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1945. Flucht aus Stettin in Richtung Westen. Ein kleiner Bahnhof irgendwo in Vorpommern. Helene hat ihren siebenjährigen Sohn durch die schweren Kriegsjahre gebracht. Nun, wo alles überstanden, alles möglich scheint, lässt sie ihn allein am Bahnsteig stehen und kehrt nie wieder zurück. Was hat sie dazu bewogen? Julia Franck nähert sich diesem Geheimnis mit großer Sensibilität und erzählt ein Leben, das in die Mühlen eines furchtbaren Jahrhunderts gerät. Geglückt sind ihr ein eindringliches Zeitepos und die Geschichte einer faszinierenden Frau.
In der Lausitz verlebt Helene eine idyllische
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Produktbeschreibung
1945. Flucht aus Stettin in Richtung Westen. Ein kleiner Bahnhof irgendwo in Vorpommern. Helene hat ihren siebenjährigen Sohn durch die schweren Kriegsjahre gebracht. Nun, wo alles überstanden, alles möglich scheint, lässt sie ihn allein am Bahnsteig stehen und kehrt nie wieder zurück. Was hat sie dazu bewogen? Julia Franck nähert sich diesem Geheimnis mit großer Sensibilität und erzählt ein Leben, das in die Mühlen eines furchtbaren Jahrhunderts gerät. Geglückt sind ihr ein eindringliches Zeitepos und die Geschichte einer faszinierenden Frau.
In der Lausitz verlebt Helene eine idyllische Kindheit, die mit Ausbruch des ersten Weltkriegs jäh endet. Der Vater wird nach Osten geschickt und kehrt nur zum Sterben nach Hause zurück, die jüdische Mutter zieht sich zunehmend vor den Anfeindungen ihrer Umgebung in die Verwirrung zurück. Blind am Herzen nennt Helene das und fürchtet die zunehmende Kälte der Mutter, die ihre Töchter kaum mehr wahrzunehmen scheint. Helene möchte Medizin studieren, ein ungewöhnlicher Traum für eine Frau zu Beginn des Jahrhunderts. Nach dem Tod des Vaters zieht sie Anfang der zwanziger Jahre mit ihrer Schwester Martha nach Berlin, und während Martha ihrer Freundin Leontine wieder begegnet, lernt Helene Carl kennen. Als der kurz vor der Verlobung stirbt, verliert sie den Sinn für das Dasein. Sie flieht in die Arbeit und will das Leben überleben. Auf einem Fest stellt sich ein gewisser Wilhelm vor, er ist begeisterter Ingenieur, der Reichsautobahnen bauen und Helene heiraten möchte. Die schnell scheiternde Ehe mit ihm führt Helene nach Stettin, wo ihr Sohn zur Welt kommt. Die Liebe, die der kleine Junge fordert, die Nähe, die er sucht, werden ihr zunehmend unerträglich, und bald schon geht ihr der Gedanke vom Verschwinden nicht mehr aus dem Kopf. Schließlich trifft sie eine ungeheuerliche Entscheidung.
Zwei Weltkriege, Hoffnungen, Einsamkeit und Liebe - und die Erkenntnis, dass alles verloren gehen kann. Julia Franck erzählt ein Leben, das in die Mühlen einer furchtbaren Zeit gerät. Ein ungewöhnlicher Familienroman, ein eindringliches Zeitepos und die Geschichte einer faszinierenden Frau.
  • Produktdetails
  • Verlag: Fischer (S.), Frankfurt
  • Deutsch
  • Abmessung: 21 cm
  • Gewicht: 537g
  • ISBN-13: 9783100226006
  • ISBN-10: 3100226003
  • Artikelnr.: 22793297
Autorenporträt
Julia Franck wurde 1970 in Berlin (Ost) geboren. 1978 reiste die Familie aus. Sie wurde u. a. mit dem 3sat-Preis des Ingeborg-Bachmann-Wettbewerbs 2000 ausgezeichnet und mit dem Marie-Luise Kaschnitz-Preis 2004. Julia Franck lebt mit ihren zwei Kindern in Berlin.
Rezensionen
Besprechung von 10.10.2007
Das kalte Herz
Was ist eine Familie? Julia Francks Roman "Die Mittagsfrau" rührt an eine Schicksalsfrage unserer Gesellschaft / Von Edo Reents

