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Yejide hofft auf ein Wunder. Sie will ein Kind. Ihr geliebter Mann Akin wünscht es sich, ihre Schwiegermutter erwartet es. Sie hat alles versucht: Untersuchungen, Pilgerreisen und Stoßgebete - vergeblich. Dann nimmt ihre Schwiegermutter das Heft in die Hand und stellt Akin eine zweite Frau zur Seite. Eine, die ihm ein Kind schenken kann.
Dabei haben sich Akin und Yejide entgegen der nigerianischen Sitten entschieden, keine zweite Frau in die Ehe zu holen. Doch jetzt ist sie da, und Yejide voller Wut und Trauer. Um ihre Ehe zu retten, muss sie schwanger werden - aber um welchen Preis? Ay
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Produktbeschreibung
Yejide hofft auf ein Wunder. Sie will ein Kind. Ihr geliebter Mann Akin wünscht es sich, ihre Schwiegermutter erwartet es. Sie hat alles versucht: Untersuchungen, Pilgerreisen und Stoßgebete - vergeblich. Dann nimmt ihre Schwiegermutter das Heft in die Hand und stellt Akin eine zweite Frau zur Seite. Eine, die ihm ein Kind schenken kann.

Dabei haben sich Akin und Yejide entgegen der nigerianischen Sitten entschieden, keine zweite Frau in die Ehe zu holen. Doch jetzt ist sie da, und Yejide voller Wut und Trauer. Um ihre Ehe zu retten, muss sie schwanger werden - aber um welchen Preis? Ay bámi Adébáy s Debütroman erzählt mit emotionaler Kraft eine universelle Geschichte. Wie viel sind wir bereit zu opfern, um eine Familie zu bekommen?

"Brennend, fesselnd, wunderschön." Margaret Atwood
  • Produktdetails
  • Verlag: Piper
  • Seitenzahl: 350
  • Erscheinungstermin: 1. August 2018
  • Deutsch
  • Abmessung: 211mm x 131mm x 35mm
  • Gewicht: 455g
  • ISBN-13: 9783492058902
  • ISBN-10: 3492058906
  • Artikelnr.: 52368108
Autorenporträt
Adebayo, Ayobami
Ay__bámi Adébáy__, geboren 1988 in Lagos, studierte Englische Literatur und Kreatives Schreiben unter anderem bei Margaret Atwood und Chimamanda Ngozi Adichie. Ihre Geschichten erschienen in zahlreichen Zeitschriften. Ihr Debütroman »Bleib bei mir« wurde von der Kritik hoch gelobt, war für den Baileys Women's Prize for Fiction nominiert und wurde in dreizehn Länder verkauft.

