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Guerickes Sperling - Wagner, Jan
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Er übersetzt uns die Welt. Wie schon in seinem preisgekrönten Debüt Probebohrung im Himmel schickt Jan Wagner den Leser mit seinen neuen Gedichten auf eine Expedition der Wahrnehmung. Oft auf Reisen, ob im Ausland oder in der deutschen Provinz, überall findet er Geschichten und Geheimnisse des Alltäglichen. Kein Detail ist belanglos, kein Thema zu groß. Wie nebenbei, etwa durch eine unerwartete Wendung im letzten Vers, klingen in den präzisen Miniaturen umfassendere Fragen an. Mit der gelassenen Weitsicht eines Wanderers spannt Wagner den Bogen zwischen mythologischen Urszenen und trivialen…mehr

Produktbeschreibung
Er übersetzt uns die Welt. Wie schon in seinem preisgekrönten Debüt Probebohrung im Himmel schickt Jan Wagner den Leser mit seinen neuen Gedichten auf eine Expedition der Wahrnehmung. Oft auf Reisen, ob im Ausland oder in der deutschen Provinz, überall findet er Geschichten und Geheimnisse des Alltäglichen. Kein Detail ist belanglos, kein Thema zu groß. Wie nebenbei, etwa durch eine unerwartete Wendung im letzten Vers, klingen in den präzisen Miniaturen umfassendere Fragen an. Mit der gelassenen Weitsicht eines Wanderers spannt Wagner den Bogen zwischen mythologischen Urszenen und trivialen Requisiten der Gegenwart. Dabei schließen seine subjektiven Entdeckungen den Leser nie aus, und er bleibt, mit augenzwinkernder Selbstironie, vor allem eins: ein Geschichtenerzähler.Der Duft eines Weihnachtsbratens, der Name eines Stadtviertels - Neukölln -, ein einsamer Koffer am Flughafen - alles weckt hier Erinnerungen und Assoziationen. In dem Gedicht guerickes sperling gerät ein vermeintlich kühles, wissenschaftliches Experiment unvermittelt zur poetischen Apotheose, und die dezente Kraft einer Berührung vermag in Dolmen im wahrsten Sinne Berge zu versetzen: als sie mich, wortlos, wie von ungefähr / am arm berührte. jener augenblick, / in dem die stütze fiel, der monolith / zu schweben begann. Souverän jongliert Wagner zwischen Formentreue und freien Rhythmen, behauptet im Spiel mit der Tradition klassischer Lyrik seinen eigenen Stil. Die Gedichte bieten Türen an - dem Leser ist es überlassen, einzutreten und mit Jan Wagners Versen der eigenen Wahrnehmung auf die Schliche zu kommen: in Augenblicken von stillem Pathos, die so lebendig sind, als führe eine Lawine durch den Raum.
  • Produktdetails
  • Verlag: Berlin Verlag
  • Seitenzahl: 72
  • 2004
  • Ausstattung/Bilder: 2004. 72 S.
  • Deutsch
  • Abmessung: 208mm x 130mm x 11mm
  • Gewicht: 176g
  • ISBN-13: 9783827000910
  • ISBN-10: 3827000912
  • Best.Nr.: 12415692
Autorenporträt
Jan Wagner, geboren 1971 in Hamburg, lebt seit 1995 in Berlin. Er ist Lyriker, Übersetzer englischsprachiger Lyrik, freier Rezensent (Frankfurter Rundschau u.a.) sowie bis 2003 Mitherausgeber der internationalen Literaturschachtel Die Aussenseite des Elementes. Zahlreiche Veröffentlichungen in Anthologien und Zeitschriften.
2009 erhielt er das Stipendium des Lessing-Preises, 2011 wurde er mit dem "Kranichsteiner Literaturpreis" und dem "Friedrich-Hölderlin-Preis" ausgezeichnet und 2013 mit dem "Paul Scheerbart-Preis" für seine sprachliche Präzision und sein Feingefühl für den hintersinnigen Witz der Lyrik des Briten Simon Armitage. 2014 erhielt Jan Wagner den "Mörike-Preis" für seinen "Nie versiegenden Einfallsreichtum" und 2016 den "Samuel-Bogumil-Linde-Literaturpreis".
Rezensionen
Besprechung von 26.03.2004
Am Himmel, da flackert ein Spatz
Ein Buch des Bleibens in großer Unruhe: Jan Wagner eröffnet ein Labor der Lyrik
