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Warum verbringt man sein Leben mit den falschen Männern, während der richtige schon lange auf einen wartet? Was, wenn sich nach dem Tod der Mutter herausstellt, dass man sie eigentlich gar nicht kannte? Anrührende, bewegende und oftmals umwerfend komische Geschichten, die für einen kurzen Moment die Zeit anhalten.…mehr

Produktbeschreibung
Warum verbringt man sein Leben mit den falschen Männern, während der richtige schon lange auf einen wartet? Was, wenn sich nach dem Tod der Mutter herausstellt, dass man sie eigentlich gar nicht kannte? Anrührende, bewegende und oftmals umwerfend komische Geschichten, die für einen kurzen Moment die Zeit anhalten.
  • Produktdetails
  • Verlag: Hanser
  • Abmessung: 21 cm
  • Gewicht: 314g
  • ISBN-13: 9783446200524
  • ISBN-10: 3446200525
  • Artikelnr.: 09805027
Autorenporträt
Elke Heidenreich, geboren 1943, lebt in Köln. Seit 1970 ist sie freie Autorin und Moderatorin bei Funk und Fernsehen. Seit 1983 ist Elke Heidenreich Kolumnistin bei der Zeitschrift "Brigitte" und schreibt regelmäßig Buchbesprechungen für verschiedene Fernseh- und Rundfunksender. 2008 wurde sie mit dem "Hans-Bausch-Mediapreis" ausgezeichnet.
Rezensionen
Besprechung von 06.08.2001
Wurst und Wehmut
Darfs ein bisschen schwerer sein?
Elke Heidenreichs dürre Prosa
Stellen wir uns ihre Stimme dazu vor, dieses sympathisch nölige Reibeisen-Organ, das jede Talkrunde aufmischt. Vergegenwärtigen wir uns ferner die seltsame Magie, die zwischen der Welt des Fernsehens und dem Universum der Literatur wirkt und webt: Kaum einer, der in dem Medium seine Nase herzeigt, kann dem Drang widerstehen, sich schwarz auf weiß zu verewigen. Umgekehrt wirkt nichts so anregend auf das öffentliche Leseverhalten wie die Bildschirmnotorität eines Buchautors. Wenn zu der Nase auch noch eine vertraute Stimme gehört, dürfte es egal sein, was im Buch steht: es wird viele Menschen glücklich machen. Dies alles vor dem inneren Auge und Ohr, kehren wir „Der Welt den Rücken” und vertiefen uns in den gleichnamigen Erzählband von Elke Heidenreich. Und wenden der Welt bald wieder die Frontseite zu, ein Fragezeichen hinter der Stirn: War das nötig?
Jetzt nicht ungerecht sein – zumindest eine der sieben Geschichten hätte sich in anderem Rahmen, etwa in einer Achtundsechziger-Anthologie, hübsch ausgenommen. „Der Tag, als Boris Becker ging”, das Porträt einer Gruppe von Freunden „irgendwo zwischen vierzig und fünfzig”, die nach dem Wimbledon- Abschied des Ex-Idols in ihrer als „Saurierbiotop” bestaunten Stammkneipe melancholisch in die Biere gucken, bringt den kunstlos menschelnden, unbekümmert eindimensionalen Erzählstil der Verfasserin auf charmante Weise zur Geltung. Dass „der Tod immer mit am Tisch sitzt” und der Weltuntergangsdichter Jakob van Hoddis gleich daneben, mutet zwar ein wenig prätentiös an, passt aber gerade noch ins Bild. Nur im letzten Absatz fällt Frau Heidenreichs weibliches Stellvertreter-Ich jenem pädagogisch motivierten Denkfleiß anheim, dessen Niederschlag ein gewissenhafter Lektor jeweils mit einem kleinen Totenkopf und zwei gekreuzten Knöchlein markieren sollte: „Ich bestellte mir noch ein Bier und einen Schnaps und dachte, was für ein Haufen Desperados wir doch waren. Wir warteten darauf, dass sich etwas veränderte, und ich glaube, dass die Veränderung auch schon oft still mitten unter uns gestanden hatte, und wir hatten sie einfach nicht bemerkt, und sie war weitergegangen.”
Vermutlich hat sie sich in den Fernsehsender zurückgezogen, dessen fünfzigster Geburtstag in einer anderen Erzählung gefeiert wird. Dort jedenfalls scheint die Zeit nicht spurlos am Personal vorübergegangen zu sein; die Typen, die der etwas tristen Festivität beiwohnen, tragen unübersehbare Abnutzungsmerkmale, will sagen: Sie sind nicht mehr ganz frisch. Das betrifft leider auch ihre Qualität als literarische Figuren, was um so mehr enttäuscht, als sie einem Milieu entliehen sind, in dem die Autorin sich auskennt. Doch Aufhänger für eine Mediensatire, die allenthalben aus dem Geplänkel ragen, werden nachlässig verschenkt, so etwa die schöne Beobachtung, dass Wörter wie „analog” und „digital” etwas Obszönes an sich haben.
