis der Hölle" (1968) in Erinnerung. Nach seiner Ausweisung lebte Alexander Solschenizyn, der 1970 den Nobelpreis für Literatur erhielt, zuerst in Deutschland bei seinem Freund Heinrich Böll, später sehr zurückgezogen in den USA.
Rezensionen

Süddeutsche Zeitung - Rezension
Süddeutsche Zeitung | Besprechung von 11.01.2008

Die Gespenster der Romanows
Im Westen unverstanden: Alexander Solschenizyn im zweiten Band seiner Autobiographie „Meine amerikanischen Jahre”
Im zweiten Band seiner Memoiren, der auf Russisch schon 2004 erschien, macht Alexander Solschenizyn es seinen Lesern wahrlich nicht leicht, seine Größe als Schriftsteller und seine Bedeutung als politischer Denker angemessen zu erfassen. Dazu sind eben seine historischen Romane und Essays da, würde Solschenizyn wohl ganz richtig bemerken. Eine Autobiographie stellt sich andere Aufgaben. Im Fall Solschenizyns ist es die Darstellung des massiven Drucks, dem er sich Zeit seines Lebens sowohl im Osten wie im Westen ausgesetzt sah.
Der russische Titel der Memoiren bedeutet soviel wie „Dem kleinen Korn gelang es, zwischen zwei Mühlsteinen zu landen: Skizzen des Exils”. In der Tat tauchen die „zwei Mühlsteine” leitmotivisch im Text auf, wann immer Solschenizyn sich von äußeren Kräften bis zur Seelennot erdrückt fühlt. Im zweiten Band, den der Verlag „Meine amerikanischen Jahre” betitelte, weil Solschenizyn sich darin den Jahren 1976 bis 1994 zuwendet, die er in Amerika, zum größten Teil zurückgezogen mit seiner zweiten Frau und seinen vier Söhnen auf einem kleinen Landgut in Cavendish, Vermont, verbrachte, sind die Mühlsteine nicht mehr die Schikanen und Repressalien des KGB, sondern Verleumdungen durch russische Dissidenten, Verunglimpfungen durch eine so ignorante wie arrogante „Hetzmeute” amerikanischer Journalisten, die einer „skandalsüchtigen Einheitspresse” dienen, sowie „feindselige Attacken” aus der „vermeintlichen humanistischen Bildungsschicht”, die Solschenizyn einen „Strohhaufen” nennt.
Das „-ismus”-Stempelkissen
Zu den Vorwürfen gehören Nationalismus, Antisemitismus, Autokratismus, Fanatismus, Illiberalismus, Monarchismus und orthodoxes Christentum. So liest man denn hier endlose Seiten ironischer Entlarvung und Zurechtrückung. Man muss durch sie hindurch, um Solschenizyns Größe zu erkennen. In der Tat ist es erstaunlich, aus der Sicht des Betroffenen die Entstehung von Michael Scammells Solschenizyn-Biographie oder die Genese des Antisemitismus-Vorwurfs mitzuverfolgen. Denn so kommt die unangenehme Seite der westlichen Freiheit in den Blick: Hier wird ein Autor darauf abgeklopft, wie weit er mit den Prinzipien der postindustriellen, liberalen Gesellschaft übereinstimmt.
Wo keine Übereinstimmung festgestellt wird, wird Solschenizyn durch Aufstempeln eines „-ismus” abgefertigt. Solschenizyn verteidigt sich kaum. Er beschränkt sich auf die Darstellung der Genese der Anwürfe. Auf der untersten Ebene stehen in seiner Sicht die Lügen, die sich daraus ergeben, dass Schreiberlinge, Verlage und Zeitungen ihre Produkte verkaufen müssen (an ein Publikum, das so ungebildet wie desinteressiert ist). Auf der höchsten Ebene stehen die Verunglimpfungen durch linksliberale Intellektuelle, die es unerträglich finden, dass ein Mensch seine moralischen Standards nicht, wie seit der Aufklärung üblich, aus der Vernunft, sondern, vormodern und illiberal, aus dem Christentum bezieht und dass er die Beheimatung in einer Nation (der russischen) einer fluiden Internationalität vorzieht.
Indem Solschenizyn Zug um Zug die hysterische Reaktion der westlichen Welt auf seine partikulare und bewusst selbstbeschränkende Weltanschauung darstellt, hält er dem Westen den Spiegel vor. Man sieht die Exzesse, die einem nur peinlich sein können; man ärgert sich, dass Solschenizyn nur das Negative sehen will; man geht in sich und muss zugeben, dass Solschenizyn vieles richtig sieht; man fragt schließlich, was denn seine Alternative ist. Selbstbeschränkung? Beheimatung im Volk? Christentum? Kann man das ernstlich der Moderne und einer Ideologie der Menschenrechte entgensetzen? So beginnt die Suche nach dem echten Solschenizyn und nach seiner politischen Philosophie.
Dazu müsste man sorgfältig seine drei großen, in Amerika verfassten Polemiken gegen den Westen lesen (die Ansprache an die Harvard Absolventen vom Juni 1978 ist in dem 2006 erschienenen „Solzhenitsyn Reader: New and Essential Writings, 1947-2005” greifbar). Die Memoiren selbst erwähnen diese Texte nur beiläufig und geben nur wenige Hinweise auf den Kern seines Denkens.
Dass die westliche Freiheit nicht nur Mühlstein, sondern auch Gottesgabe war, ist das zweite Leitmotive der Memoiren. Denn literarisch gehören die amerikanischen Jahre zu Solschenizyns produktivsten. Zwar hatte er mit „Ein Tag im Leben des Iwan Denissowitsch”, „Im ersten Kreis”, „Krebsstation”, „Archipel Gulag” und „August 1914” schon zuvor ein mächtiges literarisches Werk geschaffen, doch entstand in der Vermonter Abgeschiedenheit, unter äußerster Konzentration, „Das rote Rad”, die fiktionale doch auf historischen Dokumenten beruhende Darstellung der russischen Revolution in vier „Knoten” (Abteilungen).
Eindringlich beschreibt Solschenizyn den aufwendigen Kompositionsprozess und seine Glücksgefühle beim Schreiben. Die Revolution von 1917 (samt ihrer langen Vorbereitung) ist für Solschenizyn das zentrale Ereignis, der Beginn der Unterjochung des russischen Volkes. Seine ganze Kraft als Literat galt in Vermont der Darstellung dieses Untergangs. Erst 1990 war was Werk abgeschlossen. Davor erlaubte er sich nur wenige Exkursionen die Welt. Darum sind „Die amerikanischen Jahre”, sieht man von den Polemiken ab, auch so erlebnisarm. In diesen Jahren leistet Solschenizyn im wesentlichen Kopfarbeit. Dazu gehört auch die geistige Auseinandersetzung mit Andrej Sacharow, dessen Mut er bewundert und dem er doch ambivalent gegenübersteht, weil er seine Verankerung in Russland aufgab. Solschenizyns Sacharow-Porträt am Ende des ersten Kapitels ist eine Schlüsselpassage der Memoiren.
Bei Lady Di und Prinz Charles
Als Solschenizyn 1983 den Templeton Preis erhielt, fuhr er nach England, um ihn von Prinz Philip entgegenzunehmen. Einige Tage später war er im Kensington Palast bei Prince Charles und Lady Diana zu Gast. Hier zeigt sich das außerordentliche, durch Erfahrung und langes historisches Studium verfeinerte Einfühlungsvermögen Solschenizyns: „Dieses Kind (der einjährige William), das Sich-selbst-überlassen-Sein der Eltern in dem halbleeren Palast, der seine ehemalige Funktion eingebüßt hat, ihr Ausgeliefertsein an die Hetzjagd, die eine niveaulose Presse veranstaltete, Prinz Charles‘ waches Interesse für die tiefen Hintergründe diverser Fragestellungen . . . erweckte in mir . . . ein schmerzliches Gefühl der Sympathie mit diesem . . . jungen Paar, . . . das in der lastenden Atmosphäre eines sich zusammenbrauenden Gewittersturmes lebte .” Solschenizyn hat die Romanows vor Augen und erinnert sich, wie Georg VI. seinem Vetter Nikolaus II. die „allerelementarste Zuflucht verweigert”. Doch in diesem Fall siegt nicht die historische Wut, sondern Empathie angesichts menschlicher Tragik.
END CUT HERE] Solschenizyn ist eine der größten Gestalten des 20. Jahrhunderts. Seine Memoiren geben Einblick in seine Kompromisslosigkeit und in die Schwierigkeiten, im Westen als öffentlicher Intellektueller mit Weltanschauungen zu leben, die nicht liberal, rational und säkular sind. Seit 1994 lebt Solschenizyn wieder in Russland und widmet sich dort der Restauration des „leidenden russischen Volkes”. Uns bleibt ein literarisches Werk, dessen Tiefe wir noch nicht ausgelotet haben.SUSANNE KLINGENSTEIN
ALEXANDER SOLSCHENIZYN: Meine amerikanischen Jahre. Aus dem Russischen übersetzt von Andrea Wöhr und Fedor B. Poljakov. Verlag Langen Müller, München 2007. 571 Seiten, 29,90 Euro.
Alexander Solschenizyn in Vermont Foto: Steve Liss//Time Life Pictures/Getty
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Perlentaucher-Notiz zur NZZ-Rezension

