Künstliche Atmung - Piglia, Ricardo
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Eine Familiengeschichte über mehrere Generationen, die durch die Landschaften des Exils bis nach Europa führt. Piglias während der argentinischen Militärdiktatur entstandener Roman thematisiert Lateinamerikas schicksalhafte Verbindung mit Europa. Exil, Briefe, Geschichtsfetzen, ungeheuerliche Lebensläufe - dies ist der Stoff des Romans, dessen Autor als wichtigster Repräsentant der argentinischen Gegenwartsliteratur gilt.Ein junger Schriftsteller, Emilio Renzi, veröffentlicht seinen ersten Roman, der von einem Ehebruch aus den vierziger Jahren erzählt. Erst nach der Veröffentlichung lernt er…mehr

Produktbeschreibung
Eine Familiengeschichte über mehrere Generationen, die durch die Landschaften des Exils bis nach Europa führt.
Piglias während der argentinischen Militärdiktatur entstandener Roman thematisiert Lateinamerikas schicksalhafte Verbindung mit Europa. Exil, Briefe, Geschichtsfetzen, ungeheuerliche Lebensläufe - dies ist der Stoff des Romans, dessen Autor als wichtigster Repräsentant der argentinischen Gegenwartsliteratur gilt.Ein junger Schriftsteller, Emilio Renzi, veröffentlicht seinen ersten Roman, der von einem Ehebruch aus den vierziger Jahren erzählt. Erst nach der Veröffentlichung lernt er den Protagonisten kennen, seinen Onkel Marcelo Maggi, der zurückgezogen in der Provinz lebt und Briefe eines Vorfahren entziffert: Es handelt sich um Enrique Ossorio, in der Mitte des 19. Jahrhunderts Sekretär des Diktators Rosas. Er wurde, halb tragischer Held, halb Verräter, auf dem Weg über Buenos Aires, New York und Santiago, Zeuge der tumultuarischen Geschichte seines Kontinen
  • Produktdetails
  • Quartbuch
  • Verlag: Wagenbach
  • Originaltitel: Respiracion artificial
  • Seitenzahl: 224
  • Erscheinungstermin: 15. August 2002
  • Deutsch
  • Abmessung: 224mm x 126mm x 22mm
  • Gewicht: 317g
  • ISBN-13: 9783803131737
  • ISBN-10: 3803131731
  • Artikelnr.: 10656972
Autorenporträt
Ricardo Piglia wurde 1941 in Adrogue nahe Buenos Aires geboren. Seit seinem Debüt 1967 mit "La invasión" machte er sich mit zahlreichen Romanen und Kurzgeschichten einen Namen und gilt in seiner Heimat längst als moderner Klassiker. 1998 gelang ihm der Vorstoß in die Kinowelt mit dem Drehbuch zu dem Film "La sonambula" von Fernando Spiner, der mit dem Preis des argentinischen Nationalen Instituts für Filmkunst ausgezeichnet wurde. Auch seine Arbeiten als Kritiker und Essayist machten ihn zu einem der berühmtesten Autoren Argentiniens, entgegen dem Willen des Militärregimes, das lange Zeit versuchte, ihn zum Schweigen zu bringen. An den amerikanischen Universitäten Princeton und Harvard lehrte Ricardo Piglia Literatur und Film, von der Universidad de Buenos Aires wurde er zum Ehrenprofessor ernannt. Im Jahr 2015 wurde ihm der Premio Formentor de las Letras verliehen. Heute lebt und arbeitet er in Buenos Aires.
Rezensionen

