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Edda246
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Hamburg

Bewertungen

Insgesamt 101 Bewertungen
Bewertung vom 25.09.2024
Kuhlmann, Torben

Earhart


ausgezeichnet

Die Phantasie anregend, informativ und hochwertig!

10 Jahre Mäuseabenteuer – Torben Kuhlmann hat wieder ein großartiges Buch kreiert, diesmal geht es um eine kleine Wühlmaus, die sich hoch hinaus auf die Spuren von Amelia Earhart begibt, wie auch der Titel dieses Buches zeigt.
Eine ungewöhnliche Maus, eine Wühlmaus mit Ambitionen, eine Tüftlerin, die von ihrem Freund Humphrey die wundersamsten Teile zum Basteln und Experimentieren bekommt. Die kleine Maus entdeckt eine Briefmarke mit einem Löwenkopf darauf und möchte wissen, was das wohl für eine große Katze sei. So beginnt ihr Abenteuer. Sie begibt sich in Gefahren und muss gewitzt und klug sein, denn sie ist die Kleinste. Sie ist auf der Hut und neugierig und ihre Neugierde treibt sie an. Nach einer Reihe von Widerständen und abenteuerlichen Begegnungen lernt sie eine Pilotenmaus kennen, die ihre Hilfe benötigt. Inzwischen hat sie erfahren, dass es Großkatzen nur in Afrika gibt und sie ist sehnsüchtig, dorthin zu gelangen. Doch das geht nur mit einem Flugzeug.
Hinreißende Zeichnungen aus der Zeit von Amelia Earhart, der Zeit der ersten Flugpioniere aus dem letzten Jhd.
Man wird auch als Erwachsener sehnsüchtig, lässt sich einfangen von dieser bezaubernden Geschichte, die viele unerwartete Wendungen auf dem Weg der kleinen Wühlmaus verspricht, die kleine Maus, die zu guter Letzt beeindruckend ihr Ziel erreicht.
Anschließend zur Wühlmausreise erfährt der Leser oder Vorleser von anderen Flugpionieren und erfolgreichen Flügen um die Welt, allen voran Amelia Earhart, die nach 3/4 ihrer Weltumsegelung als verschollen gilt. Amelia Earhart war sogar auch eine Frauenrechtlerin, sie rebellierte schon als Kind gegen die klassische Rollenverteilung. So ist dieser Band 10 Jahre nach Torben Kuhlmanns erstem Mäuse-Band “Lindbergh“
eine schöne Ergänzung zur damaligen überwiegenden Männerdomäne des Fliegens.
Die Illustrationen und deren Zusammenstellungen stechen ins Auge und sind wunderbar die Phantasie inspirierend und gekonnt. Beeindruckend finde ich auch die Perspektiven des Fliegens und die Stimmungen, die Torben Kuhlmann eingefangen und umgesetzt hat.
Ein hochwertiges Buch für jung und alt, zum selber lesen und vorlesen und auch zum nachspielen, denn es gibt eine bebilderte Pappe, aus der man Figuren ausschneiden und ein eigenes Mäuseabenteuer erfinden und spielen kann.
Eine große Empfehlung, ein Schätzchen unter den illustrierten Büchern für Schulkinder und Erwachsene.

