Glaube und Wissen - Opitz, Peter J.;Voegelin, Eric;Strauss, Leo
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Die Zahl deutscher Philosophen von internationalem Rang in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts ist eher begrenzt. Neben Hannah Arendt und Karl Löwith, Hans Jonas und Hans Blumenberg, gehören zu ihr auch zwei Männer, die in den 30er Jahren Europa verließen, in den USA eine neue akademische Karriere begannen und zu Weltruhm gelangten: Leo Strauss und Eric Voegelin. Mit den Namen dieser beiden deutschen Emigranten verbinden sich neben ihrer scharfsinnigen Kritik an einer zum Positivismus verflachten Sozialwissenschaft die Bemühungen um eine Wiederbelebung der griechischen politischen…mehr

Produktbeschreibung
Die Zahl deutscher Philosophen von internationalem Rang in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts ist eher begrenzt. Neben Hannah Arendt und Karl Löwith, Hans Jonas und Hans Blumenberg, gehören zu ihr auch zwei Männer, die in den 30er Jahren Europa verließen, in den USA eine neue akademische Karriere begannen und zu Weltruhm gelangten: Leo Strauss und Eric Voegelin. Mit den Namen dieser beiden deutschen Emigranten verbinden sich neben ihrer scharfsinnigen Kritik an einer zum Positivismus verflachten Sozialwissenschaft die Bemühungen um eine Wiederbelebung der griechischen politischen Philosophie. Dass beide Denker jenseits dieser Gemeinsamkeiten höchst unterschiedliche philosophische Positionen vertraten, ist eine der zahlreichen Erkenntnisse, den ihr über zwei Jahrzehnte geführte Briefwechsel vermittelt. Nachdem dieser schon in englischer und französischer Übersetzung vorliegt, erscheint er hier erstmals in der Originalfassung. Ein Dokument von besonderem Reiz. Hans-Georg Gadamer
  • Produktdetails
  • Periagoge
  • Verlag: Fink (Wilhelm) / Wilhelm Fink Verlag
  • Artikelnr. des Verlages: 3393505
  • Seitenzahl: 208
  • Erscheinungstermin: 20. September 2010
  • Deutsch
  • Abmessung: 214mm
  • Gewicht: 302g
  • ISBN-13: 9783770549672
  • ISBN-10: 3770549678
  • Artikelnr.: 27987207
Autorenporträt
Eric Voegelin (1901-85) studierte und unterrichtete an der Wiener Universität bis zu seiner Flucht vor den Nationalsozialisten 1938. Seine Tätigkeit in Wien wurde durch Aufenthalte in Deutschland, den USA und Frankreich unterbrochen, die wesentlich zu seiner intellektuellen Entwicklung beitrugen. Max Weber war für ihn in diesen Jahren ein entscheidender Bezugspunkt seiner wissenschaftlichen Entwicklung. In seinen Texten der 1920er und 1930er Jahre konstatierte Voegelin die Krise des Positivismus als das Verhängnis der geistigen Verfassung insbesondere Mitteleuropas. Die politischen Erscheinungen der totalitären Bewegungen veranlassen ihn, das Verhältnis von Politik und Religion in der Moderne radikal zu überdenken.
Rezensionen

