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"Juli Zeh ist mit Corpus Delicti der weibliche George Orwell der Gegenwart geworden." -- Deutschlandradio
"Juli Zeh verfügt über den Scharfsinn und die Belesenheit, um ihre Einsprüche gegen den Zeitgeist so zu verfassen, dass sie nicht verlegen machen, sondern Wucht entfalten." -- Frankfurter Allgemeine Zeitung
"Negative Utopie und Justizdrama, Polit-Thriller und Gesellschaftsstück, handfestes Horror- und hauchzartes Geschwistermärchen." -- Süddeutsche Zeitung
Jung, attraktiv, begabt und unabhängig: Das ist Mia Holl, eine Frau von dreißig Jahren, die sich vor einem Schwurgericht
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Produktbeschreibung
"Juli Zeh ist mit Corpus Delicti der weibliche George Orwell der Gegenwart geworden." -- Deutschlandradio

"Juli Zeh verfügt über den Scharfsinn und die Belesenheit, um ihre Einsprüche gegen den Zeitgeist so zu verfassen, dass sie nicht verlegen machen, sondern Wucht entfalten." -- Frankfurter Allgemeine Zeitung

"Negative Utopie und Justizdrama, Polit-Thriller und Gesellschaftsstück, handfestes Horror- und hauchzartes Geschwistermärchen." -- Süddeutsche Zeitung
Jung, attraktiv, begabt und unabhängig: Das ist Mia Holl, eine Frau von dreißig Jahren, die sich vor einem Schwurgericht verantworten muss. Zur Last gelegt wird ihr ein Zuviel an Liebe (zu ihrem Bruder), ein Zuviel an Verstand (sie denkt naturwissenschaftlich) und ein Übermaß an geistiger Unabhängigkeit. In einer Gesellschaft, in der die Sorge um den Körper alle geistigen Werte verdrängt hat, reicht dies aus, um als gefährliches Subjekt eingestuft zu werden. Juli Zeh entwirft in Corpus Delicti das spannende Science-Fiction-Szenario einer Gesundheitsdiktatur irgendwann im 21. Jahrhundert, in der Gesundheit zur höchsten Bürgerpflicht geworden ist.

  • Produktdetails
  • btb Bd.74066
  • Verlag: Btb
  • 4. Aufl.
  • Seitenzahl: 263
  • 2010
  • Ausstattung/Bilder: 263 S. 1 SW-Abb. 187 mm
  • Deutsch
  • Abmessung: 188mm x 121mm x 24mm
  • Gewicht: 252g
  • ISBN-13: 9783442740666
  • ISBN-10: 3442740665
  • Best.Nr.: 27948616
Autorenporträt
Juli Zeh, 1974 in Bonn geboren, Jurastudium in Passau und Leipzig, Studium des Europa- und Völkerrechts. Längere Aufenthalte in New York und Krakau. Ihr Roman "Adler und Engel" (2001) wurde zu einem Welterfolg und ist mittlerweile in 24 Sprachen übersetzt. Juli Zeh wurde für ihr Werk vielfach ausgezeichnet, u. a. mit dem "Deutschen Bücherpreis" (2002), dem "Rauriser Literaturpreis" (2002), dem "Hölderlin-Förderpreis" (2003), dem "Ernst-Toller-Preis" (2003), dem "Carl-Amery-Literaturpreis" (2009) und dem Gerty-Spies-Literaturpreis der Landeszentrale für politische Bildung Rheinland-Pfalz (2009). 2013 wurde sie mit dem"Thomas Mann Preis" für ihr "vielfälgiges Prosawerk" geehrt, 2014 mit dem "Hoffmann-von-Fallersleben-Preis" für zeitkritische Literatur. Juli Zeh lebt in Leipzig.
Rezensionen
Besprechung von 28.02.2009
Geruchlos im Hygieneparadies

Die Diktatur der Vorsorge als Enteignung der Gegenwart: Mit ihrer negativen Utopie "Corpus Delicti" rührt Juli Zeh an den Nerv unserer zutiefst verängstigten Gesellschaft.