Die übrigen Geschichten sind von einer Art, die Ironie nicht ganz so schmerzlich vermissen lässt, weil es um Liebe geht, beziehungsweise um die Frage: „Wie wird man allein alt und doch nicht allein?” Im Eingangsstück „Die schönsten Jahre” entdeckt eine reife Frau, die sich in eine ebensolche verliebt hat, nach dem Tod ihrer Mutter, dass die auch mal was mit einer Frau . .. Parbleu! In „Wurst und Liebe” erinnert sich die Heldin voller Wehmut an ihren Jugendschwarm, während sie einen Filmregisseur für sein erstes Drehbuch mit selbstverfassten Jungmädchengedichten verproviantiert. Er entlohnt sie mit einer Wurstschneidemaschine, was komisch wäre, hätte die Erzählerin uns ihr Resümee erspart: „...immer, wenn wir damit Schinken, Mortadella oder Salami schnitten, gab es einen leisen Schmerz in meiner Brust, als wäre es mein eigenes Herz, das da von dieser Wurstmaschine in hauchdünne Scheiben geschnitten würde.”
Sahne und Sehnsucht
Auf der „Silberhochzeit” von Ben und Alma wird keine Wurst gesäbelt, dafür eine Kartoffel-Möhren-Sahne-Suppe umgerührt, und nach dem Essen stellt sich heraus, dass einer der Gäste Aids hat, und alle sind traurig. Geweint wird auch in „Karl, Bob Dylan und ich”, aber vor Glück, weil während einer Bob-Dylan-Fernsehnacht, „nach zwanzig Jahren Umweg”, endlich offenbar wird, dass der gute Freund Karl die große Liebe ist. Bleibt noch die Studentin Franka, Anno 1962 neunzehn Jahre alt, genau wie Frau Heidenreich, und Jungfrau wider Willen. Die Titelstory „Der Welt den Rücken” handelt von Frankas Defloration durch einen gewissen Heinrich sowie von ihrem Wiedersehen mit Heinrich nach siebenundzwanzig Jahren. Der Titel bezieht sich darauf, dass das Paar (Achtung, Politik!) beim ersten Anlass vor lauter Vögelei die Kubakrise versäumt und beim zweiten den Fall der Mauer.
Das alles ist nett erzählt und würde diversen Zeitschriften gut anstehen. In Buchform jedoch ruft es, pardon, bisweilen jenen Ennui hervor, der den pensionierten Literaturredakteur Dr. Ernst Gauselmann in der Geschichte „Ein Sender hat Geburtstag” zu dem geknurrten Kommentar hinreißt: „Nicht Elend und Aussatz, die Banalität wird uns umbringen. ” Die Äußerung fällt beim Anblick der Festgäste Ulrich Wickert, Pastor Fliege und Tony Marshall. Wenigstens letzterer hat bislang kein Buch geschrieben. Das sei ihm hoch angerechnet.
KRISTINA MAIDT–ZINKE
ELKE HEIDENREICH: Der Welt den Rücken. Geschichten. Carl Hanser Verlag, München 2001, 192 Seiten, 32 Mark
SZdigital: Alle Rechte vorbehalten - Süddeutsche Zeitung GmbH, München
Jegliche Veröffentlichung exklusiv über www.diz-muenchen.de
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Der Welt den Rücken zu kehren, ist oftmals schwerer, als sich ihr zu stellen. Die Helden in Elke Heidenreichs neuen Kurzgeschichten versuchen dies auf jeweils verschiedene Weise und werden doch immer wieder aus ihren selbsterschaffenen Refugien in die Welt zurückgeworfen. In der Titelgeschichte etwa erinnert sich eine erwachsene Frau an ihre erste heftige Liebe, die sie damals im Rausch die Kuba-Krise verschlafen ließ. Einem spontanen Entschluss folgend, steigt sie - inzwischen verheiratet - aus dem Zug, besucht ihren Liebsten von einst und verbringt noch einmal fünf Nostalgie-Nächte mit ihm in einem schönen Hotel. Als sie am sechsten Tag wieder den Zug besteigen will, erfährt sie, dass in diesen Tagen vom 6. bis zum 11. November 1989 die Berliner Mauer gefallen ist. Was ist wirklich wichtig im Leben? Und wem ist was wichtig? Diesen Fragen geht Heidenreich in ihren komischen und anrührenden Erzählungen nach. Geschickt lässt sie die vermeintlich großen und die vermeintlich kleinen Geschichten des Lebens so nebeneinander herlaufen, dass der Leser unsicher wird, was er denn nun wirklich für groß oder klein halten darf. (www.parship.de)

