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Benutzername: anushka
Danksagungen: 8 (erhaltene)


Bewertungen

Insgesamt 96 Bewertungen
Bewertung vom 21.02.2018
Bananama
Hirth, Simone

Bananama


gut

Ungewöhnlich, aber für mich zu viele offene Fragen

Bananama. Das ist das Aussteigerparadies einer Familie. Ein großer Garten, der Obst und Gemüse liefert, weit ab vom Schuss. Doch es bleibt nicht paradiesisch. Der Wald scheint ans Haus heranzurücken. Schreie dringen aus dem Wald und die Eltern beginnen, die Türen abzuschließen. Immer häufiger fühlt sich das Paradies wie ein Gefängnis an. Wie mag das Ganze auf ein Kind wirken? Die 6-jährige namenlose Erzählerin beobachtet die Entwicklung ihrer Eltern und ihrer eigenen Bedürfnisse. Immer häufiger leidet sie unter Angst und Einsamkeit, so als einziges Kind auf Bananama, dem die Eltern viele Erklärungen schuldig bleiben.

Leider bleibt das Buch selbst dem Leser ebenfalls viele Antworten schuldig. Mit offenen Ende kann ich so schon selten gut umgehen. Aber hier bleibt dann auch noch so vieles ungeklärt und mysteriös. Selbst für scheinbar zentrale Ereignisse gibt es keine Auflösung. Man kann dadurch zwar die Sicht der kleinen Erzählerin besonders gut nachvollziehen, aber als Leserin eines Buches, eines Romans, reicht mir das nicht. Zudem hat dieses recht junge Kind immer wieder so tiefgreifende philosophische und logische Gedankengänge, dass ich an ihrem Alter gezweifelt habe (vor allem, da ich selbst ein Kind in dem Alter habe). Ansonsten ist der Erzählstil jedoch auch immer wieder kindlich-naiv und vermag dadurch den anfänglichen Zauber des ungewöhnlichen Lebens zu transportieren. Was ich sehr genossen habe, war ein kleiner feiner Humor und vielleicht auch eine gewisse Schadenfreude in der Aufdeckung der Doppelmoral dieser Aussteiger. Denn hier wird deutlich, dass es gar nicht so einfach ist, sich loszusagen und dass es doch etliche Annehmlichkeiten gibt, auf die man nur schwer verzichten möchte. Hier schreibt die Autorin schon mit spitzer Feder und einem Augenzwinkern.

"Bananama" mag ein moderner Roman sein und er thematisiert herrlich ironisch die Widersprüche in der Gesellschaft und der Utopie einer ganzen Bevölkerungsschicht. Aber für meinen Geschmack ist der Roman zu unfertig und lässt einfach ein paar Fragen zu viel offen.

Bewertung vom 19.02.2018
Ein mögliches Leben
Köhler, Hannes

Ein mögliches Leben


sehr gut

Weltkriegsgeschichte mit etwas anderem Ansatz

Normandie, Frankreich, 1944: Franz Schneider sollte Teil einer Gegenoffensive werden. Stattdessen sitzt er im Sand und wartet auf seinen Abtransport. Als Kriegsgefangener der Amerikaner. Rund 70 Jahre später geht er mit seinem Enkel auf Spurensuche. Zusammen besuchen sie die alten Stätten der Kriegsgefangenschaft in den USA und langsam erzählt Franz die wahre Geschichte, wie er einen seiner Finger verlor. Auch befasst er sich endlich mit seiner Tochter, die nun selbst im hohen Alter ist und die ihren Vater nicht in guter Erinnerung hat.

"Ein mögliches Leben" hat zwei Hauptthemen. Einerseits geht es um Familien, die Beziehungen untereinander und das Erbe von einer Generation zur nächsten. Jede der vier Generationen der Familie hat ihre eigenen Themen und Probleme im Beziehungsbereich, die meiner Meinung nach nicht zwangsläufig auf den zweiten Weltkrieg zurückzuführen sind, sondern die jede Familie auch mit anderem Hintergrund treffen könnte. Welcher Mensch leidet nicht irgendwo unter den Unzulänglichkeiten der eigenen Eltern. Diese Geschichte zeigt lediglich, wie die einzelnen Figuren geprägt sind von den Verhaltensweisen und Problemen der vorherigen Generationen.
Das zweite Hauptthema des Buches ist die Kriegsgefangenschaft deutscher Soldaten in den USA. Das ist für mich der spannendere Teil, denn mir war nie bewusst, dass die Gefangenen wirklich nach Amerika verschifft wurden. Und auch nicht, dass viele Gefangene auch da noch von Hitlers kurz bevorstehendem Sieg überzeugt waren. Zusammenstöße mit nicht linientreuen Kameraden sind vorprogrammiert. Und so wird die Gefangenschaft zum Albtraum, obwohl es den deutschen Soldaten bei den Amerikanern teilweise erheblich besser geht als an der deutschen Front.
Franz bleibt die ganze Zeit eine zwiespältige Figur, aber dadurch immer besonders glaubwürdig. Martin ergänzt ihn gut, wenn auch meist nur als Nebendarsteller. Erzählt wird die Geschichte in drei großen Abschnitten. Zunächst verfolgt man die Reise durch Amerika und was diese an Erinnerungen aufdeckt. Anschließend rollt Franz' Tochter die weiteren Ereignisse mit Hilfe von alten Dokumenten auf. Und schließlich füllt eine Rückblende in die 1940er die Lücken. Mich hat lediglich der Sprung zwischen der Reise und der Tochter gestört, da er sehr abrupt war.

