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Ein kühnes Meisterwerk - Don DeLillos großer Roman über den 11. September
New York am 11. September. Eine Stadt in Asche und Rauch. In eindringlichen Bildern zeichnet Don DeLillo den Ablauf der Ereignisse nach: von den Tätern zu den Opfern, von Hamburg nach New York. Und erzählt dabei das Leben einer Familie - die berührende Geschichte einer Liebe, den Alltag nach der Katastrophe ...
Keith Neudecker, der im World Trade Center gearbeitet hat, kann sich am 11. September aus einem der brennenden Türme retten. Er sieht, was geschieht, ohne es zu begreifen, und schlägt sich wie in Trance zu
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Produktbeschreibung
Ein kühnes Meisterwerk - Don DeLillos großer Roman über den 11. September

New York am 11. September. Eine Stadt in Asche und Rauch. In eindringlichen Bildern zeichnet Don DeLillo den Ablauf der Ereignisse nach: von den Tätern zu den Opfern, von Hamburg nach New York. Und erzählt dabei das Leben einer Familie - die berührende Geschichte einer Liebe, den Alltag nach der Katastrophe ...

Keith Neudecker, der im World Trade Center gearbeitet hat, kann sich am 11. September aus einem der brennenden Türme retten. Er sieht, was geschieht, ohne es zu begreifen, und schlägt sich wie in Trance zu seiner Exfrau Lianne und seinem kleinen Sohn Justin durch. In ihrer Verzweiflung klammern sich Keith und Lianne aneinander, sie wollen aus der Einsamkeit der Angst in ein gemeinsames Leben zurückfinden. Gespräche, vor allem in Liannes Familie, kreisen um den Schock, um den Terrorismus als ständige Bedrohung. Justin und seine Freunde versuchen im Spiel ihre Angst vor den Terroristen zu überwinden. Keith durchlebt immer wieder das Trauma der Flucht aus den Türmen, und Lianne irrt ziellos durch die Stadt. Und dann sieht sie voller Entsetzen Falling Man, einen Performance-Künstler. Nur mit einem Seil gesichert, stürzt er sich als Chronist des Zeitalters des Terrors hoch oben von den Wolkenkratzern in die Tiefe. Der Terror bestimmt die Realität.

"Falling Man" ist ein weiterer Höhepunkt in DeLillos Werk. Von Neuem beweist der Autor, wie scharfsinnig und zugleich sensibel er einschneidende Ereignisse wahrnimmt. Mit großer sprachlicher Kunst und Prägnanz gelingt es Don DeLillo, das scheinbar Unsagbare überzeugend in Worte zu fassen.

"Don DeLillo gibt mit seiner eindringlichen, unerbittlichen Sprache dem 11. September seine Aktualität zurück." Frankfurter Allgemeine Zeitung

"Amerika hat lange gewartet auf den ersten großen Roman über den 11. September, auf ein Buch, das die Schrecken der Anschläge vergegenwärtigt und die psychischen Folgen benennt. Einige Autoren haben sich an der Aufgabe versucht. Sie zu bewältigen bedurfte es einer Leidenschaft und des erzählerischen Könnens eines Meisters wie Don DeLillo" Focus

"Don DeLillos meisterhafter Roman macht das nationale Trauma von 9/11 fassbar, indem er es auf intime Bilder reduziert. [...] Unvergessliche Bilder von originärer Kraft." NZZ online
  • Produktdetails
  • Goldmann Taschenbücher Bd.46631
  • Verlag: Goldmann
  • Originaltitel: Falling Man
  • Seitenzahl: 283
  • Erscheinungstermin: 10. Juni 2009
  • Deutsch
  • Abmessung: 187mm x 118mm
  • Gewicht: 235g
  • ISBN-13: 9783442466313
  • ISBN-10: 3442466318
  • Artikelnr.: 25546661
Autorenporträt
Don DeLillo, 1936 in New York geboren, hat ein umfangreiches erzählerisches Werk vorgelegt, für das er mit dem National Book Award, dem PEN/Faulkner Award for Fiction, dem Jerusalem Prize und der William Dean Howells Medal from the American Academy of Arts and Letters ausgezeichnet wurde. Sein monumentales Romanepos "Unterwelt" wurde als eines der bedeutendsten literarischen Ereignisse des ausgehenden 20. Jahrhunderts weltweit gefeiert. Don DeLillo lebt in New York.
Rezensionen
»Don DeLillos meisterhafter Roman macht das nationale Trauma von 9/11 fassbar, indem er es auf intime Bilder reduziert. [...] Unvergessliche Bilder von originärer Kraft.« nzz.ch