Wenn wir über Familie sprechen, dann geht es meistens um zwei Fragen: Wo kann man tagsüber sein Kind abgeben? Und was ist, wenn sich die Eltern nicht mehr verstehen? Jetzt kommt eine Siebenunddreißigjährige aus Berlin daher und zeigt uns, was passiert, wenn mit den Banden zwischen Eltern und leiblichen Kindern, die wir für viel elementarer halten als die etabliertesten Patchwork-Strukturen, etwas nicht stimmt. Zwar wissen wir schon aus der Bibel, dass Kinder ausgesetzt werden, und aus den Kindsmördergeschichten des achtzehnten Jahrhunderts kennen wir noch Schlimmeres - aber wie es ist, wenn eine Mutter ihr Kind nun einmal nicht liebt, das wird in der Literatur selten verhandelt; das ist eher Stoff für die vermischten Meldungen in der Zeitung.

Julia Francks Roman "Die Mittagsfrau" bringt die Begriffe, die wir uns unter dem Beschuss durch wohlmeinende politische Verlautbarungsprosa von "Familie" mittlerweile gebildet haben, so gehörig durcheinander, dass wir am Ende nicht mehr wissen, was das überhaupt ist und ob es das noch gibt. Worum es hier geht, ist von dem kleinsten gemeinsamen politischen Nenner, auf den man sich unter dem Regiment einer Familienministerin vielleicht einigen könnte, genauso weit entfernt wie von den Ideen einer Eva Herman. Julia Francks Buch ist keine Lach- und Sachgeschichte zum Dauerthema der vergangenen Jahre; es zeigt vielmehr, dass Literatur etwas verhandeln kann, worauf sich die nichtbelletristische Befassung nur ungern einlässt: uns den Blick schärfen für Abgründe, für die weder das Fortschrittliche noch das Rückständige eine Kategorie ist und die von Erwägungen sozialer Wünschbarkeit nicht erreicht werden.

Man könnte das Buch deshalb auch als Anti-Familien-Roman bezeichnen, wenn man durch das lächerliche "Anti-" nicht gleich jene Einstellung verriete, die auch beim "Antikriegsfilm" immer gleich betonen will, man sei "dagegen": dass Krieg geführt wird, wie man natürlich auch dagegen ist, dass Familien zerbrechen. Aber es passiert ja trotzdem. Noch weniger wird man es gutheißen, wenn eine Mutter ihren kleinen Sohn aussetzt wie einst Moses im Schilf. Auf dergleichen Monstrositäten stoßen wir zwar regelmäßig in Schreckensmeldungen, aber wir halten solche Fälle auf Abstand, indem wir die Protagonisten einfach für unzurechnungsfähig erklären.

Damit kommen wir hier nicht weit. Helene Würsich, die Heldin, schlägt sich mit enormer Leidensfähigkeit durch vier Jahrzehnte, aber unzurechnungsfähig ist sie nicht; sie hat nur ein kaltes beziehungsweise ein nach verschiedenen seelischen Verletzungen erkaltetes Herz. Der Roman, dessen Titel auf eine Sagengestalt in der Lausitz anspielt, hält solche Zumutungen bereit, dass von Rechts wegen das Jugendamt zum Einschreiten gezwungen wäre - wenn es Zugriff auf literarische Phantasien hätte. Er handelt, im Wesentlichen, davon, wie zwei Töchter ihre Mutter im Stich lassen und wie eine dieser Töchter dann später ihren eigenen Sohn im Stich lässt. Wenn der Fischer Verlag das Buch als "Familienroman" bezeichnet, dann wird man bei der Formulierung des Klappentextes kaum die Definition im Ohr gehabt haben, welche die Christlich-Demokratische Union ausgegeben hat: "Familie ist dort, wo Eltern für Kinder und Kinder für Eltern Verantwortung übernehmen."