Insgesamt habe ich die in vielen Rezensionen angedeutete Auswirkung der Geschichte auf die familiären Beziehungen so nicht gefunden. Die Familiengeschichte hätte meiner Meinung nach vor jeder Kulisse stattfinden können. Der historische Teil selbst hat mich aber sehr gefesselt und mir noch einmal einen neuen Blickwinkel auf ein viel behandeltes Thema ermöglicht. Hier habe ich richtiggehend mitgefiebert. Man merkt die intensive Recherche und noch mehr Eindruck macht die Geschichte durch die Tatsache, dass sie auf Zeitzeugenberichten aufbaut. Franz' Alter macht auch deutlich, dass es diese bald nicht mehr geben wird. Für mich ein insgesamt gelungenes Buch.

Bewertung vom 28.01.2018
The Woman in Cabin 10
Ware, Ruth

The Woman in Cabin 10


gut

Unsympathische Protagonistin stört die Logik und die Spannung

Lo Blacklock hat das große Los gezogen. Sie darf ihre Chefin beim Reisemagazin "Velocity" auf einer Luxuskreuzfahrt nach Norwegen vertreten. Doch schon die erste Nacht entpuppt sich als Alptraum. Lo wird von Geräuschen in der Nachbarkabine, Kabine 10, geweckt. Kurz darauf hört sie ein Platschen. Als sie nachsieht, glaubt sie, eine Gestalt im Wasser untergehen zu sehen. Doch als sie sich an den Sicherheitschef wendet, deutet nichts auf die nächtlichen Ereignisse hin. Zudem ist Kabine 10 nie belegt gewesen. Doch wer war die Frau in Kabine 10, mit der Lo noch am Tag zuvor gesprochen hat und wohin ist sie verschwunden? Die Kreuzfahrt wird zunehmend zum Alptraum und bald fühlt Lo sich direkt bedroht ...

Der Verlag hat eine große Werbekampagne für dieses Buch angelegt und dementsprechend hoch waren meine Erwartungen. Leider war das Leseerlebnis aber eher frustrierend, auch wenn das Buch einige Lichtblicke hatte. Der größte Störfaktor war leider die Protagonistin. Los Verhalten ist extrem schwer nachvollziehbar für die Anfang Dreißig, die sie sein soll. Sie kommt als naiv, leichtgläubig, weltfremd und wenig selbstbewusst daher. Die Journalistin, und sei es "nur" Reisejournalistin, habe ich ihr zu keinem Zeitpunkt abgenommen. Zudem bringt Lo einen ganzen Sack an Problemen mit an Bord: sie hat ein Alkoholproblem, nimmt Antidepressiva und leidet unter einer ziemlich stark ausgeprägten Angststörung. Durch ein vorangegangenes Erlebnis ist sie zudem völlig überspannt. Was in "Girl on the Train" noch funktioniert haben mag, nämlich eine unzuverlässige Protagonistin zu erschaffen, geht hier ziemlich nach hinten los. Lo ging mir recht schnell auf die Nerven und ich konnte mich auf dieses Glaubwürdigkeitsspiel nicht einlassen. Durch die Begrenzung des Schiffs auf lediglich 10 Kabinen ist das "Personal" recht übersichtlich und eine Zeit lang wirkt das Buch wie ein klassischer "Whodunnit"-Krimi, der immer wieder andere Verdächtige in den Fokus nimmt. Leider bleibt das Buch gerade hier hinter seinem Potenzial zurück und die Handlung im Mittelteil zieht sich ziemlich, ohne dass es größere Entwicklungen gibt. Lichtblicke in der Spannung treten jedoch zwischendurch kurz auf, wenn Lo sich konkret bedroht fühlt oder kleine Einschübe schon einen Vorausblick auf weitere Entwicklungen geben. Schließlich gibt es dann in meinen Augen doch noch eine kleine Überraschung und zum Ende hin zieht die Spannung noch einmal etwas an. Allerdings sollte man die Logik nicht immer zu genau unter die Lupe nehmen. Ich konnte mich aber bis zum Ende nicht für die Protagonistin erwärmen und so hatte ich eher ein Gefühl der Erleichterung, als sich unsere Wege schließlich trennten.