Süddeutsche Zeitung - Rezension
Süddeutsche Zeitung | Besprechung von 12.08.2021

Die Vorsehung
New-York-Romane müssen sich seit den Anschlägen
dazu verhalten. Und ein Autor nahm einiges vorweg
Als die Anschläge vom 11. September 2001 stattfanden, waren sie von Don DeLillo längst erfunden worden. In einer Reihe von Romanen, die zwischen 1977 und 1991 erschienen – „Spieler“, „Weißes Rauschen“, „Mao II“ –, entwarf der Schriftsteller Panoramen einer amerikanischen Gegenwart, in der Terrorismus und seine medialen Darstellungen eine nervöse, paranoide Gesellschaft hervorgebracht hatten, die sich von Bombenanschlägen und der Angst vor diffusen Katastrophen leiten ließ. Bill Gray, alternder Schriftsteller und Figur in „Mao II“, steht dieser Entwicklung ratlos gegenüber. Was war passiert, dass ein paar Spinner mit Bomben einen Intellektuellen wie ihn derart ins Abseits befördern und praktisch die gesamte öffentliche Aufmerksamkeit für sich beanspruchen konnten?
Nicht wenige Autoren fühlten sich trotz dieses verständlichen Gefühls der Ohnmacht berufen, die Anschläge vom 11. September irgendwie zu erklären, obwohl die zerstörten Türme alles in den Schatten stellten, was sich DeLillo Jahrzehnte zuvor ausgedacht hatte. Wie sich Romane, die im Jahr 2020 spielen, irgendwie mit dem Coronavirus auseinandersetzen müssen, so mussten sich für einige Jahre alle Romane, die 2001 oder danach in New York spielten, irgendwie zu den Anschlägen verhalten. Die Stadt selbst wurde zur Metapher, zum Zeichen des Widerstands, der Solidarität und des Zusammenhalts, der nur allzu schnell in einen dumpfen Patriotismus kippte und zu den Zivilisationsbrüchen des War on Terror führte. New York vor 2001 wurde deshalb im Rückblick auch zum Symbol einer verloren gegangenen, sorgenlosen Welt, die im letzten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts beim endgültigen Sieg des amerikanischen Lebensmodells angekommen gewesen zu sein schien.
Das New York in Thomas Pynchons bisher letztem Roman „Bleeding Edge“ von 2013 ist eine solche surreale, utopische Welt, in der die Menschen reden, als wären sie Figuren in einer Sitcom, jeder Geld hat oder wenigstens so tut, und das gerade aufkommende Internet mit all seinen Umwälzungen und unerkannten Gefahren mit kindlicher Freude begrüßt wird. Alles scheint schon im Frühjahr 2001 auf die Anschläge hinzuweisen: angebliche Verbindungen des Bush-Clans nach Saudi-Arabien, brutale Computerspiele, Geldströme in und aus dem Nahen Osten. Jeder hängt hier mit drin, und die Gewalt scheint nicht von außen zu kommen, sondern sich irgendwie aus einer selbstvergessenen Welt der Jahrtausendwende zu manifestieren.