Hummitzsch, Maria
Maria Hummitzsch, geboren 1982, studierte in Leipzig, Lissabon und Florianópolis Übersetzung, Psychologie und Afrikanistik. Seit 2011 arbeitet sie als Literaturübersetzerin aus dem Portugiesischen und Englischen. Sie ist 2. Vorsitzende des Verbands der Literaturübersetzer (VdÜ), Mitbegründerin des Übersetzerzentrums auf der Leipziger Buchmesse und Mitorganisatorin der Deutsch-Brasilianischen ViceVersa-Übersetzerwerkstätten. Zu den von ihr übersetzten Autor/innen gehören u.a. David Garnett, Waguih Ghali, David Foster Wallace, Imbolo Mbue, Iris Murdoch und Ay__bámi Adébáy__. Maria Hummitzsch lebt mit ihrem Partner und ihrer Tochter in Leipzig.
Rezensionen
Besprechung von 11.08.2018
Mangogelbe Zweitfrau
In ihrem berührenden Familienroman „Bleib bei mir“ erzählt die nigerianische Schriftstellerin Ayobami Adebayo aus
einem Land, in dem es für einen unerfüllten Kinderwunsch folgende Lösung gibt: die Ehe zu dritt, zu viert, zu fünft
VON MEREDITH HAAF
Die Weltliteratur besteht aus Milliarden Seiten, auf denen von Liebe und Tod, Krieg und Frieden, Stolz und Vorurteil erzählt wird. Dabei gibt es für die verrücktesten, traurigsten und mutigsten Dinge, die Menschen tun, ein Motiv, das mindestens so wichtig und vergleichsweise vernachlässigt ist: den Wunsch, sich zu reproduzieren.
Seltsam eigentlich. Der Kinderwunsch ist nicht jeder oder jedem zu eigen, ist nicht erklärbar und widersetzt sich jeder schlüssigen Erzählung so vehement wie der künstlerische Schaffenstrieb oder sexuelle Begierden. Er gehört aber auch zu jenen Anwandlungen, die keiner kulturellen Übersetzung bedürfen. Er ist universell und in seinen Hauptaggregatzuständen – erfüllt, zu erfüllen, unerfüllbar – schreibt er Liebestragödien und erotische Erzählungen, generiert Krimis und Science-Fiction: Menschen trennen sich seinetwegen, beginnen schlechte Affären, lassen Föten in Petrischalen entstehen und gegen Geld in fremde Frauenkörper einpflanzen, um schließlich das Endergebnis Wunschkind per Flugzeug in ihre Heimatländer zu transportieren. Die Sehnsucht nach einem Kind kann für die, die sie haben, echter sein als jedes andere Gefühl; ein Kind ist in mancher Lebensphase das Einzige, was sich nicht wegdiskutieren lässt.
Die nigerianische Autorin Ayobami Adebayo hat einen wunderbaren, vor erzählerischer Kraft strotzenden Roman über die Macht dieses Wunsches geschrieben. Sie zeigt in „Bleib bei mir“ eindrücklich, dass dieses Thema nicht nur – wie das Klischee besagt – eines weiblicher Biografien ist. Die tiefen Verletzungen, die entstehen, wenn Fortpflanzung zum Gegenstand inneren oder äußeren Zwangs wird, treffen auch Männer. Das gilt gerade in patriarchalen Gesellschaften, wo die Scham beide Geschlechter betrifft, wenn auch mit sehr unterschiedlichen Folgen. Adebayo gelingt es auf besondere Weise, die Sehnsucht nach Kontrolle freizulegen – über das Selbst, über andere und über die Zukunft – die in einem Kinderwunsch steckt.
Der Roman beginnt im Jahr 2008 mit der Rückkehr einer Frau namens Yejide in die Stadt, in der ihr Mann Akin lebt, von dem sie sich getrennt hat. Seit 15 Jahren haben sie sich nicht gesehen, nun hat er sie zur Beerdigung seines Vaters eingeladen, und sie hat beschlossen, endlich mit ihm zu sprechen. Sie will weg aus dem Ort, an dem sie sich vor ihm versteckt hat. Denn dort gibt es politische Morde, die ihr Angst machen. Und sie hat sich dort niemandem zu erkennen gegeben, weder Freundinnen noch Verehrern: „Ich habe ihnen nur einen Teil meiner Geschichte erzählt: dass ich unfruchtbar war und mein Mann sich eine andere Frau gesucht hat. Keiner hat je weiter nachgefragt, also habe ich ihnen nie von meinen Kindern erzählt.“ Dass Yejide eine unzuverlässige Erzählerin ihres eigenen Lebens ist, wird die Leserin immer wieder erfahren. Dass dies auch daran liegt, dass sie im Lauf ihres Leidenswegs um jedes Vertrauen gebracht wurde, und zwar von der Liebe ihres Lebens, ist der Hintergrund der dichten Handlung, die in saftigen Bildern und scharfen Dialogen erzählt wird. Die Wahrheit ist in Gefühlsdingen eben das, was wir dazu machen.
Adebayo lässt Yejide und ihren Mann eine Geschichte in 42 Kapiteln erzählen, die Mitte der Achtzigerjahre mit einer Attacke losgeht: Vier Jahre nach ihrer Hochzeit werden Akin und Yejide von seinen Verwandten aufgesucht, einem Trupp aus Großmüttern, Tanten und Onkels: „Schon damals spürte ich, dass sie auf Krieg aus waren.“ Dabei ist Iya Martha, eine von Yejides „vier Müttern“, anders gesagt, eine der vier Nebenfrauen von Yejides Vater. Mit dabei auch: eine „mangogelbe Frau“, die schöne Funmi, von der Familie als Zweitfrau für Akin erkoren. Akin lässt Adebayo zu Anfang verkünden: „Ich war vom ersten Anblick in Yejide verliebt. Kein Zweifel. Aber es gibt Dinge, die die Liebe nicht vermag. Bevor ich heiratete, glaubte ich, die Liebe allein könne alles schaffen. Ich lernte bald, dass ich der Belastung der vier Jahre ohne Kinder nicht gewachsen war.“ Auch er entpuppt sich als unaufrichtiger Erzähler.
