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Benutzername: melange
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Danksagungen: 71 (erhaltene)


Bewertungen

Insgesamt 394 Bewertungen
Bewertung vom 03.10.2018
Ein Winter in Paris
Blondel, Jean- Philippe

Ein Winter in Paris


weniger gut

Sweet Nothings

Zum Inhalt:
Victor ist im zweiten Jahr an einer Schule in Paris, die auf das Studium vorbereiten soll. Aus der Provinz kommend, ist er ein Außenseiter und freundet sich mich Mathieu an, welcher sich in einer ähnlichen Lage befindet. Mathieu nimmt sich nach einem Streit mit einem Lehrer das Leben. Durch diesen Umstand wird Victor plötzlich interessant, - für seine Mitschüler wie auch für Mathieus Vater.

Mein Eindruck:
Ja, die Sprache Blondels hat etwas Feines und Berührendes. Und das muss sie auch haben, denn eigentlich passiert in dem Buch nach dem sehr dramatischen Beginn nicht mehr viel. Ein Junge wird erwachsen, dabei hat er ein paar Begegnungen mit anderen jungen Menschen und einem verzweifelten Vater, hört viel zu, denkt sich seinen Teil und die Tage gehen ins Land. Bis der Winter nach knapp 200 Seiten sein Ende hat, glücklicherweise, denn noch mehr Tristesse wäre wohl zu viel der Langeweile gewesen. Und irgendwie wird auch nicht klar, was die tiefere Intention der Geschichte sein soll, denn hier ist noch nicht einmal der Weg das Ziel – von einem echten Ziel ganz zu schweigen. Und obwohl die Worte wunderbar in formidabler Weise aneinandergereiht werden, sind es zum Schluss doch nur süße Nichtigkeiten, denn es bleibt nichts hängen. Schon am nächsten Tag hat man die Namen der Charaktere vergessen, die Orte (abgesehen von Paris) verschwimmen und es ist zu erwarten, dass in wenigen Tagen die ganze Story im Nirwana der Erinnerungen verschwunden ist, unter einer weißen Decke, die der Frühling irgendwann schmelzen lässt.

Mein Fazit:
Schöne Sprache, welche gepflegte Langeweile übertüncht

Bewertung vom 03.10.2018
Slow Horses
Herron, Mick

Slow Horses


gut

Kein Sprintrennen, sondern ein Marathon

Zum Inhalt:
In Sloagh House finden die gescheiterten Agenten des britischen Geheimdienstes MI5 ihr Gnadenbrot unter Führung von Jackson Lamb. Die „Slow Horses“, die lahmen Gäule, werden dort mit Aufgaben abgespeist, die sie zur Kündigung nötigen sollen. Doch dann wird ein pakistanischer Jugendlicher entführt, seine öffentliche Hinrichtung angedroht und die Pferde traben los, - ungeachtet dessen, dass die Buchmacher im Hauptquartier nicht auf ihren Sieg hoffen.

Mein Eindruck:
Der Versuch, einen Geheimdienstmitarbeiter zu zeichnen, der so weit weg von James Bond ist, wie der Veganer vom Verzehr eines Hamburgers, gelingt Mick Herron nur bedingt. Das liegt zu einem großen Teil daran, dass „Slow Horses“ der erste Fall für Jackson Lamb und seine Truppe von Versagern ist und die Charaktere erst einmal eingeführt werden müssen. Und da es viele Charaktere sind, dauert die Einführung lang, sehr lang, fast zu lang. Denn auch die Gegenspieler müssen gezeigt werden, hier welche (auch) aus den eigenen Reihen. Der zweite Minuspunkt ist, dass Herron in dem Ansinnen übertreibt, ein möglichst konträres Bild zu dem eloquenten Typen zu bieten, welcher der Leserschaft sonst bei dem Charakter „Geheimdienstler“ durch den Kopf spukt: Nicht wirklich sympathisch (okay), älter (geht auch noch), von sich überzeugt (geschenkt), aber dazu auch noch in großen Teilen unappetitlich (Lamb schnauft, isst ohne Manieren, läuft in ungewaschenen Klamotten herum und schwelgt in sehr oft beschriebenen Flatulenzen) – das ist des Guten doch zu viel.
Glücklicherweise bekommt die Geschichte im zweiten Teil die Kurve. Es wird spannend, das Personal wird nicht nur beschrieben sondern beginnt zu agieren, der Humor wird britisch – schwarz und tiefgründig. Die Pferde sind nicht mehr Einzelkämpfer, sondern werden eine Herde mit Leithengst und spielen ihre jeweiligen Fähigkeiten gekonnt aus. Perspektivwechsel und Gedankenspiele bringen zusätzlich Schwung in die Erzählung. Eine Erzählung, die Nachfolger finden sollte, da der zweite Teil direkt in die Vollen gehen kann.

