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"Es gibt Menschen, sagte er, die sind oben; das sind Gewinner. Und Menschen, die sind unten; die Verlierer." Und wenn man sich weigert, das zu akzeptieren? "Dann", sagte der Coach, "heißt es ganz schnell EDEKA: Ende der Karriere." "Deutschland braucht wieder Eliten", heißt es von allen Seiten. Wer oder was aber ist heute Elite? Julia Friedrichs begibt sich auf eine Reise zu den angesehensten Eliteschmieden des Landes. Julia Friedrichs ist fünfundzwanzig, als McKinsey ihr ein lukratives Job-Angebot unterbreitet - sie soll künftig zur Elite des Landes gehören. Was man sich darunter vorstellt,…mehr

Produktbeschreibung
"Es gibt Menschen, sagte er, die sind oben; das sind Gewinner. Und Menschen, die sind unten; die Verlierer." Und wenn man sich weigert, das zu akzeptieren? "Dann", sagte der Coach, "heißt es ganz schnell EDEKA: Ende der Karriere." "Deutschland braucht wieder Eliten", heißt es von allen Seiten. Wer oder was aber ist heute Elite?
Julia Friedrichs begibt sich auf eine Reise zu den angesehensten Eliteschmieden des Landes. Julia Friedrichs ist fünfundzwanzig, als McKinsey ihr ein lukratives Job-Angebot unterbreitet - sie soll künftig zur Elite des Landes gehören. Was man sich darunter vorstellt, erlebt sie bei einem Edel-Assessment-Center - und ist geschockt. Doch das Wort "Elite" lässt sie nicht mehr los. Sie schlägt den Job aus und recherchiert ein Jahr lang an Elite-Universitäten, Elite-Akademien, Elite-Internaten. Sie taucht ein in eine Welt, in der Menschen, die weniger als siebzig Stunden pro Woche arbeiten, "Minderleister" heißen, in der zwanzigjährige Eliteanwärter Talkshow-Auftritte trainieren und Teenager Karriereberatungen buchen. Ein kluges und kritisches, ein aufregendes Buch über die Zukunft unseres Landes. Große Dokumentation im WDR.
  • Produktdetails
  • Verlag: Hoffmann Und Campe
  • Seitenzahl: 255
  • Erscheinungstermin: Februar 2008
  • Deutsch
  • Abmessung: 209mm x 136mm x 25mm
  • Gewicht: 386g
  • ISBN-13: 9783455500516
  • ISBN-10: 345550051X
  • Artikelnr.: 23334141
Autorenporträt
Julia Friedrichs, geboren 1979, studierte Journalistik in Dortmund. Nach einem Volontariat beim Westdeutschen Rundfunk arbeitet sie nun als freie Autorin von Fernsehreportagen und Magazinbeiträgen, unter anderem für die WDR-Redaktionen "Monitor", "Echtzeit" und "Aktuelle Dokumentation". Für eine Sozialreportage wurde sie 2007 mit dem Axel-Springer-Preis für junge Journalisten und dem Ludwig-Erhard-Förderpreis ausgezeichnet. Julia Friedrichs lebt in Berlin und Köln.
Inhaltsangabe
INHALT
Vorwort
Ich lerne die Elite kennen
Wollen wir wieder Elite?
Die "Top-Adresse für die Führungselite von morgen"
In der Parallelwelt
Nur kein Niedrigleister sein!
EDEKA - Ende der Karriere
Heiße Luft
Das große Umdenken
Die Elitisierung
Die Besten oder die Reichsten?
Der Chef der Elite
Gewinner und Verlierer
Der Lebenslaufforscher
Die Elite-Akademie
Der Stolz des Freistaats
Differenzierung
Der Kampf um die vorderen Plätze
Elite mit Migrationshintergrund
Schwarzekarte
Die Schulen der Elite
Mathe: ausreichend. Elite: sehr gut
Tradition zu verkaufen
Die Politiker von Salem
Karrierecoach für Teenager
Der Maulwurf
Die alternative Elite
Looking for Harvard
Die Elite feiert
Unter Gewinnern
Abschied von der Elite
Nachwort
Dank
Die Stationen der Reise im Überblick
Literatur
Rezensionen
Besprechung von 24.01.2009
Wer ein Überflieger wird – und wer nicht
Wesentlich für das Selbstverständnis der US-Amerikaner ist die Definition ihres Landes als eines der unbegrenzten Möglichkeiten: „Wer begabt und fleißig genug ist, seine Chancen zu nutzen, kann es auch heute noch vom Tellerwäscher zum Millionär bringen.” Diese Vorstellung attackiert das neue Buch des Bestsellerautors Malcolm Gladwell Überflieger. Warum manche Menschen erfolgreich sind – und andere nicht. Die Geschichte von Selfmade-Männern ist nur ein Märchen, meint Gladwell. Er knöpft sich Unternehmer, Topanwälte, Musikstars und Software-Entwickler vor und analysiert, warum der so beliebte Mythos vom selbstbestimmten Aufstieg oberflächlich und falsch ist: „Erfolg lässt sich nicht als Ergebnis persönlicher Anstrengungen erklären. Niemand kommt aus dem Nichts.”
