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Das Ende des Ersten Weltkriegs 1918 war ein Schlüsselereignis des 20. Jahrhunderts. Der Zusammenbruch der vier großen Reiche Europas führte zur folgenreichen Neuordnung des Kontinents in der Versailler Friedenskonferenz von 1919. In ihrem preisgekrönten Buch schildert die Historikerin Margaret MacMillan anschaulich das Geschehen rund um die Vertragsverhandlungen: die Differenzen der Siegermächte, das Feilschen um den Nachlass der Verlierer, den "Diktatfrieden", der Deutschland die Alleinschuld am Kriegsausbruch aufbürdete. MacMillan würdigt das Bemühen der Sieger um eine dauerhafte…mehr

Produktbeschreibung
Das Ende des Ersten Weltkriegs 1918 war ein Schlüsselereignis des 20. Jahrhunderts. Der Zusammenbruch der vier großen Reiche Europas führte zur folgenreichen Neuordnung des Kontinents in der Versailler Friedenskonferenz von 1919. In ihrem preisgekrönten Buch schildert die Historikerin Margaret MacMillan anschaulich das Geschehen rund um die Vertragsverhandlungen: die Differenzen der Siegermächte, das Feilschen um den Nachlass der Verlierer, den "Diktatfrieden", der Deutschland die Alleinschuld am Kriegsausbruch aufbürdete. MacMillan würdigt das Bemühen der Sieger um eine dauerhafte Friedensordnung, zeigt aber auch, wie sehr die folgenden Konflikte in Europa wie im Nahen und Fernen Osten bereits im Versailler Vertrag angelegt waren. Diese erste große Gesamtdarstellung des Versailler Friedensvertrags ist ein Meisterwerk der Geschichtsschreibung.
  • Produktdetails
  • Ullstein Taschenbuch .37740
  • Verlag: Ullstein Tb
  • Seitenzahl: 733
  • Erscheinungstermin: 10. August 2018
  • Deutsch
  • Abmessung: 205mm x 142mm x 50mm
  • Gewicht: 767g
  • ISBN-13: 9783548377407
  • ISBN-10: 3548377408
  • Artikelnr.: 50024208
Autorenporträt
MacMillan, Margaret
Margaret MacMillan, geboren 1943 in Toronto, ist eine kanadische Historikerin. Sie lehrt Neuere Geschichte an der University of Oxford, wo sie auch dem renommierten St. Antony's College vorsteht. Für ihr Buch "Die Friedensmacher" erhielt sie zahlreiche Preise.
Rezensionen

Perlentaucher-Notiz zur Süddeutsche Zeitung-Rezension

Ebenso interessiert wie beklommen hat Rezensent Gustav Seibt Margaret MacMillans neues Buch "Der Friedensmacher" gelesen. Die kanadische Historikerin und Urenkelin von Lloyd George erzählt sorgfältig und mit geradezu "aristokratischer Ironie" von den Versailler Friedensberatungen im Frühjahr 1919, berichtet der Kritiker, der trotz der bisweilen düsteren Fakten gelegentlich schmunzeln muss. Vor allem aber würdigt Seibt die Aktualität von MacMillans Beschreibung der zeitnahen Vorgeschichte unserer Gegenwart: Interessiert liest er etwa im Kapitel über den Nahen Osten nach, wie die damaligen Grenzziehungen auch heute die Kurdenfrage oder das Palästina-Problem beeinflussen oder weshalb Ungarn bis heute traumatisiert geblieben ist. Nicht zuletzt lobt der Rezensent die Warmherzigkeit und Fairness dieses äußerst lehrreichen Buches.

