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Bewertung von Winfried Stanzick

Marlene Streeruwitz, Nachkommen, S. Fischer 2014, ISBN 978-3-10-074445-6 Schon immer hat die österreichische Schriftstellerin Marlene Streeruwitz in ihren Romanen ihre …


    Gebundenes Buch

2 Kundenbewertungen

'Nachkommen.' ist ein Roman über die Ordnung der Generationen und wie sie durch Gier und Vernachlässigung außer Kraft gesetzt wird.
Am Morgen verabschiedet sich die zwanzigjährige Nelia Fehn von ihrem toten Großvater, am Abend sitzt sie als jüngste Autorin bei der Verleihung des Deutschen Buchpreises. In Frankfurt trifft sie ihren leiblichen Vater das erste Mal. Auf der Buchmesse wird sie gefragt, warum sie denn nun einen Roman geschrieben habe. "Sie hatte nur nicht sagen können, was sie da gemacht hatte. Oder warum. Sie hatte nur einfach geschrieben und jetzt war das ein Roman, und das…mehr

Produktbeschreibung
'Nachkommen.' ist ein Roman über die Ordnung der Generationen und wie sie durch Gier und Vernachlässigung außer Kraft gesetzt wird.

Am Morgen verabschiedet sich die zwanzigjährige Nelia Fehn von ihrem toten Großvater, am Abend sitzt sie als jüngste Autorin bei der Verleihung des Deutschen Buchpreises. In Frankfurt trifft sie ihren leiblichen Vater das erste Mal. Auf der Buchmesse wird sie gefragt, warum sie denn nun einen Roman geschrieben habe.
"Sie hatte nur nicht sagen können, was sie da gemacht hatte. Oder warum. Sie hatte nur einfach geschrieben und jetzt war das ein Roman, und das Leben ging weiter. Sie wußte nicht einmal, ob sie wieder schreiben wollte. Weiter schreiben."
Marlene Streeruwitz gewährt uns einen Insider-Einblick in das Literaturgetriebe, und es gelingt ihr, aus dem Ende der Literatur Literatur zu machen.
  • Produktdetails
  • Verlag: S. Fischer
  • 2. Aufl.
  • Seitenzahl: 431
  • Erscheinungstermin: 26. Juni 2014
  • Deutsch
  • Abmessung: 211mm x 133mm x 38mm
  • Gewicht: 540g
  • ISBN-13: 9783100744456
  • ISBN-10: 3100744454
  • Artikelnr.: 39977911
Autorenporträt
Streeruwitz, Marlene
Marlene Streeruwitz, in Baden bei Wien geboren, studierte Slawistik und Kunstgeschichte und begann als Regisseurin und Autorin von Theaterstücken und Hörspielen. Für ihre Romane erhielt sie zahlreiche Auszeichnungen, darunter zuletzt den Bremer Literaturpreis und den Franz-Nabl-Preis. Ihr Roman »Die Schmerzmacherin.« stand 2011 auf der Shortlist für den Deutschen Buchpreis. Zuletzt erschienen die Vorlesungen »Das Wundersame in der Unwirtlichkeit.« und der Roman »Flammenwand.«, der auf der Longlist für den Deutschen Buchpreis 2019 nominiert ist.Literaturpreise:u.a.Mara-Cassens-Preis 1996Österreichischer Würdigungsstaatspreis für Literatur 1999Hermann-Hesse-Literaturpreis 2001 (für "Nachwelt")Walter-Hasenclever-Literaturpreis 2002Bremer Literaturpreis 2012Franz-Nabl-Preis 2015
Rezensionen