Die andere Metapher neben New York, die sich in der Literatur weitaus weniger, dafür aber umso eindrucksvoller finden lässt, ist die des Falling Man, des Menschen, der aus den brennenden Türmen stürzt. Es war wieder Don DeLillo, der 2007 seinem Roman über die Anschläge diesen Titel gab. Neben den Traumata der Überlebenden aus dem World Trade Center beschreibt er auch die Perspektive der Terroristen, die er als unsichere Zweifler darstellt. Dazwischen taucht immer wieder ein Aktionskünstler auf, der ein Bild nachahmt, das der Fotograf Richard Drew am 11. September aufnahm. Es zeigt einen Mann in schwarzer Hose und weißem Oberteil, der kopfüber aus dem Nordturm des World Trade Center stürzt.
Auch wegen DeLillo ist das Bild bis heute zu so einem starken Symbol der Anschläge geworden, denn obwohl er auf der Fotografie recht gut zu erkennen ist, wurde der Falling Man nie identifiziert. Es ist ein Bild, das noch immer Wut und Trauer auslöst, denn der Mann kann in seiner Anonymität wie er da kopfüber vor der sterilen Fassade des Hochhauses zu hängen scheint, für alle Opfer der Anschläge stehen und sogar für alle Menschen, die bei den Anschlägen nicht gestorben sind, aber aus ihrem gewohnten Leben gerissen wurden. Bei DeLillo sind alle zu Falling Men geworden, in eine neue Zeit der Ungewissheit geworfen.
Diesen stürzenden Mann und die Kulisse New Yorks hat schließlich 2018 die Autorin Ottessa Moshfegh in ihrem Roman „Mein Jahr der Ruhe und Entspannung“ zusammengeführt. Eine junge New Yorkerin, wohlhabend und gebildet, möchte darin mit der Hilfe von Medikamenten ein Jahr durchschlafen. Mit minimalem Personal zeichnet der Roman das Bild einer Gesellschaft im Dämmerschlaf, betäubt von Alkohol, Fernsehen und Langeweile. New York ist eine Stadt voller generischer Menschen, in der nur eine selbstverliebte Kunstmarktszene für minimale Abwechslung sorgt und wo echte Beziehungen zu anderen Menschen so selten und wertvoll sind wie sonst nichts, auch wenn das keiner der Figuren bewusst zu sein scheint. Der nahezu perfekt komponierte Roman endet unerwartet am 11. September, als die Erzählerin meint, in einer Nachrichtensendung, die sie auf Videokassette aufgenommen hat und in Dauerschleife laufen lässt, ihre beste und einzige Freundin zu erkennen, wie sie aus dem 87. Stock des Nordturms springt. „Da ist sie, eine Frau, die ins Unbekannte taucht, und sie ist hellwach.“
Die Literatur, die über den 11. September 2001 geschrieben wurde, ist keine Chronik der Ereignisse und keine Erklärung der Anschläge. Sie zeigt uns das, was die zahllosen Videos und Bilder von diesem Tag nicht wissen.
NICOLAS FREUND
Don DeLillo: Falling Man. Roman. Aus dem Englischen von Frank Heibert. Kiepenheuer & Witsch, Köln 2012. 272 Seiten, 12 Euro.
DIZdigital: Alle Rechte vorbehalten – Süddeutsche Zeitung GmbH, München
Jegliche Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über www.sz-content.de
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Frankfurter Allgemeine Zeitung - Rezension
Frankfurter Allgemeine Zeitung | Besprechung von 03.11.2007

