Der Wert der Lüge - Dietz, Simone
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Warum gilt das Lügen eigentlich als moralisch verwerflich? Den schlechten Ruf der Lüge begründet in der Philosophiegeschichte von Augustinus über Kant bis Austin und Habermas das "Argument vom Mißbrauch der Sprache": Sprache dient der vertrauensvollen Verständigung der Menschen und wird bei gezielten Täuschungsakten mißbraucht. Gegen diese Auffassung vertritt die Autorin die These, daß das Lügen eine moralisch neutrale sprachliche Fähigkeit sei, die an sich nicht als gute oder schlechte Handlung beurteilt werden kann - Sprache ist kein moralisches Vermögen des Menschen. In vielen Situationen…mehr

Produktbeschreibung
Warum gilt das Lügen eigentlich als moralisch verwerflich? Den schlechten Ruf der Lüge begründet in der Philosophiegeschichte von Augustinus über Kant bis Austin und Habermas das "Argument vom Mißbrauch der Sprache": Sprache dient der vertrauensvollen Verständigung der Menschen und wird bei gezielten Täuschungsakten mißbraucht. Gegen diese Auffassung vertritt die Autorin die These, daß das Lügen eine moralisch neutrale sprachliche Fähigkeit sei, die an sich nicht als gute oder schlechte Handlung beurteilt werden kann - Sprache ist kein moralisches Vermögen des Menschen. In vielen Situationen kann das Lügen auch von Wert sein. Moralisch verwerflich sind vielmehr bestimmte Absichten, denen das Lügen dient, oder bestimmte Grundeinstellungen des Lügners.

Neben der moralischen Zulässigkeit sprachlicher Täuschung beschäftigt sich die Arbeit mit dem Zweck der Sprache und dem Charakter sprachlicher Verständigung.
  • Produktdetails
  • Verlag: Mentis Verlag
  • Seitenzahl: 244
  • Deutsch
  • Abmessung: 235mm
  • Gewicht: 415g
  • ISBN-13: 9783897852716
  • ISBN-10: 3897852713
  • Artikelnr.: 11097992
Rezensionen

Frankfurter Allgemeine Zeitung - Rezension
Frankfurter Allgemeine Zeitung | Besprechung von 11.06.2003

Nebenberuf Lügner
Simone Dietz über die Kunst, ein X für ein U vorzumachen

Für das moralische Allgemeinempfinden hat Simone Dietz nicht viel übrig. Sicher, "Lügner" gelte in der Regel nicht als neutrale Beschreibung, sondern als Vorwurf oder Beleidigung. Dann wird entweder von der Täuschungsabsicht ausgegangen. Doch eine Täuschung sei selten Selbstzweck, sondern Mittel zu weiter reichenden Handlungsabsichten, die keineswegs immer egoistisch sein müßten und deshalb genauere Unterscheidungen verlangten. Oder die Wahrhaftigkeit an sich wird als Tugend und Wert ausgegeben. Das aber setze letztlich eine religiöse Fundierung der Moral voraus. Die Vorstellung, daß der Lügner Schaden an seiner Seele nimmt, könne bestenfalls als Klugheitsregel rekonstruiert werden, sich nicht in seinen eigenen Lügen zu verstricken. Und das auf Augustinus zurückgehende Argument, daß die Sprache geschaffen ist, damit der Mensch seine Gedanken zur Kenntnis bringt, hält moderner Sprachphilosophie nicht stand. Im übrigen dementiere bereits die einfache Beobachtung das: "Wer einmal lügt, dem glaubt man nicht" und all die Reden von der Zerstörung des Vertrauens. "Lügen gehören zum Alltag, und doch ist unser Mißtrauen gegeneinander nicht grenzenlos."

Widerlegt werden muß nur die Wissenschaft. Zwei Begründungsstrategien für ein allgemeines Lügenverbot gebe es. Um das "Argument vom Mißbrauch der Sprache" zurückzuweisen, wird das Lügen mit Wittgenstein als Sprechhandlung zweiter Ordnung analysiert, die den Regeln des Behauptens zwar folgt, mit ihnen aber verdeckte übergeordnete Absichten verbindet. Das Lügen ist ein Sprachspiel, das komplizierten Gesetzen gehorcht und deshalb von Kindern eigens gelernt werden muß. Und eben da es selber regelgeleitet ist, könne es nicht als die Regeln des Sprachgebrauchs verletzend des Selbstwiderspruchs bezichtigt werden. Wer den Geltungsanspruch einer Behauptung als Versprechen auffasse, dehne entweder den Begriff des Versprechens unzulässig aus oder trage außersprachliche Normen in die Sprache hinein.