Ihre Kinderlosigkeit ist jedenfalls der Grund, warum Funmi in diese Ehe kommen soll, obwohl Akin und Yejide sich gegen die Tradition der Polygamie entschieden haben, die in Nigeria nach wie vor verbreitet ist. Yejide, deren Mutter bei ihrer Geburt starb, wurde von den anderen Müttern ausgegrenzt. Sie sehnt sich nach Zugehörigkeit, und deshalb danach, selbst Mutter zu sein. Als Akin sie in der Frischverliebtenphase fragt, was sie bei einem Brand retten würde, antwortet sie: „Unser Baby“, obwohl es gar kein Baby gibt. Sie braucht eines – für sich, und weil der Druck von außen unerträglich wird, die geliebte Schwiegermutter ihr bittere Vorwürfe macht: „Ich bitte dich, mach mein Leben nicht kaputt. Er ist mein erstgeborener Sohn, Yejide.“
Akin will Druck von Yejide nehmen und heiratet die Zweitfrau. Doch damit entwickelt sich das Leben des Paares von der harmonischen Zweisamkeit zur Farce. Funmi lauert Yejide ständig auf, und die wiederum versucht alles, um schneller als die Rivalin an ein Baby zu kommen. Schließlich absolviert sie sogar ein absurdes Yoruba-Ritual, bei dem Yejide mit einer als Säugling verkleideten Ziege in Kontakt treten muss: „Wir tanzten, bis mein Hals so ausgetrocknet war, dass ich kaum noch schlucken konnte. Jedes Mal, wenn ich blinzelte, blitzten Lichter und Farben auf wie Bruchstücke eines gebrochenen Regenbogens. Plötzlich, unter der funkelnden Sonne, erschien mir die Ziege als Neugeborenes, und ich glaubte.“ Wenn man sich auf diese Szene einlässt, zeigt sie sich als wunderbares Bild für das zeitgenössische Baby-Voodoo: Frauen, die größte Demütigungen ertragen, um ihrer Fruchtbarkeit willen, denen permanent erklärt wird, mit der richtigen Einstellung werde das schon – die gibt es auch im Jahr 2018 in Deutschland.
Dass man diese Brücke mühelos schlagen kann, liegt an Ayobami Adebayos konzentrierter, immer einladender Erzählweise. Ein sprachliches Problem gibt es aber: Die Übersetzerin Maria Hummitzsch hat sich offensichtlich Mühe gegeben, Adebayos Nigeria-Englisch so authentisch wie möglich zu übertragen. Sie bringt es in ein frisches Deutsch. Aber Deutsch bleibt eben Deutsch, eine Sprache, die sich anders als das Englische, sehr gegen Fremdeinwirkungen und Amalgamierungen sperrt. Es liest sich merkwürdig, wenn zwei Frauen miteinander schäkern und da steht: „Ich sage nur, dass das Harte süß ist, abi. Aber dieser Gott ist ein großer Gott-o.“ Das klingt im Deutschen wie eine angestrengte Imitation von native speaking. Das ist nicht Hummitzsch’ Schuld, lässt einen aber darüber nachdenken, was es mit der deutschen Sprache und ihren Hütern auf sich hat, dass sie sich so schwer öffnen lässt für die Farbkleckse fremder Dialekte und Sprachen; oder ob es vielleicht in zwei Generationen auch Hoffnung auf ein Nigeria-Deutsch gibt?
Die Liebes- und Familiengeschichte von „Bleib bei mir“ und die vielen Details aus dem nigerianischen Alltag und der politischen Geschichte des Landes machen dieses Buch aber in jeder Sprache lesenswert.
Mit der Zeit wird der Abstand zwischen Yejide und Akin größer, durch Verwirrung, Verlust und Vertrauensmissbrauch. Tatsächlich erleben sie doch noch die Erfüllung ihres Babytraums, aber dann muss sich das Paar der Frage stellen, was der größere Fluch ist: Nie ein Kind gehabt zu haben, oder es zu verlieren? Die Autorin wartet wie eine gütige Göttin mit einer letzten überraschenden Wende auf (es ereignen sich davon zahlreiche), ein kleines bisschen Heilung kommt nach vielen schmerzerfüllten Seiten in Sicht.
Ihrer Figur Yejide teilt Adebayo aber dieselbe Rolle zu, die ihr auch die Gesellschaft zuschreibt. Wir erfahren fast nichts darüber, was sie in der Zeit ohne Akin gemacht hat. „Es würde noch eine Weile dauern, bis ich begriff, dass jedes meiner Kinder mir genauso viel gegeben hatte, wie genommen“, heißt es nur, und dass sie offenbar keinen anderen Mann hatte, versteht man noch. Doch wer sie in diesen 15 Jahren war, wird nur nebenbei erzählt, als Polster einer dürren Rahmenhandlung. Das kann man ärgerlich finden, oder es als das nehmen, was es ist: Die unumstößliche Wahrheit, dass eine Frau, wenn sie einmal Mutter geworden ist, alles Mögliche noch werden kann, aber doch vor allem Mutter bleibt – selbst in der Fantasie einer Schöpferin wie Ayobami Adebayo.
Ein Kind ist in mancher
Lebensphase das Einzige, was
sich nicht wegdiskutieren lässt
Was ist der größere Fluch:
nie ein Kind gehabt zu haben
oder es zu verlieren?
Ayobami Adebayo ist 1988 in Lagos geboren und hat bei Margaret Atwood und Chimamanda Ngozi Adichie Kreatives Schreiben und Englische Literatur studiert.
Foto: Eniola Alakija
Ayobami Adebayo: Bleib bei mir. Roman. Piper Verlag, München 2018. 352 Seiten, 22 Euro.
DIZdigital: Alle Rechte vorbehalten – Süddeutsche Zeitung GmbH, München
Jegliche Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über www.sz-content.de
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"Es ist ein faszinierendes Debüt, das von einer Welt erzählt, in der der Einzelne nur im Familienverbund zählt und kein Raum für Abweichungen bleibt. Mit ihrer klaren und gewandten Prosa dringt Adébáyò tief in die Seelen ihrer Protagonisten ein und malt bestrickende Bilder.", Neue Züricher Zeitung, 21.11.2018
Mangogelbe Zweitfrau