Perlentaucher-Notiz zur NZZ-Rezension

Wer hinter Marlene Streeruwitz' neuem Roman "Nachkommen" bloß den "satirischen Angriff auf das Kulturgehege" von Seiten einer schlechten Verliererin vermutet, liegt vollkommen falsch, berichtet Franz Haas. In dem Buch schreibt zwar tatsächlich eine junge Autorin einen kritischen Roman, der auf der Shortlist des Buchpreises landet, den sie dann nicht gewinnt, und es wimmelt von Anspielungen auf den realen Literaturbetrieb und seine meist männlichen Funktionäre und die hoffnungslose Klüngelei, aber dahinter verbirgt sich eher "etwas so schön Altmodisches" wie kritischer und feministischer Anspruch als schlichtes Ressentiment, ist sich der Rezensent sicher. Es geht auch um das Missverhältnis zwischen einer schönen, unpolitischen Literatur in einer kaputten Gesellschaft, um die Unverhältnismäßigkeit eitler Erregungen, während sich andernorts Menschen verbrennen, erklärt Haas. Besonders freut den Rezensenten, dass der Roman im Roman tatsächlich erscheinen wird: "Die Reise einer jungen Anarchistin in Griechenland" wird er heißen.

© Perlentaucher Medien GmbH

Frankfurter Allgemeine Zeitung - Rezension
Frankfurter Allgemeine Zeitung | Besprechung von 05.07.2014

Die Tochter, die keinen Vater haben wollte
In ihrem neuen Roman "Nachkommen." rechnet Marlene Streeruwitz mit dem Literaturbetrieb ab und erfindet sich neu - als Jungautorin

Dies ist ein seltsamer Roman. Nicht bloß, weil er in einer Einsegnungshalle in Wien beginnt, wo ein toter Großvater in seinem offenen Sarg aufgebahrt liegt, dessen Enkelin in ihm, dem Vater ihrer vor fünf Jahren gestorbenen Mutter, den letzten Repräsentanten ihrer Genealogie betrauert. Sondern auch, weil es um das Wissen über die eigene Herkunft, im mehrfachen Sinn, fortan gehen wird. Schon die Mutter der jungen Frau hatte die genealogische Abfolge unterbrochen, indem sie ihr drittes Kind unehelich zur Welt brachte, so dass es nicht den Namen seines leiblichen Vaters trägt, sondern ihren Mädchennamen - Holzinger, Cornelia Holzinger. Weil aber die Mutter sich selbst Dora Fehn nannte - der nom de guerre einer erfolgreichen Schriftstellerin -, steht die Enkelin am Sarg ihres "Opi" unter ihrem selbstgewählten "Mami"-Pseudonym: Nelia Fehn. Das kann nicht gutgehen. Aber es zieht in die Handlung hinein. Und Marlene Streeruwitz, die sprachmächtige Autorin dieses Konstrukts, ist in einem Ausmaß allwissend über Nelia Fehn, Herrin über deren seelische und körperliche Aggregatzustände, dass es einem angst und bange werden kann um die junge Frau.

Das Geschehen über 430 Seiten und zwei Tage hin ist schnell zusammengefasst: "Am Vormittag eine Totenvisite und am Abend eine Preisverleihung", so heißt es nach einigen Seiten; denn Nelia Fehn steht auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises für ihren Debütroman, dessen Gewinner noch am selben Tag in Frankfurt bekanntgegeben wird, vor Publikum und in Anwesenheit der nominierten Autoren (und Autorinnen!). Damit gerät sie in den Sog des alljährlichen Buchmesse-Zirkus, schon vor der Preisvergabe: "Wenn sie das so überlegte, dann konnte sie sich gar nicht bewegen, wie sie gewollt hätte. Sie musste sich nach dieser Stelle außerhalb von sich richten. Das hieß also, dass diese Stelle außerhalb von ihr sie richtete. Und das war das Ganze ja. Ein Urteil. Und sie hatte nichts zu sagen gehabt. War nie gehört worden."

Nelia Fehn bekommt den Buchpreis nicht, aber sie gerät in die Mühlen des Betriebs: ihr unsolider Kleinverleger und dessen Geldgeber; blöde Anmachen - zwischen den Zeilen ist unüberlesbar, wie attraktiv sie ist; Herumreichereien, ihrer Jugend wegen; ein Fernsehinterview, bei dem sie widerspenstig ist (was sie freilich nur interessanter macht); Herumirren in der als unwirtlich empfundenen Stadt Frankfurt; vergebliche Nahrungssuche, weil sie Veganerin ist (außerdem vermutlich unter einer Essstörung leidet); die Sehnsucht nach ihrem Freund Marios in Griechenland, und endlich: die Wiederbegegnung mit ihrem leiblichen Vater, einer intellektuellen Größe in Frankfurt, die ins Desaster mündet. Münden muss. Die Tochter verweigert die zu späten emotionalen und materiellen Angebote des Manns. Das ist es. Im Großen und Ganzen.