Mein Fazit:
Wer sich durch den zähen Beginn quält, hat einigen Spaß an einem intelligenten Duell

Bewertung vom 03.10.2018
Rache der Orphans / Evan Smoak Bd.3
Hurwitz, Gregg

Rache der Orphans / Evan Smoak Bd.3


ausgezeichnet

Dieses Buch ist der letzte Teil einer Trilogie, die sich mit Evan Smoak befasst. Man muss zwar nicht die beiden anderen Teile gelesen haben, um der Story folgen zu können, einige Zusammenhänge lassen sich aber leichter erschließen, wenn der Rest der Geschichte bekannt ist. Dumm wäre der Genuss der ersten Teile aber sowieso nicht, da auch diese keinerlei Wünsche offen lassen, - wenn man sich eine Story mit Rasanz, Spannung, einem einsamen Kämpfer für das Gute und einem ebenso brillanten Antagonisten erträumt. Im dritten Teil legt Hurwitz noch einmal einen Zahn zu, denn er lässt eine Saite in Evan erklingen, die dieser selber noch nicht kannte. Dazu bedient sich der Autor einiger „Eltern“/“Kind“-Konstellationen, die nicht nur viel Konfliktpotenzial bieten, sondern sehr oft zu Szenen mit tiefgründigen Humor führen, wenn der jüngere Part sich anders als erwartet verhält. Aber hauptsächlich besteht das Buch aus Action, Action und…. Action. Kampfszenen, Folterungen, viele Tote, Waffenschnickschnack und sonstiger Hightech inklusive. Trotzdem wird es nicht langweilig – selbst wenn einen das Gen für Männerspielzeuge fehlt. Denn Hurwitz benutzt kurze Kapitel mit Orts-, Personen- und Perspektivwechseln, nimmt dadurch Tempo heraus oder zieht es wieder an und man fliegt nur so durch die Seiten. Doch leider ist dieses Buch – und damit die Trilogie - irgendwann zu Ende… oder doch nicht? Ein kleines Türchen lässt sich der Autor offen.

Mein Fazit:
In einem Wort: Großartig

Bewertung vom 03.10.2018
Unter Verdacht / Die Schwestern von Mitford Manor Bd.1
Fellowes, Jessica

Unter Verdacht / Die Schwestern von Mitford Manor Bd.1


weniger gut

Doch, das Buch weiß in Teilen zu gefallen. Ein gefälliger Stil, ausführliche Schilderungen des Lebens im Haushalt einer berühmten, englischen Upperclass-Familie kurz nach dem ersten Weltkrieg, dazu ein bisschen Kriegsgräuel und als Tüpfelchen eine Liebesgeschichte. Leider wird vom Cover und Klappentext etwas Anderes versprochen: Ein Kriminalfall, der sich hauptsächlich um Nancy Mitford dreht. Was man bekommt ist eine Beschreibung des Lebens einer Bediensteten, die zufällig bei Mitfords arbeitet, ebenso zufällig einem Polizeibeamten, der von einem Todesfall nicht lassen kann, in die Arme und ins Herz fällt und dann noch zufällig in Kontakt mit einem Verdächtigen in diesem Todesfall gerät. Das ist erstens sehr viel Zufall und zweitens in Teilen ganz schön langweilig, denn nichts interessiert einen Krimileser weniger, als die Applikationen am Mantel einer hochherrschaftlichen Jugendlichen – und mehr erfährt man über Nancy kaum. Stundenlang geht es um irgendwelche Gefühle, die unterdrückt werden müssen und Sätze, die nicht gesagt werden dürfen – hauptsächlich jedoch nicht von Nancy. Die anderen Mitford-Geschwister kommen nur als Namen vor, auch hier ist der Titel eben nicht Programm. Der Kriminalfall kommt zum Schluss noch einmal in Wallung, - die Spannung dazu eher nicht. Das tränendrüsige Happyend ist für einen schwülstigen Möchtegern-Krimi die Kirsche auf der Torte.

