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Wir befinden uns im Jahr 2064. Die Welt ist durch einen Zaun geteilt: hier Fortschritt und Demokratie, dort Rückschritt, Diktatur und religiöser Fanatismus. Doch das Wohlstandsreich will verteidigt sein, Prävention ist angesagt wie noch nie. Dies ist die Aufgabe der beiden Ashcroft-Männer Max Schwarzwald und Chen Wu, Partner – aber alles andere als Freunde.…mehr

Produktbeschreibung
Wir befinden uns im Jahr 2064. Die Welt ist durch einen Zaun geteilt: hier Fortschritt und Demokratie, dort Rückschritt, Diktatur und religiöser Fanatismus. Doch das Wohlstandsreich will verteidigt sein, Prävention ist angesagt wie noch nie. Dies ist die Aufgabe der beiden Ashcroft-Männer Max Schwarzwald und Chen Wu, Partner – aber alles andere als Freunde.
  • Produktdetails
  • Verlag: Diogenes
  • ISBN-13: 9783257065367
  • ISBN-10: 3257065361
  • Artikelnr.: 20836139
Rezensionen
Besprechung von 04.10.2006
Wie Herr Schwarzwald als Spitzel versagte
Jakob Arjounis Roman „Chez Max” spielt in einem faschistischen Disneyland-Europa / Von Kai Wiegandt
Während die Experten den Machteinfluss Europas in den kommenden Dekaden abnehmen sehen, ist unser Kontinent bei Jakob Arjouni das kommende Machtzentrum der Welt. Im Jahr 2064 beherrscht Europa, mit der asiatischen Zone als Partner, den durch eine weltumspannende Mauer abgetrennten Rest der Welt. Die USA spielen keine große Rolle mehr. Sie haben sich im Anti-Terror-Kampf erschöpft, wurden von der europäisch-chinesischen Allianz aufgekauft und sind jetzt Agrikulturzone.
Deshalb kann man sich in Europa die Dankbarkeit leisten, die eigene Staatssicherheit – genannt Eurosecurity – nach dem ehemaligen US-Justizminister John Ashcroft zu benennen, der auf die Idee verfiel, Verbrecher bereits dann zu verurteilen, wenn sie ihr Verbrechen erst planten. Politisch agiert man in Europa längst so zynisch wie dereinst in den USA. So macht sich die europäische Regierung das Hin und Her zwischen Israelis und Palästinensern zunutze, um die Bevölkerung in einer israelfeindlichen Haltung zu einen. So kanalisiert und entschärft sie Wut über Steuererhöhungen und andere innenpolitische Ärgernisse. Israel ist das Einzige, worüber der europäische Bürger sich ärgern darf, sogar zusammen mit anderen auf der Straße.
Der Erzähler von Jakob Arjounis Roman „Chez Max”, Max Schwarzwald, trägt seinen Teil zur präventiven Verbrechensbekämpfung bei. Als Betreiber eines deutschen Restaurants, das seinen Namen trägt, führt er in Paris eine bürgerliche Existenz, arbeitet aber im Geheimen für die Ashcroft-Leute. Der Roman beginnt mit der Verhaftung von Max’ Freund Leon, der das läppische Verbrechen begangen hat, Zigaretten zu rauchen. So weit ist es mit Max gekommen. Dass er so schäbig handelt, liegt daran, dass er als Spitzel ansonsten wenig Erfolg hat. Sein Kollege Chen dagegen gilt in der Behörde als Supermann, seine Erfolgsbilanz ist grandios.
Chen macht sich über Max lustig, reibt ihm seine Erfolglosigkeit bei den Frauen unter die Nase und lässt sich keine Chance entgehen, ihn bei den anderen Mitarbeitern als Depp dastehen zu lassen. Verständlich, dass Max ihn hasst. Schon früh ist er, der sonst wenig mitbekommt, auf Chens Angewohnheit aufmerksam geworden, die Zustände in Europa zu kritisieren. Chen verurteilt die Spaltung der Welt in zwei Hälften, die Zustände in den Vorstädten von Paris, die Ausbeutung der Arbeiter in der „Zweiten Welt”. Nur aufgrund seiner Erfolge als Fahnder hat man Chen seine Provokationen durchgehen lassen oder sie nicht ernst genommen.