Ein Stillleben mit Zwillingstürmen

Don DeLillos neuer Roman "Falling Man" nähert sich den Anschlägen des 11. September über eine Familiengeschichte. Doch tatsächlich ist das Buch eine Reflexion über Macht und Ohnmacht der Kunst im Angesicht des Schreckens.

Von Richard Kämmerlings

Im November 2001 veröffentlichte die polnische Dichterin Wislawa Szymborska in dieser Zeitung ein Gedicht mit dem Titel "Fotografie vom 11. September"; die Übersetzung stammte von Karl Dedecius: "Sie sprangen von brennenden Stockwerken abwärts - / einer, zwei, noch einige / höher, tiefer // Die Fotografie hielt sie lebend fest, / und nun bewahrt sie sie auf / über der Erde zur Erde // Jeder ist noch ein Ganzes / mit eigenem Gesicht / und gut verstecktem Blut", so die ersten drei von sechs Strophen. Das Gedicht ist eine Bildbeschreibung, es bezieht sich auf die schockierenden Aufnahmen von Menschen, die aus den Türmen des World Trade Center sprangen.

Das berühmteste, zur Ikone des Schreckens gewordene Foto stammt vom AP-Fotografen Richard Drew. Es erschien am 12. September in vielen Zeitungen, auch in der "New York Times", und seine Wirkung beruhte vor allem auf dem Kontrast zwischen den furchtbaren Geschehnissen und der makellosen Ästhetik des Bildes - und des Sprunges selbst. Mit dem Kopf voran, mit angelegten Armen und einem angewinkelten Bein scheint der "Falling Man" wie ein professioneller Turmspringer eine einstudierte Choreographie auszuführen. Der Sprung wirkt wie ein künstlerisches Statement, wie ein provokativer Kommentar zum tausendfachen Tod. Drews perfekt komponiertes Foto verdoppelt diesen verstörenden artistischen Charakter noch einmal, und das Gedicht der Szymborska macht daraus schließlich eine metaphysische Reflexion über die Macht und Ohnmacht der Kunst angesichts der sterbenden Menschen. Die letzte Strophe lautet: "Zwei Dinge nur kann ich für sie tun - / diesen Flug beschreiben / und den letzten Satz nicht hinzufügen." Indem Gedicht und Foto den Augenblick vor dem Aufprall festhalten, nähren sie die Illusion, die Zeit besiegen zu können: Der "Falling Man" ist noch nicht tot.

In Don DeLillos neuem Roman gibt es den Performancekünstler David Janiak, der hier in den Wochen und Monaten nach dem 11. September in halsbrecherischen öffentlichen Aktionen den Fall dieses "Falling Man" nachstellt. Von fast unsichtbaren Seilen gehalten, provoziert er die traumatisierten New Yorker; wie in einer kollektiven Psychotherapie ruft er die Schreckensbilder immer wieder in Erinnerung. Im Zentrum dieses Romans steht somit ein fixierter, der Zeit enthobener Moment, das Bild eines ewigen, nie an ein Ende kommenden Fallens - und damit im Grunde ein antinarratives Prinzip. Keine Story, kein Vorher und Nachher, sondern ein Still.

Die Reaktionen auf DeLillos Buch waren womöglich auch deswegen so zurückhaltend, weil man dieser Tiefenstruktur nicht ausreichend Beachtung schenkte und der auf den ersten Blick sehr private Plot in der Statik ein zu großes Gewicht bekam. Ausgangspunkt der Geschichte ist eine unerwartete Familienzusammenführung: Der im World Trade Center arbeitende Immobilienmakler Keith Neudecker kehrt wie in einem Reflex zu seiner Frau Lianne und seinem kleinen Sohn Justin zurück, nachdem er dem Inferno leicht verletzt entronnen ist. Der Roman setzt mit der atemberaubenden Szene ein, wie Neudecker, eine Aktentasche in der Hand und blutüberströmt, sich durch das Chaos zu seinem früheren Heim durchschlägt, wo er schon lange nicht mehr wohnt. Erst später erfahren wir, was genau ihm zuvor widerfahren ist. Denn das Blut ist nicht seines, und auch die Aktentasche gehört nicht ihm. Erst in der Schlussszene, die den Kreis schließt, wird das volle Bild sichtbar.

Erzählt wird abwechselnd aus der Sicht Neudeckers und der seiner Frau. Vor allem Liannes Blick fällt auf weitere Figuren und deren Reaktionen auf den 11. September: ihren Sohn Justin, der sich mit Freunden eine verzerrte Privatmythologie zusammenbastelt und nach weiteren Terrorflugzeugen Ausschau hält, Liannes Mutter, deren aus Deutschland stammender Liebhaber, heute Kunsthändler, eine undurchsichtige Vergangenheit im linken Terror der Siebziger hat, schließlich die Teilnehmer von Liannes "Erzähl mal"-Selbsthilfegruppe, die an Alzheimer im Frühstadium leiden und versuchen, das persönliche wie kollektive Schicksal narrativ zu verarbeiten.

Katastrophe ohne Katharsis.

