Iwan Scholtowski - Chmelnizki, Dmitrij
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Iwan Scholtowski gilt als Schlüsselfigur der sowjetischen Architektur. 1932 wurde er durch den Wettbewerb für den Palast der Sowjets weltbekannt. Nach Stalins Hinwendung zum sozialistischen Klassizismus, die das Ende des russischen Konstruktivismus bedeutete, übernahm Scholtowski die Leitung für die Ausbildung der sowjetischen Architekten entsprechend der neuen stilistischen Regeln. Seine Entwurfsmethoden sind in Russland bis heute sehr populär geblieben. Das Schicksal und das schöpferische Leben Scholtowskis bleiben jedoch weitgehend rätselhaft. In diesem Buch werden Leben und Werk von Iwan…mehr

Produktbeschreibung
Iwan Scholtowski gilt als Schlüsselfigur der sowjetischen Architektur. 1932 wurde er durch den Wettbewerb für den Palast der Sowjets weltbekannt. Nach Stalins Hinwendung zum sozialistischen Klassizismus, die das Ende des russischen Konstruktivismus bedeutete, übernahm Scholtowski die Leitung für die Ausbildung der sowjetischen Architekten entsprechend der neuen stilistischen Regeln. Seine Entwurfsmethoden sind in Russland bis heute sehr populär geblieben. Das Schicksal und das schöpferische Leben Scholtowskis bleiben jedoch weitgehend rätselhaft. In diesem Buch werden Leben und Werk von Iwan Scholtowski erstmals kritisch in den Kontext der despotischen Herrschaft Josef Stalins eingebettet. Teils unveröffentlichte Zeichnungen aus dem Staatlichen Architekturmuseum in Moskau illustrieren dieses wichtige Kapitel der sowjetischen Baugeschichte.
  • Produktdetails
  • Grundlagen
  • Verlag: Dom Publishers
  • Seitenzahl: 212
  • Erscheinungstermin: 16. März 2015
  • Deutsch
  • Abmessung: 230mm x 213mm x 14mm
  • Gewicht: 575g
  • ISBN-13: 9783869222837
  • ISBN-10: 3869222832
  • Artikelnr.: 41759603
Autorenporträt
Dmitrij Chmelnizki, Jg. 1953, Architekt, Architekturhistoriker und Publizist. Studium in Duschanbe und Leningrad. Promotion zur Architektur der Stalinzeit an der Technischen Universität Berlin. Publikationen zur Architektur und Kunstgeschichte der UdSSR und zur postsowjetischen Gesellschaft. Anastasia Firsowa, Jg. 1978, Studium der Kunstgeschichte in Moskau, Promotion über Leben und Werk Iwan Scholtowskis (2004). Ab 2008 Leiterin der Ausstellungsabteilung am Staatlichen Schtschussew-Museum für Architektur in Moskau. Zahlreiche Publikationen zur sowjetischen Architektur der Stalinzeit. Kuratorin von Ausstellungen in Russland und anderen Ländern. Verstorben 2014.
Rezensionen

Perlentaucher-Notiz zur Süddeutsche Zeitung-Rezension

Wie künstlerisches und politisches Handeln zusammengehen können, lernt Rezensentin Christine Tauber in Dmitrij Chmelnizkis Buch über den regimetreuen Sowjet-Architekten Iwan Scholtowski. Tauber begrüßt den kritischen Ton in der Betrachtung des Stalin-Preisträgers und obersten Architektur-Zensors der Sowjets. Umso bedauerlicher findet sie jedoch, dass der Autor Fragen nach Auftraggebern und Mechanismen im Architekturgeschäft der UdSSR nur spekulativ begegnet und kein Archivmaterial bemüht. Die Gestalt Scholtowskis erscheint Tauber am Ende nur noch rätselhafter. Zumal nicht alle Texte und Literaturtitel der russischen Ausgabe für den Band übersetzt wurden, wie die Rezensentin feststellen muss, und der ebenfalls enthaltene Text der Scholtowski-Schülerin Anastasia Firsowa für Tauber ein ideologisch-legitimistisches, Chmelnizkis Text konterkarierendes Floskelwesen darstellt.