Dieser Überblick ist natürlich nicht fair. Denn Streeruwitz hat keinen Roman über den Betrieb geschrieben, auch wenn sich dessen Personal in einigen Cameo-Auftritten identifizieren lässt (wer Spaß dran hat). Sondern über die schwierigste Suche überhaupt, die nach dem Ursprung, im realen wie im symbolischen Sinn. Nelia Fehn ist verlassen von einer gestorbenen Mutter; über ihr eigenes Buch denkt sie deshalb: "Der Text. Das war wahrscheinlich eine Opfergabe an die Tote. Ein Versuch, sie zu speisen. Sie zufriedenzustellen. Sich ihrer zu entledigen. Sich von ihr zu entfernen." Und sie ist entfremdet von einem Erzeuger, der sie nicht in eine Genealogie gestellt hat. Dass sich Streeruwitz für dieses Dilemma einer Sprache bedient, die sich, scheinbar ungeschützt, über unfertige Sätze, Wiederholungen und Abschweifungen, über Assoziationen, Auslassungen und Verschiebungen äußert, ist Programm. Der Roman "Nachkommen." (auch der Punkt hinter dem Titel meint, dass da noch etwas nachzukommen habe) hätte eine kurze Erzählung sein können über eine Jungautorin, die durchs Dorf Gegenwartsliteratur gejagt wird. Doch Streeruwitz exerziert einmal mehr, dass den Frauen keine intakte Sprache zur Verfügung stehe, weil Sprache immer die Sprache der Herrschenden ist, sprich: eine männliche. Das ist nicht richtig falsch, aber auch nicht so richtig richtig und schon gar nicht abendfüllend.

Mitunter ist die Autorin unglaubwürdig, wenn sie unter die Haut ihrer jungen Altera Ego schlüpft. Das geschieht schon relativ früh, als der unangenehme Verleger mit dem sprechenden Namen Gruhns auf der Preisfeier Nelia mitteilt, dass ihr Vater hier sei. Daraufhin heißt es aus Nelias Gedanken: "Sie würde ihn sowieso nicht erkennen. Und war das nicht wieder lustig. Das war doch lustig. Dieser Mann war nicht einmal beim Begräbnis von der Mami gewesen. Sie hatte keine Vorstellung von ihm. Sie hatte ihn nie gegoogelt. Diese Ehre hatte sie ihm nicht zuteilwerden lassen wollen." Das ist nicht ernsthaft vorstellbar: Eine aufsässige Frau von kaum zwanzig Jahren mit dem Hang zur Radikalität, die überdies ständig mit ihrem iPhone hantiert, soll nicht wissen wollen, wie der Mann aussieht, der (nach Angabe der Mutter) nicht wollte, dass sie jemals auf die Welt kam? Und dieselbe Nelia soll aber ausgerechnet ihrem windigen Verleger vorher den Namen ihres Vaters, des Literaturprofessors Rüdiger Martens, genannt haben?

Das funktioniert nicht. So jedenfalls nicht. Und damit kommt "Nachkommen." überhaupt, bei aller verdichteten Beschreibung feinster Nervenstränge der Protagonistin, in eine Schieflage, die vor allem auf das Konto des argen Klischees geht, in das der Vater gezwängt wird. Er gerät Streeruwitz - schwer zu entscheiden, ob bewusst oder unbewusst - zur Farce des alternden praktizierenden Narzissten, verstrickt in sein gewesenes, von Unoffenheit und Verdrängung geprägtes Leben - und umstellt von diversen Frauen, die alle etwas von ihm wollen (Ja, sind denn Frauen so? Na, dann sind es eben immer die anderen Frauen!). Martens begegnet seiner verlorenen Tochter zunächst werbend, dann eher passiv-aggressiv, während diese aktiv-aggressiv agiert. In einer grotesken Szene will der Professor Nelia nacheilen, um sie zu halten, und bleibt im Zaun vor seinem Haus hängen, aus dem ihm Nelia heraushilft, ehe sie abhaut.