Schon gar nicht Profisportler. Im Eishockey etwa ist der Stichtag zur Zulassung für eine Altersgruppe der 1. Januar. Ein Junge, der im Januar zehn Jahre alt wird, spielt also in einer Mannschaft mit Jungen, von denen viele dieses Alter erst Monate später erreichen. Das Januarkind ist also einfach größer und stärker als die jüngeren Kinder, wirkt daher begabter, wird öfter aufgestellt und landet in der Fördergruppe. Die Statistik gibt Gladwell Recht: In ganz Nordamerika ist kaum ein Profi-Eishockeyspieler später als im März geboren. Ähnliche Verzerrungen herrschen in der Schule. Statistische Untersuchungen zeigen: Von zwei gleich intelligenten Kindern, von denen eines zu Beginn und das andere zum Ende seines Jahrgangs geboren wurde, erreicht das ältere zwischen 80 und 100 Prozent, das jüngere zwischen 60 und 80 des Leistungsspektrums. Das kann bedeuten, dass sich das ältere Kind für ein Förderprogramm qualifiziert und das jüngere nicht. An den Unis setzt sich das Muster fort: Die jüngste Gruppe eines Jahrgangs bleibt gegenüber der ältesten um etwa 11,6 Prozent unterrepräsentiert.
Doch nicht alles ist schicksalsbestimmt. Betrachtet man Konservatorien, so kommt heraus, dass Elitemusiker im Alter von 20 Jahren bereits etwa 10000 Stunden geübt haben. „Im Gegensatz dazu kamen die ,guten‘ Studierenden nur auf etwa 8000 Stunden Spielpraxis und die künftigen Musiklehrer auf knapp über 4000”, schreibt Journalist Gladwell. Mit dieser Erkenntnis analysiert er die Karrieren von Bill Gates, Bill Joy und den Beatles. Jeder einzelne dieser Überflieger hatte das Glück, dass er die nötigen 10000 Stunden auch leisten konnte. Wer etwa schon als Kind jobben muss, hat zum Geigespielen oder Programmieren meist keine Zeit.
Der Rest ist Erziehung: Kinder, die zu Hause Bücher vorfinden und lernen, ihre Ideen überzeugend zu formulieren, haben später die Nase vorn. Wir wollen es uns nicht eingestehen, meint Gladwell, aber Erfolg ist im Grunde nur ein akkumulierter Vorteil: „Erfolgreiche Menschen arbeiten sich nicht von allein nach oben. Es spielt eine ganz entscheidende Rolle, wo sie herkommen. Sie sind immer das Produkt ihrer Umwelt und ihrer Umstände.”
Gladwells Buch ist zutiefst unamerikanisch und dennoch oder gerade deswegen in den USA ein Bestseller. Den meisten Europäern wird die These, dass Erfolg nur auf individueller Leistung beruht, ohnehin spanisch vorkommen. Dennoch ist das Buch auch diesseits des Atlantiks lesenswert. Weil es eine gefühlte Wirklichkeit in Fakten verankert und weil es immer nutzt, über die Grundlagen eigenen und fremden Erfolgs nachzudenken. Manche Erkenntnisse wirken tröstlich, andere inspirierend, denn Überflieger sind am Ende alles andere als Überflieger. Das macht sie ein wenig menschlicher und uns Normalsterbliche ein wenig machtvoller – der Rest ist offenbar Glückssache. Barbara Bierach
Zum Thema
Die Elite von morgen
Julia Friedrichs: Gestatten: Elite. Auf den Spuren der Mächtigen von morgen. Hoffmann und Campe, Hamburg 2008, 256 Seiten, 17,95 Euro.
Die Journalistin Friedrichs hat an Elite-Instituten recherchiert. Sie taucht ein in eine Welt, in der Menschen, die weniger als siebzig Stunden pro Woche arbeiten, „Minderleister” heißen.
Welche Werte?
Daniel F. Pinnow: Elite ohne Ethik? Die Macht von Werten und Selbstrespekt. Frankfurter Allgemeine Buch, Frankfurt, September 2007, 196 S., 24,90 Euro.
Autor Pinnow analysiert – mit Blick auf die deutsche Geschichte – das Unbehagen gegenüber Eliten und diskutiert den Anspruch, moralisch zu handeln.
Wirtschaftsbuch
Malcolm Gladwell:
Überflieger. Warum manche Menschen erfolgreich sind – und andere nicht. Campus Verlag 2008,
256 Seiten, 19,90 Euro.
SZdigital: Alle Rechte vorbehalten - Süddeutsche Zeitung GmbH, München
Jegliche Veröffentlichung exklusiv über www.sz-content.de
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Besprechung von 25.02.2008
Beklommen fragt man sich, was dabei wohl alles auf der Strecke bleibt

