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Der Zwang zum wahren Glauben - Herzig, Arno
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Reformation und Konfessionalisierung veränderten die Lebenswelt der Menschen in grundlegender Weise. Ein fundamentaler, aber wenig bekannter Prozess innerhalb der Konfessionalisierung ist die Rekatholisierung protestantischer Untertanen. Auf der Grundlage des Augsburger Religionsfriedens, der die einheitliche Konfession als Staatsprinzip festschrieb, wurde seit den 1580er Jahren in den habsburgischen Staaten, den geistlichen Territorien und in Bayern das katholische Bekenntnis weitgehend mit Gewalt als allein gültige Konfession durchgesetzt. Die Rekatholisierung war vor allem eine Aktion des…mehr

Produktbeschreibung
Reformation und Konfessionalisierung veränderten die Lebenswelt der Menschen in grundlegender Weise. Ein fundamentaler, aber wenig bekannter Prozess innerhalb der Konfessionalisierung ist die Rekatholisierung protestantischer Untertanen. Auf der Grundlage des Augsburger Religionsfriedens, der die einheitliche Konfession als Staatsprinzip festschrieb, wurde seit den 1580er Jahren in den habsburgischen Staaten, den geistlichen Territorien und in Bayern das katholische Bekenntnis weitgehend mit Gewalt als allein gültige Konfession durchgesetzt.
Die Rekatholisierung war vor allem eine Aktion des sich entwickelnden modernen Staates. Die einheitliche Konfession war eine seiner wichtigsten Säulen; sie sicherte die Loyalität der Untertanen und ebnete Widerstandspotentiale ein. Wer sich zur katholischen Konfession bekannte und die Kirchengebote einhielt, bekannte sich damit auch zum absoluten Herrscher und zum Staat. Arno Herzig stellt die Rolle des Staates in den Mittelpunkt, geht abe r auch darüber hinaus: Mit welchen theologischen und staatsphilosophischen Positionen wurden die verschiedenen Ziele und Strategien legitimiert? Welche Rolle spielten die Jesuiten und andere Reformorden? Wie verhielten sich die Betroffenen der Rekatholisierung? Welche Formen des Widerstands gab es? Arno Herzigs Buch beschreibt einen zentralen Schnittpunkt von staatlichen, kirchlichen, kulturellen und gesellschaftlichen Entwicklungen und trägt damit auch zum generellen Verständnis der frühneuzeitlichen Geschichte bei.
  • Produktdetails
  • Sammlung Vandenhoeck
  • Verlag: Vandenhoeck & Ruprecht
  • 2000.
  • Seitenzahl: 266
  • 2000
  • Ausstattung/Bilder: 266 S. m. 5 Abb.
  • Deutsch
  • Abmessung: 210mm
  • Gewicht: 286g
  • ISBN-13: 9783525013847
  • ISBN-10: 3525013841
  • Best.Nr.: 08982768
Autorenporträt
Dr. Arno Herzig ist Professor für Neuere Geschichte mit dem Schwerpunkt Frühe Neuzeit an der Universität Hamburg.
Rezensionen

Perlentaucher-Notiz zur F.A.Z.-Rezension

Wenig in dieser Untersuchung zur Rekatholisierung in deutschen Landen, so der Rezensent Wolfgang Reinhard, sei bahnbrechend neu. Dennoch wird dem Buch ein erhebliches Verdienst zugesprochen: hier werde "konsequent Geschichte aus der Sicht der Opfer geschrieben". Die These, dass der Hexenwahn in indirektem Zusammenhang mit der Rekatholisierung steht, werde bekräftigt. Reinhard sieht aber auch Probleme: einseitig werden seiner Ansicht nach "Vorurteile über den katholischen Monopolanspruch" bedient, die protestantischen Zwangsbeglückungen hingegen werden verschwiegen. Der Rezensent betont, dass die ganze Thematik heute fremd und anachronistisch anmute. Nicht einmal Ratzinger wolle heute noch jemanden zum ewigen Heil zwingen. Und mehr noch: womöglich hat "der heutige Mensch (...) gar kein Gewissen mehr".

© Perlentaucher Medien GmbH
Besprechung von 12.12.2000
Ich mach' euch alle hin, wenn ihr mir nicht glaubt
Rekatholisierung vor Ratzinger / Von Wolfgang Reinhard

Es gibt keine größere Tyrannei, als über Gewissen herrschen zu wollen", hielten die Landstände der Steiermark 1600 ihrem Erzherzog Ferdinand entgegen, als dessen "Reformationskommissionen" wieder über das Land herfielen, um alle Untertanen mit bewaffneter Hand zum einzig wahren Glauben zurückzuzwingen. Der Protest blieb vergeblich; seit 1602 war die Steiermark zumindest äußerlich wieder katholisch. Zwar scheiterte der Erzherzog als Kaiser Ferdinand II. mit Rekatholisierungsplänen auf Reichsebene. In deutschen Ländern aber konnten er, seine Nachfolger und andere Fürsten dieses Werk mit harter Hand bis weit ins achtzehnte Jahrhundert hinein erfolgreich zu Ende führen.

