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Benutzername: Susanne Probst, https://lieslos.blog/
Wohnort: Ulm
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Bewertung vom 18.01.2021
Ein Lied für die Vermissten
Jarawan, Pierre

Ein Lied für die Vermissten


ausgezeichnet

Auf der Suche nach Antworten...

Der Autor entführt uns bild- und sprachgewaltig in den Nahen Osten nach Beirut und macht uns mit sämtlichen Facetten, Farben, Gerüchen, Geräuschen und Stimmungen dieser Stadt bekannt.

2011 ist der Arabische Frühling natürlich auch in Beirut in vollem Gange.
Trotz brennender Häuser und Leichenfunden schreibt Amin seine Erinnerungen und Gefühle nieder.

Als er noch ein Baby und schon ein Waise war, flüchtete seine Großmutter, einst eine gefeierte Malerin, mit ihm vor dem Bürgerkrieg aus dem Libanon nach Deutschland.
1994 kehrte er nach mehr als zehn Jahren als Jugendlicher mit ihr zurück.

Der Krieg war vorbei, aber Menschen und Stadt litten noch gravierend unter den Nachwehen.
Damals waren seine Eltern bereits seit 12 Jahren tot.

Amin erinnert sich an seine damalige Freundschaft mit dem unergründlichen gleichaltrigen Jafar, an den Raupenzüchter Abbas und auch an seine Desillusionierung.
Niemals würde er in diesem Land tiefgründige Klarheit, Gewissheit und Sicherheit erfahren.
Wir lesen von vermeintlich schützendem Schweigen, von Geheimnissen, die gelüftet werden sollten und von Menschen, die plötzlich verschwunden und vermisst sind.
Es ist, als würde man mit Amir Freundschaft schließen und ihn über viele Jahre hinweg begleiten.

Der 1985 geborene Pierre Jarawan ist ein begnadeter Erzähler, der mich mit seiner poetischen Sprache regelrecht verzauberte und fesselte und der mich mit Leichtigkeit mitten ins Geschehen hineinzog.
Begeisterung, Energie und Intensität strömen aus der Geschichte, die rasch voranschreitet, unter die Haut geht und mich schnell in ihrer Bann zog.

Dass Pierre Jarawan fast bis zur Hälfte des Romans nicht streng chronologisch und stringent erzählt, sondern häufig nur Puzzleteile auf den Tisch wirft und sich in Andeutungen verliert, um aus allem zuletzt ein buntes, aufwühlendes, vielschichtiges und tiefgründiges Gemälde entstehen zu lassen, ist ein Kunstgriff, der die Spannung unglaublich steigert.

Feinfühlig und sinnlich lässt er uns in eine fremde Welt eintauchen, in der wir bemerkenswerte Charaktere kennenlernen, eine fremde Stadt erkunden und ihre Atmosphäre spüren.

Der Autor verknüpft dabei das Märchenhafte mit dem Realen und das Kleine mit dem Großen.
Wir erfahren biographische Geschichten und streifen die Welt- bzw. die libanesische Zeitgeschichte.

„Ein Lied für die Vermissten“ ist so vieles: ein politischer Roman, ein Liebes- und Freundschaftsroman, eine Familiengeschichte und eine Coming-of-Age-Geschichte.
Es ist auch keine leichte Kost, die sich so nebenbei konsumieren lässt.
Es ist inhaltlich und emotional komplex und anspruchsvoll.
Es berührt, verstört und regt zum Mit- und Nachdenken an.

Aber vor allem ist das Buch für mich eine bewegende literarische Perle, die nachhallt, die mich bereicherte und die mir äußerst vergnügliche Lesestunden bescherte.

Bewertung vom 17.01.2021
Der Mann im roten Rock
Barnes, Julian

Der Mann im roten Rock


ausgezeichnet

Eine Zeitreise durch die Belle Epoque.

Es ist äußerst interessant und höchst unterhaltsam, Dr. Samuel Jean Pozzi, den Mann im roten Rock, kennenzulernen und zu begleiten.
Er wurde 1846 geboren, hat sich aus bescheidenen und einfachen Verhältnissen hochgearbeitet und ist als renommierter und wohlhabender Arzt und Wegbereiter auf dem Gebiet der Frauenheilkunde in der elitären, feingeistigen und hochgebildeten Pariser High Society gelandet.
1918 verstarb er unter tragischen und erschütternden Umständen.