Julia Friedrichs ist durch Deutschland gereist, auf den Spuren der Wirtschaftselite von morgen. Verstört bemerkt die Autorin das Fraglose und Geschmeidige am Typus des strengen Funktionsträgers.

In der European Business School in Oestrich-Winkel erzählt man der leistungshungrigen Nachwuchselite gern Anekdoten aus dem Reich der Tiere. Zum Beispiel von afrikanischen Antilopen, die, wenn sie morgens aufwachten, genau wüssten, dass sie nur überlebten, wenn sie schneller als jeder Löwe liefen. Die Löwen wiederum müssten schneller als die langsamste Antilope sein, nur so könnten sie ihre Beute erlegen. Nach einer längeren Kunstpause beschließt der Manager seine Geschichte mit einem Appell: "Wir müssen schnell laufen. Denken Sie darüber nach!"

Julia Friedrichs hat darüber nachgedacht, und sie hat ein Buch geschrieben über jene Menschen, die schneller sein wollen als der Rest, effizienter, leistungsstärker. Menschen, deren Leben im Viertelstundenrhythmus durchgetaktet ist und die man "high potentials" nennt. Das Buch heißt "Gestatten: Elite" und es erscheint genau im richtigen Augenblick. Die Autorin hat sich auf die Spuren der Mächtigen von morgen begeben, ein Jahr lang ist sie durch Deutschland gereist und hat den - wie es heißt - Talentschmieden und Eliteuniversitäten einen Besuch abgestattet. Eine junge Frau, die verstehen will, was sich hinter diesen diffusen Begriffen verbirgt, wer die Menschen sind, die die sogenannte Speerspitze des Landes bilden und warum. Was muss man können, um dazuzugehören zu diesem exklusiven Kreis der Gewinner, der sich, so gut es geht, abschottet?