Mein Fazit:
Zu viel Gesellschaft, zu wenig Krimi und kaum „Mitford“

Bewertung vom 20.09.2018
Der Abgrund in dir
Lehane, Dennis

Der Abgrund in dir


sehr gut

Was für ein Twist!

Zum Inhalt:
Rachel Child hat es noch nie leicht gehabt: Eine Mutter, die ihr das Wissen über den Vater vorenthält, eine Karriere, die ins Stocken gerät, nachdem die Reporterin Rachel in den Wirren nach einer Naturkatastrophe auf Haiti einen Nervenzusammenbruch erleidet, ein Ehemann, der sie verlässt. Aber dann begegnet sie Brian wieder. Spross einer ehrwürdigen Familie, charmant und reich. Er bringt Rachel Stück für Stück ins Leben zurück, die beiden heiraten, sind glücklich, doch das Glück ist plötzlich nur noch eine Illusion.

Mein Eindruck:
Nach einem wirklich furiosen Beginn plätschert das Buch nur noch so dahin. Trotz einiger Szenen, die dramatisch hätten geschildert werden können (Tod der Mutter, Vorkommnisse auf Haiti) ist der Stil Lehanes bestenfalls lakonisch statt dramatisch. Oder – um im Genre zu bleiben – er klingt eher nach Nachrichtensprecher als nach Reporter vor Ort. Zusätzlich erhält man das Gefühl, sich eher in Kurzgeschichten zu versenken, als eine wirklich fortlaufende Story zu lesen. Die Suche nach dem Vater, das Leben als Reporterin im Zentrum des Grauens – alles beginnt als reißender Strom um dann irgendwie als Abwasser zu verrieseln. Und so quält man sich durch die Seiten, bis wirklich urplötzlich nach gut der Mitte des Buches ein großartiger Dreh den Leser aus seiner Lethargie reißt. Was dann folgt, ist eine Abfolge von Aberwitz, Brutalität und Gefahr, aber auch von unerwarteter Zuneigung und schwarzem Humor. Figuren zeigen ihre wahre Identität und ihren echten Charakter – manchmal sogar für sie selber unerwartet. Das macht Spaß, lässt einen mitfiebern und die zu lange Einleitung auf diese Wahnsinnstour der letzten 200 Seiten vergessen.

Mein Fazit:
Zum Schluss ein wahres Feuerwerk – in jeder Beziehung

Bewertung vom 09.09.2018
Nie wieder Amore!
Hennig, Tessa

Nie wieder Amore!


sehr gut

Herzallerliebst

Zum Inhalt:
Die Deutsche Lena, die zusammen mit ihrer Freundin Francesca in deren Elternhaus auf Sizilien eine Sprachschule eröffnen will, mistet aus und findet dabei einen alten Film, welcher ein sehr verliebtes deutsch-italienisches Pärchen zum Thema hat. Kurzerhand macht sie die Frau ausfindig: Moni, inzwischen vom untreuen Ehemann verwitwet, wohnt in Augsburg in einer Seniorenresidenz und trauert dem totgeglaubten Vincenzo hinterher. Dieser ist nach Aussage einer Sizilianerin jedoch quicklebendig und so macht sich Moni gemeinsam mit Enkel Jan nach Taormina auf, dicht gefolgt von Tochter Tanja, um nicht nur Vincenzo zur Rede zu stellen, sondern auch den Umbau der Sprachschule gegen alle Widrigkeiten und die Mafia durchzusetzen.

Mein Eindruck:
Tessa Hennig ist ein wunderbares Märchen moderner Bauart gelungen, bei dem das Gute siegt und die Paare sich zum allseitigen Happyend in den Armen liegen. So weit so gut, doch bei diesem Buch ist der Weg das Ziel, - und dieser Weg ist zwar nicht unbedingt mit Steinen, aber doch einigen Kieseln gepflastert. Und da es sich um unschuldige Sommerlektüre handelt, hofft die Leserschaft, aber sie bangt nicht. Das ist jedoch auch gar nicht nötig, - dafür amüsiert man sich auf das Trefflichste. Ein schöner Schreibstil, der farbenfroh, aber nicht zu ausufernd schildert, eine Charakterzeichnung, die tief genug geht, um interessant zu sein aber nicht zu tiefenpsychologisch wird und über allem scheint die südliche Sonne und raucht der Ätna ein paar Wölkchen. Trotzdem gab es ein paar Stellen, die einem gegen den Strich gehen, da die Autorin ihre Figuren eigentlich anders angelegt hat: Eine erst 67jährige Moni, die resolut ist und alle Sinne beisammen und keine körperlichen Probleme hat, lässt sich nicht in eine Seniorenresidenz abschieben, eine junge, aufgeklärte Lena macht sich garantiert keine Gedanken über die Homosexualität eines älteren Herren und Tanja würde sich bestimmt nicht ausgerechnet dann immer wieder an ihre pummelige Figur erinnern, wenn ein Mann sie -manchmal sogar buchstäblich - auf Händen trägt. Doch da der Rest der Geschichte einen immer wieder zum Schmunzeln bringt, sind diese Kleinigkeiten nicht der Rede wert und die Seiten fliegen nur so dahin.

