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»Fear is a man's best friend« lautet das Motto von Ralf Rothmanns neuem Erzählungsband Hotel der Schlaflosen , und tatsächlich ist es oft die Angst, die seinen Figuren aus der Not hilft. Der alternde Dozent, dem während einer Autopanne in der mexikanischen Wüste die Logik der Liebe aufgeht, die Geigerin, die eine finale Diagnose erhält, oder das Kind im Treppenflur, das seine Prügelstrafe erwartet - sie alle erfahren Angst auch als spiegelverkehrte Hoffnung. Und sogar in der erschütternden Titelgeschichte, dem Gespräch des Schriftstellers Isaak Babel mit Wassili Blochin, seinem Moskauer…mehr

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Produktbeschreibung
»Fear is a man's best friend« lautet das Motto von Ralf Rothmanns neuem Erzählungsband Hotel der Schlaflosen, und tatsächlich ist es oft die Angst, die seinen Figuren aus der Not hilft. Der alternde Dozent, dem während einer Autopanne in der mexikanischen Wüste die Logik der Liebe aufgeht, die Geigerin, die eine finale Diagnose erhält, oder das Kind im Treppenflur, das seine Prügelstrafe erwartet - sie alle erfahren Angst auch als spiegelverkehrte Hoffnung. Und sogar in der erschütternden Titelgeschichte, dem Gespräch des Schriftstellers Isaak Babel mit Wassili Blochin, seinem Moskauer Henker, für den eine Pistolenkugel die letzte und höchste Wahrheit ist, lässt uns der Autor teilhaben an der Einsicht, dass es eine höhere gibt. Nach dem überaus erfolgreichen, in fünfundzwanzig Sprachen übersetzten Roman-Diptychon Im Frühling sterben und Der Gott jenes Sommers legt Ralf Rothmann mit Hotel der Schlaflosen seinen neuen, von mitreißender Sprachkraft und großer Empathie getragenen Erzählungsband vor, elf Meisterstücke - und en passant eine Chronik menschlicher Befindlichkeiten von der Nachkriegszeit bis zur Gegenwart.

Dieser Download kann aus rechtlichen Gründen nur mit Rechnungsadresse in A, D ausgeliefert werden.

  • Produktdetails
  • Verlag: Suhrkamp Verlag AG
  • Seitenzahl: 200
  • Erscheinungstermin: 12.10.2020
  • Deutsch
  • ISBN-13: 9783518753552
  • Artikelnr.: 59069909
Autorenporträt
Rothmann, RalfRalf Rothmann wurde am 10. Mai 1953 in Schleswig geboren und wuchs im Ruhrgebiet auf. Nach der Volksschule (und einem kurzen Besuch der Handelsschule) machte er eine Maurerlehre, arbeitete mehrere Jahre auf dem Bau und danach in verschiedenen Berufen (unter anderem als Drucker, Krankenpfleger und Koch). Er lebt seit 1976 in Berlin.
Rezensionen

Perlentaucher-Notiz zur WELT-Rezension

Richard Kämmerlings folgt Ralf Rothmann gern in seine Heimat im Ruhrgebiet. Rothmanns Erzählungen bieten dazu erneut jede Menge Gelegenheit, etwa wenn der Autor Kindheits- und Jugenderlebnisse erinnert. Aber auch Literaturgeschichtliches kommt im Band vor, eine Variation von Johann Peter Hebels Kalendergeschichte "Unverhofftes Wiedersehen". Ein "breites Spektrum" an Schauplätzen und Themen, erklärt Kämmerlings, von der Arbeiterwelt der Sechziger bis zum Westberlin der Achtziger, Sozialstudien, Meditationen über den Tod und eine Geschichte über den Henker von Isaak Babel, die Kämmerlings besonders gefallen hat, auch wenn sie die "tiefste Finsternis" des Buches markiert, wie er meint.

© Perlentaucher Medien GmbH

Frankfurter Allgemeine Zeitung - Rezension
Frankfurter Allgemeine Zeitung | Besprechung von 10.10.2020

Aus der Tiefe der Zeit

Spiegelbilder eines selbstbewussten Könners: In seinem Erzählungsband "Hotel der Schlaflosen" zieht Ralf Rothmann alle Register.