© Perlentaucher Medien GmbH
Besprechung von 11.11.2015
Vom Konstruktivismus zum Kolossalstil
Wie die Architekten Sergey Chernyshev und Iwan Scholtowski ihren Weg der Sowjetmoderne beschritten
Die Jugendvita von Sergey Chernyshev, dem berühmten Architekten des „neuen Moskau“, liest sich, als sei sie von Giorgio Vasari erfunden: Serjoscha wird 1881 im ländlichen Alexandrowskoje als Sohn eines Bauern geboren. Der Vater versucht sich autodidaktisch als Ikonenmaler, und das zeichnerisch begabte Kind geht ihm dabei schon früh zur Hand. Nachdem sein künstlerisches Talent offenkundig geworden ist, muss sich der noch nicht einmal Zwölfjährige im Nachbardorf einem Initiationsritus vor dem Dorfältesten unterziehen, der ihm die Aufnahme an der Moskauer Schule für Kunst, Skulptur und Architektur ermöglichen soll. Die von Chernyshev selbst überlieferte Szene, die einer tiefer gehenden Deutung harrt, spielt sich wie folgt ab: „Ich sollte also meine Prüfung absolvieren. Die Aufgabe bestand darin, einen lächelnden Kopf des Romulus zu zeichnen. Doch egal, wie sehr ich mich anstrengte, das Gesicht sah aus, als ob er weinte. Ich wusste zu diesem Zeitpunkt noch nicht, dass man, um ein Lächeln zu malen, die Mundwinkel hochgezogen darstellen muss. . . “ Diesem Anfängerfehler zum Trotz wurde der Bauernsohn nach Moskau und anschließend nach St. Petersburg geschickt; ihm stand bald eine kometengleiche Karriere als Architekt bevor.
  Dom-publishers haben jetzt zwei Monografien über sowjetische Architekten in ihrer Reihe „Grundlagen“ herausgebracht, die im Rahmen des Kooperations- und Forschungsprogramms „Architekten und Bauten der Sowjetunion“ zwischen dem Staatlichen Schtschussew-Museum für Architektur und dem Verlag entstanden sind. Geplant sind weitere Monografien, unter anderem zu Boris Jofan, einem der Planer des „Palastes der Sowjets“, und zu Alexej Schtschussew, dem Namensgeber des Moskauer Architekturmuseums.
  Der zweisprachige Band (in Russisch und Englisch) über Chernyshev, auf Archivstudien basierend und großzügig mit Abbildungen versehen, bietet interessante Details über die vorrevolutionäre Künstlerausbildung in Russland, die noch ganz am Kanon der Pariser Académie royale de peinture et de sculpture orientiert war: Zeichnen, zeichnen, zeichnen, lautete die Devise, nach antiken Skulpturen, nach Aktmodellen, nach vorbildlichen Zeichnungen, nach Architekturdetails. Ergänzt wurde diese Formationsphase durch eine viermonatige Bildungsreise durch Europa. Entsprechend klass(izist)isch präsentieren sich denn auch Chernyshevs erste eigenständige Bauten mit ihren Säulenportiken und -kolonnaden.
  In ihrer chronologischen Nachzeichnung von Chernyshevs Aufstieg blenden Ivan Lykoshin und Irina Cheredina Fragen nach Verstrickungen ihres Helden in die monumentalen Gleichschaltungsmaßnahmen der Revolution und seinem Engagement im Stalin-Regime aus. Keine Aufgabe ist ihm in dieser Sicht der Dinge zu banal, als dass sich daran nicht sein genialischer Zugriff hätte manifestieren können – so selbst an revolutionären Propagandaschildern, die er mit klassischen Formen nobilitierte. In seinem Entwurf für das Moskauer Lenin-Institut 1924 adaptiert Chernyshev einen dem revolutionär-avantgardistischen Zeitgeschmack entsprechenden „harmonisierenden“ Konstruktivismus, der dann auch in seinen zahlreichen Arbeiterwohnungen und in Bauten für die Elektroindustrie zur Anwendung kam. Sozialutopische Ideale im Sinne der Frühsozialisten und der Gartenstadtbewegung lagen seinen „Idealstadtentwürfen“ zugrunde – für die sozialistische Neustadt Magnitogorsk, das Industriezentrum im Ural, für das Gelände der Allrussischen Landwirtschafts- und Handwerksausstellung 1923 – und mündeten 1935 in den ersten, zusammen mit Wladimir Semjonow entworfenen Generalplan für die urbanistische Restrukturierung von Moskau.