Von Christian Geyer

Ein Wort, so unendlich menschenfreundlich und vernünftig: Prävention. Wer wollte sich schon dem Gedanken der Vorsorge widersetzen? Es wird Zeit, das totalitäre Potential der Präventionsidee sichtbar zu machen: Vorsorge ist prinzipiell unbegrenzt. Es gibt nichts, was unter dem Vorwand der Vorsorge nicht einklagbar wäre. Im Nu steht man rechtelos im Hemd da, wenn an eine bessere Zukunft appelliert wird, der man sich - so die Präventionsrhetorik eines jedes Krisenregimes - im Ernst ja wohl nicht widersetzen wolle. So aber wird schrittweise eine Enteignung der Gegenwart im Zeichen der Zukunftsvorsorge betrieben. Obwohl immer mehr Lebensbereiche von der Prävention durchherrscht werden, liegt die Kulturkritik dieser Herrschaftsfigur brach. Erst recht gibt es bisher keinen erzählerischen Versuch, hinter dem Vorsorgeanspruch den permanenten Ausnahmezustand sichtbar zu machen.

Das ist mit dem Buch "Corpus Delicti" nun schlagartig anders geworden, ein Buch, das an den Nerv unserer zutiefst verängstigten Gesellschaft rührt. In grundstürzender Krisenzeit ist es um die Kritik der Prävention, um Kritik überhaupt schlecht bestellt. Man kuscht, hält still, verharrt im Totstellreflex. Krisenzeiten sind Hochzeiten des Opportunismus. Figuren, auf deren Widerständigkeit man früher schlafwandelnd vertrauen konnte, werden über Nacht zu Vorbildern der Willfährigkeit. Wie es im Buch der Journalist Heinrich Kramer ausdrückt, leitender Redakteur des Medienorgans "Gesunder Menschenverstand": "Gibt man dem Freiheitskämpfer Macht und Einfluss innerhalb der verhassten Maschinerie, wird er sogleich still und werkelt fortan in aller Treuherzigkeit vor sich hin. Was lehrt uns das über die Menschen, Frau Holl? Sie tauschen gern ein X gegen ein U, wenn es nur dazu dient, ihre Eigenliebe zu befriedigen."

Juli Zeh tritt uns in ihrem neuen Werk als die Moralistin gegenüber, als die wir sie in "Adler und Engel" und "Schilf", aber auch durch manche aktuelle politische Stellungnahmen kennen. Die Juristin im Nebenberuf verfügt über den Scharfsinn und die Belesenheit, um ihre Einsprüche gegen den Zeitgeist so zu verfassen, dass sie nicht verlegen machen, sondern Wucht entfalten. Ungerührt düpiert sie das feintuerische Ressentiment, mit der eine nicht ironische Kulturkritik hierzulande noch stets zu rechnen hat. Juli Zeh gelingt es mühelos, die analytische Darstellung in die literarische Form hineinzuholen - hier, in "Corpus Delicti", geschieht das in der Kunstform der Utopie, die seit je dem Diskursiven gebührend Raum gibt. So gebiert Belletristik analytischen Verstand und umgekehrt: Erzählen und Argumentieren sind eins. Darauf kann man sich bei dieser Autorin verlassen.

Juli Zeh hat aus der Präventionsidee einen Erzählstoff gemacht, sie schildert eine geruchlos-klare Gesundheitsdiktatur in der Mitte des einundzwanzigsten Jahrhunderts. In dieser Diktatur stellen die Chefideologen die rhetorische Frage: "Was sollte vernünftigerweise dagegen sprechen, Gesundheit als Synonym für Normalität zu betrachten? Das Störungsfreie, Fehlerlose, Funktionierende: Nichts anderes taugt zum Ideal." In dieser Diktatur hält man sich zugleich zugute, "keine verstiegenen Ideologien" zu propagieren, sondern nur den blanken Naturalismus, das nackte Leben: "Wir gehorchen allein der Vernunft, indem wir uns auf eine Tatsache berufen, die sich unmittelbar aus der Existenz von biologischem Leben ergibt." In dieser Diktatur kann jemand gerichtlich vorgeladen werden, der sich folgender Vergehen schuldig gemacht hat: "Vernachlässigung der Meldepflichten. Schlafbericht und Ernährungsbericht wurden im laufenden Monat nicht eingereicht. Plötzlicher Einbruch im sportlichen Leistungsprofil. Häusliche Blutdruckmessung und Urintest nicht durchgeführt."