"Nachkommen." als eine Satire zu lesen geht trotzdem fehl, leider. Marlene Streeruwitz macht keine losen Scherze. Wenn etwas ihren Roman retten könnte, dann wäre es diese scharfkantige kompromisslose Ernsthaftigkeit, zumal er auf einem biographischen Hintergrund beruht: Sie selbst war 2011 auf der Shortlist der verkaufsträchtigsten deutschen Literaturauszeichnung mit ihrem Roman "Die Schmerzmacherin". Sie bekam den Preis nicht, wie jetzt ihre töchterliche Nelia Fehn. Dabei hätte die das Preisgeld von 25 000 Euro dringend brauchen können, um ihrem griechischen Freund Marios, der im Kampf gegen die EU-Troika schwer verletzt wurde, die notwendigen Operationen zu bezahlen. Das Buch, mit dem Nelia auf die Shortlist kam, heißt "Die Reise einer jungen Anarchistin in Griechenland". Tatsächlich ist dieser Titel im Fischer Verlag - dem Verlag von Nelias Mami und dem von Marlene Streeruwitz - bereits für diesen Herbst angekündigt. Die Autorin heißt Nelia Fehn - alias Marlene Streeruwitz.

ROSE-MARIA GROPP

Marlene Streeruwitz: "Nachkommen.". Roman.

Verlag S. Fischer, Frankfurt am Main 2014. 432 S., geb., 19,99 [Euro].

Alle Rechte vorbehalten. © F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main
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Süddeutsche Zeitung - Rezension
Süddeutsche Zeitung | Besprechung von 12.07.2014

