Democracy versus Dictatorship - Bussfeld, Christina
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Die dreißiger Jahre des 20. Jahrhunderts waren geprägt durch den Siegeszug totalitärer Regime in Europa. Sie übten eine Anziehungskraft aus, der sich nur wenige Länder entziehen konnten. Großbritannien hingegen schien immun gegen die "Zeitkrankheit des Extremismus". Warum Faschisten oder Kommunisten im Vereinigten Königreich, anders als in weiten Teilen Europas, nicht an die Macht kamen, ist die zentrale Fragestellung dieses Buches.
Weder die British Union of Fascists unter Oswald Mosley noch die Communist Party of Great Britain konnten die britische Politik entscheidend beeinflussen.
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Produktbeschreibung
Die dreißiger Jahre des 20. Jahrhunderts waren geprägt durch den Siegeszug totalitärer Regime in Europa. Sie übten eine Anziehungskraft aus, der sich nur wenige Länder entziehen konnten. Großbritannien hingegen schien immun gegen die "Zeitkrankheit des Extremismus". Warum Faschisten oder Kommunisten im Vereinigten Königreich, anders als in weiten Teilen Europas, nicht an die Macht kamen, ist die zentrale Fragestellung dieses Buches.

Weder die British Union of Fascists unter Oswald Mosley noch die Communist Party of Great Britain konnten die britische Politik entscheidend beeinflussen. Conservative Party und Labour Party überzeugten die englischen Wähler davon, dass "Englishness" untrennbar mit der Idee der Demokratie verbunden war und es sich bei Faschismus und Kommunismus um "unenglische" Bewegungen handelte. Das Buch gibt einen Überblick über diese Auseinandersetzung. Vor dem Hintergrund britischer politischer Mentalität und Kultur, die zum entscheidenden Faktor für die Beharrungskraft des Parlamentarismus avancieren, wird ein Erklärungsmodell für das Scheitern totalitärer Gesellschaftsentwürfe in Großbritannien entworfen.
Autorenporträt
Christina Bussfeld, Dr. phil., geb. 1970, Promotion 2000 auf Grundlage dieser Arbeit, derzeit Projektleiterin im Bereich Neue Medien in einem Münchener Verlag.
Rezensionen
Besprechung von 18.03.2002
Kein Übergang zur Diktatur
Faschismus und Kommunismus in Großbritannien in den Jahren 1932 bis 1937

Christina Bussfeld: "Democracy versus Dictatorship". Die Herausforderung des Faschismus und Kommunismus in Großbritannien 1932-1937. Verlag Ferdinand Schöningh, Paderborn 2001. 336 Seiten, 51,60 Euro.

Großbritannien war im Laufe seiner Geschichte vielfach das Pionierland des Westens schlechthin, bevor es von den Vereinigten Staaten in dieser Rolle abgelöst wurde. Politische Freiheit und wirtschaftlicher Fortschritt gingen hier seit dem 18. Jahrhundert Hand in Hand, so daß Großbritannien Vorbildcharakter annahm. Es war aber auch ein Land, dessen Strukturen und Entwicklungsgesetze oftmals mißverstanden wurden. Dies führte insbesondere im 20. Jahrhundert zu Fehleinschätzungen und Enttäuschungen, schließlich auch zu Feindschaften.

Von geradezu welthistorischer Bedeutung sollte es sein, daß sowohl Lenin als auch Hitler die alte Vormacht des Westens falsch beurteilten und Großbritannien sich nicht in das Schema fügte, das sie ihm zuweisen wollten. Denn es befand sich trotz neuer Organisations- und Aktionsformen der politischen Linken keineswegs "im Übergang zur Diktatur", wie Lenin 1920 meinte, als er das Ende des parlamentarischen Systems von Westminster voraussagte.

Einige Jahre später täuschte sich Hitler, als er die militant antikommunistischen Stimmen in Großbritannien überbewertete, die in der Tat eine Affinität zum deutschen Nationalsozialismus beziehungsweise zum italienischen Faschismus verspürten und auch außenpolitisch eine Anlehnung an die Diktatoren befürworteten. Großbritannien blieb eine Bastion des Westens: im Innern als parlamentarische Demokratie und nach außen als - freilich hoffnungslos überforderter - Widersacher der expansionistischen Staaten Japan, Italien und Deutschland, die seit 1931 die internationale Ordnung in Frage zu stellen begannen.