Es ist ein gutes Zeichen, wenn der Leser stutzt. Eben waren da noch ein Bild, ein Ton, die in den Anfangszeilen des Gedichtes „Bei Dornbirn” die Alpenszenerie in Vorarlberg so sparsam wie genau umrissen: im tal das leise rauschen, durch das / der schatten der seilbahn wie ein senkblei wandert. Dann aber schwingt sich das nächste Zeilenpaar in hohe, allzu hohe Regionen auf: die stumme sprache der dinge. die rinde am stamm./ der wald, der die geduld der arche hat. Der Leser stutzt, weil in diesem äußerst sprachbewussten Buch, diesem Kaleidoskop traumwandlerisch-beiläufiger Exaktheit eine solch demonstrative Herausstellung des „Bedeutenden” wie ein unfreiwilliges Stolpern ins Ungefähre wirkt: so kühl halten in diesen Gedichten die Bilder ihren Überschuss an Bedeutungen in Schach, so wenig neigen sie dazu, ihre metaphysischen Geheimnisse auszuplaudern, so suggestiv gelingt es ihnen immer wieder, scheinbar nur „mitgeschriebene” Wahrnehmungen mit logischen Widerhaken zu spicken.
Jan Wagner, 1971 in Hamburg geboren, seit knapp einem Jahrzehnt in Berlin lebend, ist Anglist, Übersetzer angelsächsischer Lyrik, Literaturkritiker und Herausgeber von Gedichtanthologien. Sein erster Gedichtband erschien im Jahre 2001 unter dem ebenso paradoxen wie selbstbewussten Titel „Probebohrung im Himmel”. Es war ein erfolgreiches Debüt, aber in mancher Kritik rumorte das Misstrauen, das Eleganz und Formbeherrschung hierzulande auf sich zu ziehen pflegen. Und es enthielt sehr viel mehr Stolperschritte ins Ungefähre als dieses zweite, schlackenlosere Buch, das aus der Übersetzung der Baumrinden-Hieroglyphen ins Raunen der Allgemeinbegriffe sogleich zu sich selbst, zum Wechselspiel von Auge und Ohr, ins Tal zurückfindet: hinter der biegung, am ende der klamm, / die brüllende weiße mähne des wasserfalls.
Nach wenigen Seiten schon begegnet der Leser dem Titelgedicht des Buches. „Guerickes Sperling” hält den Moment fest, in dem bei Otto von Guerickes Experiment mit der Vakuumpumpe der in der Glaskugel eingeschlossene Sperling wie eine weingeistflamme / zu flackern angefangen hat. Nicht mit dem erzählerischen Modell der Anekdote rivalisiert das Gedicht über die luft, / die immer enger wird, sondern mit der Malerei, mit Joseph Wright of Derbys Gemälde „Das Experiment mit dem Vogel in der Luftpumpe” (1768). Es umgibt den Sperling mit den Emblemen der Epoche, die Entdeckung und Erfindung, Expedition und Experiment, Taxonomie und Kartographie zusammenschließt: Pendeluhr und Diopter, Pedometer und Astrolabium, ein Tischglobus, wo eben erst/ neuseelands rückenflosse den pazifik / durchschritten hat. Die Gottesanbeterin, der die dreibeinige Pumpe in ihrer „obszönen grazie” gleicht, tritt unter ihrem wissenschaftlichen Namen mantis religiosa auf. Die letzte Zeile lässt den toten Sperling durch einen leeren Himmel fliegen.
Aber aus der Naturbeherrschung geht in diesem Buch die säkularisierte Welt nicht als verlässliches Terrain hervor. Ständig beginnt der Boden zu schwanken, so im Blick auf den jungen Kolumbus, der versunken vor einer leeren Tafel steht, den Hafenlärm Genuas im Ohr, in den Stigmata eines Aussätzigen die weißen Flecken der Karten vor Augen. Und wenn sie, wie im Gedicht „Landkarte” verschwunden sind und die Hand mit der scheinbaren Souveränität des modernen Weltreisenden über den Atlas fährt, hat wiederum die Unruhe das letzte Wort: kein spiegel, der zersplittert. doch die ruhe / ist trügerisch, und ungeduldig zappeln /, die kontinente in dem netz aus graden.
Manche der hier versammelten Gedichte sind Mitbringsel von Reisen nach Böhmen oder Italien, London oder Amerika. Allen diesen Souvenirs teilt sich die Unruhe mit: dem Flackern des Weihnachtsbaumes beim Stromausfall in Huntsville, Texas; dem Plakat in Coney Island, das für Koko, den Killerclown wirbt; dem Blut auf den weißen Schürzen der Schlachter am Smithfield Market, den kreisenden Taschen der Golfer auf dem Fließband im Flughafen. Die meteorologische Form der Unruhe, die Turbulenzen der Frühjahrs- wie der Herbststürme stellt Jan Wagner in seinem kunstvoll geknüpften Motivnetz den Bildern umschlossener Natur gegenüber, den gläsernen Gewächshäusern mit ihren weißen Rippen, den Museen, in denen Walskelette an unsichtbaren Drähten hängen.