Süddeutsche Zeitung - Rezension
Süddeutsche Zeitung | Besprechung von 04.12.2002

Gewinnen soll immer die Puppe
Wie man von Immanuel Kant zu Walter Benjamin und von dort nach Argentien kommt: Ricardo Piglia schreibt einen Detektivroman der Geistesgeschichte
Die Ideengeschichte birgt einen ungeahnten Reichtum an Romanstoffen. Nur hat sich noch kein Balzac, kein Sterne und auch kein Musil gefunden, die fiktiven Schätze zu heben, die in den Passagenwerken des vorigen Jahrhunderts enthalten sind. Pionierarbeit leistete vor ein paar Jahren der Brite Gilbert Adair, der mit dem Roman „Der Tod des Autors” (Edition Epoca 1997) die weithin beste und lesbarste Einführung in dekonstruktivistische Literaturtheorien vorlegte. Als Verfasser äußerst verschachtelter Detektivromane, die der Wirklichkeit mit solch entschiedener philologischer Skepsis und historisch-kritischer Strenge begegnen, dass der Leser kaum merkt, wie er in die Fallen der Fiktion geht, hat sich der Argentinier Ricardo Piglia einen Namen gemacht, zuletzt mit dem vielgelobten Roman „Brennender Zaster” (Wagenbach Verlag 2001).
Mehr als zwanzig Jahre nach seinem Erscheinen liegt jetzt auch Piglias experimenteller Klassiker eines geistesgeschichtlichen Romans in deutscher Übersetzung vor: Zu besichtigen ist ein Wunderwerk an Inspiration und Reflexion, das allerdings auch die gehörige Mitarbeit des Lesers verlangt. Das liegt nicht zuletzt daran, dass das erstmals 1980 erschienene Buch, dessen spanischer Titel Respiración artificial mit seinen Anfangsbuchstaben auf die República Argentina anspielt, auch eine politische Tat birgt, die den Autor unter der damaligen Militärdiktatur, an deren Zensur es nach allen Regeln der Verschlüsselungskunst vorbeigeschmuggelt wurde, leicht um Kopf und Kragen hätte bringen können.
Gestern und morgen zugleich
Wären die Zensoren nur etwas vertrauter mit den Exildiskursen des zwanzigsten Jahrhunderts gewesen, in die sich dieser Roman umfassend und ohne Rücksicht auf Gattungen einschreibt, hätten sie zumindest über eine programmatische Passage am Ende stolpern müssen, die auch schlüsselhaft für das Romanverfahren steht: Da übernimmt Piglia wörtlich, aber ohne seine Quelle zu nennen, den Anfang einer berühmten Aufsatzsammlung des 1933 aus Deutschland in die Vereinigten Staaten vertriebenen Kunsthistorikers Erwin Panofsky. Er legt es einem gewissen Tardewski in den Mund, einem – frei nach Witold Gombrowicz – bei Kriegsausbruch 1939 aus Polen nach Argentinien geflohenen Intellektuellen. Dieser führt ein Journal, das ausschließlich aus Zitaten besteht.
Daraus rezitiert er die besagte Stelle, die seinen im Jahre 1979 unauffindbar verschwundenen ständigen Gesprächspartner beschreiben soll, mit dem der Erzähler eigentlich verabredet war: „Neun Tage vor seinem Tod, liest Tardewski, bekam Immanuel Kant Besuch von seinem Arzt. Alt, krank und fast blind erhob er sich von seinem Stuhl und blieb aufrecht stehen; er zitterte vor Schwäche und murmelte unverständliche Worte. Schließlich merkte ich, der ich ein treuer Freund von ihm war, dass er sich nicht setzen würde, bis der Besucher nicht saß. Das tat dieser auch und dann, las Tardewski, erlaubte Kant, dass ich ihm half, sich zu setzen, und nachdem er wieder ein wenig zu Kräften gekommen war, sagte er: Das Gefühl für Humanität hat mich noch nicht verlassen. Wir waren alle tief berührt, weil wir verstanden, dass für den Philosophen das alte Wort Humanität eine tiefe Bedeutung hatte, die durch die augenblicklichen Umstände noch akzentuiert wurde ...”.
Man achte auch auf das Wort „Bedeutung”, denn die zitierte Passage, die Piglia aus der dritten in die erste Person eines historischen Berichterstatters umgewandelt hat, stammt aus Panofskys im Jahre 1955 erschienener Aufsatzsammlung Meaning in the Visual Arts („Sinn und Deutung in der Bildenden Kunst”, im Verlag DuMont soeben wiederaufgelegt), deren programmatische Einleitung The History of Art as a Humanistic Discipline („Kunstgeschichte als geisteswissenschaftliche Disziplin”) auf einen im Weltkriegsjahr 1940 in Princeton gehaltenen Vortrag zurückgeht. Panofskys Quelle für die Kant-Episode war selbst ein aus entlegener zweiter Hand zitierter Bericht aus dem Jahre 1804. Die Episode lieferte den Auftakt für die Charakterisierung eines Historikers, der sich interpretierend in sein historisches Material versenkt, um „zu beleben, was andernfalls tot bliebe”, und der deshalb in zwei Zeiten gleichzeitig, in der Vergangenheit und in der Gegenwart operiert, ohne doch weder der einen noch der andern Zeit anzugehören.
