Das Schlangenei - Xammar, Eugeni
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Niemand in Deutschland kennt den Namen Eugeni Xammar. Dabei hat kaum jemand die Deutschen besser kennen gelernt und beschrieben als dieser katalanische Journalist, der von 1922 bis 1935 für Tageszeitungen in Madrid und Barcelona aus Deutschland berichtete. Als sich in der Inflation das Geld buchstäblich in Luft auflöste, als die Franzosen die Ruhr besetzten, der junge Konrad Adenauer einen rheinischen Separatstaat gründen wollte und ein gewisser Adolf Hitler in einem Münchener Bierkeller die ersten Schritte auf dem Wege zur Weltherrschaft tat. Aus diesen wilden Jahren stammen die hier erstmals…mehr

Produktbeschreibung
Niemand in Deutschland kennt den Namen Eugeni Xammar. Dabei hat kaum jemand die Deutschen besser kennen gelernt und beschrieben als dieser katalanische Journalist, der von 1922 bis 1935 für Tageszeitungen in Madrid und Barcelona aus Deutschland berichtete. Als sich in der Inflation das Geld buchstäblich in Luft auflöste, als die Franzosen die Ruhr besetzten, der junge Konrad Adenauer einen rheinischen Separatstaat gründen wollte und ein gewisser Adolf Hitler in einem Münchener Bierkeller die ersten Schritte auf dem Wege zur Weltherrschaft tat. Aus diesen wilden Jahren stammen die hier erstmals auf Deutsch erscheinenden Berichte. In ihnen paart sich ein unbestechlicher, freier Blick, der noch den absurdesten Exzessen mit ironischer Gelassenheit begegnete. Xammars Berichte aus Deutschland sind eine Wiederentdeckung ersten Ranges.
  • Produktdetails
  • Verlag: Berenberg Verlag GmbH
  • Originaltitel: L' ou de la serp
  • Artikelnr. des Verlages: 3423
  • Seitenzahl: 224
  • Erscheinungstermin: September 2007
  • Deutsch
  • Abmessung: 231mm x 167mm x 20mm
  • Gewicht: 420g
  • ISBN-13: 9783937834238
  • ISBN-10: 3937834230
  • Artikelnr.: 22842193
Autorenporträt
Eugeni Xammar, geboren 1888 in Barcelona, wurde einer der berühmtesten und für die reaktionären spanischen Diktatoren seines Zeitalters unbequemsten Journalisten. Er berichtete von 1920 bis 1936 aus Deutschland und Europa, ehe er nach einem kritischen Wortwechsel bei einer Pressekonferenz mit Alfred Rosenberg ausgewiesen wurde. Er ging 1939, nach dem Ende des spanischen Bürgerkriegs ins Exil nach Tunesien, kehrte aber in den sechziger Jahren in seine Heimat zurück und starb 1973 in L'Ametlla del Vallès. Sein Freund Josep Pla hielt ihn für 'den intelligentesten Menschen, der mir je begegnet ist.'
Rezensionen

Frankfurter Allgemeine Zeitung - Rezension
Frankfurter Allgemeine Zeitung | Besprechung von 03.06.2008

Finanzministers Wollust

Deutschland als Land der Nullen und eines gewaltigen Dummkopfs: Eugeni Xammar berichtet aus den Inflationsjahren und interviewt den jungen Hitler.

Im Verlauf des Jahres 1923 produzierte die deutsche Regierung die schlimmste Hyperinflation, die die Welt je erlebt hatte. Bis November dieses Jahres war der Wert des Dollar von 4,20 Reichsmark vor dem Krieg auf 4 200 000 000 000 Mark gestiegen. In jenem Jahr, in dem verschiedenste politische Bewegungen aus der extremen Geldentwertung Kapital zu schlagen suchten und das Land in Anarchie versank, berichtete der katalanische Journalist Eugeni Xammar aus Berlin den Lesern der in Barcelona erscheinenden Tageszeitung "La Veu de Catalunya" vom Alltag der Deutschen. Xammar schreibt aus Distanz, aber mit großer Sympathie.