Was ist nämlich, wenn diese Verantwortung gar nicht übernommen wird - gibt es dann auch keine Familie? Und was bedeutet überhaupt "Verantwortung"? In diesem Roman bedeutet sie, unter anderem, dass ein junges Mädchen dem Vater, der schwer verwundet aus dem Ersten Weltkrieg heimkommt, eine gute Wundärztin ist und den fauligen Stumpf, der vom abgeschossenen Bein noch übrig ist und in dem sich die Maden schon eingenistet haben, säubert, während der Gestank kaum auszuhalten ist.

Am Anfang der Erzählung, während der letzten Kriegswochen, schlägt Helene sich mit dem sechsjährigen Peter zu einem Bahnhof irgendwo in Nordostdeutschland durch. Der Bahnsteig ist voller Menschen, die auf der Flucht vor der Roten Armee sind. Peter sagt: "Ich hab' Hunger." Und Helene sagt: "Ich bin gleich zurück, wart hier." Peter sagt: "Ich komm' mit." Aber Helene will nicht: "Lass mich los, Peter." Sie drückt ihn auf die Bank zurück, geht weg und kommt nicht wieder.

Was ist das? Einfach bloß Grausamkeit? Oder ist die Mutter verflucht wie Adrian Leverkühn und darf nicht lieben? Dann hätte sie ja richtig gehandelt, indem sie ihren Sohn ihrem Einfluss entzieht; der kleine Peter soll schließlich nicht enden wie Nepomuk Schneidewein. Aber diese Geschichte kommt ohne Hexerei aus. Am Ende, an einem Novembertag 1956 will Helene ihren Sohn, der auf dem Bauernhof von Onkel und Tante bei Rostock untergekommen ist, wo er in jeder Hinsicht und fast wie ein Hund an der kurzen Leine gehalten wird, wiedersehen; aber jetzt will Peter nicht mehr: "Er wollte sie sein Leben lang nicht mehr sehen."

Ein fast eiserner Wille, nur ja keine Sentimentalität aufkommen zu lassen, der schon Julia Francks 2003 erschienenen Roman "Lagerfeuer" zu einem Vergnügen machte, erlaubt es, dass man diesen Roman neben die Beispiele großer realistischer, unerbittlicher Prosa stellt. Man wird einschränken müssen, dass die vierhundert Seiten, die zwischen den beiden Ereignissen liegen, über eine geringere stilistische Sicherheit und Selbstverständlichkeit verfügen. Doch die klassische erzählerische Klammer aus Prolog und Epilog umfängt das, was den autobiographischen Kern dieses außergewöhnlichen Romans ausmacht: Das Schicksal des kleinen Peter hat Julia Franck bei ihrem eigenen Vater geborgt. Das und ihre schriftstellerische Einfühlung verschaffen dem Buch eine ganz und gar eigenständige Überzeugungskraft. Es führt uns in jene unheimlichen menschlichen Tiefenschichten, über die eine politisch-gesellschaftliche, also wertende Aussage nicht getroffen werden kann.

Die Geschichte fängt so an: Ernst Ludwig, ein Druckereifabrikant in Bautzen kurz vor dem Ersten Weltkrieg, führt mit seiner Frau Selma und den Töchtern Martha und Helene ein Leben, dem es äußerlich an nichts mangelt, das innerlich aber längst verödet ist. Die jüdische Mutter gibt sich einem Außenseitertum von seidener Affektiertheit hin, wortlos, ichbezogen, verwöhnt, verhärmt; eine schauerromantische Dachkammerexistenz, auf deren Grund die Trauer um die bei der Geburt verstorbenen Söhne lagert, die sie so gerne gehabt hätte. Kein Wunder, dass es ihr die Töchter nicht recht machen können. Helene, der dies noch weniger gelingt als ihrer älteren Schwester, wird später ihren eigenen Sohn dafür büßen lassen.

Es gibt solche Fälle, in denen ein Muttertier ihr Junges verstößt, weil sie es buchstäblich nicht riechen kann und ihr jede Berührung unerträglich ist. Wahrscheinlich gibt es das auch unter Menschen. Julia Franck, die bekannt ist für ihren wirkungsvollen schriftstellerischen Umgang mit Gerüchen und Körperkontakten, legt diesen Schluss nahe und lässt Helenes Abwehrreflexe fast schon zu einer Form von Kindesmisshandlung werden: "Lass mich los, Peter!" Dies muss auf eine lesende Öffentlichkeit, die sich über frühkindliche Erziehung vermutlich mehr Gedanken macht als irgendeine vor ihr, wie eine Provokation wirken.