Mein Fazit:
Es klebe der Zuckerguss – und wenn er nicht gegessen wurde, klebt er noch heute

Bewertung vom 08.09.2018
The Numbers - Welche Zahl bringt dir den Tod? (eBook, ePUB)
Scott, Ewan

The Numbers - Welche Zahl bringt dir den Tod? (eBook, ePUB)


gut

Leider erst spät, dann aber sehr spannend

Zum Inhalt:
Rund um London werden Autofahrer ermordet. Da der Täter eine Signatur hinterlässt – Zettel mit Zahlen und Kinderspielzeuge – die Opfer unendlich grausam zu Tode kamen und die Morde immer schneller aufeinander zu folgen scheinen, steht die Kriminalpolizei unter großem öffentlichem Druck. Weil der leitende Beamte Law ein nicht zu übersehendes Alkoholproblem hat und zudem die Presse zu gut informiert scheint, wird ihm nicht nur Ellie Buckland zur Seite, sondern einer seiner ältesten Widersacher gegenüber gestellt. Und so kämpft Law nicht nur gegen den Serientäter, sondern zusätzlich gegen die Feinde unter den Kollegen.

Mein Eindruck..
Zwar kommt der Krimi zum Ende hin ganz gewaltig in die Puschen, bis dahin vergeht aber viel zu viel Zeit mit Privatgedöns, bei dem man sich öfter wie in einem französischen Drama fühlt: Wenn nur einer mal den Mund aufmachen würde, könnte man sich viel Ärger ersparen. Aber wieso sollte der Autor an Ärger sparen, wenn er damit problemlos (nur nicht für Law und seine Umgebung) viele Seiten füllen kann. Und so wühlt sich die Leserschaft durch Mengen an Alkohol, Diskussionen mit der Tochter und schwermütige Gedanken an die Ehefrau (welche Law verlassen hat), bis man ganz am Grund der Depression einen Fall findet, der Selbstjustiz mit banaler Schwerkriminalität kombiniert. Leider bleibt dadurch nicht mehr viel Platz für Charakterentwicklungen, Ermittlungen oder auch nur einen tieferen Blick in die Psyche des Täters und so kommt der Leser dem Mysterium um die Zahlenkombinationen schneller auf die Spur als eine ganze Mannschaft von Polizisten. Apropos Mannschaft: Scott führt dermaßen viele Charaktere ein, dass man als Leser schnell den Überblick verliert. Diese Charaktere sind jedoch fast beliebig und austauschbar, - großartige Informationen erhält man zu ihnen nicht. Sie werden erwähnt und schon fällt ein neuer Name. Mehr Ausschmückung erfahren die Morde bzw. die aus ihnen erfolgten Verletzungen: Hier beweist Scott eine Erfindungsgabe und Detailtreue, die sensiblen Gemütern ganz schön auf den Magen schlagen kann. Trotzdem dümpelt man ein wenig durch die Geschichte, erfährt vieles über Laws und Bucklands Vergangenheit (schließlich ist das Buch der Beginn einer Reihe) um dann praktisch völlig überraschend und urplötzlich in einen Showdown zu stürzen, der es in sich hat. Hier zeigt Scott wirklich sein erzählerisches Können und lässt den Leser mitfiebern, mitleiden, hoffen und bangen und schenkt weder Law, seinen Kollegen und dem Killer auch nur eine Atempause. Einen Zusammenhang und fast übermenschliche Fähigkeiten einer Figur hätte sich Scott jedoch lieber sparen sollen – der Glaubwürdigkeit seiner Geschichte hätte es besser zu Gesicht gestanden.