Alles in allem blieb dieser Thriller stark hinter meinen Erwartungen zurück, was schon aufgrund der groß angelegten Kampagne sehr schade ist. Da es jedoch an der ein oder anderen Stelle trotz der Protagonistin doch etwas spannend war und sich insgesamt auch flott weg las, runde ich meine 2,5 Sterne auf 3 Sterne auf.

Bewertung vom 21.01.2018
Leere Herzen
Zeh, Juli

Leere Herzen


sehr gut

Gesellschaftskritik in einen Thriller verpackt

Deutschland in naher Zukunft. Die Besorgte-Bürger-Bewegung stellt die Regierung und schränkt nach und nach die Freiheiten der Bürger ein. Die Geschichte ist im Hippster-Bürgertum angesiedelt. Berlin und seine Szene-Kieze sind inzwischen uncool, man zieht nach Braunschweig, wo die Häuser noch bezahlbar sind und sich alles in beruhigender Durchschnittlichkeit bewegt. Britta und ihre Freunde haben sich in ihrer Bequemlichkeit eingerichtet, sind pragmatisch geworden und gehen seit Jahren nicht mehr wählen. Die Welt da draußen geht sie in ihrer mittelstädtischen Idylle nichts an. Außer dass Britta die politische Situation monetarisiert hat. Gemeinsam mit ihrem Geschäftspartner Babak hat sie ihre Firma "Die Brücke" aufgezogen. Vordergründig ist es eine physiotherapeutische Praxis mit Lebensberatung, doch dahinter steckt ein knallhartes und pragmatisches Geschäft mit dem Tod. Doch dann erfahren Britta und Babak aus den Nachrichten, dass ihnen jemand Konkurrenz macht und ein Wettlauf gegen die Zeit beginnt. Nicht nur das Geschäft, sondern auch Britta und Babak und alle, die ihnen nahe stehen, sind in Gefahr.

Juli Zeh hat mit diesem Buch eine realistische Dystopie in einen spannenden Thriller verpackt, der mich kaum losgelassen hat. Vieles ist nah an die aktuellen Entwicklungen angelehnt und somit die Botschaft manchmal sehr offenkundig. Doch das hat mich gar nicht so gestört, weil man die Gefahren der derzeitigen Entwicklungen weltweit wahrscheinlich gar nicht deutlich genug aufzeigen kann. Hinzu kommt, dass die Autorin den Figuren leben eingehaucht hat und man sie sich sehr gut bildlich vorstellen kann, da sie das Bildungsbürgertum sehr gut abbilden. Sie sind sehr gut ausgearbeitet und auch das ganze Setting ist gut und glaubhaft konstruiert. Sogar Brittas Geschäftsidee ist in diesem Rahmen einfach nur eine logische Konsequenz. Was mich jedoch zum Ende hin gestört hat ist die zunehmende Verworrenheit und dass die Moral letztlich irgendwie versandet. Hier fehlte mir die abschließende Konsequenz und Eindeutigkeit. Zudem konnte ich die Verwicklungen der einzelnen Akteure nicht mehr gut auseinander halten und Brittas Handlungen nicht mehr immer logisch nachvollziehen.

Dennoch war das Buch durchweg spannend und eine gut platzierte Gesellschaftskritik, die zum Nachdenken anregt und die ich weiterempfehlen würde.

Bewertung vom 30.12.2017
Der Herr der Bogenschützen
Lorne, Mac P.

Der Herr der Bogenschützen


ausgezeichnet

England, 1400: John Holland ist 6 Jahre alt, als der Kampf um die englische Krone seine Familie zerstört. Sein Vater wird als Unterstützer seines Halbbruders Richard II hingerichtet, nach dessen Entthronung und Tod ein anderer Onkel Johns den Thron ergreift, Henry Bolingbroke oder auch Henry IV. Dieser lässt Johns Mutter wiederverheiraten und unterstellt die Aufsicht über John und seine Brüder Thomas Fitzalan, einem Erzfeind der Familie. John verliert seine Brüder und alle seine Titel und wächst in aller Bedeutungslosigkeit auf. Als einfacher Bogenschütze arbeitet er sich nach oben und gerät in die Wirren des Hundertjährigen Krieges. In denen er auch der legendären Jeanne D'Arc begegnet ...