Die Mittagsfrau schreitet auf dem Weg zur inneren Verhärtung und Verhärmung jedenfalls voran, durch die Jahrzehnte hindurch. Nach dem Tod des Vaters zieht Helene mit ihrer Schwester nach Berlin zu Tante Fanny, der Schwester der Mutter, die selbst in Bautzen zurückbleibt und den Nationalsozialismus am Ende nicht überlebt. Die Roaring Twenties halten auch für diese Lausitzer Mädchen nicht nur den Beruf als Krankenschwester, sondern auch die ganze Palette aus Partys, Drogen, zweifelhaften Bekanntschaften und natürlich deutlich mehr Kultur bereit, der sich indes nur Martha richtig hingibt, die hier ihrer Bautzener Freundin Leontine in jeder Hinsicht verfällt. Helene stellt sich linkischer an und schlüpft wie selbstverständlich in die Rolle der missachteten Nichte.

Vermutlich ist über Berlin schon zu viel gesagt und zusammenphantasiert worden; die Passagen, die hier spielen, gehören jedenfalls nicht zu den stärksten. Die Weltstadtatmosphäre wirkt in ihrer Schwülheit vorhersehbar und doch seltsam konstruiert; das gesellschaftliche Getriebe vermittelt eine Aufbruchsstimmung, von der freilich niemand zu sagen weiß, wohin sie führen soll. Helene tendiert Richtung Geist, der ihr in Gestalt des (jüdischen) Philosophiestudenten Carl Wertheimer begegnet; und wenn man die doch recht hölzernen Gespräche der Liebenden eine Weile mit angehört hat, dann muss man es aus Gründen des literarischen Geschmacks begrüßen, dass sie so abrupt abbrechen: Kurz nach der Verlobung verunglückt Wertheimer tödlich. Von nun an ist Helene innerlich versteinert. Und damit geht die Geschichte noch einmal so richtig los.

Noch in Berlin lernt Helene Wilhelm kennen. Die beiden heiraten und bekommen 1939 ein Kind: Peter. Es ist eine Geschichte aus längst vergangenen Zeiten, aber diese Konstellation kommt einem sehr heutig vor: "Wilhelm und Helene sahen zum Kinderwagen. Wir finden eine Betreuung, sagte Wilhelm mit seinem strotzenden Lächeln. Die Personaldienstleitende nickte und schloss ihre Tür."

Was sich wie ein Versatzstück aus einem Problemfilm unserer Gegenwart liest, ist in Wirklichkeit das nebensächliche Detail einer Ehe, in der ganz andere Kräfte wirksam sind als das Bedürfnis nach weiblicher Selbstverwirklichung. Helene und Wilhelm finden eine Betreuung, aber damit wird noch lange nicht alles gut. Genaugenommen wird hier gar nichts mehr gut, von Anfang an ist der Wurm drin, wie die Made in der Wunde von Vater Würsich. Wilhelm ist nämlich kein Softie, der hinterm Kinderwagen herläuft und sich pausenlos Gedanken über seine Frau macht; er ist als Ingenieur eine tragende Säule beim Reichsautobahnbau kurz vor den Olympischen Spielen und gegenüber Helene nicht zimperlich.

Die nüchterne Härte, in der diese Ehe geschildert wird, gehört zu den Glanzstücken des Romans, der sich auch sonst jede Parteinahme in souveräner erzählerischer Distanz verkneift. Und es ist einer bemerkenswerten Differenzierungskunst geschuldet, dass Wilhelm, dieser im Ganzen doch recht überzeugte Nationalsozialist, den Begriff der Blutschande völlig überraschend und doch glaubwürdig versteht: Nicht weil seine Frau Halbjüdin ist, verstößt er sie - im Gegenteil, er hat ihr sogar noch falsche Papiere besorgt -, sondern, weil sich in der Hochzeitsnacht herausstellt, dass er nicht ihr erster Liebhaber ist.