Bedenklich wäre das Lügen freilich auch für Simone Dietz, wenn wir keinerlei Möglichkeit hätten, die verdeckten Absichten zu erkennen. Bei Wittgenstein sieht es manchmal so aus, als wären sie grundsätzlich privat. Dagegen setzt sie mit Tugendhats Prinzip der veritativen Symmetrie, daß Wahrhaftigkeit ein spezieller Fall von Wahrheit ist. "Jede Lüge enthält eine bewußt unwahre selbstreferentielle Behauptung über einen psychologischen Sachverhalt." Diese Behauptung können wir tendenziell überprüfen. Das Verhalten des Lügners kann uns merkwürdig vorkommen. Oder wir sehen, daß er ein spezielles Interesse hat, unwahrhaftig zu sein. Oder wir wissen, daß man in bestimmten Situationen nicht alles auf die Goldwaage legen darf. Niemand ist gezwungen, einem Lügner zu glauben.

Die Zurückweisung des "Arguments vom Angriff auf die Freiheit" geht schneller. Natürlich hätten wir ein Recht zur "Lüge aus Notwehr". In einem weiteren Sinne falle unter Notwehr die "Lüge zum Schutz der Privatsphäre", die Lüge, mit der wir zudringliche Fragen oder "unerwünschte Konsequenzen einer aufrichtigen Selbstdarstellung" abbiegen. Und wenn man nicht einem überzogenen aufklärerischen Ideal von Selbstbestimmung anhänge, müsse man auch die "fürsorgliche Lüge" akzeptieren. Wer die Diagnose einer tödlichen Krankheit nicht hören will, wer eine zerstörerische Sucht nicht beherrschen kann, stimme seinem eigenen Belogenwerden implizit zu.

Es bleibt wohl Lüge, nur die Not entschuldigt. Für Simone Dietz dagegen rechtfertigt der Zweck das Mittel. Moral ist dann das, was andere legitimerweise von uns verlangen können. Analog zu einem negativen Freiheitsbegriff, in dem die uneinschränkbaren Rechte der anderen bestimmt sind, geht es um unsere nicht zurückweisbaren Pflichten. Der Rest sind Klugheitsregeln. Auf den ersten Blick könnte man es für den Pragmatismus eines Habilitanden halten, wenn die Autorin sich so gar keine Mühe gibt, den Sinn des moralischen Allgemeinempfindens zu verstehen. In Wahrheit muß dergleichen einfach aus der Disjunktion von strenger Pflicht und Klugheit herausfallen. Tugenden? Bitte, zeigen Sie mir den Paragraphen im Gesellschaftsvertrag! Für das unaufgeklärte Bewußtsein dagegen war die Lüge Sünde gewesen, weil sich mit ihr das Individuum vor der menschlichen Gemeinschaft in sich selbst zurückzieht. Und das belächelte Argument von der abschüssigen Bahn war von der Befürchtung getragen, daraus könnte eine Welt nur ihren Interessen und Lüsten nachgehender selbstbezüglicher Individuen erwachsen.

In der Tat kann es für Simone Dietz ein "Recht auf Leichtgläubigkeit" nicht geben. Im geschäftlichen wie im geselligen Leben hält sie es über weite Strecken für einfach nur dumm, von Wahrhaftigkeit auszugehen. Weit entfernt, daß das vom Volksmund Befürchtete nicht eingetreten wäre, ist bei ihr noch die Erinnerung verschwunden, daß es nicht so sein sollte. Daß die Täuschung von den Insekten bis zu Bill Clinton immer schon eine Rolle auf der Erde gespielt hat, kann man bei Jeremy Campbell nachlesen - laut Klappentext "ein Kenner des Menschen in modernen Zeit".

GUSTAV FALKE

Simone Dietz: "Der Wert der Lüge". Über das Verhältnis von Sprache und Moral. Mentis Verlag, Paderborn 2002. 244 S., br., 32,- [Euro].

Alle Rechte vorbehalten. © F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main
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Perlentaucher-Notiz zur F.A.Z.-Rezension

Lügen ist unmoralisch? Was ist dann, bitteschön, fragt Simone Dietz, die Autorin dieses Buches, mit der "Lüge aus Notwehr"? Und den anderen guten Absichten, die hinter einer falschen Aussage stehen können? Nein, meint sie, nur das Motiv könne ethisch beurteilt werden, nicht aber das komplizierte Wittgenstein'sche Sprachspiel der Lüge an sich. Denn da die Lüge den Regeln der Sprache gehorche, könne sie nicht zugleich einen Missbrauch darstellen. Einverstanden, meint Rezensent Gustav Falke, und lobt die Klugheit von Dietz' Abhandlung. Moral, vollzieht er ihren Gedanken nach, "ist das, was andere legitimerweise von uns verlangen können. (...) Der Rest sind Klugheitsregeln." Dann ist also die Wahrheit - keine Tugend? Ganz recht, rufen Dietz und Falke und sprechen uns das "Recht auf Leichtgläubigkeit" ab. Wir müssen uns schon selber entscheiden, ob wir etwas glauben wollen oder nicht.

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