Dann entdeckt Max, dass Chen in einem Haus, das genau auf der Grenze zwischen seinem und Chens Zuständigkeitsbereich liegt, illegale Einwanderer duldet. Max hat e ine Idee: Chen tarnt sich als Ashcroft-Mitarbeiter, unterstützt aber insgeheim Terroristen; er verhaftet die kleinen Gangster, um den großen Verbrechern helfen zu können. Also bespitzelt Max den Kollegen. Doch er findet nichts, und schließlich wird er von Chen entdeckt.
Gewissen ist soziale Angst
„Chez Max” ist eine tagesaktuelle Zukunftsvision voll spitzer Kommentare zu politischen Entwicklungen der jüngsten Vergangenheit. Wie zuletzt Arjounis „Hausaufgaben” (2004), handelt auch dieser Roman von Heuchelei. War es dort der Lehrer Linde, der nach außen hin moralisierte und zugleich seine eigene Familie verachtete, so spielt sich Max Schwarzwald als „guter Europäer” auf, um seine Mittelmäßigkeit zu kompensieren. Dass er dabei die Moral eines faschistischen Disneyland-Europa vertritt, ist egal. Gewissen ist soziale Angst, und wenn Schwarzwald eines nicht will, dann negativ auffallen. Natürlich ist der Name Schwarzwald Programm. Arjouni lässt wenig Zweifel daran, dass er die geschilderte Problematik für typisch deutsch hält, dass der zur Schau gestellte Moralismus Folge einer unbewältigten Schuld ist. Es scheint, als mache gerade der Moralismus als Reaktion auf die totalitäre Vergangenheit die Deutschen so empfänglich für den ultrakorrekt daherkommenden Euro-Totalitarismus.
Dass es im Plot des politisch ambitionierten „Chez Max” aber selten so kommt, wie man es nicht erwartet hat, schadet der Spannung und letztlich auch dem literarischen Gesamtbild. Sicherlich hat das Genre mit diesem Problem zu tun – auch Orwell hätte sich schwer getan, ein anderes Ende für „Animal Farm” zu finden, zumal er Überzeugungen hatte. Schwer macht es sich Arjouni, indem er sich auf ein Feld begibt, durch das schon tausend Leitartikler marschiert sind. Man hätte sich aber auch den Protagonisten vielschichtiger gewünscht. Arjouni macht ihn zum kritiklosen Mitläufer, der nicht weiß, dass er sich in die Tasche lügt. Er will dadurch, dass er gerade diesen pflichtbewussten, beschränkten Bürger enthusiastisch von den repressiven Verhältnissen erzählen lässt, das Schreckliche der europäischen Zukunftsgemeinschaft multiplizieren. Manchmal plappert Max quasi aus Versehen aus, welche unattraktive Rolle ihm Arjouni zugeteilt hat: „So lautete die offizielle Formel im Gesetzbuch: ‚Angriffe auf die eurasische Wertegemeinschaft’. Darunter konnte vieles fallen, und manchmal dachte sogar ich, ob man den Punkt nicht etwas präziser hätte umschreiben können.”
Jakob Arjouni
Chez Max
Roman. Diogenes Verlag, Zürich 2006. 223 Seiten, 18,90 Euro.
SZdigital: Alle Rechte vorbehalten – Süddeutsche Zeitung GmbH, München
Eine Dienstleistung der DIZ München GmbH
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Besprechung von 04.10.2006
Eine Mundspülung namens Paris Hilton
Freiheit, Gleichheit, Sicherheit: Jakob Arjouni versucht sich an einem Science-fiction-Krimi / Von Thomas Wagner

Da ist die Sache mit der Fischsuppe. Aus einem solchen Gericht hätte etwas werden können, selbst im deutschen Nobelrestaurant "Chez Max" in Paris, das eigentlich nur der Tarnung dient. Leider spielt die Fischsuppe nur eine untergeordnete Rolle. Denn der für seine Kayankaya-Krimis wie für seine Fähigkeit, Spannung und Humor zu mischen, hochgelobte Autor Jakob Arjouni hat es sich partout in den Kopf gesetzt, einen politisch-provokativen Roman schreiben zu wollen, der obendrein so witzig sein will, daß er zugleich als Persiflage seiner selbst gelesen werden kann. Da muß es schon einen Bezug zum 11. September geben, und um weniger als eine neue Weltordnung darf es auch nicht gehen. Also läßt Arjouni seine Geschichte in einer nicht allzu fernen Zukunft spielen, genauer im Jahr 2064, dem Jahr, in dem, zu allem Überfluß, der Autor selbst, 1964 in Frankfurt geboren, hundert würde.