© Perlentaucher Medien GmbH
Besprechung von 20.10.2015
Für eine bessere Ordnung in Europa
Margaret MacMillan räumt mit manchen Vorurteilen über die Pariser Friedenskonferenz von 1919 auf

Wenn ein - noch dazu preisgekröntes, überaus lesbares und höchst anschauliches - Buch erst 15 Jahre nach seinem Erscheinen in deutscher Übersetzung vorliegt, gibt es dafür sicher Gründe. Ist es der Stoff oder der Tenor? Der Friedensvertrag nach dem Ersten Weltkrieg bleibt in Deutschland bis heute ein Reizthema. Das (schulische) Erbe des "Dritten Reiches" wirkt bis heute nach. Selbst ein relativ aufgeklärter Kopf wie Hans Magnus Enzensberger genierte sich nicht, in seinem 2008 geschriebenen "Hammerstein" den Versailler Vertrag heftig zu verurteilen und "Demütigungen" zu notieren.

Insofern verblüfft es beinahe, dass ein großer Verlag mit klarer kommerzieller Orientierung überhaupt bereit ist, ein Buch zu publizieren, dessen Autorin nach 630 Seiten zum Schluss gelangt: "Zieht man als Historiker alle Aspekte in Betracht, lässt sich das Bild eines von einem Rachefrieden niedergedrückten Deutschland nicht aufrechterhalten." So wird "Paris 1919 - six months that changed the world" kaum zu den Titeln gehören, die auf Subventionen aus der Kasse des Auswärtigen Amts hoffen dürfen (wie in den zwanziger Jahren jene "aufbauende" Kriegsunschuld-Literatur aus der Feder amerikanischer Professoren).

Allfällige Zweifel räumt Margaret Mac Millan in ihrem "Ausblick" vorbeugend aus: Hitler habe "den Krieg nicht wegen des Versailler Vertrages vom Zaun" gebrochen: "Selbst wenn man Deutschland seine alten Grenzen belassen und ihm erlaubt hätte, seine Streitkräfte nach Belieben auszubauen und sich mit Österreich zu vereinen, hätte er mehr gewollt: [...] Er hätte mehr ,Lebensraum' für das deutsche Volk und die Vernichtung seiner vermeintlichen Feinde, seien es nun Juden oder Bolschewisten, gefordert. Darüber stand nichts im Versailler Vertrag."

Insgesamt attestiert die renommierte Historikerin den Staatsmännern der Friedenskonferenz: "Auch wenn sie es noch besser hätten machen können, hätten sie es gewiss auch wesentlich schlechter machen können. Sie versuchten, selbst der Zyniker Clemenceau, eine bessere Ordnung zu schaffen." Der 1841 geborene französische Ministerpräsident Clemenceau als der bei weitem älteste war sicher nicht frei von Alterszynismus, aber deswegen keineswegs weniger an einer dauerhaften Friedensordnung und damit eo ipso besseren Ordnung interessiert als der amerikanische Präsident Woodrow Wilson und der britische Premierminister David Lloyd George.

Den Staatsmännern war in Paris schmerzlich bewusst, dass der Kongress sehr viel länger dauerte als erhofft. Aber wie die in Oxford lehrende MacMillan - übrigens eine Urenkelin von David Lloyd George - sehr schön herausschält, arbeiteten sie mit höchster Intensität und widmeten sich neben der Gründung des Völkerbunds und der International Labour Organization so gut wie allen Weltproblemen: von Schantung über Mossul, Albanien, Teschen bis Eupen, Malmedy oder etwa Danzig. Dabei konferierten sie mit höchst unterschiedlichen, teilweise exotischen Figuren wie dem Komponisten Ignaz Paderewski, der ebenso einkaufsfreudigen wie charmanten Königin Maria von Rumänien oder dem umtriebigen griechischen Ministerpräsidenten Eleftherios Venizelos. Nicht zu vergessen der britische Chemiker Chaim Weizmann (auch er gesegnet mit einer extrovertierten Frau), der in Paris die Fundamente für jenen Staat legen sollte, dessen erster Präsident er 1948 wurde.