Bewertung vom 13.09.2024
Kestrel, James

Bis in alle Endlichkeit


ausgezeichnet

Hervorragende Unterhaltung rasante Story!
Schon der Anfang des Kriminalromans ist vielversprechend. Lee Crowe, Privatdetektiv, holt entscheidende Informationen auf nicht legale Weise von einem Kronzeugen und setzt so eine sensationelle Kehrtwende in einem Prozess um die Mafia in Gang.
Der Protagonist Lee Crowe beschreibt in der Ich-Form, war früher Anwalt, verlor durch das Zusammenschlagen eines Richters die Anwaltslizenz; jetzt werden ihm Aufträge am Rande der Legalität vom Boss seiner ehemaligen Anwaltskanzlei zugeschoben. Lee ist taff und ein Hardboiled Detective ...“Abgesehen davon habe ich immer ein flexibles Verhältnis zu Regeln gehabt“... Immer sich selbst und der eigenen Moral verpflichtend, hat er eine individuelle Sicht auf die Dinge und Begebenheiten entwickelt. Sein Auftrag lässt ihn am Rand der Legalität entlang schliddern und beim Überschreiten droht die Befürchtung von Rache oder Verfolgung. So ist ihm nicht klar, ob Bundesbehörde oder Bandenkriminalität ihm folgt, auch der Leser bleibt im Dunkeln. Eine fortwährende existenzielle Bedrohung, das, was den Thrill auch ausmacht. Er muss jederzeit unauffällig bleiben, sich absichern, niemandem ist zu trauen. Doch die Erkenntnisse und Erfahrungen dieses komplizierten Falles sind Teile eines gewaltigen Puzzles, das sich in rasanten Schritten zusammensetzt. Lees Raffinesse ist beeindruckend und bemerkenswert ist die gute Vernetzung des Detektivs. Informationen werden zügig auf welche Art auch immer eingeholt und die Geschichte schreitet so in rasantem Tempo voran. Es dreht sich um eine Milliardenerbin, die auf einen Rolls Royce gefallen ist und tot von Lee entdeckt wurde. Er nutzt die Gelegenheit, das Exklusivphoto meistbietend zu verkaufen. Claire Gravesend, die Tote ist mit ungewöhnlichen Narben am Rücken bestückt, was allein schon Fragen aufwirft.
Lee bekommt den Auftrag zu ermitteln und die Spuren führen ihn zu ungewöhnlichen.
Szenerien der Reichen Kaliforniens, detaillierte Personen und Szenenbeschreibungen bilden ein abgerundetes Bild.

James Kestrel widmet sich einer Thematik, die nicht alltäglich ist, doch Fuß fassen kann in den Phantasien derer, der High Society, deren Vermögen dies zulässt. - wie steht es um die Endlichkeit des eigenen Lebens?
James Kestrel schreibt klug und angenehm, jederzeit spannend mit interessanten Szenerien und ungewöhnlichen Mitspielern, die tun, was nötig ist. Lee, dem einsamen Wolf, heldenhaft, cool, abgebrüht und sympathisch, folgt man sehr gerne. Der Roman ist ein Pageturner, kaum aus der Hand zu legen, er bringt einfach Spaß und ist neben hervorragender Unterhaltung auch informativ und sehr gut recherchiert.

Tatsächlich ist dieses Buch zwei Jahre vor seinem vielfach prämierten Bestseller „Fünf Winter“ geschrieben mit dem Originaltitel „Blood Relations“, doch jetzt erst in deutscher Übersetzung im Suhrkamp Verlag erhältlich. James Kestrel ist das Pseudonym für den Rechtsanwalt und Schriftsteller Jonathan Moore.

Bewertung vom 15.08.2024
Voosen, Roman;Danielsson, Kerstin Signe

Tode, die wir sterben / Svea Karhuu & Jon Nordh Bd.1


ausgezeichnet

Ein dichter und hochspannender Kriminalroman!
Ja, in diesem Auftakt zu einer neuen Krimireihe geht es auch um Tode, die die beiden Hauptermittler Svea Karhuu und Jon Nordh im Privaten erlebt haben. Jetzt sind sie als Ermittlerduo dazu aufgefordert, den Tod eines 13 Jährigen Jungen aufzuklären.
Svea ist aus Stockholm nach Malmö versetzt und Jon will sich in diesem Fall nach dem Tod seiner Frau beweisen. Die unterschiedlichen Motive treiben sie an. Die beiden Protagonisten bestechen durch ihre Menschlichkeit, werden immer sympathischer im Laufe der Aufklärung. Grundverschieden wie sie sind, sind Anfangsschwierigkeiten im Umgang vorauszusehen und es dauert eine Weile, bis Vertrauen gefasst ist. Der Kriminalroman zeigt die Themen Ehrlichkeit zu Gerissenheit und Vorteilsnahme auf.
Der Ermordung des Jungen folgen weitere Taten – steckt eine terroristische Vereinigung dahinter? Eine spannende Ermittlung folgt und führt die beiden nicht nur in das schwierige Malmöer Viertel Hermodsdal. Anschauliche Beschreibungen und Analysen der in den Fall Verwickelten setzen Puzzleteile frei, die in überraschenden Wendungen an Bedeutung gewinnen und sich zusammenfügen.
Der Schreibstil, der schon von der Krimiserie um die Kommissarinnen Nyström und Forss beeindruckte, setzt sich hier fort: Klug, dicht, politisch, mit sympathischen, lebendigen Mitstreitern und durchgängig spannend. Ich konnte die fast 400 Seiten kaum aus der Hand legen. Absolute Krimiempfehlung!