Beginnen wir mit Bernd. Bernd ist Studentensprecher der European Business School, die in einem Schloss mitten im Rheingau residiert. Die Tage des angehenden Leistungsträgers sind so prall gefüllt, dass er auch Investmentbanker sein könnte, zwölf bis vierzehn Stunden sind absolut normal. "Es gibt während der Woche selten Phasen, in denen ich nichts mache", sagt er. Elite, das sind für ihn Menschen, "die vordenken, die Entscheidungen treffen, die alles ein bisschen besser machen". Viel mehr fällt ihm dazu nicht ein. Bernd ist einundzwanzig Jahre alt. Seine Eltern sind vermögend, das müssen sie auch sein, sonst könnten sie sich die 45 000 Euro, die die Ausbildung des Sprösslings kostet, nicht leisten.

Nach seinem Studium wird Bernd einen hochdotierten Job bekommen, das ist jetzt schon sicher, dafür sorgt das gigantische Netzwerk aus ehemaligen Absolventen. Die Elite greift sich gegenseitig gern unter die Arme. Es ist naiv zu glauben, dass allein die Leistung darüber entscheidet, wer sich in den Chefetagen dieser Welt häuslich einrichten darf. Was zählt, sind Habitus und Status oder, nicht ganz so freundlich ausgedrückt, der Stallgeruch. Kinder aus gutem Hause sind die Gewinner dieses Spiels. "Mittelschichtskinder machen trotz eines Doktortitels vor allem in der Wirtschaft wesentlich seltener Karriere als ihre Konkurrenten aus besseren Familien." Natürlich ist das nicht neu, kalt lässt es einen trotzdem nicht.

Zu den Auserwählten gehört auch Oliver. Er besucht das Internat Schloss Salem am Bodensee, eine der renommiertesten und teuersten Adressen des Landes. Wer hier lernt, den werden in Zukunft keine Geld- und Aufstiegssorgen plagen. Aber warum zählt ausgerechnet ein Salemer (vom eng geknüpften Netzwerk einmal abgesehen) zur Elite? Im Gegensatz zu anderen Schulen, sagt Oliver, versuche man in Salem den ganzen Menschen zu bilden, nicht nur das Fachliche. Mut, Verantwortung und Wahrheitsliebe, das seien "die Tugenden, mit denen Menschen zur Elite werden".

Aber Menschen wie diese trifft man vornehmlich auch außerhalb der Vorstandsetagen. Was ist zum Beispiel mit der Pflegerin auf der Kinderhospizstation oder im Krankenhaus, was mit dem Minensucher in Afghanistan? Oder bedeutet Leistung stets Profit? Wie absurd es ist, das Wort Elite für die "Hochleister" unserer Gesellschaft zu reservieren, sticht einem in diesen Tagen, wo so mancher Leistungsträger moralisch sehr tief fällt, besonders ins Auge. Julia Friedrichs zitiert in ihrem Buch den Nationalökonomen Wilhelm Röpke, der einmal den schönen Satz sagte, dass die wahre Elite eine Stellung über den Klassen, Interessen, Leidenschaften, Bosheiten und Torheiten der Menschen einnehmen und sich durch ein exemplarisches und langsam reifendes Leben der entsagungsvollen Leistung für das Ganze auszeichnen würde.

Die junge Wirtschaftselite, der Julia Friedrichs begegnete, lebt nach dem Prinzip "survival of the fittest". Siegessichere Menschen, die die Gesellschaft in oben und unten einteilen, in Gewinner und Verlierer, in Niedrigleister und Turboleister. "Grow or go" heißt das Motto der Beraterbranche: "Mach Karriere oder verschwinde". Auch Julia Friedrichs hätte ihr Leben diesem Diktat unterwerfen können. Sie bestand das berüchtigte Auswahlverfahren der Unternehmensberatung McKinsey, an dem sie aus Recherchegründen teilgenommen hatte. Am Ende hielt sie ein lukratives Jobangebot in ihren Händen: 67 000 Euro Jahresgehalt plus Dienstwagen. Sie sagte nein. Gut für uns, denkt man, sonst hätte sie dieses Buch nie geschrieben.

