Die Adonis-Gärten - Detienne, Marcel
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Im Zentrum des Buches, eines "Klassikers" des französischen Strukturalismus, stehen Darstellung und Interpretation des Adonis-Mythos und wichtiger antiker Fruchtbarkeitsmythen und deren Bedeutung für die antike Auffassung von Sexualität. Mit den "Adonis-Gärten" legt Detienne zum ersten Mal eine breit angelegte strukturalistische Studie zu einem einzelnen griechischen Mythos vor. …mehr

Produktbeschreibung
Im Zentrum des Buches, eines "Klassikers" des französischen Strukturalismus, stehen Darstellung und Interpretation des Adonis-Mythos und wichtiger antiker Fruchtbarkeitsmythen und deren Bedeutung für die antike Auffassung von Sexualität. Mit den "Adonis-Gärten" legt Detienne zum ersten Mal eine breit angelegte strukturalistische Studie zu einem einzelnen griechischen Mythos vor.
  • Produktdetails
  • Verlag: Wbg Academic
  • 2000.
  • Seitenzahl: 208
  • Deutsch
  • Abmessung: 19mm x 156mm x 230mm
  • Gewicht: 420g
  • ISBN-13: 9783534144754
  • ISBN-10: 3534144759
  • Artikelnr.: 08576626
Rezensionen
Besprechung von 01.12.2001
Wo schwüle Blütendüfte locken, da laß dich ruhig nieder
Tolle Hundstage für Adonis: Marcel Detienne beweist sein feines Näschen für die griechische Mythologie

Die Olympischen Spiele wurden an ihrem Ursprungsort Olympia zu Ehren des Göttervaters Zeus angeblich seit dem Jahre 776 vor unserer Zeitrechnung abgehalten. Ähnliche Spiele für den Gott Apoll gab es nahe Delphi; der Göttin des Korns, Demeter, zum Gefallen wurden Erntedankfeste abgehalten. Die Bacchanalien, in Rom 186 vor unserer Zeitrechnung auf Senatsbeschluß verboten, sind wahrscheinlich die bekannteste Orgie der Antike.

Weniger verbreitet ist die Kenntnis jener Riten, die den unbedeutenderen Göttern und Halbgöttern galten. Ein Kult für Hestia? Feiertage für Adonis? Hestia, die Göttin des Herdfeuers, war auch Beschützerin der Ehe und erhielt dem Mythos zufolge von Zeus das Privileg verliehen, allen Opfern an die Götter vorzustehen.

Mit dem Jüngling und Halbgott Adonis wiederum verbindet sich eine Zeremonie, die kein offizieller Staatskult wurde, aber dennoch aus dem Leben der Hellenen, vor allem der Frauen, nicht wegzudenken war. Das genaue Datum ist so unbekannt wie der Erfinder des Senkbleis, aber mit ziemlicher Sicherheit kann man die Feierlichkeiten mit dem Aufgang des Hundssterns Sirius (Ende Juli) ansetzen.

Das Fest zu Ehren des Adonis, die Adonien, lief ungefähr wie folgt ab: Sobald die Hundstage gekommen waren, pflanzten Frauen - denn ihnen oblag die Ausrichtung der Festlichkeiten - Samenkörner verschiedener Gewächse in eine Handvoll Erde in Vasen, Körben oder gar nur Tonscherben - die Gärten des Adonis. Es handelte sich auch nicht um irgendwelche Frauen, dies war ein Kult der unverheirateten Weiblichkeit, der Hetären, Kurtisanen und Konkubinen. Sie parfümierten sich im Überfluß, brachten die Gärtchen auf die Hausdächer, um sie der Sonne auszusetzen und so das Wachstum der Pflanzen zu beschleunigen, und luden ihre Liebhaber und andere willige Männer zu üppigen Gastmählern und mehr. Etwa acht tolle Tage dauerte das tabulose Treiben; wenn die Saat des Adonis verdorrt war, endete auch die Freiheit der Frauen. Nicht von ungefähr: Adonis hatte sein Leben als junger Verführer zweier Göttinnen, Aphrodite und Persephone, begonnen und in der Blüte seiner Jahre unter den Hauern eines wilden Ebers beendet.

Warum es zu solch einem Brauch in der griechischen Welt überhaupt kommen konnte, erklärt Marcel Detienne in "Die Adonis-Gärten". Die französische Originalfassung erschien 1972, ein erweitertes Nachwort verfaßte Detienne 1989. Die deutsche Ausgabe ist (in der gelungenen Übersetzung von Gabriele und Walter Eder) nun erst veröffentlicht worden. Warum dies so spät geschieht, kann niemand so recht erklären. Nicht etwa, daß das Werk ein unwichtiger Beitrag zur Geschichte der antiken Welt und speziell der Religionsgeschichte wäre, ganz im Gegenteil. Andreas Wittenburg führt in seinem Vorwort Gründe an, welche die deutschsprachige Forschung ganz fundamental von ihren Schwesterdisziplinen in den romanischen oder gar englischsprachigen Ländern trennen. "Für den am Altertum interessierten deutschen Leser sind Ansatz, Methode und Stil dieses Buchs nach wie vor ungewohnt."