Bewertung vom 07.08.2024
Grjasnowa, Olga

Juli, August, September


ausgezeichnet

Erfrischende Gegenwartsliteratur!
Modern, witzig und klug beobachtet! Betrachtend und entlarvend! Witzige Gedankenschlussfolgerungen auf den Punkt gebracht!
Eine jüdische Familie in London mit russischen Wurzeln, nicht orthodox. Sie, Lou, war promovierte Kunsthistorikerin und Galeristin, Sergej, begnadeter Klavierspieler. Es gibt eine kleine Tochter.
Durch eine Einladung auf die Kanarischen Inseln aufgrund des 90. Geburtstags von Großtante Maya, findet sich Lou mit Tochter und Mutter in einem Resort auf Gran Canaria inmitten der israelischen Verwandtschaft wieder. Um ihrer eigenen Geschichte auf den Grund zu gehen, besucht Lou allein später die Tante in Tel Aviv.

Lou, unzufrieden mit ihrer Situation, die Erwartung ihrer Mutter, „In Wahrheit waren es die Schuldgefühle meiner Mutter.... Ihre Immigration bedeutete, dass sie ihr Leben gegen meine Zukunft eingetauscht hatte. , und ich war ihr die Zukunft schuldig. Alles, was sie zu meinen Gunsten verzichtet hatte, ...waren Opfer...“, die Erwartungen der Schwiegermutter, das Stagnieren des Schreibens an ihrem Buch, Sergejs Erfolgsknick. Sie möchte Antworten – und bekommt sie von Maya in Israel.
Der Roman besticht durch das Beschreiben und Wahrnehmen der Protagonistin Lou, wunderbar unterhaltsam und nachzuempfinden. Lou ist sympathisch. Die Spannung liegt in der witzigen, detailliert beobachteten Gegenwart. Befreit von Vorstellungen findet Lou sich selbst wieder. Das Sein und die Gegenwart bleibt. Der Roman ist klug, modern, regt zum Nachdenken an, da keine einfachen Lösungen geboten werden. Was bedeutet Herkunftsfamilie und die eigene Familie? Für sich selbst und in den Augen der anderen? Er ist ein Zeitabschnitt Juli-August-September -, der für die Protagonistin bedeutsam ist. Dieser Zeitabschnitt beschreibt eine Stagnation, die Vorstellungen der Älteren, die Herkunft, den Aufbruch und die Selbstbestimmung. Eine moderne Heldinnenreise, erfrischende Gegenwartsliteratur! Sehr empfehlenswert!

