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Benutzername: philon07
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Bewertung vom 15.11.2015
Die Friedensmacher
MacMillan, Margaret O.

Die Friedensmacher


ausgezeichnet

"Selbst wenn man Deutschland seine alten Grenzen belassen und ihm erlaubt hätte, seine Streitkräfte nach Belieben auszubauen und sich mit Österreich zu vereinen, hätte er mehr gewollt: [...] Er hätte mehr ,Lebensraum' für das deutsche Volk und die Vernichtung seiner vermeintlichen Feinde, seien es nun Juden oder Bolschewisten, gefordert. Darüber stand nichts im Versailler Vertrag."
So argumentiert die britische Historikerin Margaret MacMillan in ihrem jetzt auf Deutsch erschienenen Buch "Die Friedensmacher". Es geht um das politisch-diplomatische Nachspiel des Ersten Weltkriegs, den sog. "Friedensvertrag" und seine Folgen für Deutschland und die Welt. Und natürlich um das Aufkommen des Nationalsozialismus Adolf Hitlers.
Der oben zitierte Satz wirkt allerdings - freundlich formuliert - etwas merkwürdig - kurios hinsichtlich der Frage, was wäre gewesen, wenn... Tatsächlich argumentiert Margaret MacMillan vom Ende her, von Hitlers sog. Machtergreifung, vom Ausbruch des zweiten Weltkriegs her. Er hätte "mehr gewollt".
Folgender Einwand muss hier gestattet sein - im konjunktivischen Konditionalsatz wie oben bei der Autorin:
Wenn der Versailler Vertrag auch auf deutsche Belange eingegangen - und mit Beteiligung der deutschen Seite - verhandelt und geschlossen worden wäre, wäre Adolf Hitler dann überhaupt zum Politiker geworden, oder hätte er überhaupt Resonanz gefunden beim deutschen Publikum mit seinem aggressiven Revanchismus und etwa Akzeptanz für seine kriegerische Revision der durch Versailles gezogenen Nachkriegsgrenzen in Europa - und darüber hinaus?
Dieser Einwand pflückt nicht ein kleinliches Pars pro Toto heraus aus den 736 Seiten des Buchs der britischen Historikerin. An dieser Frage entscheidet sich, wie Versailles als Ganzes beurteilt wird. Und es entscheidet sich schließlich, wie das Buch von Margaret MacMillan zu beurteilen ist.