Anatomie einer Wut
Hier sieht der Literaturbetrieb alt aus:
In ihrem neuen Roman „Nachkommen.“ erfindet Marlene Streeruwitz eine junge Autorin
und schickt sie ins Rennen um den Deutschen Buchpreis
VON JENS BISKY
Mit der Literatur ist es aus. Vorbei. Ende. Der Betrieb läuft weiter, feiert sich in aufwendigen Inszenierungen und zerstört dadurch jeden Anspruch auf Wahrheit. Marketing täuscht Bedeutung, Wichtigkeit vor, aber das Treiben ist nichtig und oft widerlich.
  Diese Diagnose stellt Marlene Streeruwitz dem Literaturbetrieb in ihrem Roman „Nachkommen.“. Sie hat sich eine Tochter erfunden, die sehr junge Nelia Fehn, die erst einen Roman – und diesen ziemlich schnell – geschrieben hat. Mit diesem aber ist sie für den Deutschen Buchpreis nominiert worden, sie hat es bis auf die Shortlist geschafft. Wir lernen Nelia auf der Beerdigung ihres Großvaters kennen, dann muss sie, schnell, schnell, zur Preisverleihung nach Frankfurt. Sie bekommt den Preis nicht, trifft aber ihren Vater, der ihre Geburt gern verhindert hätte, sich nicht um sie gekümmert hat. Nelia Fehn stolpert durchs Bahnhofsviertel, durch die Messehallen, hier und da erkennt man die jüngste Autorin, die jemals auf der Shortlist für den Buchpreis stand. Sie mag die Aufmerksamkeit, gibt ein Fernsehinterview, durchleidet einen Empfang und verschwindet.
  Viel Handlung ist das nicht, und dass der Kulturbetrieb Kultur zerstört, hat man auch schon einmal gehört oder wenigstens bei Adorno gelesen. Dennoch folgt man Nelia Fehn mit wachsender Begeisterung. „Nachkommen.“ vergegenwärtigt eine Wut, von der man immer geglaubt hat, dass es sie geben müsse, eine anarchistische-privatistische Revolte gegen das falsche Ganze.
  Der leicht überforderten Fernsehmoderatorin sagt Nelia Fehn, des Mitmachens müde: „Ich kritisiere nicht. Ich lehne ab. Ich lehne jede Verantwortung für alle diese Erbschaften ab, mit denen ich belastet werde. Jede Verantwortung.“
  Warum hat sie sich das angetan? In erster Linie des Geldes wegen. Marios, ihr griechischer Geliebter, ist während der Proteste gegen EU–Troika und Sparpolitik verletzt worden, mit dem Preisgeld hätte sie eine Operation bezahlen können. Und dann ist da noch eine Erbschaft, der Ruhm der verstorbenen Mutter, einer allseits anerkannten Fischer-Autorin.
  Nach einer Mischung wie dieser ist der Literaturbetrieb süchtig: eine junge Frau mit großem Namen und einigen Marotten – sie schminkt sich nicht, isst kein Fleisch – verfasst unter Überdruck einen Roman, in dem es um Tod, Trauer, Liebe und gegen den Kapitalismus geht: „Die Reise einer jungen Anarchistin in Griechenland.“.
  Man sollte „Nachkommen.“ nicht mit einer Literaturbetriebssatire verwechseln, wie sie etwa Edward St Aubyn mit „Lost for Words“ verfasst hat. Im Herbst wird das Buch unter dem Titel „Der beste Roman des Jahres“ im Piper Verlag auf Deutsch erscheinen. Auch darin geht es um einen wichtigen Literaturpreis, man lernt unfähige, desinteressierte, dumme, nicht lesende Juroren kennen, eitle Autoren und Beispiele entsetzlich lächerlicher Prosa. Edward St Aubyn verspottet Personen, Moden, Gewohnheiten.
  Auch bei Marlene Streeruwitz, die 2011 mit „Die Schmerzmacherin“ auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises stand, kann, wer mag, man einige Figuren des Betriebes wiedererkennen. Aber „Nachkommen.“ ist kein Schlüsselroman und auch keine Abrechnung. Hier wird der Literaturbetrieb zum Bild einer falschen Welt, die man nur ablehnen kann. Und zwar nicht aus Gründen, sondern aus dem Gefühl grundsätzlicher Verkehrtheit heraus. Angemessenes, Erwartungen bedienendes Verhalten, auch und gerade der Erfolg sind nicht nur mit Kompromissen und Zumutungen verbunden, sondern beruhen auf einer Zurichtung des Ich, der sich Nelia verweigert. Wie das Künstler- und Journalistenmilieu in Heinrich Manns Roman „Im Schlaraffenland“ (1900) fungiert der Literaturbetrieb bei Streeruwitz vor allem als Modell einer verkommenen Gesellschaft.
  Es ist ein altehrwürdiges Romanmodell, den Held gegen die Welt als eine ihm fremde, seinen Wünschen feindliche kämpfen zu lassen, bis er erliegt oder die Vernünftigkeit der bestehenden Ordnung einsieht, seinen Platz findet, Verantwortung übernimmt. Marlene Streeruwitz lässt ihre Heldin den umgekehrten Weg gehen: Nelia Fehn beginnt mit dem Entschluss, diesmal alles richtig zu machen, dazuzugehören und entwickelt in Frankfurt „Verantwortungslosigkeit“. Sie schaltet sozusagen auf Occupy-Modus, verwirft aber alles allzu Aktivistische, Militärische.