Die Delegationsleiter der besiegten Staaten hinterließen einen höchst unterschiedlichen Eindruck. Die Österreicher, vertreten von Karl Renner, wurden als angenehm und würdevoll wahrgenommen. Renner sprach genügend Französisch, um zu bekennen, dass er es nicht könne. Österreich handelte noch das Burgenland und andere Verbesserungen heraus. Der brillante ungarische Albert Graf Apponyi wechselte in seiner Ansprache von Französisch auf Englisch und endete auf Italienisch, was der Atmosphäre nur bekömmlich war. Ulrich Graf von Brockdorff-Rantzau als Leiter der deutschen Delegation blieb dagegen sitzen und sprach auf Deutsch. Was er sagte, rötete Clemenceau die Kopfhaut und verleitete Wilson zu einem bissigen Kommentar über die kollektive Intelligenz der Deutschen.

Bezeichnenderweise ritt auch nur die deutsche Delegation auf dem Kriegsschuld-Artikel herum, mit dem alle Friedensverträge gespickt waren. Die anderen machten kein Thema daraus. Dass sich das Deutsche Reich einiges erspart hätte, wenn es den Artikel 231 nicht wichtiger genommen hätte als die bei gleicher Gelegenheit eingegangene Verpflichtung, den Schädel des Sultans Kwakwa zu retournieren, muss man sicher nicht weiter diskutieren.

Wenn bei MacMillans immens lehrreichem Buch etwas leicht untergeht, ist es die innere Verbindung des Waffenstillstandsabkommens vom 11. November 1918 mit dem späteren Friedensvertrag. Der heftig ersehnte Waffenstillstand - alternativ dazu erwogen die Berliner Reichsführung und die Oberste Heeresleitung die Kapitulation im Felde - schrieb bis hin zur Reparationspflicht den Friedensvertrag bereits in weiten Teilen fest. Sachkundige Köpfe auf deutscher Seite wie der Reeder Albert Ballin, Walther Rathenau oder Max Warburg gaben sich auch keinen großen Illusionen über die zu erwartende Höhe hin. Wie die Autorin schreibt, fehlten so kurz nach Kriegsende brauchbare statistische Angaben, um die deutsche Zahlungskraft zu ermitteln.

Der britische Ökonom John Maynard Keynes, der als Vertreter des Schatzamtes der britischen Delegation in Versailles angehört hatte, begnügte sich für sein berühmt gewordenes - und blitzartig ins Deutsche übersetzte - Pamphlet "Die wirtschaftlichen Folgen des Friedensvertrages" mit Zahlenmaterial, das die deutsche Propaganda in der niederländischen Presse verbreitete. Entsprechend gering war die deutsche Zahlungskraft. Das Deutsche Reich holte jedoch beispielsweise aus dem besetzten Frankreich von 1940 bis 1944 über 600 Milliarden Francs heraus. Also in knapp vier Jahren ein Mehrfaches der gesamten deutschen, auf viele Jahrzehnte angelegten Reparationsverpflichtungen. Dies wird bis heute gerne übersehen.

Kleine Ungenauigkeiten sind bei einem Werk dieser Größe kaum zu vermeiden. Der junge Charles de Gaulle war nicht Oberst, als er zur französischen Militärmission nach Polen abkommandiert wurde, sondern Hauptmann. General Henri Mordacq war schon etwas mehr als "Sekretär" oder "Helfer" Clemenceaus. Er war sein Kabinettschef (Clemenceau leitete auch das Kriegsministerium).

Die Übersetzung ist der Autorin nicht immer gewachsen. Welches Motiv dazu bewogen hat, die "Hautes Ecoles in Paris" (im Original) mit dem Einschub "französische Intellektuellenbrutstätten" zu ergänzen, wird man wohl nie erfahren. Die "Special notes" (im Original) sind keine "Sonderbanknoten", sondern Sonderanleihen oder einfach andere Geldpapiere (neben den Kriegsanleihen). Wilson sprach nicht am 21. August 1919 mit Lloyd George (da war er längst wieder in Washington), sondern am 21. April. Ebenso wenig sind Sprachneuschöpfungen wie "promisk" der Autorin anzulasten. Wünschen wir uns also bald eine zweite, verbesserte Auflage. Verdient hat es das Buch auf jeden Fall.