Von Andreas Kilb

Ein Buch mit Erzählungen ist wie ein Theaterabend aus Einaktern. Alle halbe Stunde fängt alles neu an. Es gibt Figuren, aber keine, an die man sich gewöhnt. Die Tragödien, die Satyrspiele, die Monologe rasen vorbei. Am Ende bleibt der Eindruck einer Ganzheit, die nicht zusammenhalten will, weil jedes ihrer Teile schon selbst ein Ganzes ist. Ihren Geist, wenn es ihn gibt, trifft man am ehesten durch Vergleiche: hier ein Leitmotiv, dort ein bekanntes Gesicht. Wie das gemischte Bühnenprogramm tendiert auch die Erzählsammlung zur Typologie.

Beginnen wir also, um die Erzählkunst von Ralf Rothmann in dem Band "Hotel der Schlaflosen" zu schildern, mit einer Liste der handelnden Personen. Da ist eine Violinistin aus Berlin, die in Zürich eine tödliche Diagnose erhalten hat. Ein Maurer am Bau, der eine Affäre mit der Tochter seines Oberpoliers hat. Ein Mädchen aus der Hauptstadt, dessen Vater in Brandenburg eine Pferdezucht betreibt. Ein Dozent an der Universität von La Paz in Mexiko, der auf der Rückreise aus Kalifornien eine deutsche Anhalterin und später zwei junge Mexikaner mitnimmt. Ein Bestattungsunternehmer im Ruhrgebiet, der unter den ausgegrabenen Leichen eines lang vergangenen Bergwerksunglücks seinen eigenen Vater entdeckt.

Dazu eine beziehungsgeschädigte Soziologin, ein Junge aus dem Ruhrgebiet an einem Sommertag in den sechziger Jahren, ein Mädchen aus der deutschen Unterschicht (als sie noch so hieß), ein Maler, der an der Ostsee das Feriendorf seiner Kindheit sucht. Und ein NKWD-Offizier aus der Butyrka, dem Moskauer Gefängnis, in dem während des stalinistischen Terrors mehr als siebentausend Häftlinge erschossen und unzählige gefoltert wurden. Dieser Mann, er heißt Wassili, ist der Ich-Erzähler der Titelgeschichte und die Figur, die aus der Liste herausfällt. Denn seine Geschichte liegt gut achtzig Jahre zurück und damit weit vor der Erfahrungswelt des Autors Rothmann. An dem Tag im Januar 1940, an dem die Erzählung spielt, empfängt, bewirtet und tötet Wassili den Schriftsteller Isaak Babel.

Nachdem er den Autor der "Reiterarmee" aus der Zelle ins Verhörzimmer geholt hat, schenkt Wassili ihm gönnerisch ein Glas Wodka ein. "Aber dieser armselige Poetenrest hob nicht einmal den Kopf. Stumm starrte er auf das Teppichmuster, die Ranken und Rauten, und bewegte die Zehen in den löchrigen Strümpfen. Auch ein Finger der Hand, die vom Tisch hing, zuckte, als würde er winzige elektrische Impulse aussenden; man konnte noch den Abdruck des Eherings sehen."

Die Passage ist typisch für Rothmanns Erzählstil. Sie erklärt, warum man sich an seinen Geschichten nie sattlesen kann, aber auch, warum seiner Prosa gelegentlich ein gewisser Talmiglanz anhaftet. Es gibt in der deutschen Literatur derzeit keinen Autor, der sich so gut auf szenische Schilderungen versteht. Babels Hände sind bei der Folter zerschlagen worden, seine Schuhe wurden geraubt, aber das erzählende Auge bemerkt auch noch den Abdruck des Eherings, den man ihm vom Finger gezogen hat. An einer anderen Stelle heißt es über Wassilis Dienstpistole, eine Walther PPK, wie sie auch der Kino-Agent James Bond verwendet, man könne "dreioder vierhundert Volksfeinde an einem Tag damit erledigen, und sie fühlt sich nicht heißer an als eine von diesen Pellkartoffeln, die man den Kindern in die Manteltasche steckt, als Heizung für den Schulweg". Knapper, präziser und atmosphärisch treffender kann man das nicht sagen.