Mein Fazit:
Zu viel Drumherum, zu wenig Fall, am Ende jedoch ein echter Pageturner

Bewertung vom 08.09.2018
Das Gift der Wahrheit / Hall & Hellstern Bd.2
Corbin, Julia

Das Gift der Wahrheit / Hall & Hellstern Bd.2


sehr gut

Nichts für schwache Nerven

Zum Inhalt:
Der Fund einer weiblichen Leiche ruft Kommissarin Alexis Hall und ihre Freundin, die Kriminalbiologin Karen Hellstern, auf den Plan. Die Frau starb an Spinnenbissen und sie ist nicht das einzige Opfer – ein sadistischer Serienmörder treibt sein Unwesen. Auf der Suche nach dem Killer geraten die beiden Ermittlerinnen nicht nur an ihre körperlichen, sondern auch an die seelischen Grenzen, da die eine von ihrer Vergangenheit eingeholt wird und die andere die notwendige Distanz zu einem mittelbaren Opfer vermissen lässt.

Mein Eindruck..
… wird zuerst einmal von dem außerordentlichen Cover bestimmt. Das sieht nicht nur rau aus, es fühlt sich auch so an. Handschmeichler wie dieser Umschlag sind ein Garant dafür, dass das „echte“ Buch noch lange nicht von seiner elektronischen Version verdrängt wird.
Dieses positive Gefühl trägt sich dann auch durch die Geschichte, welche sehr oft einen vor allem für Spinnenphobiker hohen Grad der Spannung hält. Die Story wird dabei unterstützt von einer Vielzahl Figuren, bei denen sich die Autorin vor allen Dingen bei den weiblichen Charakteren ein großes Maß an Mühe mit der Ausarbeitung gibt. Diese hat man sehr gut vor Augen – inklusive Kleidungsstil, Frisuren und anderen körperlichen Attributen. Bei den Herren der Schöpfung bleibt diese Detailarbeit aus, einzig die – natürlich fabelhaft aussehende – fast-oder-doch-nicht-aber-dann-doch-gerne-Beziehung von Alexis wird genauer beschrieben. Dazu sind viele negative Eigenschaften zumeist beim starken Geschlecht zu finden – Rachsucht, Homophobie, Gewalt wird dort verdrahtet, während die Frauen auch außerhalb der Krimihandlung eher Opfer sind. Das stört ebenso wie das übergroße Päckchen, das Alexis mit ihrer Herkunft als Kind eines Serienmörderpaares, Adoptivnichte eines unbelehrbaren Onkels und hilfloses Hascherl in Herzensdingen zu tragen hat, - aber dabei soooo gut aussehend, dass die Leserschaft gähnt. Ähnlich verspannt ist Karen mit ihrer Unfähigkeit, Abstand zu dem Tatgeschehen und einem Opfer zu halten, dafür aber viel davon zu ihrer eigenen, privaten Umgebung aufbaut.
Aber abgesehen von dem privaten Kokolores ist Corbin eine sehr spannende Geschichte gelungen, mit überraschenden Wendungen, guten Erklärungen, detailreichen Todeskämpfen und interessanten Einblicken in die Gerichtsmedizin und Biologie.
Für den nächsten Krimi würde ich mir weniger Privatprobleme und mehr Fall wünschen. Die beiden Damen sind fähig, ihr Team sympathisch und differenziert – das darf auch einmal für einen Thriller reichen.

Mein Fazit:
Zu viel private Nebensächlichkeiten, dafür aber ein grandioser Kriminalfall

Bewertung vom 28.08.2018
Ich bin viele / Bob Johansson Bd.1
Taylor, Dennis E.

Ich bin viele / Bob Johansson Bd.1


sehr gut

Die Welt in 100 Jahren

Zum Inhalt:

Bob ist ein vorausschauender Mensch, deshalb veranlasst er, dass sein Körper nach seinem Tod aufbewahrt wird, - Wiederbelebung nach erfolgtem Fortschritt erwünscht. Als er jedoch 100 Jahre später wirklich erwacht, muss er feststellen, dass sich die Zeiten nicht nur im medizinischen Bereich verändert haben. Sein Körper ist weg, er existiert nur noch als künstliche Intelligenz, die von seinem neuen Besitzer eine Mission auferlegt bekommt: Den Weltraum nach möglichen Zufluchtsorten für die Menschheit abzusuchen. Der fehlende Körper lässt sich dabei durch eine besondere Fähigkeit ausgleichen: Die Möglichkeit, sein Ich zu klonen. Und so schreitet Bob ans Werk – und ist bald viele.