IGNAZ MILLER

Margaret MacMillan: Die Friedensmacher. Wie der Versailler Vertrag die Welt veränderte. Aus dem Amerikanischen von Klaus-Dieter Schmidt. Propyläen Verlag, Berlin 2015.736 S., 34,- [Euro].

Alle Rechte vorbehalten. © F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main
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Besprechung von 01.12.2015
Wie sie alle lachten!
Die kanadische Historikerin Margaret MacMillan erzählt mit kühlem Humor, wie die „Friedensmacher“ 1919
in Versailles die Welt veränderten – ein Buch zur Vorgeschichte der Gegenwart
VON GUSTAV SEIBT
Als es, schon gegen Ende der Versailler Friedensberatungen im Frühjahr 1919, darum ging, das osmanische Reich in Mandatsgebiete aufzuteilen, verlangte Italien das Gebiet südlich von Smyrna (dem heutigen Izmir). Oh nein, habe der englische Premierminister Lloyd George seinem italienischen Kollegen Orlando erklärt, das könne er nicht haben, „es ist ja voller Griechen“.
  Harold Nicolson, der britische Diplomat und Schriftsteller, der die Szene schildert und der die Türkei-Landkarte, auf die sich die Verhandlungen stützten, vorgelegt hatte, musste zu seinem Entsetzen erkennen, dass sein Chef die Farben auf der Karte für die Bevölkerungsverteilung hielt. Lloyd George habe die Berichtigung „mit großem Humor“ aufgenommen. Als ein anderer Experte die Staatschefs an ihre eigenen Prinzipien erinnerte, nämlich dass laut Völkerbundakte die Mandate „die Zustimmung und Wünsche der Bevölkerung“ berücksichtigen müssten, erregte das große Heiterkeit. „Wie sie alle lachten!“, empörte sich Nicolson. „Orlandos weiße Backen wackeln und seine verquollenen Äugelchen füllen sich mit Tränen vor Vergnügen.“
  Später wurde Nicolsons Landkarte auch dem amerikanischen Präsidenten Wilson und Georges Clemenceau, dem französischen Premierminister und Gastgeber der Konferenz, vorgelegt. Nicolson saß währenddessen im Vorzimmer und las im „Bildnis des Dorian Gray“ von Oscar Wilde. All das wäre lustiger, wenn nicht in Smyrna, das dann an die Griechen ging, schon wenige Monate später ein veritabler Massenmord begangen worden wäre, als nämlich die Türken die Vielvölkerstadt zurückeroberten und ethnisch säuberten. Margaret MacMillans Buch über die Versailler Friedenskonferenz ist voll von solchen Szenen, in denen sich Leichtfertigkeit und Unheil zu fahler Komik verbinden. Die kanadische Historikerin ist eine Urenkelin von Lloyd George, und etwas vom Geist aristokratischer Ironie, der um 1920 in der britischen Diplomatie geherrscht haben muss, hat sie in ihre gründliche, gleichermaßen lustige und düstere Darstellung gerettet.
  Ein großer Stoff zum Nachdenken, den jeder Europäer in diesen Wochen nutzen sollte. Das Türkei-Kapitel steht in dem Abschnitt „Der Nahe Osten wird in Brand gesteckt“. Er handelt von jenen Grenzziehungen und geopolitischen Fehlern, die dem Westen auch heute noch auf die Füße fallen, von Ölfeldern, der Kurdenfrage, religiösen Spaltungen, vom Palästina-Problem: Das Heilige Land wurde der Zionistischen Bewegung zugesichert, unter der Voraussetzung, es handle sich um ein fast unbevölkertes Gebiet; als in Versailles Abgesandte der Nicht-Bevölkerung auftauchten, war es schon zu spät.