Wenn einem die Luft ausgeht
Eine Schlüsselfigur bei diesem Widerspiel von stehender oder ins Vakuum gesaugter Luft einerseits, Wind und Sturm auf der anderen Seite ist Jakob van Hoddis. Das Gedicht „Van Hoddis in Tübingen” macht den verstummten Dichter, im Blick auf seine Odyssee durch die Psychiatrien, zu einem Verwandten des Sperlings, dem in seiner schmalen Kammer die Luft ausgeht: das astloch in der diele bei der tür / auf das er starrt. In dem die luft versickert. Van Hoddis war die Stimme des expressionistisch entfesselten Sturms gewesen, hatte dem Bürger den Hut vom spitzem Kopf geweht. Sein Gedicht „Weltende” ließ es in allen Lüften hallen „wie Geschrei”, aber die landläufige Ineinssetzung von Expressionismus und Formzertrümmerung kann sich auf ihn nicht berufen.
Er hat mit reimlosen Versen experimentiert, aber nicht den Reim dem reinen Ausdruck, dem Schrei geopfert, und seinen „Todesengel” in Strophen auftreten lassen, die einem strengen Reimschema folgen.
Jan Wagner beginnt sein Gedicht „Hauch” mit einer frivol klingenden Zeile: von ihrem nacken dieser hauch chanel . . . Aber schon in der nächsten Zeile fällt der Blick auf eine Unfallszenerie, an der das Paar vorbeifährt. Das alte Wort „Hauch” bewährt seine Nähe zur Seele, zum kühlen Abendwind, zum „warte nur, balde”, das hier sein Echo in einem modernen Memento-mori-Gedicht findet. Es kommt im legeren Gewand durchgängig unreiner Reime daher. Auf die „Retter” folgen die „Absperrgitter”, auf die „Voyeure” folgt die „Voliere”, auf die „Nähe” die „Mühe” und was bei der Beschleunigung im Rückspiegel „versank”, verweist am Ende auf eine „numéro cinque”, die nun nicht mehr nur auf den Namen des Parfüms, sondern zugleich auf die Unfallstatistik zu verweisen scheint.
Ganze Schwärme solcher Reime, die halb dementieren, welche zu sein, durchziehen diese Gedichte. Sie sind die Brücke zwischen der Minderheit der reimlosen und der Mehrheit der gereimten Verse. Sie akzentuieren die Virtuosität, mit der dieser Autor seine Reime findet, ohne dass sie gesucht klingen.
Es mochte in den vergangenen Jahren gelegentlich so aussehen, als habe der Reim, nachdem ihm in der Lyrik der Moderne seine Selbstverständlichkeit abhanden kam, vor allem in der Werbung ein komfortables Asyl und im komischen Gedicht seine neue Stammheimat gefunden. So wie das Strophen- und Formenrepertoire der lyrischen Tradition, allen voran das Sonett, in die artistisch-akrobatische Parodie einging wie in ein ewiges Nachleben.
Wenn Jan Wagner sich Formen wie Ekloge oder Elegie zuwendet, dann nicht in parodistischer Absicht. Und der Sonett-Zyklus „Görlitz”, der von einer Herbstreise in die alte Stadt berichtet, in der Jakob Böhme begraben liegt, ist mehr als eine Etüde. Er treibt die Bilder der Stürme und der meteorologischen Unruhe dadurch ins Glühen, dass er sie den strengen Formansprüchen und Reimschemata des Sonetts aussetzt. Gelassen nimmt er die Herausforderung an, die von den parodistischen Virtuosenstücken ausgeht. Wie eine leuchtende Girlande, in der jeweils der letzte Vers eines Sonetts zum ersten des nächsten wird, schwingt sich dieser Zyklus durch das Zentrum des Buches, bis sich am Ende alle ersten und alle letzten Verse der verknüpften Sonette zum 15. und letzten zusammenfügen. Fast so dicht ist diese Konstruktion wie die Glasklugel im Vakuum-Experiment. Aber der Sperling lebt, flattert, fliegt.
LOTHAR MÜLLER
JAN WAGNER: Guerickes Sperling. Gedichte. Berlin Verlag, Berlin 2004. 84 Seiten, 16 Euro.
SZdigital: Alle Rechte vorbehalten - Süddeutsche Zeitung GmbH, München
Jegliche Veröffentlichung exklusiv über www.diz-muenchen.de
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Besprechung von 13.03.2004
Das Blatt, die Welt und ich
Im Packeis des Reimschemas: Jan Wagners zweiter Gedichtband