Aber was hat das alles mit diesem Roman und mit dem Argentinien der Schreckensjahre nach dem Militärputsch des Jahres 1976 zu tun?
Der Ich-Erzähler, ein junger Schriftsteller, veröffentlicht im April 1976 ein Buch unter dem suhrkampwürdigen Titel „Die Weitschweifigkeit des Realen”. Es basiert auf Dokumenten aus dem Giftschrank der Eltern über einen vor langer Zeit verschwundenen, wenig geachteten Onkel. Emilio Renzi, der Jungautor, erhält daraufhin Post vom nämlichen Onkel: Ein Brief mit Richtigstellungen und einer wunderbaren, noch immer gültigen poetischen Anweisung für Nachwuchsautoren: „Die goldene Regel für werdende Schriftsteller lautet: Wenn es dir an Vorstellungskraft mangelt, musst du es mit den Details genau nehmen.” Dazu ein Foto des Neffen aus seinem Geburtsjahr 1941, auf der Rückseite datiert und mit zwei Zeilen aus einem Gedicht von T.S. Eliot versehen, das auch als Motto über Piglias Roman steht: We had the experience but missed the meaning, / and approach to the meaning restores the experience. Zwischen Onkel und Neffen entwickelt sich ein Briefwechsel, der kein poetologischer wäre, wenn er nicht auch Reflexionen über die Gattung und das Medium der brieflichen Korrespondenz als solcher enthielte.
Geschichte ohne Alptraum
Aus dem Modell der Truhe, in der einer seine Papiere archiviert, entwickelt sich der Roman: Denn so – nur philologisch gründlicher – wie der Neffe über seinen Onkel forschte, beschäftigt sich dieser mit dem Leben eines anderen Vorfahren, einem politischen Exilanten, der um die Mitte des neunzehnten Jahrhunderts in einem einsamen New Yorker Hotelzimmer ebenfalls seine „Papiere aus der Vergangenheit” ordnet, um unter dem Arbeitstitel „1979” einen Zukunftsroman in Form von Briefen mit verschlüsselten Botschaften an einen gleichfalls zukünftigen Adressaten zu schreiben. Ein sinnfälliges Motto, das wir aus dem „Passagenwerk” von Walter Benjamin kennen, der es wiederum bei Sigfried Giedion zitiert gefunden hatte, gibt es auch; es stammt von dem französischen Historiker Jules Michelet, bei dem der argentinische Zukunftsschreiber in die Schule gegangen ist: „Jede Epoche träumt die vorhergehende.” Wir ahnen, wer der Adressat jener Briefe ist, „die sich anscheinend in der Zeit verirrt haben”, und wem ihr Vermächtnis in der erzählten und von dem Historiker der Zukunft bereits in ihren Dokumenten antizipierten Gegenwart am Ende zufällt.
Also gibt es sie doch noch, die Geschichte, und die Erfahrung, die mit Bedeutung einhergeht, gibt es auch. In der brieflich überlieferten Auffassung des Onkels formuliert und im zweiten Teil des Romans in einem atemberaubenden philologischen Experiment exemplifiziert, das eine fiktive Begegnung zwischen Kafka und Hitler rekonstruiert, lautet sie in Umkehrung eines Satzes aus dem „Ulysses” von James Joyce: „Die Geschichte ist der einzige Ort, der mir Erleichterung von diesem Alptraum verschafft, aus dem ich aufzuwachen versuche. ” Und es gibt noch immer kühne Romane, die sich auf neue Gebiete vorwagen. VOLKER BREIDECKER
RICARDO PIGLIA: Künstliche Atmung. Roman. Aus dem argentinischen Spanisch von Sabine Giersberg. Verlag Klaus Wagenbach, Berlin 2002. 224 Seiten, 19,30 Euro.
„Die Leute hier lernen, an den Ufern des Unglücks zu leben. Die Touristen nennen dieses Elend Lokalkolorit.” – Argentinische Strandszene.
Foto: SZ-Archiv
SZdigital: Alle Rechte vorbehalten - Süddeutsche Zeitung GmbH, München
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Frankfurter Allgemeine Zeitung - Rezension
Frankfurter Allgemeine Zeitung | Besprechung von 21.09.2002