Bewertung vom 23.07.2024
Krien, Daniela

Mein drittes Leben


ausgezeichnet

Das Recht auf das eigene Leid!
Die Tochter verunglückt tödlich. Linda fällt in ein tiefes Loch und mietet sich auf einem kleinen Bauernhof ein, um mit sich und ihrer neuen Situation zurechtzukommen.
Wie kann sie diesen Schicksalsschlag bewältigen?
Sie lässt ihr Leben Revue passieren. Sie hatte ein intakte Familie, eine Tochter, einen liebenden Ehemann, ein schönes Zuhause, war erfolgreich.
Das alte Leben wird aufgerollt und beleuchtet, nicht bewertet. Ihr Verhältnis zur Mutter, zur Tochter, zum Ehemann. Wer sind sie und wer waren sie, wie sind sie verzahnt? Auch ihre Tochter Sonja, die Verunglückte, erscheint bei näherer Betrachtung doch diffiziler als Linda dachte.
Das Nichtbewerten und dem Leser eine Meinung bilden lassen, ist die Kunstfertigkeit von Daniela Krien.
Alle ihre menschlichen Verknüpfungen werden deutlich dargestellt. Jetzt hat Linda sich gänzlich zurückgezogen und fällt und fällt – und sie verändert sich. Doch nicht nur sie als Teil eines ehemaligen Gefüges, auch die damaligen Mitstreiter reagieren auf sie und ziehen ihre Konsequenzen. Linda beobachtet und lässt geschehen.
„Eine gläserne Wand steht zwischen ihr und ihrem alten Leben... und ich werde sie nicht zerbrechen“. Linda lässt durch ihre Bedürfnislosigkeit geschehen, weiß um die Konsequenzen, weiß, dass auch die Geduld ihres Ehemannes begrenzt sein wird.
Der Roman überrascht mit unerwarteten Wendungen, fließt, trotz der traurigen Grundstimmung Lindas dennoch lebendig und sensibel, sucht sich neue Herausforderungen und bietet einiges zum Nachdenken an und macht den Roman zu etwas Besonderem. Sätze wie „Menschen ermüden vom Leid anderer Menschen. Sie verlieren die Lust, Rücksicht zu nehmen, wollen wieder selbst klagen dürfen.“ regen zum Nachdenken an.
Die Situation des Ostens wird dem des Westens Deutschlands gegenübergestellt und betrachtet.
Der Roman zeigt unverhoffte Wendungen auf, nicht das Übliche, sondern so wie das Leben an sich ist, und formt sich sehr individuell. Der Roman ist nie langweilig oder depressiv, immer möchte man wissen wie es weitergeht. Mir hat gefallen, dass Protagonisten und Schauplätze, die in den vorigen Romanen von Daniela Krien auftauchten, auch hier Platz hatten, wie z.B. Brida Lichtblau.
Deutlich gezeichnete stimmige Charaktere, sensibler, fließend schöner Schreibstil, ungewöhnliches Thema, kluge Beobachtungen auf die DDR - Zeit. Der Roman hat mich sehr berührt – große Empfehlung! Ich bin ein Fan von Daniela Krien seit Der Brand und Die Liebe im Ernstfall.

Bewertung vom 12.07.2024
Pettie, Andrew;Quilty-Harper, Conrad

Das große Buch der Infografiken


ausgezeichnet

Erstaunliche Erkenntnisse, erdgeschichtlicher, menschlicher, tierischer Entwicklungen und Entdeckungen werden in diesem Lexikon vorgestellt und vermittelt.
Infografiken sind weit mehr als Sachbuchillustrationen, sie klären kurz und informativ auf, komplexe Zusammenhänge werden bildlich erklärt.
Bilder prägen unsere Wahrnehmung, Infografiken geben Informationen anhand von Bildern. In diesem Lexikon des Ravensburger Verlags werden diese sehr hochwertig und sehr zeitgemäß dargestellt.

Das große kompakte Buch über 325 Seiten wirkt wie ein Unikat und unglaublich vielversprechend. Die sehr schönen Illustrationen auf dem Cover sind schon sehr einladend und auffordernd, in diesen Wissensspaß einzutauchen,denn Spaß bringt das große Buch allemal für die ganze Familie. Erstaunliche Erkenntnisse werden mit sehr schönen Infografiken dargestellt, mit Zeitachsen, mit Erläuterungen. Visuell großartig und ansprechend dargebracht. Man staunt über die teils ungewöhnlichen Informationen, wie z.B. wieviele Kilometer können Pusteblumensamen fliegen? Wann sind Musikinstrumente erfunden worden, wieviel Nasenschleim produziert unser Körper oder wie schlau ist die KI?
Eine Schnitzeljagd rundet jeden Abschnitt ab und prägt das Wissen ein
Hinten gibt es ein ausführliches Stichwortverzeichnis und einen Abschnitt über Worterklärungen.
Wer noch mehr wissen möchte: „Lust auf mehr“ gibt weiterführende Informationen. Auch diese lassen, das, was man bisher wusste, in neuem Licht erscheinen. Dieses Lexikon ist laut Verlag für das Alter von 8-10 gedacht, ist aber auch für Erwachsene oder eben Eltern, die sich das Buch mit ihren Kindern ansehen, eine große Freude. Mich persönlich hat es an meine Kindheit erinnert und die Faszination von bildnerisch geprägten Büchern, die bis heute nicht nachgelassen hat.
Nicht nur visuell ein Schätzchen sondern auch beeindruckend das Wissen, das schon den Schulanfängern so prägnant und anregend vermittelt wird! Ein Erlebnis! Empfehlenswert für wissbegierige Kinder und Erwachsene, denn auch diese lernen dazu.