Ich habe vorher noch nichts von Mac P. Lorne gelesen und bin immer skeptisch, was die Vergleiche mit Bestseller-Autoren betrifft, zumal ich ein großer Fan der Sachsensaga von Bernard Cornwell bin. Aber was hat mich dieses Buch begeistert! Und ich finde, die Vergleiche werden zu Recht gezogen. Über das ganze Buch gesehen ist John vielleicht nicht kaltschnäuzig genug um mit einem Uhtred vergleichbar zu sein; dafür hinterfragt John immer wieder den Sinn dieses endlosen Krieges und den Verlust tausender Menschenleben, nur um Landstriche hin und her zu erobern und wieder zu verlieren. Besonders deutlich wird in diesem Buch das Leid der einfachen Bevölkerung. Zudem ist "Der Herr der Bogenschützen" ungemein spannend und bereitet die englisch-französische Geschichte sehr verständlich auf, obwohl man da leicht den Überblick verlieren könnte. John Holland ist ein absoluter Sympathieträger, der einen guten Blick auf die historischen Figuren und ihre Motive erlaubt. Gleichzeitig sind er und seine Taten größtenteils ebenfalls historisch belegt und so bewegt sich die Geschichte immer innerhalb historischer Authentizität. Und gerade die Dinge, die unglaubwürdig erscheinen, sind die, die historisch belegt sind. Hier hat der Autor dann nicht zusätzlich dick aufgetragen. Auch gelingt es ihm, die Personen lebensnah zu gestalten und nicht wie aus einem Geschichtsbuch wirken zu lassen. Dialoge und Figuren wirken lebensecht und man fühlt sich beim Lesen mitten im bildgewaltigen Geschehen.

Es ist nicht ganz fair, im Klappentext Jeanne D'Arc als Aufhänger zu benutzen, da sie erst relativ spät (ca. im letzten Drittel) als zentrale Figur in Erscheinung tritt und bei weitem nicht die große Rolle spielt, die man aufgrund des Klappentextes erwartet. Zugegeben, sie wird schon früh erwähnt und in ganz kurzen Kapiteln wird ihr Werdegang nachgezeichnet, aber ansonsten lenkt diese Ausrichtung der Erwartungshaltung eher davon ab, wie gut dieses Buch auch schon abseits des Jeanne-D'Arc-Handlungsstranges ist. Gut finde ich allerdings in den ihr gewidmeten Abschnitten die neue Deutung einer religiösen Fanatikerin, der Menschenleben nichts wert waren, wenn es um von ihr ausgelegte religiöse Ziele geht. Und sicherlich kann man eine so zentrale Figur des Hundertjährigen Krieges nicht komplett außen vor lassen. Daher finde ich die Umsetzung in diesem Buch sehr gelungen, nur der Klappentext weckt leicht andere Erwartungen.

Meine einzigen, sehr kleinen Kritikpunkte an diesem Buch sind einige sehr explizit gewalthaltige Szenen, die wirklich nichts für zarte Gemüter sind. Zum Glück halten sie sich zahlenmäßig in Grenzen. Und außerdem neigt der Autor/Erzähler dazu, wichtige Ereignisse und Wendungen vorwegzunehmen. An manchen Stellen erhöhte das für mich die Spannung, an anderen wirkte es eher wie ein Spoiler. Das ist jedoch "meckern auf hohem Niveau", denn insgesamt hat mich dieses Buch absolut überzeugt und auch zukünftige Bücher des Autors werden den Weg in mein Regal finden, besonders, wenn sie alle so gut recherchiert, lehrreich und spannend sind wie "Der Herr der Bogenschützen".

Bewertung vom 12.11.2017
Dann schlaf auch du
Slimani, Leïla

Dann schlaf auch du


ausgezeichnet

Die Servicegesellschaft und ihre Schattenseiten

Myriam fühlt sich allein mit der Mutterrolle nicht ausgefüllt. Also beschließen ihr Mann und sie, dass sie wieder arbeiten gehen soll, auch wenn ihr ganzes Einkommen dann für die Einstellung einer Nanny "draufgeht". Und Myriam und Paul, ein Paar der Pariser oberen Mittelschicht, haben hohe Ansprüche. Die Dinge müssen genau nach ihren modernen Vorstellungen geschehen. Mit Louise scheinen sie einen Glücksgriff gemacht zu haben. Sie ist alleinstehend und das eigene Kind längst aus dem Haus. Sie ist quasi rund um die Uhr verfügbar und übernimmt schleichend auch im Haushalt immer mehr Aufgaben. Doch sie macht sich auch zunehmend unentbehrlich und schleicht sich in die Familie ein. Und dann passiert das Unfassbare, der Alptraum jeder Eltern ...