Nachtclub der toten Dichter
Geschichtsträumer: Der argentinische Romancier Ricardo Piglia

Wenn es ein Genre gibt, das der deutschen Gegenwartsliteratur zu ihrem großen Schaden fehlt, dann ist es der historische Roman. Nichts gegen die dicken Schwarten mit historischen Stoffen aus Stein-, Wald- und Wiesenzeiten und mit Figuren vom Medicus bis zu Gaius Pampelmus. Doch der moderne Roman, der Geschichte zugleich erzählt und reflektiert, der unser Verhältnis - oder auch unser Nichtverhältnis - zu ihr beschreibt, der ist fast ganz verschwunden. Daß Übersetzungen diese Lücke füllen können, kann man nun an den Romanen des Argentiniers Ricardo Piglia überprüfen.

"Jede Epoche träumt die vorhergehende" - dieses scheinbar paradoxe Motto von Jules Michelet stellt in "Künstliche Atmung" Enrique Ossorio, ein exilierter argentinischer Intellektueller aus der Mitte des neunzehnten Jahrhunderts, seinem geplanten Roman voran. Dieses Werk ist ein Zukunftsroman, der im Jahr 1979 spielen und die politischen Wirren um 1838 spiegeln soll, die Ossorio zunächst ins uruguaische und später ins nordamerikanische Exil zwangen. Der Held soll darin zufällige Briefe aus der Zukunft erhalten, mit denen er die ferne Epoche rekonstruiert: Der Prophet als vorwärtsgewandter Historiker.

Im Jahr 1979 ist auch die Gegenwartshandlung von Piglias Roman angesiedelt: Der junge Schriftsteller Emilio Renzi macht sich auf den Weg, im verschlafenen Provinznest Concordia seinen Onkel zu besuchen. Dieser genießt in der Familie einen legendären Ruf, da er einst eine reiche Erbin heiratete, um dann mit ihrem Geld und einer Cabaret-Tänzerin durchzubrennen. Der Neffe verarbeitete diese reißerische Geschichte zu seinem Romandebüt, dessen Lektüre wiederum den Onkel veranlaßte, brieflichen Kontakt aufzunehmen. Er will die Fakten richtigstellen. Über diese verwandtschaftliche Korrektur der Fiktion durch die Erinnerung entspinnt sich ein Briefwechsel, der sich bald einem anderen Gegenstand zuwendet: Der Biographie eben jenes Ossorio, an der der Onkel seit Jahren arbeitet. Sein Heiratsabenteuer stellt sich als Manöver heraus, um eine Truhe mit dem Nachlaß Ossorios, eines Ahnen der Angetrauten, zu ergattern.

In diesem ersten Teil seines Romans inszeniert Piglia auf vertrackte Weise die Begegnung der Epochen als Briefwechsel zwischen Vergangenheit und Zukunft: Aufzeichnungen Ossorios über sein Buchprojekt wechseln ab mit der Korrespondenz zwischen Onkel und Neffen, die sich ebenso wie der Historiker und sein Gegenstand nie leibhaftig begegnen. Eine Schlüsselfigur ist der Enkel Ossorios, ein greiser, an den Rollstuhl gefesselter Senator, über dessen zwischen Wahnsinn und Hellsicht schwankende Monologe Renzi dem Onkel brieflich Bericht erstattet. Einmal berichtet in einem der fiktiven Briefe Ossorios ein Exil-Argentinier aus der Zukunft über ein "ziemlich bemerkenswertes Buch von Thomas Bernhard", das er gerade übersetze. Nicht nur die intrikate Verschränkung der Zeitebenen, die abschweifende, mehrfach indirekte Figurenrede, auch die eindeutig dem Fürsten in Bernhards Roman "Verstörung" nachempfundene Figur des Senators lassen dies als Hinweis auf eines der wichtigen Vorbilder des Buches erkennen.