In ihrem berührenden Familienroman „Bleib bei mir“ erzählt die nigerianische Schriftstellerin Ayobami Adebayo aus
einem Land, in dem es für einen unerfüllten Kinderwunsch folgende Lösung gibt: die Ehe zu dritt, zu viert, zu fünft

VON MEREDITH HAAF

Die Weltliteratur besteht aus Milliarden Seiten, auf denen von Liebe und Tod, Krieg und Frieden, Stolz und Vorurteil erzählt wird. Dabei gibt es für die verrücktesten, traurigsten und mutigsten Dinge, die Menschen tun, ein Motiv, das mindestens so wichtig und vergleichsweise vernachlässigt ist: den Wunsch, sich zu reproduzieren.

Seltsam eigentlich. Der Kinderwunsch ist nicht jeder oder jedem zu eigen, ist nicht erklärbar und widersetzt sich jeder schlüssigen Erzählung so vehement wie der künstlerische Schaffenstrieb oder sexuelle Begierden. Er gehört aber auch zu jenen Anwandlungen, die keiner kulturellen Übersetzung bedürfen. Er ist universell und in seinen Hauptaggregatzuständen – erfüllt, zu erfüllen, unerfüllbar – schreibt er Liebestragödien und erotische Erzählungen, generiert Krimis und Science-Fiction: Menschen trennen sich seinetwegen, beginnen schlechte Affären, lassen Föten in Petrischalen entstehen und gegen Geld in fremde Frauenkörper einpflanzen, um schließlich das Endergebnis Wunschkind per Flugzeug in ihre Heimatländer zu transportieren. Die Sehnsucht nach einem Kind kann für die, die sie haben, echter sein als jedes andere Gefühl; ein Kind ist in mancher Lebensphase das Einzige, was sich nicht wegdiskutieren lässt.

Die nigerianische Autorin Ayobami Adebayo hat einen wunderbaren, vor erzählerischer Kraft strotzenden Roman über die Macht dieses Wunsches geschrieben. Sie zeigt in „Bleib bei mir“ eindrücklich, dass dieses Thema nicht nur – wie das Klischee besagt – eines weiblicher Biografien ist. Die tiefen Verletzungen, die entstehen, wenn Fortpflanzung zum Gegenstand inneren oder äußeren Zwangs wird, treffen auch Männer. Das gilt gerade in patriarchalen Gesellschaften, wo die Scham beide Geschlechter betrifft, wenn auch mit sehr unterschiedlichen Folgen. Adebayo gelingt es auf besondere Weise, die Sehnsucht nach Kontrolle freizulegen – über das Selbst, über andere und über die Zukunft – die in einem Kinderwunsch steckt.