Mehr als durch das, was diese negative Utopie positiv gebietet, entmenschlicht sie durch das, was sie zum Verschwinden bringt: einen existentiellen Fragebedarf. Alle Fragen sind klinisch entsorgt, alles Widerständige ist desinfiziert, alle Thetik geruchlos wie destilliertes Wasser. Ein Gemeinwesen, in dem es um nichts mehr geht. Erfahrungen sind als unwillkommene Überraschungen zu meiden, Baumhäuser als Verletzungsgefahr, Haustiere als Ansteckungsrisiko. Dagegen lehnt sich bis zum letzten Blutstropfen Moritz Holl, Bruder der Hauptfigur Mia, auf, der lieber frische Fische jenseits des Sperrzauns vom Hygienegebiet angelt, statt Proteinkonserven zu essen. Der auf das Gutschreiben von Bewegungskilometern verzichtet, weil er es nicht mag, wenn der Chip in seinem Oberarm mit den Sensoren am Wegrand kommuniziert.

Wie betreibt dieser Überwachungsstaat das Geschäft des Durchregierens? Werfen wir einen Blick ins Innere der sogenannten Wächterhäuser. Was sind Wächterhäuser? Hygienische Vorzeighäuser, Keimzellen der Vorsorge-Gesellschaft: "In Wohnkomplexen, deren Hausgemeinschaft sich durch besondere Zuverlässigkeit auszeichnet, können Aufgaben der hygienischen Prophylaxe von den Bewohnern in Eigenregie übernommen werden. Regelmäßige Messungen der Luftwerte gehören ebenso dazu wie Müll- und Abwasserkontrolle und die Desinfizierung aller öffentlich zugänglichen Bereiche. Ein Haus, in dem diese Form der Selbstverwaltung funktioniert, wird mit einer Plakette ausgezeichnet und erhält Rabatte auf Strom und Wasser. Die Wächterhaus-Initiative feiert auf allen Ebenen die größten Erfolge. Der Fiskus spart Geld bei der Gesundheitsvorsorge, und die Menschen entwickeln Gemeinschaftssinn."

Hier wird ein Strebergeist gezüchtet, der am Ende ohne Alternative bleibt, will das private nicht mit dem öffentlichen Wohl kollidieren. Dass es sich bei der Prävention um eine latent erpresserische Idee im Zeichen der Vernünftigkeit handelt, wird unübertroffen deutlich in den Worten, mit denen die Richterin die angeklagte Mia Holl anherrscht: "Wenn wir vernünftig denken, schuldet die Gemeinschaft Ihnen Fürsorge in der Not. Dann aber schulden Sie der Gemeinschaft das Bemühen, diese Not zu vermeiden. Ist das nachvollziehbar?"

Not zu vermeiden ist ein tendenziell uferloses Unternehmen. Infolgedessen hat, wer als Notvermeidungspolizist auftritt, einen grenzenlosen Zugriff auf den Bürger. Nichts anderes schildert "Corpus Delicti" am Beispiel der Gesundheitsidee, einer Gesellschaft als Hygieneparadies. Diese neue Ausgabe aus dem Genre "Brave new world" führt uns die Verselbständigung einer Idee zum Wahn vor Augen, dergestalt, dass unterwegs die Frage abhandenkommt, zu welcher der Wahn die Antwort sein möchte.

"Wie die Frage lautet" ist denn auch die Fundamentalkritik überschrieben, in welcher Mia Holl, die Anormale, die Rebellin gegen die Gesundheitsdiktatur, in schneidendem j'accuse mit der präventiven Methode abrechnet, deren Opfer ihr Bruder und sie selbst werden: "Ich entziehe einer Zivilisation das Vertrauen, die den Geist an den Körper verraten hat. Ich entziehe einem Körper das Vertrauen, der nicht mein eigenes Fleisch und Blut, sondern eine kollektive Vision vom Normalkörper darstellen soll. Ich entziehe einer Normalität das Vertrauen, die sich selbst als Gesundheit definiert. Ich entziehe einer Gesundheit das Vertrauen, die sich selbst als Normalität definiert. Ich entziehe einem Herrschaftssystem das Vertrauen, das sich auf Zirkelschlüsse stützt. Ich entziehe einer Sicherheit das Vertrauen, die eine letztmögliche Antwort sein will, ohne zu verraten, wie die Frage lautet."