Kann man sich vorstellen, dass die deutschen Haushaltsausgaben 1923 exakt drei Billionen fünfhundert Milliarden Mark betrugen, die Staatseinkünfte aus Steuern und Zöllen sich auf 2,1 Billionen addierten, aber all diese phantastischen Summen, bei Lichte besehen, auf 140 Millionen Dollar schrumpfen und damit geringer ausfallen als der Haushalt des armen Spanien? Vorstellen kann sich das niemand, aber schwindelig wird einem rasch, wenn Xammar Absatz für Absatz die vielen Nullen dem Leser um die Ohren haut. Hellsichtig erspürt er die apokalyptische Lust, welche sich hinter dem jämmerlichen Inflationselend verbirgt: "Man kann sagen, was man will, aber es ist ein Vergnügen, mit Zahlen dieser Größenordnung zu jonglieren, und ich bin sicher, dass selbst der Finanzminister, als er den Haushalt umriss, dabei eine gewisse Wollust verspürte."

Das Trauma der Geldentwertung, welches nicht nur die Einkommen der Sparer, sondern zugleich die Schulden der Spekulanten entwertete, hat sich tief in die kollektive Erinnerung der Deutschen eingegraben: Es zerstörte die Lebenssicherheit und den Ordnungsrahmen aus Quantitäten und Qualitäten. Elias Canetti hat vermutet, die irrational hohen Zahlen hätten den Deutschen ein Jahrzehnt später auch Menschenleben als absurde Zahlen erscheinen lassen.

Xammar wurde 1888 in Barcelona geboren. Dort begann er auch als Journalist zu schreiben, bevor er vor dem Ersten Weltkrieg aus London berichtete. Von 1923 bis 1937 war er als Korrespondent in Berlin stationiert. Zu Recht bescheinigt sein deutscher Herausgeber dem Korrespondenten, er sei alles andere als ein Kaffeehauskorrespondent gewesen, der seine Informationen von den Kollegen am Nachbartisch bezog. Tagelang reist Xammar im Februar 1922 durch das von den Franzosen besetzte Ruhrgebiet, von Essen über Gelsenkirchen ("der Himmel ist niedrig und schmutzig") nach Düsseldorf, dabei präzise Stimmungen analysierend: Er wollte weniger die unmittelbaren, sensationellen Eindrücke schildern, "als vielmehr vor Ort die Meinungen und Urteile der einen wie der anderen Seite einholen". Aber die Lage zwischen Chaos und Krieg scheint ihm zugleich ein wenig geeigneter Zustand, "die Menschen eingehend zu befragen und vor allem in Ruhe schreiben zu können".

Die heutige wirtschaftshistorische Forschung über die Inflationsjahre deutet die Hyperinflation als monetäres Phänomen, ausgelöst vom verantwortungslosen Einsatz der Notenpresse durch die Reichsregierung, so der Berkeley-Historiker Gerald D. Feldman in "The Great Disorder". Zeitgenössisch galt die wundersame Geldvermehrung noch nicht einmal als Kavaliersdelikt, ließen sich damit doch im Nu die Kriegsschulden tilgen. Bitter notiert Xammar, wer die Zeche zu zahlen hatte: "Diese Gewinne basieren auf dem Elend zahlreicher Rentiers und eines Großteils des Mittelstands und des Kleinbürgertums. Eine nur schwer zu schätzende Anzahl von Familien ist in den letzten Jahren langsam, aber unerbittlich enteignet worden." Die Deutschen schoben die Schuld an der Teuerung auf die alliierten Reparationsauflagen, die das Land zwangen, jährlich über zehn Prozent des Bruttoinlandsprodukts an die Siegermächte abzuführen. Auch Xammar ist der Meinung, die Demütigung einer Zahlung von 210 Millionen Goldmark sei dem Land nicht zumutbar: "Es kann sie nicht bezahlen, weil ganz Deutschland kaum so viel wert ist."

Nach dem Hitlerputsch im November 1923 führt Xammar, zusammen mit seinem Freund Joseph Pla, ein Interview mit Adolf Hitler, das man aus heutiger Sicht als spektakulär bezeichnen muss. Dort bekennt sich Hitler in aller Offenheit und kalter Grausamkeit zum Plan einer Vernichtung der europäischen Juden: "Die Judenfrage ist ein Krebsgeschwür ... Glücklicherweise sind die sozialen und politischen Geschwüre nicht unheilbar. Man muss sie herausschneiden. Wenn wir wollen, dass Deutschland lebt, müssen wir die Juden vernichten." Weil Hitler dann aber zweifelt, ob es ihm gelinge, alle Juden umzubringen, räsoniert er über die Alternative einer Massenvertreibung. Vorbild dafür ist ihm die Vertreibung der Juden im Mittelalter aus Spanien. Xammar zeichnet solche Sätze ("Und dies ist Hitlers Monolog") unkommentiert auf, charakterisiert freilich Hitler als "gewaltigen, großartigen Dummkopf, der zu einer glanzvollen Karriere berufen ist".