Süddeutsche Zeitung - Rezension
Süddeutsche Zeitung | Besprechung von 11.10.2010

Philosophie und Offenbarung
Zwei eminente politische Denker, die die amerikanische Exilerfahrung teilten: Der Briefwechsel zwischen Leo Strauss und Eric Voegelin
Nachdem die Aufregung um die angebliche intellektuelle Vorbereitung und Begründung der amerikanischen Irak-Kriege durch Leo Strauss (1899-1973) verstummt ist, kann man sich wieder in Ruhe diesem außergewöhnlichen Autor und seinem Werk widmen. Der jetzt erstmals vollständig auf Deutsch erschienene Briefwechsel mit Eric Voegelin (1901- 1985) bietet zudem die Möglichkeit einen weiteren, heute nur noch Spezialisten geläufigen großen Denker des 20. Jahrhunderts kennenzulernen, der in seinen Münchner Jahren von 1958 bis 1969 unter anderem durch die Gründung des „Instituts für Politische Wissenschaften“ herausragende Verdienste um die hiesige Universität erworben hat. Die vom seinem Schüler und Leiter des Voegelin-Archivs Peter J. Opitz herausgegebene, ausführlich und klug kommentierte Korrespondenz bietet nicht nur eine Einführung in die Ideenwelt der Briefpartner, sondern legt schonungslos die Unvereinbarkeit grundlegender philosophischer Argumente offen, wenn sie denn konsequent entwickelt werden.
Es wäre ein Leichtes, die in dem inhaltsreichen Austausch verhandelten Gegensätze aus den religiösen Herkünften und der lebenslangen Treue dazu herzuleiten. Doch der aus dem hessischen Landjudentum stammende Strauss und der im katholischen Köln geborene und in Wien aufgewachsene Voegelin teilten sowohl lebensgeschichtlich als auch intellektuell zahlreiche Erfahrungen und Einsichten: Sie wurden stark durch das humanistische Gymnasium geprägt, entwickelten sich in schroffer Absetzung gegenüber den Idealen ihrer liberalen akademischen Lehrer, teilten die Erfahrung des amerikanischen Exils, waren eminent politische Denker, die den „common sense“ als Denkfaulheit anzweifelten, und haben nach 1945 zahlreiche hochtalentierte Schüler um sich scharen können, die bis heute ihre Positionen vertreten. In erster Linie aber waren sie sich darin einig, dass nur die genaue Analyse der durch Platon und Aristoteles geschaffenen Ausgangslage der Philosophie die sich im 17. und 18. Jahrhundert herausbildende Moderne verstanden und konstruktiv-kritisch begleitet werden könne. Dass sich die Moderne dabei von Beginn an einer historischen Selbstdeutung unterwarf und so den Kollektivsingular „Geschichte“ in den Rang einer eigenständigen Kategorie hob, stellte für Beide eine immense Herausforderung dar. So schreibt Voegelin 1949 an Strauss: „Ich habe den Eindruck, dass wir in unserer Arbeitsrichtung doch sehr viel weiterübereinstimmen, als ich es vermutet hatte. Ihre Hauptthese, dass historische Reflexion ein eigentümliches Erfordernis im modernen Philosophieren sei, scheint mir durchaus richtig; und ich betrachte dieses Motiv auch als die raison d’être meiner eigenen historischen Studien.“ Gerade dieser letzte Punkt war für sie nicht nur die Probe auf ihre Fähigkeit, große ideengeschichtliche Linien mit detaillierten Fallstudien zu verbinden.
Es ging dem politischen Philosophen Strauss und dem Philosophen der politischen Wissenschaften Voegelin um die Aufhellung, ja genauer noch: die eigentliche Aufklärung eines im Grunde nicht lösbaren Konflikts, der seit Anbeginn die Entwicklung der Geistesgeschichte bestimmte: nämlich den zwischen Philosophie und Offenbarung. Die so bezeichneten, in ihren unbedingten Wahrheitsansprüchen sich ausschließenden Lebens- und Denkformen haben durch Strauss und Voegelin ungemein kraftvolle, nicht auf Interpretation des Vorgefundenen, sondern auf die Richtigkeit des Ausgesagten pochende Darstellungen erhalten. Voegelin legte in fünf umfangreiche Bänden unter dem Titel „Order and History“ eine Geschichte des Ordnungsgedankens vor, wie er sich in den religiösen Systemen des Vorderen Orients und im Athen Platons und Aristoteles’ entwickelte hatte. Aus dem Nachlass konnte eine achtbändige „History of Political Ideas“ herausgegeben werden, die eine einzigartige Synthese von über 2000 Jahren politischen Denkens darstellt.