Dass es geschichtlich so weit kommen konnte, wird in "Corpus Delicti" nicht einfach einer Dialektik der Aufklärung zugeschrieben. Sondern paradoxerweise der flächendeckenden Entideologisierung einer Gesellschaft, die in ihrem Utopieüberdruss eine "große Epoche der Abschaffung" eingeläutet hatte und nun "nah am Naturzustand" ins Schlottern gekommen ist. "Es war übersehen worden, dass auf jede Abschaffung eine Neuschaffung folgen muss", sagt der Sozialtechnologe Kramer in diesem fulminanten Buch. Seitdem sitzt man zivilisationsgeschichtlich in der Klemme und behilft sich mit einem Provisorium: gesund und sauber bleiben.

Juli Zeh: "Corpus Delicti". Ein Prozess. Schöffling Verlag, Frankfurt am Main 2009. 240 S., geb., 19,90 [Euro].

Alle Rechte vorbehalten. © F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main
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Besprechung von 14.03.2009
Das methodische Flackern der Antigone
Zukunft ohne Vision: In ihrem neuen Roman „Corpus Delicti” entwirft Juli Zeh das Science-Fiction-Szenario einer Gesundheitsdiktatur
In der Wirtschaft werden pensionierte Manager reaktiviert, auf deren Erfahrungsschatz man zu früh verzichtet hat. So ähnlich ist das auch auf dem Theater, wo die silver generation einen zweiten Frühling erlebt. Es sind aber nicht die Dramatiker, die von diesem Trend profitieren, sondern die Romanciers. Klassiker gelten als hoffnungsvollste Nachwuchsautoren. Mehrheitsfähig sind aber ebenso aktuelle Bestseller. All diese Romane bieten nicht nur den Vorteil, dass sie bereits beim Publikum durchgesetzt sind; ihre Zweitverwertung spendiert dem Regietheater zudem ein willkommenes Deckmäntelchen. Da der Prosastoff erst für das Theater urbar gemacht werden muss, legitimiert er Freiheiten, die gegenüber Dramentexten als Willkür empfunden werden könnten.
Dass sich die Regie die Lufthoheit auf Kosten des Dramatikers sichert, bekam auch Juli Zeh mit ihrem Erstlingsstück „Corpus Delicti” zu spüren. Endlich hatte da eine junge Autorin das gewichtige Theaterstück geschrieben, über dessen Ausbleiben so oft geklagt wird, und doch wollte es zunächst niemand inszenieren – und zwar gerade wegen seiner dramatischen Qualitäten. Dass „Corpus Delicti” mit gebauten Dialogen und ungebrochenen Figuren aufwartete, wurde als Bedrohung empfunden.
Wertschöpfung selbst gemacht
Inzwischen wird das Stück, das im Auftrag der Ruhrtriennale entstanden und dort auch uraufgeführt worden ist, an verschiedenen Bühnen, unter anderem in Freiburg und Berlin, nachgespielt. Doch Juli Zeh, deren Romane „Schilf” und „Spieltrieb” längst dramatisiert sind, wollte den Erfolg nicht abwarten. Sie hat die Wertschöpfungskette sozusagen in die eigenen Hände genommen, um diese in umgekehrter Richtung zu verlängern, und hat aus ihrem Theaterstück einen Roman gemacht. Das zeugt von schönem Eigensinn und passt ins Bild der schreibenden Moralistin, die auch mit ihren essayistischen Einsprüchen gegen den Zeitgeist dem Säurebad popkultureller Ironie widersteht. Stolz beharrt Juli Zeh auf dem exemplarischen Charakter von Literatur und behauptet das individuelle Allgemeine. Damit untermauert sie den Anspruch eines Erzählens, das immer auch Argumentieren ist.