Natürlich geschah dies mit Hilfe kirchlicher Institutionen, aber nichtsdestoweniger im höchsteigenen politischen Interesse. Erstens galt überall die Einheit im Glauben als Grundlage der politischen Einheit, so daß ihre Wiederherstellung im Rückblick als integrierender Bestandteil des Staatsbildungsprozesses erscheinen kann. Und zweitens war auch die Sorge für das ewige Heil der Untertanen, und sei es mit Gewalt, für viele Fürsten eine Gewissenspflicht. Das Gewissen des Machthabers aber war immer im Recht, auch wenn die Gewissen der Untertanen inzwischen zumindest verbal respektiert wurden. Herzigs neue Zusammenfassung schildert die politische Rekatholisierung in den österreichischen und deutschen Ländern, mit einem vergleichenden Ausblick auf protestantische Konfessionspolitik in Brandenburg-Preußen und Hamburg, befaßt sich mit der Theorie der Rekatholisierer und ihrer Opfer sowie der religiösen Praxis und geht abschließend ausführlich auf die Betroffenen ein: auf die Glaubensflüchtlinge, die Bekehrten, vor allem aber die österreichischen Kryptoprotestanten, die sich teilweise bis zum Toleranzedikt Josephs II. 1781 halten konnten.

Das meiste ist längst bekannt und wird nur in ansprechender Form neu präsentiert. Etliche Irrtümer und Lücken sind nicht zu übersehen. Man ist zum Beispiel erstaunt, daß zentrale Veröffentlichungen wie Dieter Albrechts große Biographie Maximilians von Bayern (F.A.Z. vom 14. September 1998) oder die Grazer Nuntiaturberichte nicht berücksichtigt wurden. Doch dem steht das große Verdienst gegenüber, daß konsequent Geschichte aus der Sicht der Opfer geschrieben wird. Man macht die Bekanntschaft des lutherischen Laientheologen Josef Schaitberger aus Salzburg und seiner heroischen Landsleute aus dem Defereggental. Nebenbei wird die vom Rezensenten schon 1983 geäußerte Vermutung bekräftigt, daß der epidemische Hexenwahn zwar nicht direkt, wohl aber indirekt mit der Rekatholisierung zusammenhängt, insofern sich darin die durch den Glaubensdruck bewirkte emotionale Destabilisierung der Menschen ausdrückte.

Nichtsdestoweniger ist dieses insgesamt gelungene Buch etwas einseitig und daher leider geeignet, beliebte Vorurteile über den katholischen Monopolanspruch in Glaubensfragen zu bedienen, denen die Führung der römischen Kirche mit gewohnter Geschicklichkeit erst unlängst wieder Nahrung gegeben hat. Herzigs Leser wird weitgehend darüber im unklaren gelassen, daß die Rekatholisierung in Österreich und in der Oberpfalz nach 1648 auf Ausnahmebestimmungen des Westfälischen Friedens beruhte, die protestantische Toleranz aber auf dem überall sonst geltenden Toleranzgebot von Artikel V 34 ff. Die übrigen von Herzig geschilderten Rekatholisierungen liegen vor 1648, als noch das uneingeschränkte Recht des Landesherrn galt, den Glauben seiner Untertanen zu bestimmen.

Dann wäre es aber angebracht gewesen, auch von den nicht minder brutalen Protestantisierungsmaßnahmen in Stadt und Land zu schreiben, die nur wenig weiter zurücklagen. Der mehrfache erzwungene Glaubenswechsel in der Rheinpfalz während des sechzehnten Jahrhunderts war nicht weniger dramatisch als die Bedrängnisse der Bewohner dieses vielgeplagten Landes im siebzehnten und achtzehnten. Schon in den zwanziger Jahren des sechzehnten Jahrhunderts schrieb die von der Nürnberger Obrigkeit terrorisierte Äbtissin Caritas Pirckheimer an den evangelischen Pfarrer: "Meint Ihr, wenn man uns zu etwas drängt, das gegen unser Gewissen ist, die Sache sei damit erledigt?" Der politisch wenigstens partiell begünstigte Widerstand gegen die wachsende katholische Staatsgewalt seitens der Protestanten des konfessionellen Zeitalters hat sie zu Wegbereitern der Moderne gemacht; die Katholiken der Reformationszeit sowie später in England und Irland hatten diese Chance nicht.

Freilich weist Herzig selbst darauf hin, daß die modernisierenden Folgen protestantischer Widerständigkeit von seinen Helden ganz und gar nicht beabsichtigt waren. Im Gegenteil, es handelte sich bei den Konflikten der Rekatholisierung im Grunde um den Zusammenstoß zweier Fundamentalismen, die uns heute beide fremd geworden sind. Denn auch Ratzingers jüngste Bestätigung des katholischen Monopolanspruchs auf das ewige Heil beinhaltet nicht mehr den Anspruch, die Gewissen zu diesem Heil zu zwingen. Auch die katholische Kirche hat inzwischen das moderne Individuum respektieren gelernt. Obendrein ist das alles aber in einem noch gründlicheren Sinn anachronistisch, denn der heutige Mensch hat möglicherweise gar kein Gewissen mehr, weil er es nicht mehr braucht. Die Megamaschine funktioniert auch so. Was Marx und Freud vom Gewissen noch übriggelassen haben, wird gerade von Genetikern und Hirnforschern endgültig beseitigt. Herzig führt uns also in eine fremde Welt. Aber es ist ein Geschäft für Historiker, uns nachdenklich zu machen.

Arno Herzig: "Der Zwang zum wahren Glauben". Rekatholisierung vom 16. bis zum 18. Jahrhundert. Verlag Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2000. 266 S., 6 Abb., br., 49,80 DM.

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