Nach dem Hitler-Interview muss Xammar den Arbeitgeber wechseln. Als überzeugter Republikaner verlässt er bei Ausbruch des Bürgerkriegs das Land und geht nach Paris. In der Franco-Diktatur gibt es für ihn keinen journalistischen Platz mehr. Er arbeitet in New York als Übersetzer bei den Vereinten Nationen und schreibt für Blätter in Südamerika. Gegen Ende des Lebens kehrt er zurück in die katalanische Heimat. 1973 stirbt er in Ametlla del Vallès.

RAINER HANK

Eugeni Xammar: "Das Schlangenei". Berichte aus dem Deutschland der Inflationsjahre. 1922 bis 1924. Aus dem Katalanischen übersetzt von Kirsten Brandt. Berenberg Verlag, Berlin 2007. 192 S., geb., 21,50 [Euro].

Alle Rechte vorbehalten. © F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main
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Süddeutsche Zeitung - Rezension
Süddeutsche Zeitung | Besprechung von 09.10.2007

Trenchcoat mit Schnurrbart
Er hat Hitler vor dem Putsch interviewt: Eugeni Xammars sachliche Berichte aus dem Deutschland der Inflationszeit
Adolf Hitler exklusiv als Interviewpartner, wenige Augenblicke vor dem Münchner Putsch – diesen Coup könnte man als journalistische Sternstunde begreifen. Eugeni Xammar hieß der Mann, der sie erleben durfte. Zu Beginn der zwanziger Jahre kam er als Korrespondent nach Deutschland. Für die „Veu de Catalunya” durchquerte er das Reich, das keine Republik werden wollte. Von Berlin aus reiste Xammar 1923, mitten in der Inflation, zunächst ins besetzte Ruhrgebiet. Er sah menschenleere Fabriken, verfolgte Militärtribunale gegen Bürgermeister, die sich der französischen Erfüllungspolitik verweigert hatten, suchte die Zeichen des aufkeimenden Widerstandes in der Bevölkerung. Unbehagen beschleicht den Leser dieses Deutschlandpanoramas der Jahre 1922 bis 1924 von Beginn an: ein Gemeinwesen, erschüttert bis in die moralischen Grundfesten, befindet sich in Auflösung.
Man darf sich indes diese kurzen, im Abstand von zwei, drei Tagen nach Barcelona telegrafierten Texte nicht vorstellen, wie die heute viel geschätzten, erlesenen deutschen Zeitstücke. Gattungshybride mögen sie wohl sein. Doch Xammar schrieb keine Feuilletons. Hier ist nicht die Großstadt der Protagonist. Hier geht es nicht um Moderne, Mode, Masse, Marotte. Und hier wird nicht flaniert. Im Kern steckt immer die nüchterne politische Nachricht. Der Fakt bildet den Aufhänger, der Kommentar markiert den Standpunkt. Der hektische Ticker prägt den Stil. Deutsche Lesegewohnheiten werden enttäuscht, es fehlt die impressionistische Note. „Ich wollte weniger die unmittelbaren, sensationellen Eindrücke schildern als vielmehr vor Ort die Meinungen und Urteile der einen wie der anderen Seite einholen.” Sachlichkeit ist der angezeigte Begriff – und man hätte im zu knappen Vorwort gern mehr über das spanische Zeitungswesen und seine Schreibweisen erfahren, um die Zusammenhänge zu verstehen, unter denen die Beiträge entstanden. Statt dessen: editorische Enthaltsamkeit.
Hinter Xammars irritierend ruppigem Stakkatoduktus blitzt der Vollblutjournalist auf, der sich geschickt zwischen den Genres bewegt. Eingestreute Reportagefetzen, nah an Zeit und Menschen, machen die Sammlung bisweilen hochinteressant. Man lasse sich etwa diese Einleitung auf der Zunge zergehen: „Während des Krieges gab es in Deutschland zahllose Artikel aus Papier: Bettlaken, Strümpfe, Baracken, Teppiche, Männer- und Frauenkleidung, Körbe und Vorhänge. Nach vier Friedensjahren sind all diese Dinge nun wieder echt. Heute sind eigentlich nur noch die Servietten im Restaurant aus Papier – und die Mark. Vor allem die Mark.” Eine grandiose Pointe, deren existentieller Schrecken in der rhetorischen Dopplung nachschwingt.