Der beeindruckende Pozzi war ein exzentrischer, belesenerer, kultivierter und intelligenter Freigeist sowie ein fortschrittlicher, weitsichtiger und vorausblickender Denker, der in Frankreich auf dem Gebiet der Medizin durch die Einführung von Hygienevorschriften vor Operationen ganz erheblich zur Senkung der Sterblichkeit und damit zum wissenschaftlichen Fortschritt beitrug.

Dass der elegante und schöne Chirurg, der sein Handwerk meisterlich beherrschte, ein Bücher sammelnder männlicher Nymphomane war, erfährt man en passant.
Ebenso, dass er sich nicht besonders streng an die Grenzen der Arzt-Patientinnen-Beziehung hielt.

Julian Barnes hat, so kommt es mir vor, präzise recherchiert und erzählt kenntnisreich und kompetent aus dem Leben Pozzis, der gern und häufig reiste, um seinen Horizont zu erweitern und dadurch auch bedeutsame Beziehungen zwischen England und dem Kontinent knüpfte, was eine unwissentliche Gegenbewegung und konträre Haltung zum kürzlich vollzogenen Brexit darstellte.

Aber nicht nur das!
Julian Barnes vermittelt ein wunderbares Bild der damaligen Zeit und macht uns mit weiteren wichtigen Persönlichkeiten, z. B. Marcel Proust, Guy de Maupassant, Oscar Wilde und Èmile Zola, sowie mit Kunst und Kultur des Fin de Siècle und der Belle Epoque bekannt.
Er appelliert mit seinem leicht und flüssig lesbaren Text an Welt- bzw. zumindest „Europaoffenheit“ und Toleranz, wodurch der Text, „getarnt“ als historischer Roman, ein hochaktuelles Thema aufgreift und m. E. durchaus als unaufdringliches Statement gegen den Brexit interpretiert werden könnte.

Der 1946 geborene Julian Barnes ist ein scharfsinniger Schriftsteller, der mit „Der Mann im roten Rock“ ein anschauliches und lebendiges Zeitportrait sowie einen anspruchs- und gehaltvollen, anregenden, interessanten und auch amüsanten und subtil ironischen Text über das Leben und die Kunst sowie Macht und Auswirkung von Klatsch und Tratsch geschrieben hat.

Ich empfehle dieses faszinierende, aufschlussreiche und raffiniert, aber manchmal eher collageartig als stringent komponierte Werk, das viel mehr als eine Biographie ist, sehr gerne weiter!

Bewertung vom 13.01.2021
Heißes Blut
Kim, Un-Su

Heißes Blut


ausgezeichnet

Der Roman ist der zweite Band der vom Autor so genannten „Abscheu-Trilogie“ und entführt uns nach Südkorea.
Wir landen dort im Gangstermilieu der frühen 1990-er Jahre und bekommen neben einem spannenden Plot einen Mix aus Melancholie und abgründigem, sarkastischem Humor geboten.

Wir lernen den 40-jährigen Gangster Huisu kennen, der offiziell ein dubioses Strandhotel leitet.
Dubios deshalb, weil es das Hauptquartier der wahren Herrscher des von Verbrecherbanden und Familienclans kontrollierten Hafenstadtviertels Guam darstellt.
Die wahren Herrscher, das sind Vater Son und seine Kumpanen.

Der ehemalige Boxer Huisu steckt in einer Art Sinnkrise. Er war einige Male im Gefängnis, ist hoch verschuldet und alleinstehend.
Er ist ein einsamer Mann, der zu viel trinkt und dessen Lebensführung nicht die gesündeste ist.
Schon seit 20 Jahren ist er, getarnt als Hotelmanager, die rechte Hand von Vater Son und zuständig für‘s sogenannte Konfliktmanagement.
Er muss für wenig Geld die Drecksarbeit erledigen. Egal ob es um Schmuggel, Bestechung, Erpressung oder Mord geht, Huisu ist dafür zuständig.

Vater Son ist lange Zeit mehr als nur der Dienstherr für Huisu. Er ist in gewisser Weise eine Art Vaterersatz für den vaterlos aufgewachsenen Kriminellen.