Das verstörendste für den Leser ist die Bereitschaft in der Nachwuchselite, aus dem Marktgedanken eine Weltanschauung zu machen, unberührt von jeder relativierenden Außensicht. Das System, behaupten die jungen Karrieristen, sei fair. Wer erfolglos bleibe, trage selbst die Schuld, dem fehle eben der nötige Biss, sich in einer globalisierten Welt zu behaupten. Und Seilschaften? Nebensache. Das Rezept laute: Sei extrem fleißig und ehrgeizig, dann öffnen sich automatisch Tür und Tor. Ganz einfach also.

Wir begegnen Menschen, die sich alle im gleichen Takt bewegen. Karriereoptimierern, bei denen es kein Zaudern gibt, keine Verschnaufpause, kein Luft holen, kein Sich-hängen-Lassen. Verächtlich blicken viele von ihnen auf die "faulen Dauerstudenten" hinab, die sich irgendwo im Mittelmaß tummeln und nicht vom Fleck weg kommen. Sich fürs Leben rüsten heißt, sich auf den Hosenboden zu setzen und über Büchern zu grübeln. Biographische Brüche sind in den durchgestylten Werdegängen der Nachwuchselite nicht eingeplant. Wer sich umblickt, hat verloren. "Viel leisten, das heißt in dieser Elitenwelt: funktionieren, nicht nachfragen." Beklommen fragt man sich, was dabei wohl alles auf der Strecke bleibt.

Als sich Julia Friedrichs aufmachte, um zu begreifen, wie unsere Nachwuchselite tickt, hoffte sie, Querdenker zu treffen, Widersprecher, Neinsager. Sie wurde enttäuscht. Es sieht so aus, als vertraue die deutsche Wirtschaft lieber auf die "Smoothlinge", die sich geschmeidig ins System einfügen. Wie wohltuend sind da doch die Ausnahmen. Aadish, ein junger Iraner, ist so eine Ausnahme. Er trifft die Sache auf den Punkt: "Elite ist ein euphemistisches Wort für Macht. Wer in der Elite ist, der hat die Macht und legitimiert die Macht dadurch, dass er Elite ist. Es gibt Schichten, die haben die Macht, die machen die Elite aus und die wollen die Macht auch behalten." Vielleicht ist das in der Tat schon alles.

MELANIE MÜHL

Julia Friedrichs: "Gestatten: Elite". Auf den Spuren der Mächtigen von morgen. Verlag Hoffmann und Campe, Hamburg 2008. 255 S., geb., 17,95 [Euro].

Alle Rechte vorbehalten. © F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main
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Perlentaucher-Notiz zur F.A.Z.-Rezension

Mit Bestürzung hat Melanie Mühl dieses Buch über Deutschlands selbsterklärten Elitennachwuchs gelesen. Die Autorin Julia Friedrich hat sich ein Jahr lang in den Kaderschmieden der Wirtschaft umgetan, um zu verstehen, was diese Menschen in die Privatinternate und Business Schools treibt, wie sie denken, was sie wollen. Geradezu verstörend findet Rezensentin Mühl, wie selbstgerecht und schlicht sich dies ausnimmt. Bedrückend auch für die Rezensentin, wie selbstverständlich die Nachwuchskarrieristen davon ausgehen, dass die Chefetagen der Wirtschaft mit Söhnen und Töchtern aus wohlhabenden Familien besetzt werden, die von vornherein den entsprechenden Status und Habitus mitbringen. Dass Tugend ungefähr das Gleiche bedeutet wie Führungsposition. Dass Elite im Grunde Profit bedeutet. Und dass selbst dran schuld ist, wer erfolglos bleibt.

© Perlentaucher Medien GmbH
Wie sollen die da oben sein?