DeLillo setzt drei Zeitschnitte, den letzten drei Jahre nach den Anschlägen, und er demonstriert so die Unmöglichkeit, die geschlagenen Wunden zu heilen. Ein bisschen fühlt man sich dabei an den Post-Vietnam-Topos erinnert, an die traumatisierten Veteranen, die nie mehr in die Normalität zurückfinden. Was etwa in Michael Ciminos Genreklassiker "The Deer Hunter" das russische Roulette, das ist hier das Pokerspiel, dem Neudecker verfällt, nachdem einige Arbeitskollegen aus seiner Pokerrunde in den Türmen ums Leben gekommen sind. Neudecker reist bald von Turnier zu Turnier, wo er, ein soziales Wrack, um höchste Einsätze zockt. Die Familie als letzter Halt war nur eine kurze Illusion; auch für eine tröstliche Katharsis taugt diese Katastrophe - anders als im Filmklischee der Siebziger - nicht.

Was DeLillo in seinem düsteren Buch vorführt, ist eine Deindividualisierung - ein Prozess, der lange vor den Anschlägen einsetzt und durch sie keineswegs an ein Ende kommt. Er läuft auf verschiedenen Ebenen ab: als Gedächtnisverlust bei den Alzheimerkranken, als Spielsucht bei Neudecker und als bewusste Auslöschung der Persönlichkeit bei einem der Attentäter, in dessen Psyche sich DeLillo ebenfalls in drei Abschnitten hineinzuversetzen sucht. Wie DeLillo die Zurichtung zum Massenmörder als Abtötung von Wünschen und Begierden, Ablenkungen und Selbstzweifeln beschreibt, ist vielleicht etwas verkürzt, aber doch überzeugend.

Dass man vor allem diese Passagen nicht an der Tiefenschärfe des Porträts des Kennedy-Attentäters Lee Harvey Oswald in "Libra"(1988) messen darf, liegt in der Natur der Sache. Während dort gerade die bis in Kindheitsmuster verfolgte Motivlage Oswalds einen plausiblen Ablauf der Ereignisse liefert und so gerade der Augenblick (jene "Sieben Sekunden" des deutschen Titels) in einen - möglichen - historischen Verlauf aufgelöst wird, ist es in "Falling Man" eben umgekehrt: Das komplexe historische und politische Geschehen wird zum vieldeutigen Einzelbild verdichtet. In der Wohnung von Liannes Mutter hängt ein Stillleben von Giorgio Morandi an der Wand, in dessen Anordnung von Kästen, Keksdosen und Flaschen Lianne plötzlich die Zwillingstürme zu erkennen glaubt.

Auch ist das Ziel der Attentäter kein konkreter Mensch, sondern das Abstraktum des gottlosen, ungläubigen Westens, dem sie selbst als reines Werkzeug einer höheren Macht entgegentreten. Auf mehreren Ebenen spielt DeLillo die Unterwerfung unter scheinbar willkürliche Regeln und Gesetze durch: die religiösen Vorschriften der Islamisten, die Geständnisrituale der Selbsthilfegruppe, der nur noch in einsilbigen Wörtern redende Justin, die in der Gruppendynamik immer rigider werdenden Pokerregeln der Männerrunde, auch die zwanghaften Wiederholungen des "Falling Man", der bewusst auf Flaschenzüge und Bungee-Seil verzichtet. Und wie jede Kunst erfordert auch das Erzählen, sich selbst im Grunde willkürliche Regeln aufzuerlegen.

Indem er den Roman mit solchen Parallelen und Analogien durchwirkt, trifft DeLillo keine extrahierbare, gar politische Aussage; es geht ihm nicht um ein Verständnis des Terrors im moralischen oder psychologischen Sinne. Derartigen Erklärungsmodellen, etwa denen des ehemaligen linken Terroristen, werden im Romanganzen eher ihre Grenzen aufgezeigt. DeLillo erzeugt vielmehr ein statisches Bild, ein Stillleben mit den Mitteln des Erzählens, in dem - wie in der lyrischen Momentaufnahme Szymborskas - die Katastrophe zugleich auf Dauer gestellt und im letzten Moment aufgehalten wird. Denn auch Neudecker hat im Turm den "Falling Man" gesehen: "Dann etwas draußen, es flog am Fenster vorbei. Etwas flog am Fenster vorbei, dann sah er es. Zuerst flog es vorbei und war weg, und dann sah er es und blieb einen Moment stehen und starrte hinaus auf nichts und hielt Rumsey weiter unter den Achseln. Er sah es immer noch, unentwegt, sieben Meter entfernt, einen Moment flog da etwas seitwärts, am Fenster vorbei, weißes Hemd, Hand erhoben, im Fall, bevor er es sah." Und später, im Treppenhaus, hat Neudecker plötzlich eine fremde Aktentasche in der Hand und trägt sie heim - auch das ein innerer Zwang, der keiner Logik folgt und gerade deswegen human ist. Der im Bild stillgestellte Moment kann noch beides, die Katastrophe wie die utopische Erlösung, enthalten. Und zwischen diesen Polen oszilliert das Erzählen des Zeitkünstlers Don DeLillo. Nur die Kunst kann die Geschichte in der Schwebe lassen.