Das Buch eröffnet bereits mit der Tragödie: Myriam kommt heim und findet ihre Kinder schwerverletzt vor. Keines ihrer Kinder wird überleben. Schon auf den ersten Blick wird klar: Louise ist die Täterin. Doch wie konnte es dazu kommen? Das rollt das Buch nach und nach auf, obwohl nie eine abschließende konkrete Erklärung präsentiert wird. Doch das Buch zeichnet die Situation aller Beteiligter Stück für Stück nach und man erfährt, wie es zur Eskalation kommt. Dabei wird deutlich, dass Myriam und Paul ihre Nanny kaum je als individuellen Menschen betrachten, sondern oft nur als Dienstleisterin. Sie geben vor Freunden mit ihr an als wäre sie ein Besitz und wissen gleichzeitig nichts über Louises Leben oder ihre Lebensumstände, bemerken ihre Einsamkeit nicht, ihr Bedürfnis nach Gebrauchtwerden oder ihre finanziellen Sorgen. Das Buch ist an vielen Stellen unangenehm, greift es doch so lebensnah gängige Situationen auf, die sich vielen Familien heutzutage stellen. Es erschüttert, wenn es aufzeigt, wie sich die heutige Gesellschaft entwickelt und dass die westlichen Ländern wieder eine Art feudaler Gesellschaftssysteme aufbauen. Louise hat sich ausschließlich an den Bedürfnissen der Arbeitgeber zu orientieren. Sie wird sogar in den Urlaub mitgenommen, um dort die Kinder zu hüten, denn was anderes sollte sie schon vorhaben? Dabei lebt sie gleichzeitig in der prekären Lage von Niedriglohnangestellten. Sie weiß, dass mit zunehmendem Alter der Kinder ihre Stelle verzichtbar wird, hat gleichzeitig aber so wenig verdient, dass sie nicht vorsorgen kann. Hinzu kommt aber auch Louises ganz eigene, mitunter labile, Persönlichkeit. Sie kauft den Kindern unterwegs ein Eis oder etwas anderes, wagt aber nicht, den Eltern das Geld in Rechnung zu stellen und diese kommen von selbst nicht darauf. Und so wird Louises Zwangslage immer größer und ihre Situation immer verfahrener.
Dieses Buch ist ein eindringliches Plädoyer dafür, darüber nachzudenken, dass Angestellte auch ein eigenes Leben und eigene Sorgen haben; dass sie möglicherweise, oder eigentlich meistens, keinesfalls so gut situiert sind wie ihre Arbeitgeber und somit stark abhängig sind.

"Dann schlaf auch du" ist erschütternd und rüttelt auf. Nicht zuletzt auch deswegen, weil es auf einem realen Fall basiert. Ort, Figuren und Erklärungen sind jedoch fiktiv, aber sehr realistsch und berührend. Die Psychogramme vor allem der Mutter und der Nanny sind intensiv und sehr gelungen. Die Autorin kann den Spannungsbogen sehr gut aufbauen, obwohl das eigentlich tragische Ereignis schon auf den ersten Seiten geschildert wird. Das Buch ist gleichzeitig aber auch eine eingängige Gesellschaftskritik der heutigen westlichen Industrienationen, deren Anforderungen kaum noch erfüllbar sind und so zu moralischen und emotionalen Konflikten und Belastungen führen. Die eben auch in Tragödien enden können.

Abgesehen von der Gesellschaftskritik ist das Buch aber auch ansonsten gelungen und auch lesenswert für alle, die "einfach nur" einen spannenden, berührenden und erschütternden Roman über ein Familiendrama lesen möchten.

Bewertung vom 08.10.2017
Heimkehren
Gyasi, Yaa

Heimkehren


ausgezeichnet

Beeindruckendes Buch mit toller Konstruktion

Ghana, Ende des 18. Jahrhunderts: Effia und Esi sind Halbschwestern, die sich nie kennenlernen werden. Die eine lebt bei den Fante, die andere bei den Asante, verfeindete Völker, die immer wieder im Krieg liegen. Obwohl gemeinsames Blut in ihren Adern fließt, verlaufen ihre Lebenswege komplett unterschiedlich. Während Effia den mit Sklaven handelnden britischen Gouverneur des Fort Cape Coast heiratet, wird ihre Halbschwester versklavt und nach Amerika verschifft. Generation für Generation, bis in die Gegenwart, kämpfen die Linien der Familie ums Überleben und einen Platz in der Welt.