Die Gefahr dieses virtuosen Schreibens liegt eben in seiner Virtuosität. Es passt sich allen Gegenständen und Situationen fließend an, und manchmal kann man nur staunen, in wie viele verschiedene Figuren der Stimmenimitator Rothmann zu schlüpfen vermag. Wer mit den Romanen und Erzählbänden des Autors vertraut ist, wird viele Schauplätze dieses Bandes wiedererkennen, den Pferdestall, das Krankenhaus, die Baustelle, die Vorhalle des Bergwerks, die Dreharbeiten zu einem Mauerfilm in Berlin, aber es macht doch einen Unterschied, ob einer solche Orte und Zeiten mühsam konstruiert oder, wie Rothmann, mit einem einzigen Satz heraufbeschwört: "Hier und da standen Milchflaschen oder lagen Brötchentüten vor den Türen, aus der Kirche klang leise Orgelmusik herüber, und schweigend passierten wir den Sportplatz, wo noch Tau auf dem Rasen funkelte und ein vergessenes Turnhemd auf der Aschenbahn lag."

Manchmal aber geht die Beschwörung schief. In der siebten von elf Erzählungen dieses Bandes telefoniert Julia, die von Marcel, einem Kunsthistoriker, verlassen wurde, mit einer früheren Mitbewohnerin und blättert dabei in den Notizen ihres Expartners, doch der Dialog wirkt hölzern und fernsehhaft, die kunstphilosophische Begleitmusik übertrieben pathetisch, die Schlusspointe fast billig. Umso ergreifender ist die folgende Geschichte, die vom tödlich endenden Besamungsversuch auf einem Reiterhof handelt und in der, wie oft bei Rothmann, so viel mehr mitklingt als nur das, was berichtet wird - etwa die Angst der jugendlichen Erzählerin, vor ihrem Vater, der das Gestüt betreibt, zu versagen, oder die Verachtung der Ostdeutschen für die reichen Ausflügler aus West-Berlin, auf deren Geld sie zugleich angewiesen sind. Über die unglückliche Reiterin, die von einem Pferdehuf getroffen am Boden liegt, heißt es, ihr Gesicht sehe aus, "als würde sie uns zwar noch anblicken, aber aus einem gesprungenen Spiegel heraus". Diesen gebrochenen Blick haben viele Figuren Rothmanns, lebendige wie tote, und oft sind es gerade die Toten, welche die Lebenden über sich selbst aufklären. Der Tod sei ein elender Stümper, schimpft der Bestattungsunternehmer vor der aus dem Zechenstollen geborgenen, durch Kupfersulfat konservierten Leiche seines Vaters. Auf Rothmanns Erzählungen trifft das Gegenteil zu: Sie sind sprechende Spiegelbilder eines selbstbewussten Könners.

Ralf Rothmann: "Hotel der Schlaflosen". Erzählungen.

Suhrkamp Verlag, Berlin 2020. 206 S., geb., 22,- [Euro].

Alle Rechte vorbehalten. © F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main
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Süddeutsche Zeitung - Rezension
Süddeutsche Zeitung | Besprechung von 13.10.2020