Das mag sein. Während sich die französische Mediävistik und Erforschung der Frühen Neuzeit - man denke nur an Jacques Le Goff, Emmanuel Le Roy Ladurie oder Georges Duby und Philippe Ariès - anscheinend auch aus dem deutschen Wissenschaftskanon nicht mehr wegdenken läßt - und sei es, um mit den Autoren kritisch abzurechnen -, sollte es da mit der Antikenforschung anders sein? Die Schule der "Annales" wäre hierzulande etabliert, die Tradition Louis Gernets oder Jean-Pierre Vernants beiseite geschoben? Betrachtet man den Zeitraum von drei Dezennien, die es dauerte, bis das vorliegende Werk ins Deutsche übertragen wurde, könnte man sich dieser Auffassung fast anschließen. Zwar hat auch die deutsche Wirkung der Annalisten spät, sehr spät, eingesetzt, aber da lag immerhin ein Weltkrieg dazwischen.

Wittenburg hat freilich recht, Ansatz und Methode Detiennes sind ungewohnt. Aus einem Detail eines Herodot-Berichts über Gewürze entwickelt der Autor zunächst eine Kosmogonie des Kochens; aus anderen Textstellen leitet er dann eine Erklärung des Gegensatzes von wild (natürlich) und gezähmt (kulturell), der Weltsicht der Anhänger des Pythagoras und schließlich eine den hellenischen Kulten innewohnenden Dichotomie zwischen Oben und Unten ab. Griechische Philosophen liebten es, in Gegensatzpaaren zu denken, wofür kaum ein Nichtgrieche jemals Verständnis aufbrachte. Für Marcel Detienne sind es gerade solche Gegensatzbildungen, die den Schlüssel zur Erklärung des Wesens der griechischen Mythologie bereithalten.

Der Aufbau des Textes wird durch die vorhandenen Tabellen nicht eben verdeutlicht, aber dafür unterstützt der umfangreiche wissenschaftliche Apparat (immerhin füllt dieser fast ein Viertel des Buches) den Leser beim Vordringen in eine Welt der Mythen, Götter und Halbgötter des alten Griechenland. Von den schwülen Blütendüften Arabiens zur Ablehnung des Verzehrs einzelner Fleischsorten durch Pythagoras von Samos ist es kein so weiter Weg, wie man annehmen möchte.

Und die Adonien? Nicht ein Kult der Reife waren sie, sondern ein Akt der Lebensfreude und vielleicht auch der Versuch von Frauen, sich einen Teil ihrer Eigenständigkeit zu bewahren. Vielleicht aber auch die Kanalisation ebendieses Wunsches durch die patriarchale Welt des antiken Hellas. In den Augen von Marcel Detienne waren die Fragen nach dem Ursprung der Kulte und Mythen schon von den Autoren des Altertums gestellt, waren auch die Antworten bereits gefunden worden. Man hat nur verlernt, sie richtig zu lesen.

MARTIN LHOTZKY

Marcel Detienne: "Die Adonis-Gärten". Gewürze und Düfte in der griechischen Mythologie. Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 2000. 208 S., geb., 68,- DM.

Alle Rechte vorbehalten. © F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main
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Perlentaucher-Notiz zur F.A.Z.-Rezension

Dies Buch über Riten und Bräuche, die den unbedeutenden Göttern und Halbgöttern der griechischen Mythologie galten, bezeichnet Rezensent Martin Lhotzky als einen wichtigen Beitrag zur Geschichte der antiken Welt, "speziell der Religionsgeschichte". Die Beispiele, die er beschreibt, lassen auf reiche Lesefrüchte für Antike-Spezialisten schließen. Einen wesentlichen Teil der Rezension widmet Lhotzky der Frage, warum dies schon 1972 im Original erschienene Buch solange auf seine deutsche Übersetzung warten musste und schöpft für mögliche Antworten die Argumente aus Andreas Wittenburgs Vorwort zum Buch. Wittenburg finde Detiennes Ansatz und Methode "ungewohnt", für den die den Kulten innewohnende "Dichotomie" ein entscheidender Schlüssel zur Erklärung der griechischen Mythologie gewesen sei. Auch die Griechen hätten es geliebt, in Gegensatzpaaren zu denken. Nichtgriechen hätten dafür kaum je Verständnis aufgebracht. Andere Gründe, die für die verzögerte Übersetzung des Buches ins Deutsche angeführt werden, werden wohl nur Spezialisten interessieren. Doch die seien hiermit an das Buch selber verwiesen, dessen Übersetzung vom Rezensenten als "gelungen" bezeichnet wird.

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