Das Debüt dieser Autorin ist wirklich ganz bemerkenswert. Braucht man am Anfang noch etwas Zeit um sich in den Aufbau des Buches einzufinden, weiß man diese ungewöhnliche Konstruktion schon bald zu schätzen. Generation für Generation wird das Leben eines Nachkommens von Effia und Esi eine Zeit lang begleitet. Dadurch taucht man in die jeweilige Lebensrealität ein. In Esis Familie ist diese Jahrhunderte lang von Versklavung, Rassenhass und Diskriminierung geprägt. Effias Nachkommen tragen ebenfalls schwer an ihrem Erbe der Stammesfehden und als Sklavenhändler. Dieses Buch ist möglicherweise frustrierend für Leser, die für Geschichten einen klaren Abschluss brauchen, denn das ist bei den einzelnen Schicksalen nur selten gegeben, auch wenn sie von nachfolgenden Generationen noch thematisiert werden. Aber man bleibt nie lange bei einer einzelnen Figur, sondern muss diese oft verlassen, wenn man gerade eine Verbindung zu ihr aufgebaut hat. Und trotzdem ist es möglich, mit diesen Figuren mitzufiebern und mitzuleiden.
Die Autorin zeichnet nach, dass die Diskriminierung der Afro-Amerikaner noch längst nicht vorbei ist und es auch nicht war, als die Sklaverei abgeschafft wurde. Sie zeigt beeindruckt und erschreckend, dass sich stattdessen neue Wege fanden, um die Ungleichheit aufrecht zu erhalten. Und auf der anderen Seite des Ozeans hat die Familie von Effia ebenfalls kein leichtes Leben. Besonders erschreckend ist dargestellt, wie sich verfeindete Völker eines Kontinents gegenseitig an eine Besatzungsmacht ausgeliefert und verkauft und somit ihr eigenes Schicksal besiegelt haben. Nicht zuletzt ist das Buch auch dadurch großartig, weil es von hoher politischer Aktualität ist und die noch heute wirkenden Nachwirkungen und deren Entstehung verständlich und berührend nachzeichnet.

Für mich ist dieses Buch ein Meisterwerk. Es ist toll konstruiert, sprachlich ansprechend und anspruchsvoll und wirkt sehr authentisch. Jedes Schicksal ist einzigartig, wirkt aber nie übertrieben oder unrealistisch. Das Buch hat mich in seinen Bann gezogen und mit den Figuren mitleben und mitleiden lassen. Es ist ein sehr kluges Buch, dessen Bedeutungsebenen man gar nicht auf einmal erfassen kann und das einen dadurch noch längere Zeit begleitet und beschäftigt. Auch wenn das Buch keine Wohlfühlgeschichte erzählt und kein rosarotes Happy End präsentiert, habe ich das Lesen sehr genossen und das Buch geliebt. Für mich ist es definitiv ein Highlight, das noch lange nachwirkt. Es hat mich tief beeindruckt und berührt.

Bewertung vom 28.09.2017
Underground Railroad
Whitehead, Colson

Underground Railroad


sehr gut

Bedrückende Geschichtsstunde

Georgia, Anfang des 19. Jahrhunderts: Cora ist schon als Sklavin auf der Baumwollplantage der Randalls geboren. Als Cesar sie bittet mit ihm zu fliehen zögert sie zunächst. Doch dann hört sie von einem Netzwerk, das Sklaven bei der Flucht hilft, der Underground Railroad, und entscheidet sich um. Nach den Grausamkeiten, die Cora auf der Farm erlebt hat, sowohl durch den Besitzer und die Aufseher, wie auch durch andere Sklaven, lernt sie nun die Gesellschaft dahinter kennen, die es mit ihren obskuren Ansichten zur natürlichen Ordnung der Rassen überhaupt erst ermöglicht hat, dass Weiße Schwarze entführen, besitzen und aufs Grausamste quälen. Sie lernt aber auch ein anderes Amerika kennen: Menschen, die diese Ansichten in Frage stellen und entlaufenen Sklaven helfen wollen. Dabei lernt sie unterschiedliche Modelle kennen und gelangt trotzdem immer wieder zur schmerzlichen Einsicht, dass Menschen dunkler Hautfarbe in Amerika als minderwertig betrachtet werden. Während Cora sich unter anderem monatelang auf einem Dachboden vor ihren Mitmenschen und einem hartnäckigen Sklavenjäger versteckt, führt ihre Geschichte dem Leser vor Augen, was für bedauernswerte und schreckliche Schicksale hunderttausende entwurzelte Menschen ertragen mussten und welche Zustände auch untereinander herrschten, die fast jeden Funken Menschlichkeit erstickten.