Aber Unmut und Lustlosigkeit wachsen. Er möchte sich nicht weiterhin für Vater Son aufreiben, der ihn und seine Arbeit nicht angemessen wertschätzt und würdigt.
Deshalb beschließt er eines Tages, einem anderen Herrn zu dienen bzw. sich mit ihm gemeinsam auf eigene Füße zu stellen und ins Glücksspiel-Geschäft einzusteigen.
Ob das eine gute Entscheidung war, ist fraglich, denn Rivalitäten, Neid und Missgunst entstehen und Rachegefühle führen zu Machtkämpfen, die letztlich eskalieren.

Um-Su Kim hat einen außergewöhnlichen, aufwühlenden und spannenden literarischen Thriller geschrieben, der nicht nur tempo- und actionreich voranschreitet, sondern auch eine psychologische und tiefgründige Dimension beinhaltet, was mir besonders gut gefiel.

„Heißes Blut“ gestattet Einblicke in die fremde südkoreanische Kultur und machohafte Unterwelt und bietet detaillierte Alltagsbeschreibungen.
Man erfährt einige zeitgeschichtliche Details, lernt Huisu gut kennen und kommt seinem Innenleben bemerkenswert nahe. Obwohl er ein brutaler Killer ist, hofft man, dass er die Bandenkriege überlebt.

Auch für Vater Son und manch andere Drahtzieher bekommt man ein recht gutes Gespür, aber die meisten anderen Figuren werden nicht überaus vielschichtig gezeichnet, was aber m. E. nicht stört, weil sich ja letztlich alles um Huisu dreht.

„Heißes Blut“ ist in gewisser Weise harte Kost, weil man mit erbärmlichen Lebensbedingungen, derbem Umgang und grauenhaften Gewaltszenen konfrontiert wird. Er ist nichts für schwache Nerven oder zart besaitete Gemüter.

Interessant und erwähnenswert ist, dass in dem Ganzen nur eine einzige Frau eine Rolle spielt: Huisus Freundin aus Kindertagen, die inzwischen eine Bar führt und in die er verliebt ist.

Ich empfehle diese düstere, realistische, eindringlich erzählte sowie gelungene Mischung aus Drama und Thriller um den frustrierten Gangster Huisu sehr gerne weiter.

„Heißes Blut“ ist ein durchaus unterhaltsamer, wenn auch zeitweise etwas überspitzter Schmöker.

Ach ja! Feinschmecker kommen hier auch auf ihre Kosten, denn in den beschriebenen Gangsterkreisen scheint gutes Essen, Schlemmen und Genuss eine recht große Rolle zu spielen ;-)

Bewertung vom 12.01.2021
Hope Hill Drive
Disher, Garry

Hope Hill Drive


ausgezeichnet

Der Roman entführt uns in die menschenarme Einöde, ins vertrocknete und verbrannte Outback Südaustraliens, genauer: in die fiktive australische Kleinstadt Tiverton.

Es ist Dezember. Gnadenlose Hitze, Dürre und staubige Trockenheit erschweren den Alltag in dieser endlosen Weite.
Constable Paul Hirschhausen, genannt Hirsch, ist der Leiter der örtlichen Polizeistation. Er ist ehrlich, gelassen und mild, nimmt sich Zeit und hat ein offenes Ohr für die Belange der Dörfler, die ihm vertrauen. Aber seine Tätigkeit ist nicht nur auf dieses Provinznest begrenzt. Er ist zuständig für Straftaten und die Nöte der Leute in einem Umkreis von vierhundert Kilometern, was für unsere Verhältnisse kaum vorstellbar ist.
Seine ermittlerische Arbeit ist dabei nicht besonders spektakulär. Bagatelldiebstähle, Hundeentführung, Brandstiftung, häusliche Gewalt und Trunkenheit am Steuer sind sein tägliches Brot, bis eines Tages die Bewohner durch ein übles Geschehnis aufgerüttelt werden: die Ponys von Nan Washburns werden angegriffen und bestialisch abgeschlachtet.
Einige liegen in ihrem Blut.
Barbarische Tierquälerei!
Ein entsetzliches Massaker!
Was und wer steckt dahinter?
Aber als wäre es nicht schon genug Aufregung, taucht auch noch eine weibliche Leiche in einem abgeschiedenen Farmhaus auf.
Der Constable hat plötzlich alle Hände voll zu tun. Die eingeflogene Hauptstadtpolizei hilft mehr schlecht als recht und ist ihm nicht gerade wohl gesonnen.
Es geht nicht nur darum, die Verantwortlichen zu finden. Er muss die erschütterten Dorfbewohner beruhigen, die sensationswitternden Journalisten in Schach halten und mit den Kollegen aus der Metropole zurechtkommen, was er mit Witz und Cleverness hinbekommt.