  All diese Wirrungen lassen sich auf ein Grundproblem zurückführen. Wie der Wiener Kongress hundert Jahre zuvor sollte der Friedenskongress, der den Ersten Weltkrieg abschloss, eine Ordnung nach einem Prinzip schaffen. In Wien war das ein formaler Grundsatz gewesen, „Legitimität“. Darauf kann man sich in jedem Anwendungsfall einigen, denn man kann sie setzen. In Versailles sollte es das vom amerikanischen Präsidenten in zahlreichen Reden und Noten schon vor Kriegsende entwickelte Prinzip des „Selbstbestimmungsrechts“ der Völker sein, in der Akte des in Versailles begründeten Völkerbunds etwas schwächer als „Zustimmung und Wünsche der Völker“ formuliert.
  Ein anderer Grundsatz wäre damals kaum möglich gewesen – Demokratie war zur Leitverfassung der Welt geworden. Nur wussten viele Völker zu diesem Zeitpunkt gar nicht recht, dass sie es waren und was sie wollten. Andere Völker wie die Ungarn und die Deutschen gehörten zu den Besiegten, die man zahlen lassen wollte und deren numerische Stärke irgendwie camoufliert werden musste. So tauchten vor dem Hohen Rat der Siegermächte Hunderte Bittsteller mit historischen Erklärungen, Statistiken und Landkarten auf, die dann mit den Interessen der Hauptmächte abgeglichen werden mussten. Das Resultat war eine peinliche Mischung aus Idealismus und Irrtum, aus altem Länderschacher und moderner Heuchelei. Die Verhandlungen nahmen, wie ein anderer Brite, John Maynard Keynes, erklärte, etwas „Theologisches“ an: Man interpretierte an Wilsons Prinzipien so lange herum (wie an einem heiligen Text), bis sie passten.
  MacMillans Buch rettet sich also in einen dem Stoff angemessenen kühlen Humor, den sie vor allem bei fernen, unterlegenen Völkern mit gelegentlicher Warmherzigkeit grundiert. Alle kommen sie vor, nicht nur die endlich wieder staatlich werdenden Polen, sondern auch Armenier, Ukrainer und Aserbaidschaner, Griechen, Kroaten und Bosnier, Japaner, Chinesen, Indonesier, Araber und Afrikaner. Nur Lateinamerikaner, Skandinavier und Holländer blieben unberührt; beunruhigenderweise fehlten auch die Russen, und das, während ein Kriegs- und Bürgerkriegsgürtel die Zone zwischen Ostsee und Schwarzem Meer durchzog. Den Oscar für die beste Nebenrolle verdienen eindeutig die Rumänen, die von einer shoppingsüchtigen Königin namens Marie unterstützt wurden.
  MacMillan zeigt, dass Versailles eine Nachwirkung hat, die der von Wien gleichkommt, was wir vergessen haben, weil das große deutsch-französische Thema sich inzwischen erledigt hat. Doch in Jugoslawien, in Osteuropa, sogar in den tschechisch-slowakischen Gebieten und Ungarn, vor allem aber im Nahen Osten sind es immer noch Versailler Entscheidungen, die die Konflikte nähren. Das Buch schreibt die Vorgeschichte der Gegenwart, und das ist sehr beunruhigend. Ungarn ist traumatisiert bis heute? Man kann es verstehen, wenn man das Ungarn-Kapitel gelesen hat. Der Chinese Mao tat seine ersten politischen Schritte beim Protest gegen Ergebnisse von Versailles.
  Dass die Behandlung Deutschlands verkehrt war, kam zuletzt sogar in der Griechenlandkrise wieder zur Sprache, als ausgerechnet der französische Wirtschaftsminister Macron die Reparationsbedingungen zur Ursache für die Schwäche der Weimarer Republik erklärte – eine Behauptung, die deutsche Historiker inzwischen nur noch unter Vorbehalten gelten lassen. MacMillan spielt die Bedeutung des berüchtigten Kriegsschuldparagraphen, der die deutsche Öffentlichkeit damals aufwühlte, herunter. Nur rechtstechnische Bedeutung habe er gehabt, als Grundlage für die Bemessung der Reparationsschuld.