Schon das erste Kapitel ist recht zäh und voller Klischees, über die man kaum lachen kann. Da gibt es, wir befinden uns schließlich in der Zukunft, etwa das "neueste Eurosecurity-Einsatzmobil", das nicht nur wie ein "riesiger tropischer Käfer" aussieht, sondern auch noch auf den schönen Namen "BoWaLu" getauft wurde, was, weil es fahren, schwimmen und fliegen kann, soviel heißt wie Boden, Wasser, Luft. Gut, gut, das erinnert an doofe Zukunftsbedrohungsszenarienschnulzen,aber deshalb muß man so einen Quatsch ja nicht gleich wiederholen. Und irgendwo zwischen seinem Luxusrestaurant und einer Welt voll von allerlei technischem Schnickschnack treibt sich nun Max Schwarzwald herum, ein "Ashcroft-Mann", so genannt nach dem ehemaligen amerikanischen Justizminister und so etwas wie der Garant der bestehenden Ordnung, weil er - wie in Spielbergs "Minority Report" - Verbrecher überführt und unschädlich macht, noch ehe sie ihre Verbrechen begangen haben. Schon nach dem 11. September, wird man belehrt, sei dies der "entscheidende theoretische Neuansatz zur Sicherung von Freiheit und Demokratie" gewesen, und noch immer stünde Ashcrofts im kleinen Kreis um den amerikanischen Präsidenten geäußerter Satz "an den Wänden jeder zweiten Ashcroft-Büro-Toilette: Let's crush the motherfuckers before they crush us".

Nachdem Max seine Unfähigkeit als Präventivspitzel dadurch bewiesen hat, daß er ausgerechnet seinen Freund Leon, einen produktionsgehemmten Maler, wegen Rauchens und Drogen verraten hat, wird man langatmig über die Welt im Jahr 2064 aufgeklärt. Um es kurz zu machen: Die zivilisierte Welt, das sind Europa und China, genauer, die "euro-chinesische Konföderation, die den von Krieg und Terroristenjagd ausgepumpten, hochverschuldeten USA erst sämtliche Kredite strich und bald darauf in der Lage war, Nordamerika quasi aufzukaufen". Amerika gehört zwar noch zur westlichen Zivilisation, doch ist es zum bedeutungslosen Versorgerland herabgesunken, als habe irgendwer den guten alten Morgentau-Plan aus der Schublade gezogen.

Damit das "einst mächtigste Land der Welt" nicht ganz in Vergessenheit gerät, wurden in Europa und China Organisationen, Bauwerke oder Dinge nach ehemals berühmten Amerikanern benannt. So gibt es eine Robert-de-Niro-Hängebrücke und ein Kurt-Cobain-Kinderferienlager und eine Mundspülung, die Paris Hilton heißt. Der südliche Teil der Welt indes liegt hinter einem unüberwindbaren Zaun, der "einen Großteil potentieller Feinde unserer freiheitlich-demokratischen Gesellschaft ein für allemal" wegsperrt - die konsequente Umsetzung der Ashcroftschen Gedanken. Zur Stimmidentifikation sprechen die Agenten: "Liberté, Egalité, Sécurité", doch über alles, was jenseits der eurasischen Festung geschieht, darf nicht gesprochen werden. Armut und Hoffnungslosigkeit sind ein bei Gefängnisstrafe verbotenes Thema.