Der 1949 geborene Garry Disher hat mit „Hope Hill Drive“ einen brillanten und außergewöhnlichen Kriminalroman mit überraschenden Wendungen und einem spannenden und erlösenden Showdown geschrieben.

Der Autor ist ein genauer Beobachter und erzählt erst ruhig, dann temporeich, sowie durchgehend detailliert und präzise. Die Ermittlungstätigkeit der Polizei wird realitätsnah und die Umgebung wird äußerst anschaulich geschildert.
Die Charaktere werden in all ihrer Vielschichtigkeit und mit all ihren Stärken und Schwächen gezeichnet. Sie haben Konturen.
Disher transportiert keine Bewertungen, weder subtil noch aufdringlich, sondern überlässt diese seinen Lesern, was ich als sehr angenehm empfand.

Es gefiel mir ganz besonders, dass man nicht nur einen spannenden Krimi zu lesen bekommt, sondern, v. a. in der ersten, gemächlicheren, aber nicht weniger eindrücklichen Hälfte des Romans, auch Land und Leute, deren Lebensbedingungen und die sozialen Verhältnisse dieses Landstriches kennenlernt.

Ich empfehle diesen anspruchsvollen, schlüssigen, stimmigen und spannenden Polizeikrimi sehr gerne weiter.
„Hope Hill Drive“ ist ein eindringlicher Pageturner.

Bewertung vom 10.01.2021
Die Forelle
Fischer, Leander

Die Forelle


ausgezeichnet

Wir lernen in diesem außergewöhnlichen und eindrucksvollen Roman Siegi Heehrmann kennen, der in einem ländlichen Nest gelandet ist, wo er als Musikschullehrer für Saiteninstrumente seinen Lebensunterhalt verdient.

In seiner Freizeit hat Siegi aber eine andere Leidenschaft als das Musizieren.
Sein Herz schlägt für das Fliegenfischen, das ihm von Ernstl Thalinger beigebracht wird.
Aber mehr noch als für das Fliegenfischen selbst, interessiert und begeistert er sich für das Herstellen des perfekten Köders, der sog. Fliege.
Das Binden dieser Fliegen, die aus verschiedenen Materialien hergestellt werden und natürliche Beutetiere imitieren sollen, muss erstmal gelernt werden und ist ein eigenständiges und zeitintensives Hobby, dem Siegi verfällt und das er perfektioniert.

Ein seltsamer Mann mit ebenso seltsamen Freunden wird schnell zum Außenseiter im Dorf und bald brodelt die Gerüchteküche.

Ausgehend von der Thematik des Fliegenfischens, das sich auf die Themen Freundschaft, Feindschaft und Intrigen ausdehnt, eröffnet sich ein weiter thematischer Kosmos, der sich von Kunst über Gesellschaftspolitik bis zu den Folgen der NS-Zeit erstreckt.

Die überbordende, lebendige Sprache und der fesselnde Inhalt zogen mich schnell in ihren Bann. Leander Fischer jongliert mit den Worten und spielt mit seinen Lesern.

„Die Forelle“ ist eine sprachgewaltige literarische Perle, der es an Komik und Originalität nicht mangelt und die gleichzeitig zart und fesselnd ist.

Ich empfehle Leander Fischers Debütroman, der mir großen Lesegenuss bereitete und mich mit einer Tätigkeit bekannt machte, von der ich bis dato keine Ahnung hatte, dem Fliegenfischen, sehr gerne weiter!

„Die Forelle“ ist kein Pageturner im landläufigen Sinn, der sich einfach so weg liest, sondern es ist ein vielschichtiger Roman, der springt, abschweift und Kreise zieht und zum Assoziieren und Interpretieren anregt.
Man muss sich einlassen und aktiv lesen, man kann sich hier nicht nur berieseln lassen.

Ein außergewöhnlicher Autor hat ein außergewöhnliches Werk mit einem außergewöhnlichen Thema komponiert!
Komponiert, nicht geschrieben!