Seinem Vorleben auf der Theaterbühne verdankt „Corpus Delicti” das Motiv der Hexenjagd, wenngleich die mutmaßliche Hexe hier nicht auf dem Scheiterhaufen verbrannt, sondern eingefroren wird. Denn die Todesstrafe ist in der schönen neuen Welt einer fiktiven Gesundheitsdiktatur genauso verboten wie Alkohol und Nikotin und überhaupt alles, was den perfekten Körper der Untertanen beeinträchtigen könnte. Dass Juli Zeh, die ursprünglich den Auftrag hatte, ein Stück über das Mittelalter zu schreiben, stattdessen einen Science-Fiction vorlegte, beweist mindestens so viel Humor wie Hellsicht. Sie hält sich damit an eine Forderung des Altmeisters der Science-Fiction-Literatur J.G. Ballard, der einmal schrieb, dass uns die Zukunft einen passenderen Schlüssel zur Gegenwart in die Hand gebe als die Vergangenheit. Es ist der Kunstgriff von „Corpus Delicti”, die Tendenzen und latenten Gefährdungen der Gegenwart imaginativ zu Ende zu denken. „Das Mittelalter”, sagt Mia Holl, „ist keine Epoche, sondern der Name der menschlichen Natur.”
Zuvörderst erklärt dieses negative Menschenbild die Indifferenz der Protagonistin des Romans, die sich von einer systemkonformen Jasagerin im totalitären Überwachungsstaat wider Willen zur Ikone des Widerstands wandelt und zuletzt als Staatsfeindin Nummer eins vor Gericht gestellt wird. „Corpus Delicti” ist politische Erweckungsliteratur, die allerdings ihren diskursiven Gehalt in einen ziemlich ausgeklügelten Kriminalplot verpackt. Und das ist nur eines der Genres und intertextuellen Echos, die Juli Zeh sehr belesen verwoben hat zu einem Ganzen, das all das zugleich ist: negative Utopie und Justizdrama, Polit-Thriller und Gesellschaftsstück, handfestes Horror- und hauchzartes Geschwistermärchen.
Der enteignete Körper
In seiner Dramenfassung ging dieser Reichtum an Farben und Facetten unter dem Gesichtspunkt der dramaturgischen Ökonomie nicht ohne erhebliche Unkosten ab, sprengte doch das Stück nicht nur alle Schubladen, sondern auch den gewohnten Umfang – ein wunderbar unverschämter Sabotageakt am Pragmatismus des Theaterbetriebs. Papier ist da schon geduldiger. Die Romanform erlaubt es Juli Zeh, ihre Motivstränge feiner zu verflechten.
Schon der Titel spielt mit einem Doppelsinn: Als „Nomos der Moderne” bezeichnet der italienische Philosoph Giorgio Agamben den nackten, aller Rechte entkleideten Körper. Das Lager sei die zentrale Chiffre einer Gegenwart, die in der Gefahr schwebt, dass der Ausnahmezustand, in dem die Demokratie diktatorische Züge annimmt, zur Regel wird. Im Roman ist der menschliche Körper selbst das Corpus delicti, also der Gegenstand des Verbrechens. Juli Zeh schildert eine Gesellschaft, die durch und durch befriedet ist, alle ideologischen Gräben überwunden und den schieren Biologismus zur „Methode” seiner Herrschaftsform erhoben hat. In einer Welt, in der jeder Waldlauf von einem implantierten Chip gespeichert und als Gutschrift auf ein Gesundheits-Konto eingelesen wird, in der selbst die Toiletten auf erhöhte Giftstoffe im Abwasser gescannt und Fehlstände auf dem Hometrainer als Ordnungswidrigkeit geahndet werden und die Menschen einander nur noch mit keimfreiem heißen Wasser zuprosten, ist der normierte Körper enteignet und nur noch eine Manifestation des staatlich verordneten Ideals. Ein Klon eigentlich – denn auch die Partnerwahl wird nach immunologischen Gesichtspunkten zentral gesteuert.