  Das stimmt, wenn man bedenkt, dass die Deutschen nur mit Lasten für die Wiederherstellung der verwüsteten Kriegsschauplätze in Belgien und Frankreich rechneten, nicht aber für alle anderen Kosten, bis zu den britischen Kriegspensionen. Allerdings war schon diese Ausdehnung der Bemessungsgrundlage unüblich und am Ende auch unausführbar, wie Keynes in seiner berühmten Schrift sogleich bewies. Allerdings zitiert MacMillan nicht die Mantelnote vom 16. Juni 1919, mit der die ersten Einwände der deutschen Delegation zurückgewiesen wurden. Ihr Text beruhte auf abenteuerlichen, hasserfüllten Geschichtskonstruktionen des französischen Marschalls Foch, die natürlich nie vertragliche Geltung bekamen, die aber den normalen Deutschen damals die Leseanweisung für den Kriegsschuldparagraphen gaben.
  Dass Deutschlands Auftreten in Versailles zunächst töricht war, ist längst bekannt, aber MacMillan stellt es in den Kontext von so vielen anderen Torheiten, dass der Fehler sich relativiert. Ihr Buch atmet den Geist tiefer Fairness, der nur zu einem tragischen Bewusstsein führen kann: Mit den Mitteln des Wilson-Friedens war das Hauptproblem, Deutschlands Stellung in Europa, schlechterdings nicht lösbar. Hätte man ihn in Mitteleuropa halbwegs wörtlich umgesetzt, wäre Deutschland als gestärkter Sieger herausgekommen, ganz unberührt von Strafzahlungen und Rüstungsbeschränkungen. Der einzige Ausweg wäre damals gewesen, was Keynes vorschlug: eine Wirtschaftsordnung, die die deutsche Demokratie gestärkt hätte.
  Stattdessen ließ man die blassen, schwitzenden Vertreter der deutschen Republik unter den Prunkfresken von Versailles vor den zerfetzten Gesichtern von Weltkriegsopfern antreten – die Szene wurde von Nicolson auf unvergesslichen Seiten geschildert. Ach, Europa, liest du deine vielen traurigen Historien? Man legt MacMillans auf jeder Seite interessantes Buch genauso beklommen aus der Hand wie die „Schlafwandler“ von Christopher Clark. 
Vor dem Hohen Rat
der Siegermächte tauchten
Hunderte Bittsteller auf
Dieses Buch atmet den Geist
tiefer Fairness, er führt zu
einem tragischen Bewusstsein
Sir William Orpen war
offizieller Porträtmaler während
der Friedenskonferenz 1919.
Sein Gemälde zeigt
die Unterzeichnung des
Friedensvertrages im
Spiegelsaal von Versailles.
Foto: bridgemanart.com
  
Margaret MacMillan:
Die Friedensmacher.
Wie der Versailler Vertrag die Welt veränderte. Aus dem Englischen von Klaus-Dieter Schmidt.
Propyläen Verlag, Berlin 2015. 733 Seiten, 34 Euro. E-Book 26,99 Euro.
DIZdigital: Alle Rechte vorbehalten – Süddeutsche Zeitung GmbH, München
Jegliche Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über www.sz-content.de
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"Ein großer Stoff zum Nachdenken, den jeder Europäer in diesen Wochen nutzen sollte... Das Buch schreibt die Vorgeschichte der Gegenwart, und das ist sehr beunruhigend... Man legt MacMillans auf jeder Seite interessantes Buch genauso beklommen aus der Hand wie die "Schlafwandler" von Christopher Clark.", Süddeutsche Zeitung, Gustav Seibt, 01.12.2015