Colson Whitehead hat meiner Meinung nach zu Recht den Pulitzer Preis für dieses Buch bekommen. Er legt die Wurzel der auch heute noch existierenden Diskriminierung der farbigen Bürger Amerikas frei und beleuchtet sie schonungslos. Dieser Schonungslosigkeit kann sich der Leser nur wenig entziehen und so muss man dabei sein, wenn Sklavenhälter ihren Sadismus ausleben und sich möglichst abschreckende Misshandlungen ausdenken und sie umsetzen. Etliche Gewaltszenen waren schwer zu ertragen; noch schwerer, wenn man sich vorstellt, dass solche oder ähnliche Dinge wirklich passiert sind. Durch Perspektivenwechsel werden auch die fehlgeleiteten Ansichten deutlich, die die Sklaverei überhaupt erst ermöglichten. Gleichzeitig wird Whitehead für meinen Geschmack an manchen Stellen zu plakativ. Dadurch, dass er die Metaphern des Fluchtnetzwerks wörtlich umsetzt, bekommt die Geschichte einen fantastischen Hauch, der meiner Meinung nach nicht zu ihr passte. Auch hätte ich mir ein Nachwort des Autors dazu gewünscht, ob es die verschiedenen Modelle der verschiedenen Staaten, mit (entlaufenen) Sklaven umzugehen, so wirklich gegeben hat.

Der Stil ist eher distanziert, und doch ist die Geschichte dadurch nicht weniger unmittelbar. Whitehead vermag, den Leser direkt auf die Plantagen Georgias und zwischen die Hütten der Sklaven zu versetzen. Der Stil bewirkt dabei den Eindruck die Greueltaten in ihren Auswirkungen durch die Augen von Menschen zu sehen, die nach und nach abgestumpft und innerlich erloschen sind. In anspruchsvoller Sprache lässt der Autor die Zeit bildgewaltig wiederauferstehen und beschönigt dabei nichts: das Leben unter Sklaven ist genau so ein Überlebenskampf wie auf den Feldern ringsherum und auch hier herrscht Gewalt, was ich bislang selten thematisiert gesehen habe in Bücher zu diesem Thema. Wenig passend zum literarischen Stil fand ich die eher thrillerartige Wendung und zusammen mit der manchmal fehlenden Subtilität führt das in meiner Wahrnehmung des Buches zu kleinen Abstrichen. Insgesamt ist das Buch jedoch empfehlenswert, zumindest für Leser, die die ein oder andere Schilderung von Grausamkeiten ertragen können. "Underground Railroad" ist ein sehr gut lesbarer Pulitzer-Preisträger.

Bewertung vom 03.08.2017
Als die Träume in den Himmel stiegen
McVeigh, Laura

Als die Träume in den Himmel stiegen


gut

Streckenweise berührend, aber streckenweise auch enttäuschend

Samar reist mit ihrer Familie in der transsibirischen Eisenbahn. Sie sind auf der Flucht vor ihrer Vergangenheit in Afghanistan. Während der Zugreise schreibt Samar ihre und die Geschichte ihrer Familie auf: wie sie nach dem Rückzug der Russen aus dem gelben Haus mit dem Mandelbaum flüchten mussten und in ein Bergdorf im Hindukusch kamen. Und davon, wie sie auch dort nicht vor den Taliban und deren Gedankengut sicher sind, in einem Flüchtlingslager und schließlich in der transsibirischen Eisenbahn landen ...

Samars Geschichte ist dramatisch und einiges ist nicht so, wie es zunächst scheint. Im Fokus steht ganz klar das junge Mädchen Samar, das viele Schicksalsschläge verkraften muss und Stärke entwickeln und vor ihrer Zeit erwachsen werden muss. Manches Mal fragt man sich, wie ein Mensch, vor allem ein Kind, an dem Erlebten nicht zerbrechen soll. Samars Geschichte zeichnet die Entwicklung Afghanistans in den letzten Jahrzehnten nach, obwohl nie so richtig greifbar wird, um welchen Zeitraum es sich eigentlich handelt. Manche Jahreszahlen kann man sich anhand geschichtlicher Ereignisse erschließen (wie beispielsweise dem Abzug der Russen), doch gerade Samars Alter wird nie konkret genannt und das macht es immer wieder schwierig, Samars Verständnis des Geschehens einzuordnen oder überhaupt ein Bild von ihr zu bekommen.

Anfangs hat mich der Schreibstil irritiert, der einerseits leicht zu lesen ist, aber gerade am Anfang auf mich auch verkitscht wirkte. Das ändert sich, wenn die ersten ernsthaften Szenen aufkommen, bis dahin hatte ich dem Buch solche Szenen nicht mehr zugetraut. Mich hat aber auch die Fülle der Themen des Romans gestört: es werden viele Handlungsstränge aufgemacht, die teilweise thematisch auch weit auseinander liegen und die letztlich am Ende nicht aufgelöst werden. Beinahe wirkt es, als wäre eine Fortsetzung geplant.