  In allen ideologischen Verwerfungen präsentiert sich der Architekt nach dem Willen der Autoren als ausschließlich von seinem professionellen Ethos gelenkter Diplomat, der über die Gabe des Schweigens in kritischen Momenten verfügt. Stets ist er um die Erhaltung des historischen Baubestandes, um harmonische Ensemblebildung und Blickachsenkonstruktion bemüht. Im Vergleich hierzu rückt Dmitrij Chmelnizki seinem Untersuchungsgegenstand, Iwan Scholtowski, Aushängeschild des sowjetischen Architektenverbandes und der Architekturakademie, Ausbilder unzähliger Jungarchitekten in seiner Meisterwerkstatt, Stalin-Preisträger sowie oberster Architektur-Zensor, deutlich kritischer zu Leibe. Er fragt nach dessen undurchschaubaren Kontakten in die höchsten Kreise der Sowjetregierung, nach seiner Protektion durch den Volkskommissar für Bildung, Anatoli Lunatscharski, und durch Stalin selbst im Umfeld der Wettbewerbe für den „Palast der Sowjets“; nach den Hintergründen seiner „Dienstreise“ nach Italien 1923; nach den Auftraggebern und den Mechanismen, die in den Wettbewerben für Regierungsbauten walteten; generell nach den Entscheidungsträgern in architektonischen Fragen in der UdSSR.
  Antworten auf diese für die sowjetische Architekturgeschichte virulenten Fragen kann Chmelnizki jedoch nur bedingt geben, vieles bleibt spekulativ: Er benennt zwar die Forschungsdesiderate, hat sich aber selbst nicht in die Archive begeben, so dass er das „Rätsel Scholtowski“ letztlich nicht lösen kann. Dem deutschsprachigen Leser bleibt die Figur umso rätselhafter, als von den 13 Unterkapiteln des russischen Textes nur acht ins Deutsche übersetzt wurden, ebenso wie die russischen Literaturtitel, die auf Deutsch gar nicht existieren. Der von ideologisch-legitimistischen Floskeln strotzende Text der verstorbenen Schülerin Scholtowskis, Anastasia Firsowa, über ihren verehrten Lehrer relativiert zudem den kritischen Impetus von Chmelnizkis Untersuchung, denn ihr panegyrischer Versuch, den Profiteur des Regimes als Aufklärer erstrahlen zu lassen, wirkt im Kontrast absurd.
  Den von Philipp Meuser in seinem Vorwort konstatierten dreifachen stilistischen Richtungswechsel in der sowjetischen Architekturgeschichte – vom Konstruktivismus über den Neotraditionalismus zur Sowjetmoderne – machte Scholtowski nur sehr bedingt mit: Er blieb lebenslang italienischen Vorbildern und insbesondere den Vorgaben Andrea Palladios verhaftet, dessen „Quattro libri dell’ architettura“ er ins Russische übersetzte und dessen Palazzo Thiene in Vicenza er in seiner Moskauer Villa Tarassow nachbaute. Konstruktivistische „Ausreißer“ in Scholtowskis Œuvre stellen – bedingt durch die Bauaufgabe – allein das Kesselhaus des Moskauer Wasserkraftwerks Moges sowie einige weitere Industriebauten dar. Der wohl für den Geheimdienst in Moskau errichtete „Palast“ in der Mochowaja-Straße war für Scholtowskis Kollegen Wiktor Wesnin der „Sargnagel des Konstruktivismus“.
  Den in seinen Entwürfen und Bauten vorherrschenden eklektischen, seine Vorbilder nutzenden Neoklassizismus, der sich in idealer Weise mit dem von Stalin favorisierten antimodernistischen Kolossalstil traf, legitimierte Scholtowski in seinem hier wiederabgedruckten Text „Über die wahre und die falsche Schönheit in der Architektur“ von 1955: „Klassik – das ist Weisheit, Einfachheit und Zweckmäßigkeit. Ein so tiefes Eindringen in die Prinzipien der wahren Klassik macht uns sowohl von spießbürgerlicher, sinnloser Verzierung als auch von ideenloser Vereinfachung und Inhaltlosigkeit, Merkmalen, die der modernen bürgerlichen Architektur des Westens eigen sind, frei.“ Künstlerisches und politisches Handeln trafen sich bei diesem staatsbejahenden Epigonen modellhaft, interessierte er sich doch in seinen Bauten ausschließlich für die Fassadengestaltung.
CHRISTINE TAUBER
  
Ivan Lykoshin, Irina Cheredina: Sergey Chernyshev. Architect of The New Moscow. 1881–1963. DOM publishers, Berlin 2015. 264 S., ca. 290 Abbildungen, 28 Euro.
Dmitrij Chmelnizki: Iwan Scholtowski. Architekt des sowjetischen Palladianismus. Mit einem Beitrag von Anastasia Firsowa. DOM publishers, Berlin 2015. 212 S., 180 Abbildungen, 28,00 Euro.
Sergey Chernyshev nobilitierte
selbst Propagandaschilder
Kunst und Politik verband der
Epigone in idealtypischer Weise
„Klassik – das ist Weisheit, Einfachheit und Zweckmäßigkeit.“ – Iwan Scholtowski: Hippodrom, Moskau (1950-1955).
Foto:  Staatliches Schtschussew-Museum für Architektur
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