Wie erfolglos die Anstrengungen von Kommunisten und Faschisten in der britischen Innenpolitik der dreißiger Jahre waren und warum ihre Positionen marginal bleiben mußten, wird von Christina Bussfeld akribisch untersucht. Sie richtet ihre Aufmerksamkeit weniger auf das Programm und die Aktivitäten der nach dem Ersten Weltkrieg entstandenen Communist Party of Great Britain oder der 1932 gegründeten British Union of Fascists, sondern auf die Konfrontation der Konservativen Partei und der Labour Party mit ihnen. Obwohl die links- beziehungsweise rechtsextremen Parteien bei Unterhauswahlen chancenlos waren, was auch, aber nur in geringstem Maß, mit dem britischen Mehrheitswahlrecht zusammenhing, waren sie Gegenstand intensiver argumentativer Auseinandersetzung. In erster Linie hatte dies damit zu tun, daß die schon um die Jahrhundertwende verschiedentlich geäußerte Kritik am Parlamentarismus und an der liberalen Sozial- und Wirtschaftspolitik nach dem Ersten Weltkrieg und erst recht nach Ausbruch der Weltwirtschaftskrise deutlich zunahm.

Kommunisten und Faschisten nahmen eine herausgehobene Position ein, aber sie standen keineswegs allein, wenn nach planwirtschaftlichen Maßnahmen oder korporatistischen Rezepten gerufen wurde, um der Krise begegnen zu können. So hatte Oswald Mosley zunächst als prominentes Mitglied der Labour Party seine Ideen geäußert, bevor er ihr enttäuscht den Rücken kehrte und die Bewegung der Blackshirts ins Leben rief.

Die Führungen der etablierten Parteien hatten eine Antwort auf die Thesen der extremistischen Parteien zu finden, weil beträchtliche Teile ihrer eigenen Anhänger offene Ohren für die neuen Heilslehren hatten. Sie lautete Reform statt Revolution, eine Antwort, die die britischen Eliten seit dem epochalen Umbruch zur Moderne im Zeitalter der Französischen und der industriellen Revolution wiederholt gegeben hatten. Auch in den dreißiger Jahren postulierten sie "die Notwendigkeit der Veränderung, um das Bestehende erhalten zu können".

Konservative und Labour Party unterschieden sich vor allem in der Bereitschaft, dem Staat eine wirtschaftspolitische Steuerungsfunktion zuzuschreiben. Innerhalb der Labour Party gab es Strömungen, die die Parteiführung zu einer stärker sozialistischen Orientierung drängten und im Gegensatz zur Mehrheit auch bereit waren, mit den Kommunisten zusammenzugehen. Profilierte Köpfe wie Stafford Cripps büßten dies mit dem Ausschluß aus der Labour Party. Solche Auseinandersetzungen führten aber nicht dazu, daß die Labour-Linke sich abspaltete und der Kommunistischen Partei beitrat. Auch der rechte Rand der Konservativen ging nicht in nennenswerter Zahl zu den Faschisten über. Die gewaltbereiten und gewalttätigen Extremisten füllten wiederholt die Titelseiten der Zeitungen - so, als es 1936 zu Straßenschlachten im Londoner East End kam. Aber es gelang ihnen trotz wirtschaftlicher Verelendung in weiten Teilen des Landes nicht, zu einer Massenbewegung zu werden.

Die Autorin zieht als Erklärung dafür mit Recht die Prägekraft der politischen Kultur Großbritanniens heran. Sie war auch 1933 erkennbar, als im Spectator eine Artikelserie "Parliament or Dictatorship" erschien. Die Bilanz lautete, am parlamentarischen System in seiner bestehenden Form sei "something wrong". Der Parlamentarismus sei aber nicht abzuschaffen, sondern müsse verbessert werden.

GOTTFRIED NIEDHART

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Perlentaucher-Notiz zur F.A.Z.-Rezension

Aufgrund seiner Vormachtstellung und Vorbildfunktion im Westen hatten sowohl die Kommunisten als auch die Faschisten in den dreißiger Jahren an Großbritannien ein besonderes Interesse, so Gottfried Niedhart in seiner Rezension. Die Autorin Christina Bussfeld beschreibe die weitgehende innenpolitische Immunität des Landes gegen agitatorische Bemühungen der beiden politischen Lager und begründe sie letztlich, und da stimmt ihr Niedhart zu, mit "der Prägekraft der politischen Kultur Großbritanniens". Diese zeigte sich auch in einer Artikelserie des Locators, die in ihrer Bilanz nicht die Abschaffung sondern die Verbesserung des Parlamentarismus forderte und damit der Weltwirtschaftskrise mit "Reform statt Revolution" begegnete, was der bewährten Antwort der britischen Eliten auf "epochalen Umbruch" entsprach, so der Rezensent. Bussfeld richte in ihrer "akribischen" Untersuchung ihre Aufmerksamkeit auf die "Konfrontation" von Konservativer Partei und Labour Party mit den extremen Parteien.

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