Perlentaucher-Notiz zur FR-Rezension

Ulrich Sonnenschein ist von Elke Heidenreichs Erzählungen hin und weg. Denn die Autorin verstehe es vorzüglich Klischees aufzugreifen, um den Leser dann hinter die "spröde Fassade" blicken zu lassen, etwa in der Geschichte über einen Mutter-Tochter-Konflikt, berichtet der Rezensent. In den meisten Geschichten gehe es um Liebe und Idylle, doch sollte man beiden nicht zu sehr über den Weg trauen, geschweige denn Vorstellungen von Dauer und Beständigkeit. "Ganz unangestrengt" führe Heidenreich dem Leser diese Erkenntnisse vor Augen. "Schnörkellos" und "direkt" präsentiere die Autorin die Gruppe der Vierzig- bis Fünfzigjährigen, "ohne Anspruch auf... Verbindlichkeit", ohne gleich ein Generationenporträt erstellen zu wollen. Heidenreichs Geschichten seien vielmehr "feine, absichtslose, aber sensible Beobachtungen in den Kolonien der Liebe", in denen auch der Humor nicht zu kurz komme.

© Perlentaucher Medien GmbH
Besprechung von 25.10.2001
Spielerische Libertinage
Alles, was kühn ist: Elke Heidenreich wendet sich der Welt zu

Das Lob, ein Publikum gut unterhalten zu können, muß Elke Heidenreich nicht noch einmal gespendet werden. Ihr neuer Band mit Erzählungen ist so locker geschrieben, so mühelos genießbar für einen Sonntagsleser wie schon die erste Sammlung, "Kolonien der Liebe". Die Autorin zeigt sich darin menschlichen Problemen gegenüber so verständnisvoll wie in ihren Brigitte-Kolumnen, so humoristisch, wie wenn sie über den Kater "Nero Corleone" redete, und ihre Themen sind so zeitgemäß wie in den vielen Talkshows, mit denen sie ihre Fans gewann. Hinter der harmlosen Freundlichkeit aber verbirgt sich mehr Raffinement, als der Neid einem Publikumsliebling zugestehen möchte. Die sieben Geschichten haben sieben Themen, und eben nur die naheliegendsten, aber sie haben auch ein Thema, das sie zusammenhält und die Reihe von Erzählungen fast zu einem Roman werden läßt - mehr als manch anderes schmale Bändchen auf dem gegenwärtigen Buchmarkt, das sich diese beliebte Gattungsbezeichnung anmaßt.

Zunächst einmal beschreibt Elke Heidenreich das für Schriftstellerinnen obligatorische Verhältnis einer Tochter zu ihrer Mutter. Dieses ist gespannt, wenn nicht gar feindlich, bis der Tod die beiden scheidet; danach endlich bleibt der Tochter die Ahnung einer tiefen Verbundenheit zurück. Erzählungen über eine lesbische Liebe machen Frauen - denn vor allem ist Elke Heidenreich eine Frauenschriftstellerin - Mut zu ähnlicher Selbstfindung. In allen Erzählungen sind die Heldinnen selbständig: emanzipiert und berufstätig wie die Autorin. Elke Heidenreich gewinnt auch die für sich, die sie aus dem Fernsehen kennen, indem sie einige Geheimnisse aus dem Leben eines Moderators preisgibt. All ihre Figuren haben viele Liebschaften, und dennoch bringt in einer Geschichte ein Paar das Unwahrscheinlichste zustande, was es im Zeitalter der ehelichen Leidenschaft überhaupt gegen kann: die Verbindung einer glücklichen Ehe mit der Libertinage. In all dies Lebensgeplänkel spielt ein bißchen Politik mit hinein - die Kubakrise und die Wiedervereinigung -; aber auch Boris Becker übernimmt seinen Part und Bob Dylan.