  Diese Ich-Revolte ist ein unvernünftiger Zustand. Der Leser mag sich erinnern, dass der Sozialwissenschaftler Wolfgang Streeck in seiner großen Krisendiagnose „Gekaufte Zeit“ ( Suhrkamp Verlag, 2013 ) zu dem Schluss kam, unvernünftige, anarchistische Reaktionen seien gegenwärtig und angesichts der Verhältnisse im gerade noch so „demokratischen Kapitalismus“ die vernünftigen. An der Seite der Heldin dieses Romans scheint dies sehr plausibel, die Vernunft des Unvernünftigen wird Erfahrung.
  Nelia Fehn glaubt, auch darin ihrer Mutter folgend, dass es Romane geben müsse: „Romane und nicht Gschichterln. In die Erfindung gebündelte Wahrheit und nicht diese dünne Sauce des Echten.“ Ein solcher Roman, in „Erfindung gebündelte Wahrheit“ will „Nachkommen.“ sein. Dieser große, leicht zu parodierende Ernst sorgt für einen eigenen Sog, zieht den Leser und gewiss auch die Leserin in das Geschehen, in das Innenleben einer jungen, patenten Frau, die sich nicht gern zurechtweisen und herumschubsen, von ihrer Herrin und Erfinderin aber auf dem Weg der Erkenntnis leiten lässt.
  Die Kurzsatz-Prosa zwingt zur langsamen Lektüre, sie kann nerven: „Sie ging. Stemmte sich gegen den Anstieg der Rampe. Bog um eine Ecke. Ein Gang. Fenster nach drinnen und nach draußen. Und dann nach links. Die Schilder zum Ausgang. Sie ging.“ Sobald man jedoch mit Nelia Fehn ein wenig vertraut geworden ist, fällt die Manier nicht mehr als solche auf, sondern scheint die angemessene Form, Erlebnisse und Weltsicht der Figur zu vergegenwärtigen. Schwach und bloße Karikatur sind leider sowohl der Vater wie der windige Verleger, sodass die Versuchung, doch noch mitzumachen, das üble Spiel mitzuspielen gering bleibt. Die Szenen zwischen Vater und Tochter wirken wie Slapstick, sie besitzen keine psychologische Plausibilität, zeigen lediglich, wie läppisch es in der Welt der Väter zugeht. Zum Glück endet der Roman nicht mit so leichten Siegen, sondern mit einer Bildbetrachtung: drei Szenen aus dem Leben der Griselda, deren Gehorsam von ihrem Gatten, einem Grafen, grausam auf die Probe gestellt wird. Boccaccio hat die Geschichte erzählt. Ihr Vater „war auch nur so ein Graf“, meint Nelia Fehn. Der Leser muss sich entscheiden, ob er das als schlichte Botschaft akzeptieren oder als Figurensicht verbuchen will. Wer sich nicht mit der Heldin identifiziert, der kann „Nachkommen.“ als Anatomie unserer Wut lesen, als Spiegel einer nichtigen Gegenwart. Wie agiert man in einer wattierten, gegen alle Kritik und Erfahrung vorab gewappnete Welt? So naheliegend und aktuell die Frage scheint, so selten ist ein Roman wie dieser in der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur. Anders als im Fall der mit Zeitgeschichte aufgepeppten Familienromane und der Belanglosigkeiten an exotischen oder „verruchten“ Schauplätzen, will „Nachkommen.“ den Leser ganz, will ihn ändern. Im September wird „Die Reise einer jungen Anarchistin in Griechenland.“ erscheinen, von Marlene Streeruwitz als Nelia Fehn. Lesen. Auf jeden Fall. 
„Ich kritisiere nicht. Ich lehne ab.
Ich lehne jede Verantwortung für
alle diese Erbschaften ab.“
Im September erscheint der
Debütroman der erfundenen
Autorin Nelia Fehn
Ein Roman wie dieser ist selten
in der Gegenwartsliteratur, er will
den Leser ganz, will ihn ändern
    
    
    
      
Marlene Streeruwitz:
Nachkommen. Roman.
S. Fischer Verlag,
Frankfurt am Main 2014.
432 Seiten, 19,99 Euro. E-Book 17,99 Euro.
Kein Schlüsselroman und auch keine Abrechnung. Hier wird der Literaturbetrieb
vielmehr zum Inbild einer falschen Welt, die man nur ablehnen kann. Denn der Erfolg, der Nelia Fehn beim
Buchpreis versagt bleibt, verlangt allzu große Opfer.
Foto: L. Schneider/plainpicture
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Feministischer Impetus, Scharfblick für die Zwischentöne menschlicher Interaktionen[...]zeichnen [...] dieses Streeruwitz-Werk aus und machen es zu einem der lesenswertesten Romane dieses Jahres. Anja Kümmel Weser-Kurier 20140629