Man könnte nun sagen: jüdische Identität, starke Frau, Berlin, Nachkriegsdeutschland - das ist etwas zu viel des Guten, so was wollen wir jetzt nicht mehr lesen. Aber der Stoff ist hier Nebensache. Julia Franck geht es, vermutlich, darum zu zeigen, wie banal auch das Ungeheuerliche ist: Gleichgültigkeit, physische Aversionen - daraus sind Familienschicksale im Grunde gemacht. Ideologien wirken da nur von ferne herein. Nicht zufällig wird hier das Kriegsgeschehen weitgehend ausgeblendet. Das Wesentliche, sagt ein Sprichwort, kann man nicht sehen, es ist unsichtbar und nur dem Herzen zugänglich. Bei Julia Franck kann man es mit Händen förmlich greifen, mit der Nase riechen. Aber es entzieht sich, anders als die wohlmeinendste Familienpolitik, jeder Diskussion.

"Die Mittagsfrau" ist, trotz der stilistischen Mängel in der ersten Hälfte, ein großer Roman über das Schweigen, dessen zentraler Satz lautet: "Helene konnte gut schweigen, er würde schon sehen." Wilhelm muss die Zähigkeit seiner Frau schließlich auch anerkennen. Helene hatte aus der kurzen Glücksphase mit dem Philosophiestudenten Hofmannsthals Erkenntnis von der Hinfälligkeit der Wörter, die wie modrige Pilze im Mund zerfallen, herübergerettet in ihr weiteres karges Leben. Kurz vor dem Ende, in einer ungeheuerlichen Szene, sammelt sie mit Peter im Wald Pilze und will ihn hier eigentlich schon abschütteln. In einer verzweifelten Übersprunghandlung beglaubigt sie dann aber sehr konkret die Sprachkritik des "Chandos"-Briefs: "Helene griff nach einem Pilz, brach ihn und steckte ihn ganz in den Mund, das mürbe, feste Fleisch zerfiel fast auf der Zunge, was für ein Genuss." Kurz zuvor haben Mutter und Sohn einen Viehwaggon auf dem Gleis stehen sehen: "Ein sinnesbetäubender Gestank wehte ihnen entgegen. Nach Aas stank es, nach Urin und Exkrementen." Es sind Menschen darin, über die Peter in kindlich-grausamer Ahnungslosigkeit ein Juden-Hetzlied gesungen hatte. Das Märchen vom kalten Herzen, das Helene ihm einst vorgelesen hat, ist damit noch lange nicht zu Ende. Wir wüssten gerne, was aus Peter wird.

Julia Franck: "Die Mittagsfrau". Roman. Verlag S. Fischer, Frankfurt am Main 2007. 430 S., geb., 19,90 [Euro].