Mein Eindruck:

„Ich bin viele“ ist kein Buch, das man nebenbei oder in Ministückchen vor dem Einschlafen lesen kann, - dafür wird es insbesondere nach dem ersten Klonen zu kompliziert. Denn jeder Klon bekommt einen neuen Namen, erobert (manchmal alleine, manchmal zu mehreren) neue Welten und die Zeiten sind in diesen Welten ebenfalls unterschiedlich – Einstein und seiner Relativitätstheorie sei Dank. Und leider fehlt unter Umständen der Zugang zu den vielen technischen Details, bei denen nicht sicher ist, ob sie der Gedankenwelt des Autors entsprungen oder Teil von Forschung und/oder Science-Fiction Serien sind. Nimmt man sich jedoch Zeit und setzt sich in ein abgeschiedenes Eckchen, wird man mit einem Text voller Esprit, Fantasie und viel Humor belohnt. Die Dialoge der Bobs untereinander und auch die Interaktionen mit anderen Charakteren (die nicht unbedingt menschlich sein müssen) lassen die Leser ein ums andere Mal grinsen. Durch die Vielfalt der Schauplätze ergeben sich sehr unterschiedliche Arten von Problemen, die durch einen Bob gelöst werden wollen – und auch hier wird es nie langweilig. Bei den Kampfszenen, die wahrscheinlich von Star Wars inspiriert sind, könnte jedoch einem Teil der Leserschaft der Zugang fehlen und die Versuchung groß sein, quer zu lesen. Der Schluss bringt einen weiteren Kunstgriff des Autors ans Licht: Ein Ende, was einen Abschluss anbietet und dennoch einen Ausblick auf einen möglichen Fortgang der Geschichte zeigt.

Mein Fazit:

Zwar viel Technik und Kampfgetümmel, aber auch ein sehr pointierter Witz und noch mehr Erfindungsgeist

Bewertung vom 21.08.2018
Heute wirst du sterben - The Teacher (eBook, ePUB)
Diamond, Katerina

Heute wirst du sterben - The Teacher (eBook, ePUB)


sehr gut

Abgründe

Zum Inhalt:
Die Detective Sergeants Miles und Grey haben sich beide nicht mit Ruhm bei ihrem jeweils letzten Fall bekleckert. Als Bewährungsprobe sollen sie gemeinsam einige besonders brutale Morde klären, bei denen hohe Persönlichkeiten zu Tode kamen. Aber dann kommt es zu Ungereimtheiten und bald stellt sich die Frage, ob Täter und Motiv gefunden und aufgedeckt werden sollen – oder vielleicht doch der Wunsch nach einem Scheitern der beiden DS vorherrscht?

Mein Eindruck:
Wenn die Autorin Katerina Diamond etwas beherrscht, dann die Fähigkeit, in ihren Lesern Abgründe zu Tage zu bringen, die diese sich nicht träumen ließen. Denn wenn man zu Beginn des Thrillers noch ein gewisses Mitleid mit den – fast schon unübersichtlich – vielen Opfern eines erbarmungslosen Täters hat, so nimmt dieses im Laufe der Geschichte immer weiter ab, da das Motiv des Mörders seinesgleichen sucht. Mit Nebensächlichkeiten hält sich die Autorin dabei nicht auf. Obwohl sie auch einige Sequenzen zur Vergangenheit eines Charakters anbietet, um dessen Gemütslage zu schildern, laufen die meisten Kapitel folgendermaßen ab: Vorstellung des Opfers, unheimliche Stimmung, Täter kommt dazu, erklärt sich und foltert zu Tode. Trotzdem wird die Story nicht langweilig, da Stück für Stück in der Erklärung ein Teil der Täter-Persönlichkeit klar wird und damit die Leserschaft immer weiter auf seine Seite zieht.
Zu ihrer wirklich gut konstruierten Geschichte führt Diamond mit den zwei Detectives ein interessantes Ermittler-Paar ein, welches sich – für meinen Geschmack leider – in dem mittlerweile üblichen „Polizist mit Problemen Pfuhl“ suhlt. Und das nicht zu knapp, denn sie ersinnt für ihre Beamten eine fast schon lachhafte Menge derselben, - wenn es denn nicht so traurig wäre. Aber so hat sie für geplante Fortsetzungen noch einige Pfeile im Depressions-Köcher. Wenn diese Fortsetzung so spannend und lesenswert wie „The Teacher“ wird, sollte aber auch dieses zu verschmerzen sein.

Mein Fazit:
Spannend mit fragwürdiger Moral