Bernhard Fürst von Bülow - Winzen, Peter

14,00
versandkostenfrei*
Preis in Euro, inkl. MwSt.
Sofort lieferbar
0 °P sammeln

  • Broschiertes Buch

Jetzt bewerten

Produktdetails
Rezensionen
Besprechung von 08.07.2003
Klein in großen Dingen
Bernhard von Bülows Dienst am schwadronierenden Kaiser

Peter Winzen: Reichskanzler Bernhard Fürst von Bülow. Weltmachtstratege ohne Fortune - Wegbereiter der großen Katastrophe (= Persönlichkeit und Geschichte, Band 163). Muster-Schmidt Verlag, Göttingen/Zürich 2003. 185 Seiten, 14,- [Euro].

Unter den Nachfolgern Otto von Bismarcks im Amt des Reichskanzlers regierte Bernhard von Bülow am längsten - länger als Caprivi und Hohenlohe-Schillingsfürst vor ihm, länger als Bethmann Hollweg, Michaelis, Hertling und Max von Baden nach ihm. Berücksichtigt man zudem, daß er bereits von 1897 bis 1900 unter dem arg in die Jahre gekommenen Regiment der Kanzlerschaft Hohenlohes als Staatssekretär an der Spitze des Auswärtigen Amtes gestanden hatte, dann läßt sich mit einer gewissen Berechtigung durchaus von einer "Ära Bülow" sprechen. In ihrem Zeitraum, zwischen 1897 und 1909, fielen grundlegende Entscheidungen auf dem Feld der äußeren Politik, die für den Weg des Deutschen Reiches in den Ersten Weltkrieg maßgeblich werden sollten.

Damals überschritt der kleindeutsche Nationalstaat die Grenze von der Bismarckschen Kontinentalpolitik zur Wilhelminischen Weltpolitik. Mit dem Namen des Admirals von Tirpitz verbunden ist der seit 1897 eingeleitete Bau jener furchterregenden Schlachtflotte, deren Spitze gegen England gerichtet war. Das nunmehr begonnene Wettrüsten zur See mündete bald schon in jenen "trockenen Krieg" ein, den Deutschland am Ende verlor. Die Konsequenzen dieser im Zeitalter Bülows einsetzenden Außenpolitik zeitigten, ohne daß diese Entwicklung lange hätte auf sich warten lassen, für das Deutsche Reich nachteilige Auswirkungen. Spürbar wurden sie, vom Reichskanzler geraume Zeit bewußt "pomadig" genommen, in jener so empfundenen außenpolitischen "Einkreisung" des Deutschen Reiches, die nicht zuletzt auch eine eigenverantwortliche "Auskreisung" war: Dem notorisch unruhigen Herausforderer mit seinem das Unheil herbeischwadronierenden Kaiser an der Spitze stellten sich beinahe umgehend die Ententen, Konventionen und Allianzen der Herausgeforderten in den Weg, unter denen mancher die gebotene Chance nur allzu gerne benutzte, um den ungeliebten Emporkömmling in der Mitte Europas in die Schranken zu weisen.

Es sind die Begebenheiten der äußeren und internationalen Politik, die im Zentrum der neuen, von Peter Winzen verfaßten Biographie über Bülow stehen. Gewiß, die grundlegenden Entwicklungen der inneren Politik kommen gleichfalls zur Sprache bis hin zur Existenzkrise des preußisch-deutschen Konstitutionalismus in der berühmten "Daily-Telegraph-Affäre" des Jahres 1908. Damals gingen die Wogen der öffentlichen Erregung über ein vom Kaiser jener englischen Zeitung gewährtes Interview hoch; die mit der Angelegenheit befaßten Verantwortlichen, einschließlich des Reichskanzlers, hatten die Bedeutung des Gesamten leichtfertig unterschätzt; und mit dem sich tief auftuenden Zerwürfnis zwischen Monarch und Kanzler war schließlich das Ende der "Ära Bülow" besiegelt.

Sachkundig und zuverlässig hat Winzen ein zentrales Stück Geschichte des Wilhelminischen Deutschland dargestellt. Dagegen bleibt die Persönlichkeit des 1849 geborenen und 1929 verstorbenen Reichskanzlers eher im Hintergrund, verschwindet streckenweise sogar hinter der Auseinandersetzung mit der gleichsam alles absorbierenden Politik. Der Autor verleiht den immer wieder gehegten Vermutungen über Bülows Homosexualität viel belegte Wahrscheinlichkeit, ohne daß diese Tatsache Wesentliches zu Erhellung der untersuchten Sachverhalte beitragen würde.

Am Ende der Darstellung erhebt sich daher alles in allem die grundsätzliche Frage nach der Biographiewürdigkeit einer Persönlichkeit wie Bülow: Gewiß, den Staatssekretär und Reichskanzler als Repräsentanten des Wilhelminismus zu betrachten, hin- und hergerissen zwischen Hochmut und Verzagtheit, zwischen Anmaßung und Angst, zwischen Kraftmeiertum und Ohnmachtsgefühl, lohnt ohne Zweifel. Einer klassischen Biographie allerdings, wie sie beispielsweise über Metternich, Palmerston oder Bismarck immer wieder vorgelegt werden wird, entzieht sich der, dem sie zu gelten hätte, beinahe prinzipiell. Denn Bülow war, wie einmal über den geschmeidigen Höfling und charmanten Causeur geurteilt worden ist, nur "groß in kleinen Dingen", aber unverkennbar "klein in großen Dingen".

KLAUS HILDEBRAND

Alle Rechte vorbehalten. © F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main
…mehr

Perlentaucher-Notiz zur F.A.Z.-Rezension

Rezensent Klaus Hildebrand findet Peter Winzens Biografie des langjährigen Reichskanzlers Bernhard Fürst von Bülow recht gelungen. Im Zentrum von Winzens Arbeit sieht Hildebrand die veränderte Außenpolitik nach Bismarck, den Schritt von der Bismarckschen Kontinentalpolitik zur Wilhelminischen Weltpolitik, deren negative Auswirkungen nicht lange auf sich warten ließen. Als "sachkundig und zuverlässig" lobt er Winzens Darstellung dieses wichtigen Abschnitts der Geschichte des Wilhelminischen Deutschland. Die Persönlichkeit des Reichkanzlers Bülow bleibt nach Einschätzung Hildebrands dabei "eher im Hintergrund", verschwinde streckenweise sogar hinter der Auseinandersetzung mit der Politik. Wobei er am Ende seiner Besprechung ohnehin die Frage aufwirft, ob eine Persönlichkeit wie Bülow überhaupt biografiewürdig sei. Schließlich sei Bülow nur "groß in kleinen Dingen", aber unverkennbar "klein in großen Dingen" gewesen.

© Perlentaucher Medien GmbH