Auch der strenge Pauker Gottfried Benn machte Ausnahmen. In seinem Vortrag über "Probleme der Lyrik" von 1951, zu dessen reinigendem Fegefeuer immer noch alle angehenden Dichter verurteilt sein sollten, schlug er Gebote in eherne Tafeln und versah sie gleich mit Öffnungsklauseln: 1. Keine Andichtung unbelebter Gegenstände! Ausnahme: Eichendorff. 2. Keine Wie-Vergleiche! Ausnahme: Rilke. 3. Keine Farben! Ausnahme: Blau. 4. Keine Esoterik! Ausnahme: auf realistischer Basis. Heute, nachdem die Literatur das postmoderne Einkaufsparadies und die Ironiehölle durchschritten hat, gilt 5.: Keine ernstgemeinte Verwendung klassischer Formen! Ausnahme: der späte Heiner Müller - dem konnte man nichts mehr übelnehmen. Aber wenn in den letzten Jahren das Antike auch wieder in Mode kam, dann wirkte das mitunter wie ein von den Gästen allzu ernst genommenes Kostümfest, eine Toga-Fete im Musenaltershain.

Und nun ein Lyriker wie Jan Wagner, Jahrgang 1971, dessen zweiter Band noch deutlicher als sein Debüt vor drei Jahren wie ein Musterbuch der Verskunst daherkommt. Lyrische Spielformen wie die Villanelle oder die Sestine, deren Prinzip zu erklären hier schon zuviel Platz wegnehmen würde, finden sich hier ebenso wie Sonette (nach italienischer Manier!), Vierzeiler und Couplets; selbst ein Zyklus von Haikus ist dabei. Die Krönung dieser beeindruckenden Handwerksmesse ist ein mit allen Schikanen ausgestatteter Sonettenkranz über - Görlitz: "die feuchte krötenhaut der kopfsteingassen / sprang durch die sohlen an die eigene haut / hoch über den plakaten, wo die haute / couture zu frieren anfing, zu verblassen, // spann sich das weite netz der regenrinnen".

Der unreine Reim haut/haute ist dabei keine Panne, die einem Virtuosen auch niemals aus Nachlässigkeit unterlaufen würde, kein Fleck in einem ansonsten makellosen Gemälde. Wagner ist ein Meister des Unreinen, der winzigen Abweichung. Schönheit verdankt sich auch dem Nebeneinander von Worten und Dingen, die sich beißen. Gleich im ersten, Georges und Rilkes Parks beschwörenden Gedicht "Botanischer Garten" müssen "fin de siècle" und "walskelette" gezwungenermaßen im Takt spazieren. "Totgesagt und nicht gestorben / geistern wir durch neue Formen", hat das Jochen Distelmeyer ähnlich schief gereimt auf den Punkt gebracht.

Seine Themen findet Wagner, nicht anders als ein Rilke, auf Reisen, gern auch in Italien, aber auch auf Coney Island oder in Neukölln. Neben solchen eher konventionellen Stimmungsbildern, in denen "die stumme sprache der dinge" hörbar gemacht werden soll und in denen Wagner nicht immer das erste Gebot Benns einhält, gelingen ihm aber auch stupende Brechungen der Idylle. Etwa in seiner "kleinstadtelegie": "die schattenkarawane, jeden morgen / ihr aufbruch, und die waschanlage, / die stets aus einem reinen schlaf erwachte // und in den lieferwagen pendelten / die schweinehälften zwischen ja und nein, / den linden wuchsen herzen. und es paßte // nicht mehr als ein blatt papier zwischen mich und die welt. / und in den gärten, hinter allen hecken / verkündeten die rasenmäher den mai."

Erst hier in der Alltäglichkeit des Jahreszeitengedichts, nicht im exotischen Stoff erweist sich die Tragfähigkeit dieser poetischen short cuts. Allerdings schließt Wagners Empirie auch das Historische ein. Das Titelgedicht bezieht sich auf ein berühmtes Experiment des Magdeburger Naturforschers Otto von Guericke, der zum Beweis des Vakuums einen Sperling ersticken ließ, in der "luft, die immer enger wird". Ganz konkret wird hier das Medium zum Material. In einer Hütte, im Winterurlaub, verfestigt sich der Abstand zwischen Ich und Du zur Naturgewalt: "von deinen lippen aber / fuhr eine lawine durch den raum."