Oder diese Allegorie auf die Demokratieverdrossenheit: „Vor nicht allzu langer Zeit schickte die deutsche Postverwaltung eine Postkarte mit folgendem Vermerk an den Absender zurück: ‚Anschrift unvollständig, Empfänger unbekannt.‘ Diese Postkarte war an den Staatschef adressiert, und die Anschrift beschränkte sich auf die Worte ‚Reichspräsident Ebert‘.”
Pünktlich zum Höhepunkt des politischen Chaos trifft Xammar im Herbst 1923 in Bayern ein. „Ein Land ohne Diktator kann heutzutage nicht von sich behaupten, ein richtiges Land zu sein”, konstatiert er und wendet sich zielstrebig der Schlüsselfigur Hitler zu: „Er trägt einen Trenchcoat mit Gürtel (ich glaube, damit ist schon alles gesagt), einen Seitenscheitel und einen Schnurrbart, der so gestutzt ist, dass er höher ist als breit. Er hat den Kopf hochgereckt, den Mund offenstehen und sein Blick geht ist Leere, alles in allem eine zufriedene Pose, wie sie für diktatorische Gemüter typisch ist.” Am Abend des 8. November gibt der „Führer” das Signal zum Putsch – da hat der Journalist sein Exklusivgespräch längst im Kasten. „Ein Dummkopf voller Tatendrang, Vitalität und Energie”, kommentiert Xammar, „ein maßloser, nicht zu bremsender Dummkopf. Ein gewaltiger, großartiger Dummkopf, der zu einer glanzvollen Karriere berufen ist.” Selbstverliebt diktierte ihm Hitler sein politisches Programm: blutrünstige, haßdurchtränkte, gewaltverherrlichende, rassistische Phrasen – dass er es nicht nur ernst, sondern wörtlich meinte, hat auch Xammar nicht geahnt. Das Hitler-Interview beendete Xammars Arbeit für die „Veu de Catalunya” (der Kündigungsgrund wird im Buch verschwiegen), doch in Deutschland blieb er bis 1937. Er schrieb nun für Madrider Blätter und zählte bald zu den führenden republikanischen Autoren. Francos Machtübernahme raubte ihm die Existenzgrundlage, Exil und Vergessenheit waren die Folge und so musste Xammar in Spanien erst neu entdeckt werden. 1998 erschien „L’ou de la serp” im katalanischen Original. Kastilische Ausgaben folgten, zuletzt im Frühjahr zwei Bände mit Berichten über das Deutschland der dreißiger Jahre. Dass hier weitere Texte schlummern, die der Übersetzung wert sind, kann als sicher gelten. Doch der vorliegende Band zeigt klar: publikumsorientierte Auswahl und üppige Kommentierung bleiben unerlässlich. CHRISTIAN WELZBACHER
Eugeni Xammar
Das Schlangenei
Berichte aus dem Deutschland der Inflationsjahre 1922-1924. Aus dem Katalanischen von Kristen Brandt.
Berenberg Verlag, Berlin 2007. 180 Seiten, 21,50 Euro.
Eugeni Xammar (1888-1973) blieb bis 1937 in Deutschland. Foto: pla
SZdigital: Alle Rechte vorbehalten – Süddeutsche Zeitung GmbH, München
Eine Dienstleistung der DIZ München GmbH
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Perlentaucher-Notiz zur ZEIT-Rezension

Volker Ullrich preist diese Reportagen des katalanischen Journalisten Eugeni Xammar, der darin Beobachtungen aus seinen Jahren in Deutschland während der Inflation zwischen 1922 und 1924 festhielt, als aufschlussreiches Gegenstück zu Sebastian Haffners Erinnerungen. Wie sein deutscher Kollege beschreibe Xammar eindrucksvoll die Folgen der Währungsinflation, die nicht zuletzt in einen Verfall sämtlicher Werte mündete, aber eben aus der Perspektive des Außenstehenden, so der Rezensent interessiert. Auch die Berichte aus dem französisch besetzten Ruhrgebiet und die eindrucksvolle Schilderung von Hitlers Putschversuch im Münchner Hofbräukeller beeindrucken Ullrich nachhaltig, und er preist am Ende den Verleger Heinrich von Berenberg für seine Verdienste um diesen heute so gut wie unbekannten Journalisten.

© Perlentaucher Medien GmbH