- Don DeLillo: "Falling Man". Roman.

Aus dem Englischen übersetzt von Frank Heibert.

Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln 2007.

272 S., geb., 19,90 [Euro].

Alle Rechte vorbehalten. © F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main
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Perlentaucher-Notiz zur TAZ-Rezension

Hundertprozentig gelungen findet Frank Schäfer Don DeLillos 9/11-Roman nicht, aber selbst da, wo DeLillo scheitert, kann er ihm das nicht übelnehmen. "Sperrig" nennt er den Roman, über weite Teile findet er ihn sogar "erstaunlich unspannend", auch einige allzu symbolisch aufgeladene Einfälle stören den Rezensenten und eine gewisse Handlungsarmut. Aber dagegen steht die mal bildmächtige, mal extrem karge Sprache, die DeLillo an genau den richtigen Stellen anzuwenden weiß. Oder die Montagetechnik, mit der DeLillo das Leben seines verstörten Helden mit dem Theodizee-Problem und der sich "hochschaukelnden Paranoia" verbindet.  Hier zeigt sich dann DeLillo dem Rezensenten als der große Schriftsteller: Mit einer "bescheidenen Poetik", mit Gesten der "Resignation und Demut" und mit großem Können: "Die ersten und die letzten Seiten dieses Romans sind fulminant."

© Perlentaucher Medien GmbH
Die Vorsehung

New-York-Romane müssen sich seit den Anschlägen
dazu verhalten. Und ein Autor nahm einiges vorweg

Als die Anschläge vom 11. September 2001 stattfanden, waren sie von Don DeLillo längst erfunden worden. In einer Reihe von Romanen, die zwischen 1977 und 1991 erschienen – „Spieler“, „Weißes Rauschen“, „Mao II“ –, entwarf der Schriftsteller Panoramen einer amerikanischen Gegenwart, in der Terrorismus und seine medialen Darstellungen eine nervöse, paranoide Gesellschaft hervorgebracht hatten, die sich von Bombenanschlägen und der Angst vor diffusen Katastrophen leiten ließ. Bill Gray, alternder Schriftsteller und Figur in „Mao II“, steht dieser Entwicklung ratlos gegenüber. Was war passiert, dass ein paar Spinner mit Bomben einen Intellektuellen wie ihn derart ins Abseits befördern und praktisch die gesamte öffentliche Aufmerksamkeit für sich beanspruchen konnten?

Nicht wenige Autoren fühlten sich trotz dieses verständlichen Gefühls der Ohnmacht berufen, die Anschläge vom 11. September irgendwie zu erklären, obwohl die zerstörten Türme alles in den Schatten stellten, was sich DeLillo Jahrzehnte zuvor ausgedacht hatte. Wie sich Romane, die im Jahr 2020 spielen, irgendwie mit dem Coronavirus auseinandersetzen müssen, so mussten sich für einige Jahre alle Romane, die 2001 oder danach in New York spielten, irgendwie zu den Anschlägen verhalten. Die Stadt selbst wurde zur Metapher, zum Zeichen des Widerstands, der Solidarität und des Zusammenhalts, der nur allzu schnell in einen dumpfen Patriotismus kippte und zu den Zivilisationsbrüchen des War on Terror führte. New York vor 2001 wurde deshalb im Rückblick auch zum Symbol einer verloren gegangenen, sorgenlosen Welt, die im letzten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts beim endgültigen Sieg des amerikanischen Lebensmodells angekommen gewesen zu sein schien.