Bewertung vom 09.01.2021
Es wird wieder Tag
Pradelski, Minka

Es wird wieder Tag


ausgezeichnet

Frankfurt nach dem 2. Weltkrieg.

Bärel wird 1946 als erstes jüdisches Kind nach Kriegsende in einem katholischen Krankenhaus geboren.
Seine Eltern Klara und Leon haben das Grauen der Nazizeit als einzige Überlebende ihrer Familien überlebt. Mit der Geburt ihres Sohnes soll der Schrecken endgültig der Vergangenheit angehören.
Sie soll Neubeginn, Leben und Glück markieren.

Und dann passiert eines Tages in einem Park ein einschneidendes Erlebnis. Klara begegnet während eines Spaziergangs mit Bärel im Kinderwagen ihrer ehemaligen KZ-Oberaufseherin Liliput.

Es ist ein Augenblick, der sie schlagartig retraumatisiert und, nachdem sie panisch weggerannt ist, paralysiert.
Klara verfällt in eine Schockstarre, sperrt sich zu Hause ein, hört auf, zu sprechen und Bärel zu versorgen.
Leon ist verzweifelt und überfordert und hat dann einen brillanten Einfall, als er seiner Frau empfiehlt, all ihre Erlebnisse, Gedanken und Gefühle niederzuschreiben.

Klara befolgt den Rat und bringt ihre Erinnerungen zu Papier.
Buchstabe für Buchstabe, Wort für Wort und Satz für Satz füllen sich die Seiten.
Klara schreibt aber nicht nur über die unmenschliche Zeit im Lager, sondern auch über das Schuhgeschäft ihres Vaters, über den überstürzten Abschied von ihren Eltern, die sie regelrecht wegjagten, um sie zu retten, über die furchtbare Zeit auf der Flucht, bei der sie sich als 13-jährige mit einem Decknamen als Deutsche tarnte, über die Trauer um Familienmitglieder uvm.
Alles schreibt sie sich von der Seele. Es ist eine regelrechte Schreibtherapie.
Klara durchlebt dabei entsetzliche Qualen, Rache-Phantasien und Gerechtigkeitswünsche und durchschreitet dabei tiefste Dunkelheit... aber „Es wird wieder Tag“. Das wird auch schon auf dem farbenfrohen und beschwingten Cover angedeutet, das erstmal nicht zu dem grauenhaften Thema zu passen scheint.

Auf diese Weise erfahren wir die tragische und ergreifende Geschichte von Klara.
Auch die die Perspektive Leons sowie Bärels Säuglingsblick und seine Sicht der Dinge beleuchten die Geschehnisse.
Diese Perspektive muss man mögen. Sie ist gewagt, gewöhnungsbedürftig und bestimmt nicht jedermanns Sache, aber wenn man bereit ist, sich an dieser Stelle auf ein etwas phantastisches Abenteuer einzulassen, kann man vielleicht seinen Gefallen daran finden. Außerdem ändert sich die Erzählperspektive nach ca. 40 Seiten und spätestens ab da ist das Buch ein 5 Sterne Roman.
Und was sind schon 40 von 384 Seiten?!
Ich wurde, was das Lautwerden der Gedanken eines Babies anbelangt, prompt an den Film „Kuck mal wer da spricht“ von 1989 erinnert.

„Es wird wieder Tag“ ist ein fesselndes, berührendes und beklemmendes Werk, das man am Schluss ergriffen und in nachdenklicher Stimmung zuklappt.

Neuartig und außergewöhnlich an diesem Buch über den 2. Weltkrieg war für mich, dass über diese Zeit hinaus erzählt wird.
Wir erfahren von Gedanken und Gefühlen Überlebender. Da ist eben nicht nur unendliche Erleichterung, sondern da sind auch Selbsthass, Schuld- und Schamgefühle.
Die Vorstellung, einem ehemaligen Täter zu begegnen muss ständig latent für die Opfer präsent gewesen sein, da sie ja lange Zeit frei herumliefen. Dass Minka Pradelski, die selbst Tochter Überlebender ist und kurz nach dem Krieg geboren wurde, genau diese Vorstellung und dieses Szenario aufgegriffen hat, finde ich gleichermaßen naheliegend, wie genial und originell.

„Es wird wieder Tag“ hat mich nachhaltig beeindruckt und ich empfehle es sehr gerne weiter.