Der Roman beginnt im Jahr 2008 mit der Rückkehr einer Frau namens Yejide in die Stadt, in der ihr Mann Akin lebt, von dem sie sich getrennt hat. Seit 15 Jahren haben sie sich nicht gesehen, nun hat er sie zur Beerdigung seines Vaters eingeladen, und sie hat beschlossen, endlich mit ihm zu sprechen. Sie will weg aus dem Ort, an dem sie sich vor ihm versteckt hat. Denn dort gibt es politische Morde, die ihr Angst machen. Und sie hat sich dort niemandem zu erkennen gegeben, weder Freundinnen noch Verehrern: „Ich habe ihnen nur einen Teil meiner Geschichte erzählt: dass ich unfruchtbar war und mein Mann sich eine andere Frau gesucht hat. Keiner hat je weiter nachgefragt, also habe ich ihnen nie von meinen Kindern erzählt.“ Dass Yejide eine unzuverlässige Erzählerin ihres eigenen Lebens ist, wird die Leserin immer wieder erfahren. Dass dies auch daran liegt, dass sie im Lauf ihres Leidenswegs um jedes Vertrauen gebracht wurde, und zwar von der Liebe ihres Lebens, ist der Hintergrund der dichten Handlung, die in saftigen Bildern und scharfen Dialogen erzählt wird. Die Wahrheit ist in Gefühlsdingen eben das, was wir dazu machen.

Adebayo lässt Yejide und ihren Mann eine Geschichte in 42 Kapiteln erzählen, die Mitte der Achtzigerjahre mit einer Attacke losgeht: Vier Jahre nach ihrer Hochzeit werden Akin und Yejide von seinen Verwandten aufgesucht, einem Trupp aus Großmüttern, Tanten und Onkels: „Schon damals spürte ich, dass sie auf Krieg aus waren.“ Dabei ist Iya Martha, eine von Yejides „vier Müttern“, anders gesagt, eine der vier Nebenfrauen von Yejides Vater. Mit dabei auch: eine „mangogelbe Frau“, die schöne Funmi, von der Familie als Zweitfrau für Akin erkoren. Akin lässt Adebayo zu Anfang verkünden: „Ich war vom ersten Anblick in Yejide verliebt. Kein Zweifel. Aber es gibt Dinge, die die Liebe nicht vermag. Bevor ich heiratete, glaubte ich, die Liebe allein könne alles schaffen. Ich lernte bald, dass ich der Belastung der vier Jahre ohne Kinder nicht gewachsen war.“ Auch er entpuppt sich als unaufrichtiger Erzähler.

Ihre Kinderlosigkeit ist jedenfalls der Grund, warum Funmi in diese Ehe kommen soll, obwohl Akin und Yejide sich gegen die Tradition der Polygamie entschieden haben, die in Nigeria nach wie vor verbreitet ist. Yejide, deren Mutter bei ihrer Geburt starb, wurde von den anderen Müttern ausgegrenzt. Sie sehnt sich nach Zugehörigkeit, und deshalb danach, selbst Mutter zu sein. Als Akin sie in der Frischverliebtenphase fragt, was sie bei einem Brand retten würde, antwortet sie: „Unser Baby“, obwohl es gar kein Baby gibt. Sie braucht eines – für sich, und weil der Druck von außen unerträglich wird, die geliebte Schwiegermutter ihr bittere Vorwürfe macht: „Ich bitte dich, mach mein Leben nicht kaputt. Er ist mein erstgeborener Sohn, Yejide.“