Alle Rechte vorbehalten. © F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main
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Besprechung von 27.09.2007
Ein Macho wie die Axt im Walde
Julia Franck hat sich mit ihrem Roman „Die Mittagsfrau” ganz dem historischen Genre verschrieben. Nur warum?
Zunächst einmal muss man es bewundern, dass eine junge Frau fremde Schicksale aus zwei Weltkriegen und der Zeit dazwischen schildert, als wäre sie dabei gewesen. Wie viel Empathie und Phantasie gehört dazu, man könnte auch sagen: wie viel Einfühlungs- und Vorstellungsvermögen, von der Kühnheit des Unterfangens gar nicht zu reden. Dennoch stellt sich die Frage, welchem dunklen Drang die Hinwendung zu einer fiktiven Familiengeschichte aus der deutschen Vergangenheit eigentlich entspringt, wenn sie nicht mit der epischen Überzeugungskraft erzählt wird, die den Stoff für sich selbst sprechen ließe.
Die Mittdreißigerin Julia Franck, die ihre Prosa anfangs in der Gegenwart ansiedelte, um sich dann mit dem Roman „Lagerfeuer” in die späten siebziger Jahre zurückzubegeben, was ihr viel Beifall eintrug, zeigt sich nun ganz dem Historischen verpflichtet. Ihr neues, naturgemäß mit hohen Erwartungen befrachtetes Werk „Die Mittagsfrau” handelt von einer Krankenschwester aus der Lausitz, die in der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts vom Leben und vom Weltgeschehen derart gebeutelt wird, dass sie schließlich ihren siebenjährigen Sohn im Chaos des Kriegsendes auf einem Bahnhof regelrecht aussetzt, um ihren eigenen Weg zu gehen.
Das beginnt atmosphärisch intensiv und sprachlich konzentriert mit einem Prolog aus der Perspektive des Kindes, holt dann weit aus und zieht sich in die Länge und Breite, wobei die Substanz merklich dünner wird, einem ausgerollten Teig vergleichbar. Im letzten Viertel kommt es noch einmal zu einer Verdichtung, und der Epilog bildet ein eindrucksvolles Pendant zum Anfang, sodass man versucht ist, darüber zu spekulieren, ob es nicht wirkungsvoller gewesen wäre, die beiden Rahmenteile zu einer Erzählung zu verschweißen und es dabei bewenden zu lassen. Denn mit dem umfangreichen Mittelstück ergeht es einem ähnlich wie mit manchen Semmeln, bei denen man zwar das rösche Äußere goutiert, aber das aufgeblähte, nicht ganz durchgebackene Innere am liebsten unauffällig entsorgen würde.
Die Funktion der Lebenserzählung ist klar: Die erschütternd kaltblütige Handlungsweise der Mutter soll durch deren Biographie erklärt, wenn nicht gerechtfertigt werden. Es stellt sich aber bei der Lektüre schon bald ein Gefühl ein, das sich auf den einfachen Nenner bringen lässt: So genau möchte man das alles gar nicht wissen. Das heißt, das Verlangen, mit der Bautzener Familie Würsich eine Spanne Lesezeit zu verbringen, stößt schnell an seine Grenzen, obwohl – oder gerade weil – diese Sippe so viele Eigenarten besitzt, die man sich in der Kulisse eines großzügig ausgestatteten Filmmelodrams sehr effektvoll vorstellen könnte. Da finden zwischen den Schwestern Helene und Martha nicht nur Machtspiele, sondern auch sexuelle Spielchen statt; da hat die Mutter nicht nur jüdische Vorfahren, sondern auch noch eine schwere psychische Störung; da ist die ältere Schwester nicht nur lesbisch, sondern auch noch morphiumsüchtig, und das Dienstmädchen, das die bäuerliche Sage von der unheilbringenden „Mittagsfrau” kolportiert, stammt nicht nur aus dem Volk der Sorben, sondern heißt auch noch Mariechen.
Der Vater, ein Druckereibesitzer, kommt einbeinig aus dem Ersten Weltkrieg heim und legt sich sogleich aufs Sterbebett. Die Mutter wird in eine Heilanstalt gebracht, und die beiden Töchter, zur Selbständigkeit erzogen und in der Krankenpflege solide ausgebildet, machen sich auf den Weg ins große, verruchte Berlin. Dort finden sie Unterschlupf im Haushalt einer emanzipierten, reichen, Kokain schnupfenden Tante, wo sämtliche Zwanzigerjahre-Bohème-Klischees einander die Hand reichen, ohne dass es auch nur einen Augenblick lustig würde. Martha tut sich mit ihrer Geliebten Leontine zusammen, und Helene, die nun in einer Apotheke arbeitet, lässt sich von Carl Wertheimer, einem Philosophiestudenten aus großbürgerlich-jüdischem Milieu, nach allen Regeln der gesitteten Liebeskunst erobern. Man geht in die Oper, flaniert am Adlon vorbei, wo „stattliche Karosserien” halten, und steigt dann in Carls Dachkammer hinauf, wo es nach gemeinsamer Spinoza-Lektüre zum Äußersten kommt: „Er vermochte kein Denken, sein Wille war abhanden gekommen, es gab keine Zähmung mehr. Er fühlte sich nackt. Die Berührung mit der Decke, die ihn von ihr trennte, erregte ihn maßlos. Mit reiner Begierde sah er Helene an und küsste sie. Er küsste ihren Mund, ihre Wangen, ihre Augen, seine Lippen spürten die glatte Haut ihrer gewölbten Stirn, die Hand ihr seidiges Haar . . .”
Mit Ariernachweis in Stettin
Wie um solchen Szenen eine Art von Seriosität entgegenzusetzen, verziert die Autorin die redselige Liebesbeziehung mit Debattensplittern der heraufziehenden Moderne. Dass aber Helenes Innenleben irreparabel geschädigt wird, als Carl, inzwischen ihr Verlobter, mit dem Fahrrad tödlich verunglückt, kann die Erzählung nur behaupten, nicht glaubhaft machen. Wenigstens bleibt dem Leser erspart, was genremäßig zu erwarten gewesen wäre – der Verlust des Geliebten durch Deportation oder andere Nazi-Machenschaften. Denn das braune Elend, von dem der Leser indes nicht viel mehr mitbekommt als die Eröffnung der Reichsautobahn, steht erst noch bevor, wie auch Helenes Ehe mit einem Mann, dessen grobschlächtige und gemeine Art ihr ein weiteres Trauma zufügt: Wilhelm, seines Zeichens Ingenieur und auf gutem Fuß mit dem Ungeist der Zeit, verschafft ihr einen arischen Pass und eine neue Heimat in Stettin, benimmt sich aber wie die Axt im Walde, nachdem er festgestellt hat, dass sie keine Jungfrau mehr ist. Das unkultivierte sexuelle Gebaren dieses holzgeschnitzten Vorkriegsmachos soll offenkundig Helenes Gefühlskälte gegenüber dem daraus hervorgegangenen Sohn grundieren. Doch auch hier gilt: So genau müsste man das alles gar nicht wissen.
Julia Franck ist zweifellos eine begabte, hochprofessionelle Erzählerin. Hier freilich wirken ihre Qualitäten ein wenig so, als seien sie in den Dienst von Marktbedürfnissen gestellt worden. Die Sinnlichkeit, die an ihren Texten wiederholt gerühmt wurde, beschränkt sich diesmal auf die detailwütige Beschreibung körperlicher Vorgänge. Sprachliche Ausrutscher im glatten Erzählfluss verstärken den Eindruck einer gewissen Unachtsamkeit: Ein Satz wie „Erich nagelte seinen Blick in Helene” sollte höchstens in einem humoristischen Roman vorkommen, und solche wie „Eine Angst ermächtigte sich Helenes Körper” oder „Die Hitze erlahmte die Menschen” eher nirgends. Aber Franck-Leser brauchen wohl nicht zu verzagen: Mit der „Mittagsfrau” ist es noch nicht aller Tage Abend. KRISTINA MAIDT-ZINKE
JULIA FRANCK: Die Mittagsfrau. Roman. S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2007. 430 Seiten, 19,90 Euro.
Alle historischen Räume sind uns zum Greifen nah: Kinder in den zwanziger Jahren des 20. Jahrhunderts bei einem Roller-Rennen Foto: Scherl
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Perlentaucher-Notiz zur F.A.Z.-Rezension