Wagner, im vergangenen Jahr gemeinsam mit Björn Kuhligk Herausgeber der wichtigen, aber ästhetisch-programmatisch zu unentschiedenen Anthologie "Lyrik von jetzt" (F.A.Z. vom 19. Juli 2003), ist wohl der reifeste Vertreter einer Richtung junger Poesie, die den überkommenen Formenkanon als Herausforderung annimmt; Nikolai Kobus oder Alexander Nitzberg könnte man noch nennen. Das ist ein schmaler Grat: Auf der einen Seite klafft die Gefahr einer im Leerlauf surrenden Artistik, auf der anderen Seite die einer bloß oberflächlichen Gängelung herkömmlicher Stimmungs- und Gedankenlyrik am Band der Tradition - ohne daß der Rückgriff aus dem Material heraus eigentlich legitimierbar wäre. Diesem Abgrund entgeht auch Wagner nicht immer: Sosehr man auch den Görlitz-Zyklus bewundern mag, die Notwendigkeit dieser rigiden Selbstfesselung ist nicht einzusehen.

Den stärksten Eindruck hinterlassen so die auf den ersten Blick weniger strengen, dafür inhaltlich um so dichter gefügten Schlaglichter auf historische Figuren: Die in dieser Zeitung vorabgedruckten Gedichte über "Störtebeker", "Kolumbus" oder "Saint-Just" etwa, wo die Sprache sich am Gegenstand wie an einem Wetzstein buchstäblich schärft und alle Schlacken des Impressionistischen verliert: "die nationalversammlung und das pult, / das seiner redner harrt: ein falsches wort, / ein laut zuviel nur, und der beifall rauscht / als fallbeil herab." Auch dem Verstummen des psychisch kranken Dichters Jakob van Hoddis in Tübingen gewinnt Wagner eine eindringliche poetische Anamnese ab.

Na bitte, geht doch, mag der Massengeschmack da all jenen um Ausdruck ringenden und an Sprachskrupeln laborierenden Zauderern zurufen - frei nach dem Motto "Meine Mitte ist intakt" (Benn). Also endlich wieder ein Dichter, der sich auf die Welt seinen Reim macht? So einfach wischt man die Moderne nicht vom Tisch, der in diesem Fall eine tabula rasa ist. Wagner weiß, daß die Sprachwelt seiner Gedichte von der Wirklichkeit durch eine hauchdünne, aber undurchlässige Papierschicht getrennt ist: eine Atmosphäre aus Zeichen, in der der Unterschied zwischen Äther und Vakuum nur im Klang liegt und in der allein der krepierte Sperling "durch den leeren Himmel" fliegt.

Am Ende des Bandes steht eine weitere, eine letzte Phantasie. Das Packeis um die gescheiterte Shackleton-Expedition von 1915 wird zum Gleichnis des einsamen Autor-Ichs vor der endlosen, unbeschriebenen Fläche: "es frißt sich von den rändern bis zum herzen / der scholle stetig vor. dort kauern wir, / vom ruß verklebt, wie lettern nach dem schwärzen. / die blanke fläche. dieses blatt papier." Wo Kolumbus als unaufmerksamer Schüler vor der leeren Tafel von der terra incognita träumt, muß der wahnsinnige van Hoddis das "bohrende Weiß" der Wand "mit Zeitungsfetzen zum Schweigen" bringen. In der zerfließenden Welt, so lehren diese Gedichte, können Formen eine Sache auf Leben und Tod sein.

Jan Wagner: "Guerickes Sperling". Gedichte. Berlin Verlag, Berlin 2004. 84 S., geb., 16,- [Euro].

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Perlentaucher-Notiz zur F.A.Z.-Rezension

"Als Musterbuch der Verskunst kommt nach Ansicht von Rezensent Richard Kämmerlings Jan Wagners zweiter Lyrikband daher. Einen "mit allen Schikanen ausgestatteten Sonettenkranz über - Görlitz" erlebte Kämmerlings dabei als Höhepunkt "dieser beeindruckenden Handwerksmesse". Seine Themen findet der 1971 geboren Lyriker dem Rezensenten zufolge auf Reisen, "gern auch in Italien, aber auch auf Coney Island oder in Neukölln". Dabei sieht Kämmerlings ihn auf schmalem Grat wandern: Auf der einen Seite klaffe die Gefahr "einer im Leerlauf surrenden Artistik", auf der anderen die einer "bloß oberflächlichen Gängelung herkömmlicher Stimmungs- und Gedankenlyrik am Band der Tradition". Den stärksten Eindruck haben deshalb die seiner Ansicht nach weniger strengen, dafür inhaltlich dichter gefügten Schlaglichter historischer Figuren beim Rezensenten hinterlassen.

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