Akin will Druck von Yejide nehmen und heiratet die Zweitfrau. Doch damit entwickelt sich das Leben des Paares von der harmonischen Zweisamkeit zur Farce. Funmi lauert Yejide ständig auf, und die wiederum versucht alles, um schneller als die Rivalin an ein Baby zu kommen. Schließlich absolviert sie sogar ein absurdes Yoruba-Ritual, bei dem Yejide mit einer als Säugling verkleideten Ziege in Kontakt treten muss: „Wir tanzten, bis mein Hals so ausgetrocknet war, dass ich kaum noch schlucken konnte. Jedes Mal, wenn ich blinzelte, blitzten Lichter und Farben auf wie Bruchstücke eines gebrochenen Regenbogens. Plötzlich, unter der funkelnden Sonne, erschien mir die Ziege als Neugeborenes, und ich glaubte.“ Wenn man sich auf diese Szene einlässt, zeigt sie sich als wunderbares Bild für das zeitgenössische Baby-Voodoo: Frauen, die größte Demütigungen ertragen, um ihrer Fruchtbarkeit willen, denen permanent erklärt wird, mit der richtigen Einstellung werde das schon – die gibt es auch im Jahr 2018 in Deutschland.

Dass man diese Brücke mühelos schlagen kann, liegt an Ayobami Adebayos konzentrierter, immer einladender Erzählweise. Ein sprachliches Problem gibt es aber: Die Übersetzerin Maria Hummitzsch hat sich offensichtlich Mühe gegeben, Adebayos Nigeria-Englisch so authentisch wie möglich zu übertragen. Sie bringt es in ein frisches Deutsch. Aber Deutsch bleibt eben Deutsch, eine Sprache, die sich anders als das Englische, sehr gegen Fremdeinwirkungen und Amalgamierungen sperrt. Es liest sich merkwürdig, wenn zwei Frauen miteinander schäkern und da steht: „Ich sage nur, dass das Harte süß ist, abi. Aber dieser Gott ist ein großer Gott-o.“ Das klingt im Deutschen wie eine angestrengte Imitation von native speaking. Das ist nicht Hummitzsch’ Schuld, lässt einen aber darüber nachdenken, was es mit der deutschen Sprache und ihren Hütern auf sich hat, dass sie sich so schwer öffnen lässt für die Farbkleckse fremder Dialekte und Sprachen; oder ob es vielleicht in zwei Generationen auch Hoffnung auf ein Nigeria-Deutsch gibt?

Die Liebes- und Familiengeschichte von „Bleib bei mir“ und die vielen Details aus dem nigerianischen Alltag und der politischen Geschichte des Landes machen dieses Buch aber in jeder Sprache lesenswert.

Mit der Zeit wird der Abstand zwischen Yejide und Akin größer, durch Verwirrung, Verlust und Vertrauensmissbrauch. Tatsächlich erleben sie doch noch die Erfüllung ihres Babytraums, aber dann muss sich das Paar der Frage stellen, was der größere Fluch ist: Nie ein Kind gehabt zu haben, oder es zu verlieren? Die Autorin wartet wie eine gütige Göttin mit einer letzten überraschenden Wende auf (es ereignen sich davon zahlreiche), ein kleines bisschen Heilung kommt nach vielen schmerzerfüllten Seiten in Sicht.

Ihrer Figur Yejide teilt Adebayo aber dieselbe Rolle zu, die ihr auch die Gesellschaft zuschreibt. Wir erfahren fast nichts darüber, was sie in der Zeit ohne Akin gemacht hat. „Es würde noch eine Weile dauern, bis ich begriff, dass jedes meiner Kinder mir genauso viel gegeben hatte, wie genommen“, heißt es nur, und dass sie offenbar keinen anderen Mann hatte, versteht man noch. Doch wer sie in diesen 15 Jahren war, wird nur nebenbei erzählt, als Polster einer dürren Rahmenhandlung. Das kann man ärgerlich finden, oder es als das nehmen, was es ist: Die unumstößliche Wahrheit, dass eine Frau, wenn sie einmal Mutter geworden ist, alles Mögliche noch werden kann, aber doch vor allem Mutter bleibt – selbst in der Fantasie einer Schöpferin wie Ayobami Adebayo.

Ein Kind ist in mancher
Lebensphase das Einzige, was
sich nicht wegdiskutieren lässt

Was ist der größere Fluch:
nie ein Kind gehabt zu haben
oder es zu verlieren?

Ayobami Adebayo ist 1988 in Lagos geboren und hat bei Margaret Atwood und Chimamanda Ngozi Adichie Kreatives Schreiben und Englische Literatur studiert.

Foto: Eniola Alakija

Ayobami Adebayo: Bleib bei mir. Roman. Piper Verlag, München 2018. 352 Seiten, 22 Euro.

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