Die Antithese zur totalitären Zwangsbeglückung personifiziert Mias Bruder Moritz, ein verwuschelter Philosoph und Lebenskünstler, der sich der Methode lustvoll widersetzt, im Wissen darum, dass die Würze des Lebens genau in dem liegt, was dieser Staat verbietet: der Ambivalenz, den Halbtönen und Widersprüchen, jenem Dazwischen, das er das „Flackern” nennt. Auch Mia flackert lange zwischen den Seiten, als ihr des Mordes beschuldigter Bruder sich in seiner Zelle das Leben nimmt und sie selbst ins Fadenkreuz der Strafverfolgung gerät. Sie weigert sich, zur Speerspitze einer Widerstandsbewegung zu werden, weil sie fürchtet, sie verhärte sich dadurch selbst zur Fanatikerin und könnte sich also ihren Gegnern anverwandeln. Damit aber verriete Mia die Ideale, für die sie angetreten ist.
Indem Juli Zeh eine Geschwisterliebe in den Mittelpunkt stellt, zitiert sie den „Antigone”-Stoff – auch Mia Holls Normenkonflikt besteht ja darin, dass sie die Totenehre des Bruders gegen die Staatsräson verteidigt. Zugleich verweist das Motiv auf den „Mann ohne Eigenschaften” von Robert Musil, der nur zu gut wusste, dass Krankheit nicht nur ein Defekt ist, sondern auch ein „Stimulanz des Lebens”. So scharfsinnig Juli Zeh das prekäre Verhältnis von Moral und Hypermoral verhandelt, so sehr offenbaren gerade die inständigeren Passagen die Schwäche des Buches.
Das Theater mit seiner gebotenen Überzeichnung, der Vergrößerung und Vergröberung und der Dialog gewordenen Dialektik kam Juli Zehs forensischem Furor eben doch entgegen. Im Roman aber wird das Menschliche mehr behauptet als suggestiv gemacht, kommt das Lob der Irrationalität wie vom Reißbrett. Die Poetik der Verrätselung ist hier eine Vermeidungsstrategie. Juli Zeh weiß schon, dass sie erzählen muss, nicht plädieren. Gleichwohl „flackert” das Leben im Roman so methodisch, dass man ständig zu sehen meint, wie die Autorin den Lichtschalter betätigt. Und die Figuren bleiben steril, als hätten sie mit Desinfektionsmittel gegurgelt. Die Kriminalspannung hat in „Corpus Delicti” den Sinn, den sie so oft in der Literatur hat: den Leser da vor sich her zu treiben, wo kein Satz zum Verweilen einlädt, ihn in Atem zu halten, weil die Sprache keine Luft lässt. Und auch das ist eine schwarze Utopie. CHRISTOPHER SCHMIDT
JULI ZEH: Corpus Delicti. Ein Prozess. Roman. Schöffling & Co., Frankfurt am Main 2009. 264 Seiten, 19,90 Euro.
Fit for fun? „Leben ist ein Angebot, das man auch ablehnen kann”, sagt Mia Holl über die schöne neue Welt der Zukunft. Foto: Colin Anderson/Blend Images/Corbis
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Perlentaucher-Notiz zur TAZ-Rezension

Seltsame Kritik. Rezensentin Katharina Granzin mag dieses Buch nicht, oder vielleicht mag sie auch Juli Zeh nicht, die mit "Corpus Delicti" als Theaterstück ziemlichen Erfolg hatte, bevor sie es zum Roman umschrieb. Der Ton der Besprechung ist jedenfalls ungewöhnlich herablassend. Juli Zeh habe nur gelegentlich ein "Mia sagte" einfügen müssen, um einen Roman aus ihrem Stück zu machen, meint Granzin schnippisch. Der Roman selbst sei "eines jener Gedankenexperimente, wie Zeh sie eben gut schreibt". Wer so was mag, bitte, man sieht die Rezensentin förmlich mit der Achsel zucken. Ein weiblicher Orwell sei Zeh aber noch lange nicht, denn, und hier mag die Abneigung der Rezensentin begründet liegen, man könne wohl kaum das Terrorismuspotential einer Gesundheitsdiktatur gegen das des Stalinismus aufrechnen, meint Granzin.

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