Piglia, der 1941 in Buenos Aires geboren wurde, zählt zu den wichtigsten argentinischen Autoren der Gegenwart. "Künstliche Atmung" erschien 1980 unter dem Eindruck der Militärdiktatur. Die Themen des Exils, der politischen Wirren, der Repression und Zensur verhandelt Piglia indirekt: Der alte Senator glaubt sich überwacht und verfolgt, und tatsächlich fängt ein ominöser Agent seine Briefe ab. Die Schreiben Ossorios, aus einer in der Vergangenheit geträumten Gegenwart, hält er für verschlüsselte Botschaften eines oppositionellen Geheimzirkels und versucht verzweifelt, sie zu decodieren, als liege die Brisanz nicht in Wahrheit in der Theorie.

Der zweite, "Descartes" überschriebene Teil berichtet von der Reise Renzis nach Concordia, dem Wohnort des Onkels, wo er allerdings nur dessen Freund und Schachpartner Tardewski, einen exilierten Polen, antrifft, und eine Nacht mit Alkohol und langen philosophischen und poetologischen Diskussionen verbringt. Ähnlich wie bei Bernhard (man denke an Murau und Gambetti in der "Auslöschung"), muß man diese zahlreichen Anspielungen, Idiosynkrasien und Systementwürfe nicht im einzelnen nachvollziehen - dazu müßte man auch ein ausgewiesener Hispanist sein -, eher sollte man diese Seiten lesen als Reflexion über den Gang der Menschheitsgeschichte, die sich in den argentinischen Wirren wie im Brennglas verdichtet.

In Concordias "Club Social" begegnen sich ähnlich wie auf dem Schreibtisch des Spitzels die toten Dichter und die historischen Epochen, europäische Vorbilder und lateinamerikanische Variationen: Der ganze Roman ist ein geistesgeschichtliches Gipfeltreffen in effigie, eine spiritistische Sitzung mit Wacholderschnaps, Zungenrede der Zeitzeugen, denen so ein "künstliches Atmen" zuwächst. Während der unverkennbar Witold Gombrowicz nachempfundene Tardewski seine These einer konsequenten Entwicklung vom Rationalismus in den Nationalsozialismus entwickelt oder in einer brillanten historischen Phantasie eine Begegnung zwischen Kafka und Hitler in Prag nachzuweisen versucht, verlegt sich Renzi auf literaturhistorisches Gebiet und entwickelt in Exkursen über Joyce und Borges eine Theorie moderner Literatur und Existenz: "Die Parodie hat die Geschichte vollkommen ersetzt." Wie Argentinien nur die welthistorischen Tragödien noch einmal als Farce nachspielt, steht auch die Literatur im Banne ihrer Vorgänger, wie es Borges in einer seiner genialen Kurzgeschichten über den "Quijote" durchgespielt hat.

Zum Einstieg in das trotz aller Traditionsbezüge eigenwillige und nicht leicht zugängliche Werk Piglias empfielt sich vielleicht der im vergangenen Jahr übersetzte Roman "Brennender Zaster" von 1997, den man auf den ersten Blick nicht demselben Autor zugestehen würde. Nach einem authentischen Fall aus den sechziger Jahren erzählt Piglia spannend und mit Lust am Öbszönen und Perversen die Geschichte einer Verbrecherbande aus Buenos Aires, die sich nach einem brutalen Überfall auf einen Geldtransport nach Montevideo absetzt und am Ende ganzen Polizeibataillonen einen apokalyptischen Endkampf liefert. Die Sprache, ein derber, von Leopold Federmair ungekünstelt übertragener Gossenton, will so gar nicht zu dem ironisch-akademischen Stil der "Atmung" passen, obwohl auch dort neben der geschliffenen Prosa von Borges das "schlechte", der Straße abgelauschte Spanisch seines Zeitgenossen Roberto Arlt gepriesen wird.