Bewertung vom 01.07.2024
Schmid, Moritz

Mushroom Fever


ausgezeichnet

Ein überraschender und umfangreicher Ratgeber, der weit über ein Pilzbestimmungsbuch hinausgeht!

Moritz Schmid beschreibt seine Liebe zum Wald und den Pilzen, er vermittelt seine „Formel zum Glück“ und ergänzt diese durch seine Fotos und Flatlays der Pilze.
Das Buch überbringt interessante Erkenntnisse über Pilze, welchen Einfluss sie auf die Evolution hatten und auf den heutigen biologischen Zusammenhalt haben. Denn
über Jahrmillionen haben sich Pilze weiterentwickelt und angepasst. „Bei der Entstehung des Lebens auf der Erde verwandelten Pilze Steine zu Erde – Es gibt 10 x so viele Pilze wie Pflanzen. Pilze sind die heimlichen Herrscher der Welt“. Erkenntnisse über ein Thema, über das ich nie nachgedacht hatte und das mir viel Stoff zum Nachdenken und Anregung gegeben hat. So sagt er: „Wir alle sind in ein Netzwerk des Lebens eingebettet“ und „Es wird Zeit, die Verbindung zur Natur wieder herzustellen“

Es werden die unterschiedlichen Arten und Herangehensweisen und Aufgaben von Pilzen im großen Zusammenhang vorgestellt und konkret für den Sammler 20 ausgewählte Pilze mit viel Wissenswertem auch mit Verwechslungsgefahr.

Moritz Schmid fesselt durch seine sympathischen und klugen Ausführungen sofort.
Viel Lebensphilosophie bekommt man im Eintauchen in diese Entdeckungsreise des Pilzesuchens und -findens. Auch erfährt man von Moritz Schmids persönlichen Erlebnissen beim Sammeln.

Das Buch geht weit über ein normales Pilzbestimmungsbuch hinaus, soll auch kein vollständiges Bestimmungsbuch sein, regt aber vollends an, sich selber auf den Weg zu machen, um eigene Erfahrungen mit sich, dem Wald und dessen Entdeckungen zu machen.

So unscheinbar wie das Cover, für mich persönlich kein Hingucker, erst auf den zweiten Blick, genau so entdeckt man die Pilze, genau hinspüren, sich eins fühlen mit dem Wald, entschleunigen und sich überraschen lassen von den Entdeckungen – die nicht unbedingt immer das sind, was gesucht wurde. Für mich viele überraschende Erkenntnisse über das, was bedeutsam für den natürlichen biologischen Zusammenhalt ist. Seine Liebe zu den Pilzen hat Moritz Schmid mit diesem Buch voll vermitteln können. Für mich ist dieser Ratgeber ein Highlight des Jahres!

Bewertung vom 13.06.2024
Phillips, Julia

Cascadia


sehr gut

Schöne Erzählung!
Die Nordpazifik Inseln, zu denen auch die malerische Insel San Juan gehört, auf der die Geschichte spielt, liegt im Grenzgebiet zwischen dem Nordwesten der USA und Kanada.. Dies Gebiet wird auch Cascadia genannt. Daher wohl der Titel, der exotischer klingt als der des Originals, „Bear“.

Etwas taucht in der Welt von zwei Schwestern auf, ein Bär. Zwei Schwestern, gefesselt an die Pflege ihrer kranken Mutter, beladen mit Schulden und doch inmitten einer großartigen Umgebung. Während die jüngere Schwester, Sam, von einem späteren Leben fern der erdrückenden Verpflichtungen und Sorgen außerhalb der Insel träumt, spielt sich ein Szenario, das ihre Welt verändern sollte, der Bär, erst einmal im Hintergrund ab. Die beiden Schwestern gehen unterschiedlich mit dem Ereignis um, dass dieser riesige Bär auf der Insel aufgetaucht ist, geschwommen durch den Pazifik. Aus der Sichtweise von Sam, der jüngeren Schwester erzählt, atmosphärisch dicht und mit ansteigender Spannung bis hin zum überraschenden Finale.