WG, Salem oder Kulturprotestantismus: Julia Friedrichs durchschaut die Elite von morgen – Heike Schmoll erklärt, warum wir eine Elite brauchen. Beide misstrauen den Institutionen und preisen die freie, gebildete, verantwortungsbewusste Persönlichkeit Von Paul Nolte

Vielleicht hätten wir viele Probleme nicht, wenn mit Elite einfach eine besonders schmackhafte Gänseleber oder ein ungewöhnlich cremiger Joghurt gemeint wäre. Im Frankreich des 18. Jahrhunderts bezeichnete der Begriff jedenfalls die herausgehobene Qualität von Produkten, bevor er auf die Qualität und herausgehobene Stellung von Menschen übertragen wurde. Das lag jedoch nicht daran, dass die europäischen Gesellschaften damals „elitärer” wurden. Im Gegenteil, in der Erosion ständischer Hierarchien suchte das aufgeklärte Bildungsbürgertum nach neuen Markierungen für Positionen an der Spitze der Sozialpyramide, die nun auf Leistung beruhen sollten – und auf deren Durchsetzung auf einem offenen „Markt”. Das sind freilich nicht die Assoziationen, die der Elitebegriff gegenwärtig bei den meisten hervorruft. Wir sehen nicht Leistung, von Verantwortung zu schweigen, sondern Arroganz, die Prätention hohler Formen, gepaart mit Exklusivität, die als Abschottung nach unten daherkommt. Nicht „die 68er” haben das Fundament des Vertrauens in Elite zerstört. Es ist paradoxerweise die neue Konjunktur des Elitären, des Strebens nach Leistung und „Exzellenz”, die vor dem Hintergrund sozialer Krisenerfahrungen zunehmend Verstörung erzeugt.

Darauf kann man unterschiedlich reagieren. Man kann, den Erwartungen eines breiten Publikums folgend, die selbsternannten neuen Eliten, ihre Rhetorik und ihre Rituale analysieren, durchschauen, solchermaßen der Lächerlichkeit preisgeben. Das tut, auf brillante Weise, Julia Friedrichs bei ihren Feldforschungen in der Welt der Internate und Privathochschulen, in die sie eindringt wie eine Ethnologin in ein unerforschtes Amazonasgebiet. Man kann, andererseits, der dominierenden öffentlichen Tonlage widersprechen und die Eliten verteidigen – nicht unbedingt die, die wir haben, aber gewissermaßen die, die wir haben könnten, und die wir, so argumentiert Heike Schmoll in ihrem „Lob der Elite”, gerade in einer demokratischen Gesellschaft dringend brauchen. Die Journalistin der FAZ ist seit vielen Jahren eine der profiliertesten Stimmen in der Diskussion um die deutsche Bildungspolitik, und vehemente Kritikerin ihrer Reformen. Im Gewande einer Steigerung von Leistung und Effizienz siegen meist doch nur, meint Schmoll, die Bürokraten, während die Bildungsinhalte auf der Strecke bleiben. Pardon, bei dem Wort „Bildungsinhalte” würde sie bereits schaudern; als packte man vorgefertigte Portionen in eine Frühstücksdose; auf der Strecke bleibt die Bildung als universale Selbstbildung der Persönlichkeit. Elite wären diejenigen, denen dieser Bildungsprozess so gelingt, dass sie daraus Führung und Verantwortung für andere entwickeln können.