Doch bereits in der Art, die Reflexionen zu präsentieren, finden sich prinzipielle Unterschiede. Strauss bevorzugt die Einzelanalyse eines Werkes, in die seine grundlegenden Aussagen förmlich eingelassen sind. Manchmal ist es nur ein Satz, wie in seiner Studie über Machiavelli, der es überhaupt ermöglicht, die Konstruktion des ganzen Buches zu verstehen. Anders als Voegelin schreibt Strauss ganz aus der eigenen Lektüre der Klassiker. Zwar kann man zwischen den Zeilen zumeist sehr klar herauslesen, wogegen er sich abgrenzt, doch nur selten macht er seine Lektüren öffentlich. Kein Wunder also, dass oberflächliche Lektüren rasch zu dem Ergebnis kommen, hier vertrete einer Geheimlehren. Voegelin war einer der wenigen, der mit kritischen Einwürfen gegen Strauss’Überlegungen dessen Anerkennung fand.
Trotz der gemeinsamen Basis dokumentiert der in den vierziger und frühen fünfziger Jahren intensiv geführte Austausch eine durchgehende Konfliktlinie. Für Strauss ist es ganz klar, dass in der Frage nach dem Verhältnis von Philosophie und Offenbarung keine Kompromisse möglich sind. 1950 schreibt er daher Voegelin, dass die „Philosophie radikal unabhängig vom Glauben“ sei. Der Satz reißt einen Graben auf, den sein Briefpartner nicht überspringen kann, denn sein gesamtes Denken ist darauf ausgerichtet, die Nähe zwischen Vernunft und Glauben auszuweisen – und dies keineswegs als Phänomen der Moderne, sondern eines, das sich von den Vorsokratikern an nachweisen lasse. Doch das reicht als Erklärung für das demonstrative gegenseitige Desinteresse an den Publikationen des jeweils anderen nicht aus. Verschärfend kommt hinzu, dass Strauss moderne Begriffe bei der Analyse der griechischen und mittelalterlichen Klassiker ablehnt. Voegelins Verwendung von „Existenz“, was sein Gegenüber an Heidegger erinnert, oder von „Symbol“, was Strauss wohl mit Ernst Cassirer assoziiert, lassen den politischen Philosophen an den Absichten seines Kollegen zweifeln. Insofern war es nur folgerichtig, dass der Kontakt allmählich einschlief.
Es hieße aber die Bedeutung der Korrespondenz zu unterschätzen, wenn man nur das letztliche Scheitern in den Blick nähme. Der knappe Briefwechsel zwischen Strauss und Voegelin dokumentiert einen präzisen Kampf um die philosophische und religiöse Wahrheit. Dass dabei immer das Argument, niemals die dahinterstehende Person angegriffen wurde, lässt den Briefwechsel heute auf antiquierte Weise ehrlich erscheinen. Man wird bei seiner Lektüre Seite um Seite herausgefordert und darf einem ganz besonderen Denkprozess beiwohnen. THOMAS MEYER
ERIC VOEGELIN, LEO STRAUSS: Glaube und Wissen: Der Briefwechsel von 1934 bis 1964. Hrsg. und kommentiert von Peter J. Opitz. Wilhelm Fink, München 2010. 210 Seiten, 24,90 Euro.
Leo Strauss bleibt auch nach der
Aufregung um seine angebliche
Irakkrieg-Vorbereitung interessant
Zwei politische Philosophen, die beide 1938 in die USA gingen: Leo Strauss, 1949 bis 1979 in Chicago, und Eric Voegelin, 1958 bis 1969 in München und dann bis 1974 in Stanford. Fotos: oh, Marlies Schnetzer
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Perlentaucher-Notiz zur Süddeutsche Zeitung-Rezension

Einem besonderen Denkprozess durfte unser Rezensent beiwohnen, beim Lesen der von Peter J. Opitz erstmals vollständig auf Deutsch herausgegebenen Korrespondenz zwischen Eric Voegelin und Leo Strauss. Angeleitet durch einen umsichtigen Kommentar, der die Kontroversen der beiden politisch denkenden Philosophen offenlegt, folgt Thomas Meyer dem Briefwechsel und macht sowohl Gemeinsames als auch Konfliktlinien aus. Als die wichtigste, die auch für das Ende der Beziehung der beiden Denker verantwortlich war, wie Meyer erklärt, erscheinen ihm die unterschiedlichen Haltungen zum Verhältnis von Philosophie und Offenbarung, von Vernunft und Glauben. Ausdrücklich aber ist es für Meyer nicht bloß das Scheitern, dem der Leser hier beiwohnt, sondern die argumentativ, nie persönlich geführte Debatte um philosophische und religiöse Wahrheiten.

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