Diese diffusen Stoffe bündelt ein Leitmotiv: Das erste ist zugleich das tiefste, das Verhältnis zur Mutter. Es klingt in fast allen Erzählungen an, wie etwa in "Der Tag, als Boris Becker ging": "Sie antwortete nicht, wie immer, dabei hätte es noch so vieles zu bereden gegeben. Aber wir hatten es verpaßt, und nun lag sie zu Asche verbrannt in ihrer schwarzen Urne Terra nera." Die Melancholie nach dem Tod der Mutter schließt die Erzählungen zu einer kleinen Autobiographie zusammen, die, anders als es sonst in der gegenwärtigen Literatur üblich ist, diesmal nicht in die Kindheit hinabtaucht, sondern erst in der Jugend- und Studentenzeit beginnt. Originell an Heidenreichs autobiographischen Szenen ist die Reflexion über die Auswirkungen der Studentenbewegung auf eine weibliche Existenz. Das abgegriffene Sujet Mutter-Tochter wird so aufgewertet, denn als Konflikt von Jugend und Alter hat es einen intellektuellen und nicht nur emotionalen Aspekt.

Die Erzählungen versammeln sich also zur Historie einer Weiblichkeit, die ihre Prägung in den sechziger Jahren erfuhr. Von der Zielstrebigkeit gegenwärtiger weiblicher Muster unterschieden sich die der Studentenbewegung durch Aggression, ästhetische Radikalität und Libertinage - und auch die Frauen haben diese übernommen, um freilich schwerer daran zu tragen als die Männer. Die ästhetische Distanz zur Welt schlägt sich im Stil der Autorin nieder, die Melancholie nur im Witz zeigen darf. Die Neigung Elke Heidenreichs zu albernen Sprüchen erinnert an die Poesie der Wandparolen der Achtundsechziger-Generation. Auch die Libertinage darf, ganz im Stil jener Jahre, nie in die Tragödie münden. Verhältnisse in einer "seriellen Monogamie", in die sich die nachfolgende Generation vor der Schwierigkeit simultaner Partnerbeziehungen flüchtete, wären ihr zu wenig kühn. Ebenso bleiben die Liebesverhältnisse spielerisch. Und selbst die politischen Programme folgen stolzen Phantasien mehr als dem Blick auf die Realität. Der Titel des Buches stellt vor allem die politischen Absichten dieser Generation in Frage. Heidenreichs Figuren kehren bei all ihren Versuchen, sich zu emanzipieren, "Der Welt den Rücken". Die Liebesgeschichten, die die weiblichen Figuren hier hinter sich bringen, verbinden sich mit wichtigen politischen Ereignissen, die aber, eben durch die Liebe verdunkelt, gar nicht wahrgenommen werden.

Es ist nichts Neues, die angemaßte politische Kompetenz dieser Generation anzuzweifeln. Neu ist lediglich die Unbeschwertheit, mit der solche Zweifel vorgetragen werden, die Unauffälligkeit, mit der die Reste des politischen Bewußtseins, die in die Gegenwart hereinragen, ironisiert werden. Die Kritik der Jugend von Achtundsechzig gerinnt zu einer Mischung aus Nostalgie und Humor, wie sie gerade diese Generation als Einstellung geübt hat. Die Realität wollte diese Jugend so wenig erreichen, wie eine Tochter die Moral ihrer Mutter wahrhaben wollte und will. Diese Einsicht und ihre Darstellung mag schlicht sein, Vernunft aber kann man ihr nicht absprechen. Wer nicht gerade die Modernität von Joyce durchstehen will - oder gar die seiner dürftigen Nachahmer -, darf sich guten Gewissens auf Elke Heidenreichs Realitätssinn einlassen.

HANNELORE SCHLAFFER

Elke Heidenreich: "Der Welt den Rücken". Erzählungen. Carl Hanser Verlag, München 2001. 192 S. , geb., 32,- DM.

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"War schon das Buch ein großes Lesevergnügen, so ist es dieses von Elke Heidenreich selbst gelesene Stück ein noch ungleich größeres Hörvergnügen, vielleicht weil die typisch herbe Heidenreichstimme die Stimmung und Atmosphäre des Buches so perfekt einfängt und den Leser oftmals durch Nuancierung da noch lachen lässt, wo er lieber ein bisschen weinen möchte."