Sterben
üben
Verschmutzte Sprache auf der Suche nach
Reinheit: neue Erzählungen von Ralf Rothmann
VON THOMAS STEINFELD
Der erste Satz der ersten Erzählung in Ralf Rothmanns jüngstem Buch lautet: „Gegen Ende der Probe verzogen sich die Wolken, und als mit dem Licht hinter den Kirchenfenstern auch die Violintöne heller zu werden schienen, riss die Saite über dem Steg.“ Darlegend und ruhig beginnt dieser Satz, eine Periode nach klassischem Muster, um im Hauptsatz plötzlich an Geschwindigkeit aufzunehmen. Das Reißen ist hörbar, und es folgen fünf kurze Wörter, die sich an die beiden weiten Schwünge des einleitenden Nebensatzes anschließen, als wären plötzlich Tempo und Tonart gewechselt.
Der Schriftsteller – oder muss man ihn einen Dichter nennen? – hat offensichtlich an diesem Satz gearbeitet, er hat ihm Klang und Bedeutung gegeben weit über das Maß alltäglicher Sätze hinaus. Und selbstverständlich verbirgt sich in diesem Satz ein Programm, das einzulösen die Erzählung sich anschickt. Auch am Ende der Geschichte wird eine solche Beschleunigung stehen, etwas Grelles und Unerwartetes, auch wenn der Autor innehält, bevor er allzu aufdringliche Botschaften in die Welt setzt.
Elf Geschichten sind in diesem Band versammelt, der, ein wenig prätentiös, den Titel „Hotel der Schlaflosen“ trägt. Sie alle erzählen davon, wie eine Saite reißt, in einem übertragenen Sinn: Auf die Geschichte von der Geigerin, die nach einer medizinischen Diagnose aus dem Leben fällt, folgt eine Ich-Erzählung, in der ein Offizier des sowjetischen Innenministeriums berichtet, wie er den Schriftsteller Isaak Babel zu Tode brachte. Dann geht es um das plötzliche Auftreten eines Revolvermannes in Pyjamahosen auf einem Schulhof im Ruhrgebiet. Daran schließt sich, in der dritten Person, der Lebensbericht einer jungen Frau an, die es, begleitet von Schlägen, Drogen und einer humpelnden Katze, konsequent aus allen menschlichen Gemeinschaften trägt.
Lauter Versuchsandordnungen sind diese Geschichten, und es mag sein, dass die Form der Erzählung ihrem Existenzialismus entgegenkommt. Die meisten dieser Erzählungen kreisen um etwas Großes und Schreckliches, und bei den wenigen, die es nicht offensichtlich tun, scheint ein Unglück im Hintergrund zu warten. Die Ausnahme, vielleicht nur scheinbar, ist die letzte Geschichte, die deutlich kürzer ist als alle anderen: Sie handelt vom Unzuverlässigen in der Erinnerung.
Isaak Babel ist tot, und der Mörder sinnt seinem Opfer noch einen Augenblick nach: „Nach dem Abdrücken hatte ich wieder dieses Sirren in den Ohren, wie von einer winzigen Feder oder einem elektrischen Draht, aber er starb lautlos, sank hin wie ein Haufen Kleider.“ Wieder verwendet Ralf Rothmann eine Periode. Doch sie fällt ab, als ließen sich die Ereignisse in Rhythmus und Melodie des Satzes verdoppeln. Ralf Rothmann meint es ernst mit seinen Geschichten: Sie handeln nicht nur von schlimmen Dingen. Sie wollen sie sich gleichsam zu eigen machen: Ralf Rothmann will in die Angst eindringen, in den Schmerz, in den Tod und auch in die Peinlichkeit. Meistens gelingen ihm diese Versuche, auch wenn es in den Erzählungen einige Stellen gibt, an denen er zum Sozialpädagogen wird. Dann heißt es über ein Opfer täglicher Misshandlungen, dass „der Verlust des frühen Vertrauens ihn misstrauisch macht gegen alle für immer“. Die Stellen irritieren, weil sie den Verdacht wecken, hinter dem Eindruck der Anteilnahme, der durch eine präzise, aber biegsame und weiche Sprache entsteht, verberge sich die Abgebrühtheit eines virtuosen Trauerredners.
Voller Abschweifungen scheinen die Geschichten zu stecken. Der „Dicke Schmitt“, ein Polier, um dessen Lebenskatastrophe es in einer der besten Geschichten aus dem Band geht, besitzt nicht nur eine Stimme, die vom Rauchen so zerfressen ist, dass man es durch die Zeilen hört, sondern spricht auch einen Baustellenjargon, zu dessen Kenntnis man vermutlich selber Maurer gewesen sein muss. Nebenbei tauchen Zigaretten der Marke „Ernte 23“, ein Opel Commodore (einer der vielen vergeblichen Versuche dieses Herstellers, in die Oberklasse aufzusteigen), die Lieder von Peggy March und ein Kantholz auf. Diese kleinen Exkurse sind mit der gleichen Präzision gestaltet wie die Angst, der Schrecken oder die Schmach, die sie umgeben. Beide Momente, das schlimme Ereignis und die Abschweifung, stehen in einem innigen Verhältnis zueinander: Erst wenn das Gewebe des alltägliche Lebens auch in seinen Details sichtbar wird, ist zu ermessen, was sich aller Gewohnheit widersetzt.