Tobias Rüther geht in seiner Besprechung in der Sonntags-FAZ ziemlich harsch mit Julia Francks Roman "Die Mittagsfrau" ins Gericht, der das Thema Emanzipation und lesbische Liebe in der Zwischenkriegszeit behandelt. In erster Linie stört ihn Francks gestelzte Sprache, die noch die schrecklichsten Ereignisse wie Missbrauch, Vergewaltigung und Tod nicht wirklich beim Namen nennt. Er spricht in diesem Zusammenhang kritisch vom "Phänomen der wattierten Beschreibung" und der "Samtschatulle" von Francks Wortschatz, den er schließlich fast zum Lachen findet. Auch mit der Geschichte von Helene, die einen brutalen Nazi heiratet und ihren Sohn weggibt, weiß er nicht viel anzufangen. Auch warum die Autorin das Berlin der zwanziger Jahre noch einmal beschwören muss, zumal auf eine spießige, papierene Weise, die jeden Augenblick das Angelesene verrät, erschließt sich ihm nicht. Die männlichen Figuren wie auch die Begegnung der Geschlechter muten ihm klischeehaft an. Zum Ende hin stößt er auf Passagen, die er nicht nur für "traurig", sondern sogar für "ergreifend" hält, wenn etwa die innere Erstarrung Helenes geschildert wird. Aber das kann das Buch für ihn auch nicht mehr retten.

© Perlentaucher Medien GmbH
"Die Sensation des Hörbuchs ist aber die Lesung von Julia Franck selbst. Zärtlich, mit viel Einfühlungsvermögen, hat die Autorin den Hörer sofort gefesselt."