Das New York in Thomas Pynchons bisher letztem Roman „Bleeding Edge“ von 2013 ist eine solche surreale, utopische Welt, in der die Menschen reden, als wären sie Figuren in einer Sitcom, jeder Geld hat oder wenigstens so tut, und das gerade aufkommende Internet mit all seinen Umwälzungen und unerkannten Gefahren mit kindlicher Freude begrüßt wird. Alles scheint schon im Frühjahr 2001 auf die Anschläge hinzuweisen: angebliche Verbindungen des Bush-Clans nach Saudi-Arabien, brutale Computerspiele, Geldströme in und aus dem Nahen Osten. Jeder hängt hier mit drin, und die Gewalt scheint nicht von außen zu kommen, sondern sich irgendwie aus einer selbstvergessenen Welt der Jahrtausendwende zu manifestieren.

Die andere Metapher neben New York, die sich in der Literatur weitaus weniger, dafür aber umso eindrucksvoller finden lässt, ist die des Falling Man, des Menschen, der aus den brennenden Türmen stürzt. Es war wieder Don DeLillo, der 2007 seinem Roman über die Anschläge diesen Titel gab. Neben den Traumata der Überlebenden aus dem World Trade Center beschreibt er auch die Perspektive der Terroristen, die er als unsichere Zweifler darstellt. Dazwischen taucht immer wieder ein Aktionskünstler auf, der ein Bild nachahmt, das der Fotograf Richard Drew am 11. September aufnahm. Es zeigt einen Mann in schwarzer Hose und weißem Oberteil, der kopfüber aus dem Nordturm des World Trade Center stürzt.

Auch wegen DeLillo ist das Bild bis heute zu so einem starken Symbol der Anschläge geworden, denn obwohl er auf der Fotografie recht gut zu erkennen ist, wurde der Falling Man nie identifiziert. Es ist ein Bild, das noch immer Wut und Trauer auslöst, denn der Mann kann in seiner Anonymität wie er da kopfüber vor der sterilen Fassade des Hochhauses zu hängen scheint, für alle Opfer der Anschläge stehen und sogar für alle Menschen, die bei den Anschlägen nicht gestorben sind, aber aus ihrem gewohnten Leben gerissen wurden. Bei DeLillo sind alle zu Falling Men geworden, in eine neue Zeit der Ungewissheit geworfen.

Diesen stürzenden Mann und die Kulisse New Yorks hat schließlich 2018 die Autorin Ottessa Moshfegh in ihrem Roman „Mein Jahr der Ruhe und Entspannung“ zusammengeführt. Eine junge New Yorkerin, wohlhabend und gebildet, möchte darin mit der Hilfe von Medikamenten ein Jahr durchschlafen. Mit minimalem Personal zeichnet der Roman das Bild einer Gesellschaft im Dämmerschlaf, betäubt von Alkohol, Fernsehen und Langeweile. New York ist eine Stadt voller generischer Menschen, in der nur eine selbstverliebte Kunstmarktszene für minimale Abwechslung sorgt und wo echte Beziehungen zu anderen Menschen so selten und wertvoll sind wie sonst nichts, auch wenn das keiner der Figuren bewusst zu sein scheint. Der nahezu perfekt komponierte Roman endet unerwartet am 11. September, als die Erzählerin meint, in einer Nachrichtensendung, die sie auf Videokassette aufgenommen hat und in Dauerschleife laufen lässt, ihre beste und einzige Freundin zu erkennen, wie sie aus dem 87. Stock des Nordturms springt. „Da ist sie, eine Frau, die ins Unbekannte taucht, und sie ist hellwach.“

Die Literatur, die über den 11. September 2001 geschrieben wurde, ist keine Chronik der Ereignisse und keine Erklärung der Anschläge. Sie zeigt uns das, was die zahllosen Videos und Bilder von diesem Tag nicht wissen.

NICOLAS FREUND

Don DeLillo: Falling Man. Roman. Aus dem Englischen von Frank Heibert. Kiepenheuer & Witsch, Köln 2012. 272 Seiten, 12 Euro.

DIZdigital: Alle Rechte vorbehalten – Süddeutsche Zeitung GmbH, München
Jegliche Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über www.sz-content.de

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