Bewertung vom 09.01.2021
La Fenice
Singer, Lea

La Fenice


ausgezeichnet

Kann es denn so schlimm sein, „nein“ zu sagen... ja, sogar noch schlimmer!

Der Roman spielt im Venedig der Renaissance und es geht um La Zaffetta, eine junge Frau, die der italienische Maler Tizian um 1538 in einem seiner Werke verewigte, das zu einem der berühmtesten Ölgemälde der Welt wurde: Venus von Urbino.

Diese lasziv daliegende Schöne, die mit der Göttin Venus nichts zu tun hat, ist die Protagonistin des Romans, nennt sich eigentlich Angela del Moro und ist eine vielbegehrte Kurtisane, die eine unfassbar unmenschliche Bestrafung und brutale Rache erdulden musste, nachdem sie sich 16-jährig einem der mächtigsten Adeligen verweigert hat.

Nach sieben Jahren erzählt Angela, die von ihrem bisherigen Leben äußerlich und innerlich gezeichnet ist, rückblickend ihre Geschichte. Diese Ich-Perspektive und die authentische und feinfühlige Sprache machen die Geschichte zu einem höchst persönlichen und intimen Text und ermöglichen einen tiefen Einblick in das Innenleben der Protagonistin.

Man fühlt mit Angela del Moro und muss sie bewundern, weil sie es schließlich schafft, sich nach dieser Demütigung wieder eine Zukunft aufzubauen. Es ist ihr nicht nur gelungen, zu überleben, sondern auch, der Opferrolle zu entkommen und aus dem Abgrund emporzusteigen. Was einerseits ein Skandal und eine Sensation ist, kann andererseits aber nicht nur gut gehen.

Diese Lebensgeschichte hat es in sich. Es ist ein Schicksal, das andere nicht ausgehalten und überlebt hätten und an dem viele zerbrochen wären. Angela del Moro ist ein Beispiel für eine kluge und disziplinierte Frau und ein Vorbild, was, Selbstbestimmung, Widerstandskraft und Selbstbehauptung anbelangt. Umso schöner und gerechter, dass sie am Ende als Heldin triumphiert.

Die 1960 geborene Lea Singer hat mit „La Fenice“ einen brillanten, atmosphärischen und fesselnden Roman über Macht und deren Missbrauch, Gewalt, Größenphantasien, Verweigerung und Selbstbestimmung, gekränkte Eitelkeiten und Rachegelüste, Heucheleien und Intrigen geschrieben, der wie ein bildgewaltiges Sittengemälde den Zeitgeist im Venedig des 16. Jahrhunderts wunderbar einfängt. Es ist interessant, von den damaligen Gepflogenheiten, dem Alltag, der Küche und der Kunst zu lesen.

Die Autorin bezieht sich dabei auf die historisch verbürgten Erlebnisse Angela del Moros, die unter dem Namen „Venus von Urbino“ unsterblich wurde.

Aufgrund seiner übergeordneten Themen ist „La Fenice“ ein zeitloser Roman, der Mut macht, an Widerständigkeit und Selbstvertrauen appelliert und Hoffnung gibt.

Für mich ist der Roman nicht nur eine Perle, die einen dauerhaften Platz in meinem Bücherregal bekommen wird, sondern darüber hinaus ein must-reread!

Bewertung vom 07.01.2021
Die Unschuldigen
Crummey, Michael

Die Unschuldigen


ausgezeichnet

Leben und Überleben.
Aufwachsen unter extremen Umständen.

Was für ein eindringlicher und besonderer Roman, der um das Jahr 1800 in einer kleinen, abgelegenen Bucht in Neufundland spielt!

Es geht um den 11-jährigen Evered und seine um zwei Jahre jüngere Schwester Ada.
Die beiden Kinder von Fischern wachsen in ärmlichen Verhältnissen in der kanadischen Wildnis auf.
Die Familie lebt vom Kabeljaufang im eiskalten Atlantik und vom Tauschhandel des gesalzenen Fisches in lebensnotwendige Waren, der alljährlich im Frühjahr mit dem ankommenden Versorgungsschiff getätigt wird. Trotz mühevoller Arbeit und großem Fleiß wachsen die Schulden an.