„Eliten müssen vor allem über eine ausreichende historische Bildung verfügen.” Demgemäß führt Heike Schmoll die Leser in den sechs Kapiteln ihres schlanken, konzisen Büchleins durch die Etappen der abendländischen Elitegeschichte. Die wichtigsten Anker werden in der griechisch-römischen Antike eingeschlagen sowie in Humanismus und Reformation. Hier legt die Autorin jene Wurzeln des Elitären frei, das eher eine Haltung, eine Lebenseinstellung als eine eingekastelte soziale Position beschreibt: Tugend und umfassende humanitas, individuelle Mündigkeit und Leistungsethos. Bürgerliche Elitekultur und Protestantismus haben, so einer der Schlüsselsätze, historisch immer zusammengehört – und das gilt für Schmoll, so darf man ergänzen, auch weiterhin. Das ist deutscher Kulturprotestantismus at its best. Sorry, der Hass auf den Englischzwang der neuen global-universitären Elitebestrebungen zieht sich wie ein roter Faden durch das Buch. Heike Schmolls Vorstellung von guten Eliten ist zweifellos ein bisschen altmodisch, aber sie ist nicht affirmativ. Der historische Durchgang führt auf zwei Gegenmodelle. Zum einen geht es um Frankreich, auf die an den „Grandes Écoles” erzogenen Eliten der Grande Nation. Die Analyse ist nüchtern und präzise, aber gemeint ist doch wohl: So wollen wir es nicht haben. Das französische System reproduziert eine geschlossene Elite, die sich in den Codes von Ausbildungskohorten wiedererkennt. Sie privilegiert eine soziale Oberschicht. Und sie beruht auf Institutionen – nicht auf der Persönlichkeit. Zum anderen, und hier wird es deutlich polemischer, rechnet Schmoll mit den Hochschulreformen im Zeichen von „Bologna-Prozess” und „Exzellenz-Initiative” ab. Die Vorstellung, Eliten durch eine Standardisierung und Verschulung des Studiums zu gewinnen oder durch einen schwer durchschaubaren „Wettbewerb” um öffentliche Sonderzuweisungen, scheint ihr absurd. Elite, das könnten viel eher die „schrulligen Querköpfe” sein, „Künstler, Kulturschaffende, kreative Köpfe”. Das neumodische Elite-Etikett auf mancher privaten oder auch öffentlichen Bildungsinstitution fördert solche Charaktere aber gerade nicht.

Dieser Feststellung würde Julia Friedrichs von Herzen zustimmen, obwohl ihre Ansichten, ihr Zugang, ihre „Schreibe” in beinahe jeder Hinsicht diametral entgegengesetzt zu Heike Schmoll sind. Über deren klassische Bildungsbeflissenheit würde die junge, vor allem für den WDR arbeitende Journalistin die Nase rümpfen und feststellen, dass sie selber, mit ihrem nordrhein-westfälischen Normalabitur, diesen Ansprüchen kaum genügen kann. Und so ist ihr Erstaunen riesengroß, als sie sich – das ist das Thema des Buches – auf eine Entdeckungsreise durch die Welt der neuen Eliteproduktion in den privaten Bildungsinstitutionen der Bundesrepublik macht. Tradition und Talmi liegen hier nahe beieinander. Viel Geld und ein schnöseliges Verhältnis dazu gehören gleichfalls dazu.

Friedrichs beschreibt die Verhältnisse, nicht zuletzt aber das zur Schau gestellte Selbstverständnis 17-jähriger Internatsschüler oder 22-jähriger Studenten, die in Polohemd oder Clubjacke auf ihren ersten Job als Unternehmensberater warten, in dem sie dann die „Minderleister” der Gesellschaft in die Schranken weisen können. So geht es von der „European Business School” in Oestrich-Winkel zur bayerischen Elite-Akademie, von einer Potsdamer Luxus-Kita ins Salemer Internat und zum Abschluss nach Harvard.

Erdung in einer als bizarr und verschroben, als borniert und verantwortungslos beschriebenen Welt der „Elite” findet die Autorin in der Kreuzberger WG bei ihren vier – nun ja, nach konventionellen Maßstäben nicht ganz so erfolgreichen Mitbewohnern. Das Buch der erst 28-Jährigen trägt überraschend deutliche autobiographische Züge: „Ich bin also in der bundesrepublikanischen linken Mittelschicht aufgewachsen”. Es ist die Selbstspiegelung einer verunsicherten Generation in den Welten einer Oberschicht, für die Unsicherheit immer ein Fremdwort ist. Dabei ist „Gestatten: Elite” nicht nur glänzend recherchiert, es ist auch vorzüglich komponiert und brillant geschrieben; bei aller kalkulierten Flapsigkeit eine sprachliche Meisterleistung. Keine Frage, dass Julia Friedrichs sich mit diesem Buch in die Elite der deutschen Reportagejournalisten hineinkatapultiert hat: Sie kann jetzt Honorare und Arbeitsbedingungen fordern, statt sie akzeptieren zu müssen, kann ihre Diskursmacht geltend machen. Und das ganz ohne Salem, mit 68er-Eltern und stinknormaler Bildungskarriere!