Nüchtern fällt Ulrich M. Schmids Besprechung von Alexander Solschenizyns Erinnerungen an seine Zeit im amerikanischen Exil aus. Er bescheinigt dem russischen Schriftsteller ein Leben voller Grenzerfahrungen, das neben einem großem literarischen Werk auch umfangreiche Memoiren hervorgebracht hat. Am vorliegenden Band hebt er besonders Solschenizyns "Verteidigung der Deutungshoheit über sein Leben" hervor. Der Autor weise diverse Interpretationen seines Lebens zurück, verwehre sich gegen Vorwürfe, rechtfertige sich für unterlassene Interviews und Reisen. Über das persönliche Leben Solschenizyns hat Schmid in diesem Buch dagegen wenig erfahren. Der plötzliche Herztod eines Sohnes etwa fülle kaum einen Absatz. In diesem Zusammenhang unterstreicht Schmid, dass man daraus nicht auf einen Mangel an Emotion schließen dürfe. Der Autor messe seinem Privatleben vielmehr schlicht keine Bedeutung zu. Deutlich wird für Schmid gleichwohl Solschenizyns Ernüchterung über die westliche Kultur, die Zerstrittenheit der russischen Emigranten und die begrenzten Wirkungsmöglichkeiten des Schriftstellers.

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