Leider erfährt der Leser so gut wie nichts von all den Menschen, die diese Welt bewohnen. Alles dreht sich um Max und seine Eifersucht auf Chen, seinen Partner im Distrikt. Chens Gebaren nervt, nicht nur seinen Kollegen Max. Denn Chen ist ein Meister der großen Sprüche, überheblich, vorlaut, ein Kotzbrocken von unerschütterlichem Selbstbewußtsein. Aber er ist erfolgreich, "Super-Chen" eben, das Gegenteil von Max, der stillen Kraft. Und weil Chen es nicht bleibenlassen kann, verbal "ständig Terror zu veranstalten", muß er ein Terrorist sein - und eliminiert werden. So einfach und praktisch ist das Weltbild eines Ashcroft-Manns.

Für den Roman aber bedeutet das: Nur wenn Chen redet, kommt Stimmung auf; nur wenn er agiert, bekommt die Geschichte Tempo. Zu perfekt sind die Rollen verteilt: auf der einen Seite der erfolgreiche Chen, der brillante, witzige, sarkastische Asiate mit einer durchaus attraktiven Freundin, auf der anderen der melancholische Europäer Max, dem sein Restaurant mehr am Herzen liegt als sein Spitzeldienst, der nur vorgibt, ein Frauenheld zu sein, und sich notgedrungen an seinen "Sexomaten" hält.

Arjouni erzählt die Geschichte von Max Schwarzwald schnörkellos und geradlinig. Wie schon in "Hausaufgaben" setzt er auf eine Versuchsanordnung. Doch gerät das Ganze im Bemühen, möglichst locker und unangestrengt daherzukommen, allzu oberflächlich. Alles wirkt ausgedacht und zurechtgebogen. Für eine Persiflage sind die Witze zu schlecht und Arjounis Sprache zu eindimensional. Es fehlt einfach die nötige Portion Wahnsinn, eine Überdosis Verrücktheit à la Pynchon oder eine Dosis Melancholie wie in Philip K. Dicks "Blade Runner", um die Sache mit der düsteren Zukunft im Überwachungsstaat auf die Spitze zu treiben. So bleibt der Roman ein flaches, nur ein wenig in die Zukunft verlängertes Abziehbild unserer Gegenwart, ein gutgemeintes Konstrukt, das weder Beklemmung aufkommen läßt noch wirklich zu erheitern vermag.

Bleibt die Sache mit der Fischsuppe. Ganz nett, aber am Ende doch so harmlos und angestrengt wie das ganze Buch. Als Alexi, einer der Kellner im "Chez Max", fragt: "Chef, warum noch mal heißt unsere Fischsuppe Günter?" antwortet Max: "Das ist der Vorname eines deutschen Nobelpreisträgers für Literatur. Das Rezept ist von ihm." - ",Für Literatur', sagte Alexi gähnend. Seine Haare waren vom Schlaf noch ganz verstrubbelt. ,Irgendwie schade, daß er dann wegen 'nem Suppenrezept in Erinnerung bleibt.' ,Bleibt er ja nicht.' Alexi überlegte. Er war ein netter Kerl, aber nicht der Hellste. ,Aber immerhin fragt jemand danach', sagte er schließlich."

Jakob Arjouni: "Chez Max". Roman. Diogenes Verlag, Zürich 2006. 222 S., geb., 18,90 [Euro].

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Perlentaucher-Notiz zur Süddeutsche Zeitung-Rezension

Jakob Arjounis Zukunftsvision eines "faschistischen Disneyland-Europas" im Jahr 2064 gefällt dem Rezensenten Kai Wiegandt aufgrund ihrer Aktualität und ihrer kritischen Seitenhiebe auf gegenwärtige politische Entwicklungen. Dass Arjouni dabei seinem Protagonisten und gedankenlosen Mitläufer Max Schwarzwald ausgerechnet einen deutschen Namen verpasst, interpretiert der Rezensent als Hinweis darauf, dass gerade die in der Vergangenheitsbewältigung versierten Deutschen dazu neigen könnten, im "ultrakorrekt daherkommenden Euro-Totalitarismus" Zuflucht zu suchen. Arjounis politischer Ehrgeiz sei zwar lobenswert, an der literarischen Qualität hat der Rezensent jedoch so seine Zweifel: Schwarzwald mangele es an Vielschichtigkeit und dadurch an Glaubwürdigkeit.

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