Als kurz nacheinander erst die Mutter und dann der Vater stirbt, müssen sich die Geschwister fernab jeglicher Zivilisation alleine durchschlagen.
Das Versorgungsschiff „Hope“ ist erst in einigen Monaten zu erwarten.
Ihr eiserner Überlebenswille verleiht ihnen Kräfte und sie führen das harte Leben ihrer Eltern weiter und kommen mit dem, was sie von ihren Eltern gelernt haben in der erbarmungslosen Einöde ganz gut klar. Lesen und Schreiben können sie nicht, ist aber in dem herausfordernden Alltag und täglichen Überlebenskampf auch kein Defizit.
Sie haben keinerlei Luxus, von Telefon, Strom oder fließend Wasser können sie nur träumen, und können sich nur auf sich selbst und den Bruder bzw. die Schwester verlassen.
Sie werden älter, haben keine Zeit, Kind zu sein und bewahren sich dennoch ihre „kindliche Unschuld“.

Obwohl das Versorgungsschiff in regelmäßigen, aber sehr großen Abständen vor Anker geht und es Alternativen wie Dorfleben, Schulbildung und Familiengründung gäbe, beschließen die Geschwister, weiterhin als Fischer in der Bucht zu bleiben, vom Fischfang zu leben und mit eiserner Disziplin die Schulden des Vaters abzutragen.

Mit dem Schiff kommen lebensnotwendige Vorräte, es triggert aber auch Bedürfnisse, Hoffnungen, Wünsche und Träume, die nicht nur mit dem Leben in dieser unwirtlichen Gegend und in der Zweisamkeit mit dem Geschwister zu tun haben.
Fremde und Seefahrer öffnen ihre Augen und erweitern ihren geistigen Radius, können aber das eintönige und isolierte Leben in der Bucht auch aufwühlen und in Unruhe bringen.

Aber eines Tages ereignet sich ein einschneidendes Erlebnis und werden basale Werte wie Zusammenhalt, Zuverlässigkeit, Aufrichtigkeit und Vertrauen in Frage gestellt.

Michael Crummey verwendet kein Wort zu viel und keines zu wenig.
Er schreibt intensiv, präzise, atmosphärisch und bildgewaltig, so dass man die Protagonisten, deren Handlungen und die rauhe, majestätische Natur vor sich sieht.
Der Gegensatz zwischen der elenden Plackerei, dem kargen Alltag und der Schönheit der Natur wird dem Leser anschaulich vor Augen geführt.

„Die Unschuldigen“ ist ein faszinierender, nachdenklich stimmender und nachhallender Roman, den ich sehr gerne weiterempfehle!
Man könnte ihn einen beklemmenden und beeindruckenden Survival- und Coming-of-Age-Roman nennen, wollte man ihn einordnen.

Bewertung vom 07.01.2021
Sieben Richtige
Jarck, Volker

Sieben Richtige


ausgezeichnet

In dem Roman geht es um Zufälle, durch die sich sieben verschiedene Lebenswege mehr oder weniger überschneiden.
Es sind unspektakuläre Geschehnisse, wenn man sie auf das große Ganze bezieht, aber für die jeweils Betroffenen sind es weltbewegende Ereignisse.

Auf diese Weise lesen wir von Schicksalsschlägen, erfahren wir verschiedene Lebensgeschichten, die ineinander greifen und lernen wir vielfältige Beziehungen und unterschiedliche und interessante Charaktere kennen.
Wir lesen vom ganz normalen Leben, über das außergewöhnlich fesselnd geschrieben wird.

Wir erfahren von der zerbrochenen Ehe zwischen Victor und Marie, zu der auch noch eine Krebsdiagnose kommt.
Wir werden Zeugen vom Alptraum aller Eltern, dem dramatischen Unfall des Töchterchens, den man nur beobachten, aber nicht verhindern kann.
Wir lesen vom völlig unerwarteten Tod eines Vaters, der gerade dabei war, den Umzug von Eva Winter zu bewerkstelligen, für die vor Jahren der o. g. Victor geschwärmt hat.

Der Kreis schließt sich. Die Welt ist so groß und doch so klein. Alles ist hier mit allem in Verbindung... so als hätte man einen Sechser im Lotto mit Zusatzzahl. Unwahrscheinlich, aber eben doch möglich.
Mir fiel das Bild der Kettenreaktion eines Dominospiels ein. Nachdem der erste Stein angestoßen ist, gerät alles in Bewegung...