Trotz der nicht unerheblichen Kritik an dem Buch hat es mich streckenweise aber auch immer wieder berührt. Auch wenn beispielsweise das Flüchtlingslager sehr kurz abgehandelt wird, werden die unmenschlichen Zustände dort doch sehr deutlich und die Tragik von Samars Leben wird immer wieder nachfühlbar.

Insgesamt war ich von dem Buch aber eher enttäuscht. Meiner Meinung nach hält es dem Vergleich mit dem "Drachenläufer" nicht stand, auch wenn es thematisch ähnlich ist. Für mich dringt es zu wenig in die Materie ein und verzettelt sich in Nebenschauplätzen, sodass das Ende für mich unbefriedigend ausfiel.

Bewertung vom 26.07.2017
Und Marx stand still in Darwins Garten
Jerger, Ilona

Und Marx stand still in Darwins Garten


sehr gut

Ein sehr ruhiges Buch, das vom Sprachstil und der Liebe zur Wissenschaft lebt

England, 1881: Charles Darwin ist bereits im hohen Alter von 72 Jahren und er treibt seine Forschungen weiter voran. Die Fahrt mit der Beagle und die Evolutionstheorie sind lange her, doch Darwin interessiert sich weiterhin dafür, wie die Natur funktioniert. Allerdings ist seine Gesundheit stark angegriffen. Seine Frau macht sich Sorgen, dass er nicht rechtzeitig den Weg zu Gott zurückfindet, während Darwin mit seinem Arzt seine Theorien und sein Leben erörtert. Es stellt sich heraus, dass der Arzt auch den schwer kranken Exilanten Karl Marx behandelt. Er kommt mit ihnen über die Theorien des jeweils anderen ins Gespräch und es wird deutlich, dass beide alte Männer viel Ballast mit sich herumtragen. Darwin wollte sich niemals gegen die Kirche stellen und auch nicht zu ihrer Abschaffung beitragen. Er fühlt sich missverstanden. Trotzdem genießt er Respekt und veröffentlicht weiterhin Bücher. Marx dagegen leidet sehr unter seinem Exil, das ihn in die Armut stürzt, obwohl er gern die Vorteile des Geldes genießt und er verzweifelt schier an den Manuskripten zu den Folgebänden des "Kapitals". Beide Männer haben vieles gemeinsam, doch ihr einziges Treffen endet im Streit.

Ilona Jerger hat in ihrem Debütroman ein Szenario entwickelt, was passiert wäre, hätten sich Darwin und Marx im wahren Leben getroffen. Tatsächlich haben sie das nie, obwohl sie gar nicht weit voneinander lebten und bekannte Persönlichkeiten ihrer Zeit waren. "Und Marx stand still in Darwins Garten" ist ein sehr ruhiges Buch, das von der Begeisterung für die Wissenschaft und den wissenschaftlichen Diskurs lebt. Darwins Experimente und Theorien werden ausführlich, aber gut verständlich, dargelegt. Darwin als Mensch wird plastisch und man kann ihn sich in den verschiedenen Szenen förmlich vorstellen wie er auf den vielen Bildern gezeigt wird; ein gutmütiger alter Mann mit weißem Rauschebart. Hinzu kommt eine Prise Humor und eine interessante Analyse von Marx' Gesellschaftstheorien.
Marx hingegen ist nicht unbedingt ein Sympathieträger. Seine Theorien muten deutlich revolutionärer und der ganze Mann gröber an. Aber auch seinen Ausführungen kann man gut folgen und man kann diesen Schlagabtausch mit dem Doktor als Verbindungsmann richtiggehend genießen in einem Wettstreit der Ideen und Denker.

Auch wenn es dem Buch vielleicht etwas an "Spannung" mangelt und ein Großteil der Handlung einfach aus Gesprächen, vor allem zwischen dem jeweiligen Patienten und dem Arzt besteht, hat mich das Buch doch in seinen Bann gezogen. Ich hatte das Gefühl, zwei der ganz Großen persönlich kennenzulernen. Sie waren sehr lebensecht dargestellt und die Erläuterungen ihrer Theorien und Studien brachten für mich noch einen Erkenntnisgewinn. Viel Spaß hat mir auch die Sprache bereitet, die die Liebe zur Wissenschaft stark vermitteln konnte. Auch wenn es kleine Abstriche gibt, bspw. dass Darwin und Marx sich nur ein einziges Mal persönlich treffen, haben mir die vielen kleinen historischen Details (Marx hat Darwin tatsächlich ein signiertes Exemplar des "Kapitals" geschickt) und die Fabulierkunst der Autorin gut gefallen.