Die Geschichte vom „Dicken Schmitt“ spielt unter Bauarbeitern in der Nähe von Düsseldorf. Der Mord an Isaak Babel wird in einem ehemaligen Hotel in Moskau vollzogen. Der Hengst namens „Admiral Frost“ wütet auf einem Pferdehof bei Eberswalde, und der deutsche Professor verbringt eine „Nacht in der Wüste“ auf der Halbinsel Baja California in Mexiko (diese Geschichte ist die schwächste, weil erkennbar wird, wie sehr sich der Autor den Stoff erst hat aneignen müssen). Ferner werden Bestatter in Mühlheim an der Ruhr, Filmkomparsen in Berlin und die Entengrütze auf der Alten Eider bei Rendsburg besichtigt. Das ist ein großes Programm, wobei es Ralf Rothmann nicht nur mit den Ortsbeschreibungen, sondern auch mit den Schilderungen körperlicher Arbeit ebenso genau nimmt wie mit den Nachrichten über den Schrecken.
Es ist erstaunlich, wie sich bei diesem Schriftsteller subjektiver Ausdruck und objektiver Gehalt die Waage halten können, die doch bei vielen deutschen Schriftstellern der Gegenwart weit auseinanderstreben, zum Nachteil des Gehalts. Doch gleichwohl: auch die Versiertheit in der mittlerer Erzähllage weckt den Argwohn, Ralf Rothmann habe den Satz, „wahrhaftiges Tun“ brauche „keine Professionalität“ (er gehört zur Geigerin in der ersten Geschichte), auch gegen sich selbst gerichtet.
Acht der elf Geschichten laufen auf Ereignisse zu, die sich nicht mehr wiedergutmachen lassen. Fünf von ihnen enden mit einem Tod. In den drei weiteren Erzählungen reichen die Erschütterungen zwar nicht so tief, aber weit genug, um die Sicht des Protagonisten auf sein Leben zu verändern. Keines dieses Ereignisse erscheint dabei als etwas Gutes oder auch nur als etwas, das man rechtfertigen könnte. Das Fatale hat kein Gegenüber, und Ralf Rothmanns Erzählungen sind nicht erbaulich, jedenfalls nicht in einem landläufigen Sinn. Eher bilden sie eine „meditatio moris“, ein Einüben nicht nur in die Sterblichkeit, sondern auch in das mehr oder minder landläufige Verhängnis – das Verhängnis vor allem, wie es aus dem Zufall entsteht und nicht nur die schlimmsten Konsequenzen für diverse Lebensläufe nach sich zieht, sondern auch eine rettungslose Einsamkeit für jeden, den ein solches Verhängnis trifft.
Von einer „mit Absicht verschmutzten Sprache auf der Suche nach Reinheit“ sprach Peter Handke in einer Laudatio, die er vor nun schon fast zwanzig Jahren auf Ralf Rothmann hielt. Nur dass in diesen Erzählungen nicht nur die Sprache „verschmutzt“ ist (was vor allem für die wörtliche Rede gilt, für die dieser Schriftsteller ein zuweilen fast absolutes Gehör besitzt), sondern auch die Gestalten selber, der „Dicke Schmitt“ zum Beispiel, der Pferdezüchter, die Privatdozentin, die ihre Stelle an eine angebliche Freundin verlieren wird, der Bestatter, der in einer kühnen Variation auf Johann Peter Hebels „Unverhofftes Wiedersehen“ den eigenen Vater als jungen Mann in den Sarg legen muss. Der Suche nach Reinheit sind sie alle gewidmet.
Was aber ist mit dem professionellen Trauerredner, dem allzu routinierten Autor, der fast jedes Jahr ein Buch veröffentlicht und bei dem Köpfe „nachdenklich“ geschüttelt werden, der junge Frauen mit „frischen Lippen“ versieht und die Störche auf dem Schornstein einer alten Ziegelei klappern lässt? Und wirkt nicht mancher Plot, die Erzählung vom Unglück der Privatdozentin zum Beispiel, bis zur Unglaubwürdigkeit und darüber hinaus konstruiert? Sagen wir es so: Es ist die Konvention, die diesem Schriftsteller den Umgang mit den größten Schrecken überhaupt erst möglich macht. Er bedarf des Einverständnisses mit den Lesern, er muss sich auf die sprachliche wie die poetische Routine verlassen, um das schwer Erträgliche zu bannen. „Im Aschenbecher rauchte sein Zigarrenrest, und als ich die Pfanne aus dem Regal nahm und das Licht über dem Herd anknipste, sah ich, dass er keine Schmerzen mehr hatte.“ Auch dieser Satz bildet eine klassische Periode.
Es ist erstaunlich, wie sich
bei diesem Schriftsteller
subjektiver Ausdruck
und objektiver Gehalt
die Waage halten können
Ralf Rothmann:
Hotel der Schlaflosen. Erzählungen.
Suhrkamp Verlag,
Berlin 2020.
206 Seiten, 22 Euro
DIZdigital: Alle Rechte vorbehalten – Süddeutsche Zeitung GmbH, München
Jegliche Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über www.sz-content.de
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»Es gibt in der deutschen Literatur derzeit keinen Autor, der sich so gut auf szenische Schilderungen versteht. ... [Rothmanns Erzählungen] sind sprechende Spiegelbilder eines selbstbewussten Könners.«
Andreas Kilb, Frankfurter Allgemeine Zeitung 10.10.2020