Doch nicht nur der Umstand, daß der junge Reporter, der für die Zeitung "El Mundo" über die Belagerung der schwerbewaffneten Gangster berichtet, auch Emilio Renzi heißt, weist auf den tieferen Zusammenhang der beiden Werke. Auch hier wird der Fall nachträglich rekonstruiert, auch hier finden sich stets verschiedene Versionen, auch hier gibt es merkwürdige, zeitlos zwischen den Epochen flottierende Botschaften, die etwa jener Polizeifunker empfängt, der die verschanzte Bande abhören soll. Mit einigem Recht ließe sich "Brennender Zaster" als Umsetzung des in "Künstliche Atmung" entwickelten Programms verstehen. Denn das Abenteuer der im Kokainrausch durchdrehenden Killer wirkt wie die Parodie einer Desperadotruppe aus vergangenen Zeiten. Ständig führen die Mörder den Namen Perons im Mund, für dessen Wiederkehr sie zu kämpfen vorgeben. In der aberwitzig in die Länge gezogenen Endschlacht werden sie zu Heroen der Selbstüberwindung, gar zu stigmatisierten Christusfiguren, durch die mythische Zeiten lebendig werden.

So wird das Programm Piglias im Zusammenklang der beiden Romane ganz erkennbar: Literatur und Geschichtsschreibung sind Versuche, eine Vergangenheit zu beleben, Versuche, die unweigerlich künstlich sein müssen, da nur - wie im Briefwechsel - die Illusion einer Nähe und einer Gegenwart gelingen kann. Daß die Literatur immer hinter der Wirklichkeit zurückbleiben wird, ist ihre Tragik und ihr Antrieb zugleich: "Die toten Reste der Wörter, die Mann und Frau im Schlafzimmer benutzen und in den Geschäften und auf den Klos, denn die Polizei und die Ganoven (dachte Renzi) sind die einzigen, die es verstehen, aus den Wörtern lebendige Dinge zu machen, Wortnadeln, die sich ins Fleisch bohren und dir die Seele zerstören wie ein Ei, das man in die Pfanne schlägt."

Ricardo Piglia: "Brennender Zaster". Roman. Aus dem Spanischen übersetzt von Leopold Federmair. Verlag Klaus Wagenbach, Berlin 2001. 192 S., geb., 17,50 [Euro].

Ricardo Piglia: "Künstliche Atmung". Roman. Aus dem Spanischen übersetzt von Sabine Giersberg. Mit einem Nachwort von Leopold Federmair. Verlag Klaus Wagenbach, Berlin 2002. 224 S., geb., 19,50 [Euro].

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Perlentaucher-Notiz zur NZZ-Rezension

Zensur ist anstrengend, sowohl für den Autor als auch für den Leser, hat der Rezensent Andreas Breitenstein bei seiner Lektüre festgestellt. Denn der während der Militärdiktatur geschriebene Roman des in Argentinien legendären Schriftstellers Ricardo Piglia sei aus Zensurgründen dermaßen verschränkt, die Textebenen dermaßen "dicht komprimiert und virtuos ineinander gefügt", dass sich der "Erstickungstod" der Diktatur auch im "Grauen" der Textentwirrung manifestiere. In zwei "ineinander greifenden, detektivisch angelegten historischen Recherchen" - Marcelo Maggi recherchiert über den Außenseiter Enrique Ossorio, und der Schriftsteller Emilio Renzi seinerseits über den verschwundenen Maggi - konstruiere Piglia eine Art "Schachpartie", ein "Duell von Taktik und Täuschung, Interpretation und Desinformation", in dessen Entschlüsselung der Leser mitverstrickt wird. Dies klinge "kompliziert", gibt der Rezensent zu, "und ist in Wirklichkeit noch komplizierter". Und so muss der bewundernde Breitenstein auch kapitulieren vor der Schilderung des Plots, denn eine solche werde von die "Stilprinzipien"des Romans - "Zitat und Verschachtelung, Doppelung und Spiegelung, Bruch und Widerspruch" - unmöglich gemacht.

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