Der Autor schreibt rasant, eindringlich und lebendig und seine Sprache ist ein Genuss.
Bildgewaltig und wortgewandt sind Adjektive, die sich beim Nachdenken über die Lektüre aufgedrängt haben.

„Sieben Richtige“ ist der bewegende und tiefgründige Debutroman des 1974 geborenen Volker Jarck.
Er liest sich leicht und schenkte mir einen ganzen Tag Lese- und Lebensfreude.
Er hat eine Wucht, die sich in viele Richtungen bemerkbar macht: man freut sich und muss lachen, man ist tief berührt oder traurig und muss die Tränen wegblinzeln, man bangt und hofft mit den Protagonisten... man muss einfach staunen, was Volker Jarck hier mit seinem Erstling geschaffen hat.

Ich empfehle „Sieben Richtige“ sehr gerne weiter.
Es ist nun eines meiner vielen Lieblingsbücher!

Bewertung vom 07.01.2021
Couscous mit Zimt
Koester, Elsa

Couscous mit Zimt


ausgezeichnet

Eine Geschichte von drei Frauen und drei Generationen - mitreißend, berührend und interessant erzählt.

Es geht in dem packenden Debutroman von Elsa Koester um drei aufrechte, respektable und eigenwillige Frauen, die in ihrem Leben so allerlei mitgemacht haben.

Lisa kommt in den Genuss einer Eigentumswohnung in Paris, nachdem ihre Großmutter Lucile mit über 100 Jahren und kurz danach ihre Mutter Marie an Krebs gestorben sind...zwei charakterstarke und unabhängige Frauen, deren Verhältnis alles andere als harmonisch war.

Lucile hat ihre letzten Jahre zurückgezogen in dem Pariser Apartment verbracht. Ihre Begleiter waren Zigaretten, Alkohol und Bücher.

Lisa weiß von ihrer Mutter Marie so Einiges aus ihrer Vergangenheit. Aber es ist eben nur eine Sicht der Dinge und wer weiß schon, ob ihr vollständig und wirklich zu trauen ist.

Ihre willensstarke Großmutter Lucile musste nach der Unabhängigkeit Tunesiens mit ihren Töchtern Marie und Solange Hals über Kopf die Heimat verlassen.
In Frankreich wurden sie sesshaft, aber die energiegeladene lebhafte Marie verkraftete den Weggang aus ihrem Geburtsland nie zur Gänze. Immer wieder geriet sie in der neuen Heimat aus dem Tritt, nie gelang es ihr, wirklich anzukommen und Fuss zu fassen.
Marie hatte nicht nur diese qualvolle Entwurzelung, sondern auch eine aufwühlende erste Liebe zu verdauen, bevor sie schließlich vor ihrer zudringlichen Mutter Lucile nach Berlin floh, wo schließlich Lisa zur Welt kam.

Nachdem Lisa nach dem Tod der beiden Frauen in Paris ankommt, um sich um den Nachlass zu kümmern und das Notwendige zu regeln, wird sie von Erinnerungen an ihre chaotische und komplizierte Familie eingeholt.

Die Autorin erzählt einfühlsam, feinfühlig, voller Natürlichkeit und mit spürbarer Freude und Wärme, die die Lektüre zu einem Genuss machen.
Mit scheinbarer Leichtigkeit verknüpft sie die Schicksale ihrer in all ihrer Vielschichtigkeit gezeichneten Figuren, so dass ein harmonisches und stimmiges Ganzes entsteht.
Gut herausgearbeitet hat sie die transgenerationale Weitergabe von Konflikten und das Nach- und Hineinwirken vergangener Erfahrungen und Geschehnisse in die Gegenwart.
Zeitweise ist es harte Kost, die es zu verdauen gilt, aber das ist der schonungslos offenen, ehrlichen und schnörkellosen Schilderung geschuldet, was meines Erachtens ein Pluspunkt des Buches ist.

Die 1984 in Berlin geborene Elsa Koester hat mit „Couscous mit Zimt“ einen bewegenden, authentisch wirkenden, bildgewaltigen und lesenswerten Familienroman geschrieben, bei dem ich Neues erfuhr und den ich sehr gerne weiterempfehle.
Vor der Lektüre hatte ich keine Ahnung, was der Begriff „Pied noir“ bedeutete und dass er die Algerienfranzosen meint, die nach dem Ende des Algerienkriegs 1962 in ihre ursprüngliche Heimat zurückkehrten.