So drängt sich der Eindruck auf, dass die Autorin während ihrer Expedition einem fatalen Missverständnis aufgesessen ist: Sie hat die Selbststilisierung eines bestimmten Milieus, in dem der Elitebegriff nicht zuletzt zu Marketingzwecken adaptiert worden ist, mit der Realität von Eliten und Elitebildung verwechselt. Selbst wenn man Oestrich-Winkel nur mit viel Ironie „Deutschlands heimliche Elite-Hauptstadt” nennt, ist das bei weitem zu viel der Ehre. Und wer käme im Ernst darauf, das zu denken? Eine Oberschicht, vor allem von Unternehmern, Managern, freien Berufen, betreibt ein Netzwerk, um ihren oft begabten, manchmal minder begabten Kindern Positionen sichern zu können, und zahlt dafür viel Geld. Man kann das Phänomen kritisieren; es ist in Deutschland geringer ausgeprägt als in vielen anderen Ländern.

Mit Elite hat das wenig zu tun. Das merkt man gerade dann, wenn Julia Friedrichs, sehr subtil und einfühlsam, über die wirklich hochbegabten, sozial verantwortlichen und zugleich stinknormalen jungen Leute schreibt, die in wahren Eliteinstitutionen wie dem bayerischen Maximilianeum stecken. So gesehen, hätte sie manche Popperschmiede besser links liegen lassen und sich statt dessen auf eine Sommerakademie der Studienstiftung oder zu den Preisträgern von „Jugend forscht” begeben.

Lob der Elite, Kritik der Elite: Schmoll und Friedrichs markieren sehr schön die beiden Pole, um die Deutschlands gegenwärtige Elitedebatte kreist. Dabei fallen auch die Gemeinsamkeiten ins Auge. Beide kritisieren die Vordergründigkeit, mit der der Elitenanspruch oft erhoben wird. Beide halten die freie Persönlichkeit hoch – bei Schmoll ist es der gebildete Kulturprotestant, bei Friedrichs die WG als Metapher der Lebensfreiheit – und sind kritisch gegenüber der Rolle von Institutionen. Elitebildung für Dreijährige, auf Karriere getrimmt? Beide überkommt das kalte Grausen. Gemeinsam ist beiden Büchern die Konzentration auf das Bildungssystem, dessen institutionelles Gerüst leicht kritisiert werden, auf das man aber offenbar nicht ganz so leicht verzichten kann, jedenfalls gerade dann nicht, wenn Elitestatus etwas mit Leistung statt mit bloßer Vererbung zu tun haben soll. Insofern schießen beide Autorinnen über ihr Ziel hinaus.

Ja, wir stecken mitten in einer Transformation des Bildungssystems, die zutiefst ambivalente Züge trägt. Aber man kann, Heike Schmoll, im Bachelorstudium auch Vorteile erkennen, wenn man erfährt, dass die Betreuung intensiver und der Studienerfolg größer ist. Und man kann, Julia Friedrichs, schalen Bildungsdünkel gerne kritisieren, aber doch schlecht das neue Interesse an Bildung, das vermehrte Engagement von Eltern, die für Bildungsinvestitionen auf Urlaub verzichten, weil sie eben keinen Goldesel haben wie die Standardeltern in ihrem Buch. Beide sind gut in der Diagnose; Julia Friedrichs’ Reisebericht ist, bei aller analytischen Unschärfe, sogar ein hervorragendes Reportage-Sachbuch. Aber beide sind auch schwach in der Therapie. Die Frage nach der politischen und gesellschaftlichen Gestaltung offener Eliten beantworten sie noch nicht.

Julia Friedrichs

Gestatten: Elite

Auf den Spuren der Mächtigen von morgen. Hoffmann & Campe, Hamburg 2008. 256 Seiten, 17,95 Euro.

Heike Schmoll

Lob der Elite

Warum wir sie brauchen. Verlag C. H. Beck, München 2008. 173 Seiten, 17,90 Euro.

Bald will der junge Schnösel die Versager zurechtweisen

Ist Oestrich-Winkel wirklich die heimliche Elite-Hauptstadt?

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