Auch selber ist man fasziniert und entsetzt von den Schilderungen - Anziehung und Entsetzen. So auch die Schwestern, die fast dreißig Jahre eng vereint und gebunden, verstärkt durch Mutters Krankheit und wenig Chancen auf sozialen Aufstieg mitbringen. Verträumt wie die Insel, verträumt wie die Schwestern tut sich eine Realität auf, die in sich schlüssig erscheint und Interpretationen eröffnet, die man so nicht erwartet hat. Bald kommen die verschiedenen Sichtweisen der Schwestern ans Licht. Wird nicht schon durch das anfängliche Zitat von den Brüdern Grimm von Schneeweißchen und Rosenrot auf etwas hingedeutet, etwas, was zu naiv ist um wahr zu sein?
Erfrischend die übersichtlichen Mitstreiter, so kann die Konzentration auf den Hauptdarstellern Sam und Elena liegen. Dennoch erschloss sich mir Sam nicht wirklich und die vorerst im Hintergrund liegende Elena in der Erzählung in ihrer Motivation erscheint perfekt sorgend, eher schön und geheimnisvoll, ganz wie eine Märchenprinzessin. Doch wird sie nicht wie in dem Märchen Schneeweißchen und Rosenrot den als Bär verwunschenen Prinzen heiraten, denn so etwas gibt´s nur im Märchen. Auch wenn die Insel San Juan paradiesisch ist und die Schwestern Schönheiten, sieht hier die Realität, die die beiden einholt, gänzlich anders aus.
Empfehlung!

Bewertung vom 05.06.2024
Gebhardt, Miriam

Die kurze Stunde der Frauen


ausgezeichnet

Miriam Gebhardt schreibt dieses Sachbuch von Anfang an spannend und interessant. Wenn es nicht so dicht mit Informationen zum Verdauen und Reflektieren gewesen wäre, hätte ich es in einem Zug durchgelesen. Sie schreibt gekonnt, selber ist sie Journalistin und Historikerin, eine perfekte Kombination, da diese ausführliche Recherche und Zusammenfassung sehr gut aufgebaut und verständlich dargestellt ist
Anhand von schriftlichen Dokumenten und Tagebucheinträgen von Frauen, die ab 1900 geboren wurden erarbeitet sich M. Gebhardt ihr Fazit. Welche Rolle bekamen die Frauen nach dem 2. Weltkrieg im politischen und sozialen Kontext, welche Möglichkeiten sahen sie daraus und ergriffen Chancen auch im Privaten. Die Erzählungen meiner 1928 geborenen Mutter als Zeitzeugin, mit der ich auch über dieses Buch gesprochen habe, runden mein Bild zu diesen Schlussfolgerungen ab. Jetzt kann ich weitaus besser verstehen, welchen Grenzen der Frau damals gesetzt wurden, was prägend war und welche Chancen und Möglichkeiten überhaupt machbar waren. Verhaltensweisen und Vorstellungen, die mich erzogen haben, ergeben einen größeren Sinn, nämlich nicht nur einen persönlichen sondern einen mit sozialem und politischen Ursprung. Wie wurde der Alltag bewältigt, welche Möglichkeiten gab es, mit den vielfältigen hereingebrochenen Situationen und Schicksalsschlägen umzugehen? Das Leben ging weiter, die Hilfe von posttraumatischen Belastungsstörungen wurde noch nicht angeboten. Frauen, die Protagonisten in diesem Sachbuch, kämpften mit schlechter Startposition, moralisch, psychisch und körperlich vorerst um Existenzielles; schafften sie eine Selbstwirksamkeit? „ die innere Überzeugung zu haben, schwierige oder herausfordernde Situationen gut meistern zu können – und das aus eigener Kraft heraus“. Aus heutiger Sicht erscheinen die Berichte der Frauen teils erschreckend und erwecken Empörung, im damaligen Sozialsystem im Stich gelassen worden zu sein.
Das Buch stellt Vorreiterinnen, die politischen Einfluss erlangten dar, die die heutige Gleichberechtigung auch in der Verfassung maßgeblich durchgesetzt haben, aber auch Heldinnen des Alltags, die ihre Biographie in Tagebüchern aufschrieben. Auch erfährt man die Geschichte der klassischen Aufgabenverteilung von Mann und Frau, die weit vor dem 2. Weltkrieg ihren Anfang nahm und auch die Bedingungen und Möglichkeiten der Frau in der späteren DDR als Gegenüberstellung.
Alles ergibt in diesem Zusammenhang Sinn und Bedeutung und vor allem Verständnis für die Vergangenheit, die uns geprägt hat und das Bewusstsein, dass die heutigen demokratischen Rechte und Möglichkeiten, hart gegen ein Patriarchat erkämpft worden sind und noch vor nicht allzu langer Zeit keineswegs selbstverständlich waren. Miriam Gebhardt hat ein Sachbuch geschrieben, das ein wichtiges Zeitzeugnis ist, mit ihren Schwerpunkten und Schlussfolgerungen, die mich überzeugt haben und mir eine schon lange überfällige Sicht auf einen größeren Zusammenhang aufgezeigt haben. Sehr viele Aha-Erlebnisse machen das Buch durchgängig spannend. Absolute Empfehlung!

Bewertung vom 30.04.2024
Vardiashvili, Leo

Vor einem großen Walde


ausgezeichnet

Bürgerkrieg in Georgien, Irakli flieht mit seinen Söhnen Saba und Sandro nach London, die Mutter, aufgrund mangelndes Geldes für Pässe und Flucht, bleibt zurück. Irakli versucht jahrelang sie nach London zu holen, doch es scheitert, die Mutter stirbt. Irakli kehrt später nach Georgien zurück und verschwindet und ist auf der Flucht. Die besorgten Söhne sind folgen seiner Spur. Eine abenteuerliche Reise beginnt. Brotkrume für Brotkrume wird entschlüsselt, die Suche führt durch das ganze Land Georgien.

Saba, der Protagonist, erinnert sich an das damalige Georgien und wird mit dem heutigen konfrontiert, Stimmen von erinnerten Verwandten begleiten ihn, spornen ihn an, flüstern ihm zu. Ein farbiges Bild Georgiens entsteht. Georgien nach dem Bürgerkrieg mit eigenen Regeln und Gefahren. 1991 hat sich Georgien von der Sowjetunion losgesagt, die Wirtschaft ist zusammengebrochen, es herrscht große Armut. Leo Vardiashvili lässt eine Geschichte entstehen, die einen ungebrochenen Überlebenskampf, Hoffnung und große menschliche Begegnungen verspricht. Eine Odyssee auf der Suche nach dem Vater mit schönen, schrecklichen, aufwühlenden und überraschenden Momenten, man lebt als Leser intensiv mit und erleidet mit die Armut, Korruption, Verrat, aber auch Liebe, Zuversicht und Vertrauen. Der Roman nimmt Fahrt auf; die vielen geschichtlichen Einblicke runden das Bild ab. Für mich war der Höhepunkt in der Mitte des Romans und von da an ging es rasant weiter, bleibt durchgängig spannend. Der Roman ist sehr dicht und sehr überzeugend geschrieben. Zuerst fiel es mir nicht leicht, mich mit Sprache und Kultur anzufreunden, doch der erwirkte Eindruck der Bilder ist sehr gelungen, fast nicht zu glauben, fast märchenhaft! So ist auch die Anlehnung des Buchtitels „Vor einem großen Walde“ an Hänsel und Gretel von den Gebrüdern Grimm (nicht nur in Bezug auf das entscheidende Schlussszenario) passend.
Aus Sicht einer unverdauten Kindheit, und auch mit den sensiblen Empfindungen eines Kindes, das eine zurückgelassene Heimat sucht und Trümmer und Wahrheiten findet. Zum Schluss ist die Heldenreise ganz anders als erwartet.
Märchen erzählen wundersame Begebenheiten. So auch hier: Der Held ist Saba, der sich mit guten und bösen Begegnungen auseinandersetzt bis die letzte Stimme verstummt.
Saba suchte seinen Ursprung, seine Heimat und trotz aller Widrigkeiten und Widersprüchlichkeiten innen und außen ist ihm dies auf dieser Reise wohl zu einem entscheidenden Teil gelungen.
Mit viel Humor und überraschenden Wendungen und Einblicken bekommt man hier beste Unterhaltung zum Mitfiebern und Mitleiden.

Leo Varashvili ist in Tbilissi aufgewachsen und immigrierte mit 12 Jahren nach England, wo er in London Literatur studierte.