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anushka

Bewertungen

Insgesamt 126 Bewertungen
Bewertung vom 18.02.2024
Das Philosophenschiff
Köhlmeier, Michael

Das Philosophenschiff


gut

Träge See, träge Geschichte

Zu ihrem 100. Geburtstag bittet die berühmte russische Architektin Anouk Perleman-Jacob einen Schriftsteller, der den gleichen Namen wie der Autor trägt, zu sich um ihre Lebensgeschichte als Roman aufzuschreiben. Da man ihn als einen ausgezeichneten Fabulierer kenne, würde ihm sowieso niemand Perleman-Jacobs Geschichte glauben, weshalb sie endlich die Wahrheit erzählen könne. Denn als junges Mädchen wurden sie und ihre Eltern auf einem der sogenannten Philosophenschiffe aus Russland, auf Lenins eigenen Befehl, deportiert. Doch dann hält das Schiff plötzlich an und liegt mehrere Tage und Nächte reglos vor der Küste. Während unter den Passagieren die Panik umgeht, ob sie nun doch noch getötet würden, kommt ein weiterer Passagier an Bord: Lenin selbst.

Manchmal muss sich ein Buch einfach dem Kontext der jeweilig Lesenden beugen. Ich weiß, dass es Autor*innen gibt, die fordern, dass ihre Bücher nicht parallel mit anderen Büchern gelesen werden. Aber seien wir mal ehrlich: das ist ziemlich unrealistisch. Vielleicht hat dieses Buch bei mir einfach Pech gehabt, weil ich vorher und nebenher Bücher gelesen habe, die mich echt vom Hocker gehauen haben. Im Gegensatz dazu wirkte dieses Buch dann noch träger als ich es zuvor schon empfunden habe. Das mag dem Buch gegenüber vielleicht nicht fair sein, aber das ist nunmal die Lebensrealität von Lesenden. Hätte ich das Buch zu einer anderen Zeit oder nach anderen Büchern als den jetzigen gelesen, hätte es mir vielleicht besser gefallen. So habe ich mich nun etwas hindurchgequält und über einige, meines Empfindens nach, Unstimmigkeiten geärgert. Zum einen verfällt Anouk während der Erzählung hin und wieder in zusammenhangloses Geplapper. Das soll vielleicht stilistisch ihr Alter unterstreichen, mich hat es aber einfach genervt, da es auch recht stereotyp wirkte. Zudem ändert sie wiederholt die Schilderung der Ereignisse, "Ja, da habe ich Sie angelogen.", "Und eigentlich habe ich nochmal gelogen, denn es war jemand ganz anderes." und so weiter. Und warum Perleman-Jacob nicht will, dass jemand ihre Geschichte glaubt, erschließt sich bis zum Schluss nicht. Der Erzähler/Schriftsteller/Autor wirkt zudem immer recht wertend und das eher auf eine herabwürdigende Weise.
Inhaltlich befasst sich das Buch durchaus mit einer interessanten und berührenden Thematik: der Säuberung der intellektuellen Schichten Russlands zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Aufschlussreich ist dabei auch der politische Hintergrund. Mit dem Kunstgriff, Lenin auf das Schiff zu bringen, muss er Rede und Antwort stehen und wird mit den Monster konfrontiert, das er selbst geschaffen hat. Auch die Pervertierung der eigentlich ursprünglich gedachten Gleichstellung aller Schichten wird nachvollziehbar in ihrem ganzen menschlichen Ausmaß. Dennoch hat mich dieser Kunstgriff auch gestört, denn zumindest Menschen, die in Ostdeutschland aufwuchsen wissen, dass bis heute Lenin in einem Mausoleum in Moskau zu betrachten ist. Warum dann also dieses alternative Ende, das entsprechend nicht annähernd glaubwürdig ist?

Insgesamt hat dieses Buch zwar eine interessante historische Epoche betrachtet und politische Zusammenhänge verständlich, aber nicht nahbar gemacht. Die Geschichte war sehr verkopft und meines Empfindens nach zu intellektuell. An vielen Stellen wirkte die Handlung sehr träge und etliche Elemente der Geschichte wurden in ihrer Bedeutung nicht nachvollziehbar. Ich hatte streckenweise eher das Gefühl, eine Selbstdarstellung des Protagonisten, der vielleicht auch der Autor sein soll, zu lesen. Das war leider wenig spannend oder sympathisch.

Bewertung vom 24.01.2024
Das Buch Eva
Clothier, Meg

Das Buch Eva


gut

Für meinen Geschmack zu mystisch-magisch

Italien während der Renaissance: Am Tor des Kloster tauchen zwei schwer verletzte Frauen auf. Sie haben ein seltsames Buch dabei, dessen Schrift niemand lesen kann. Die Bibliothekarin Beatrice spürt schnell, dass dieses Buch etwas Besonderes ist und dass sie es beschützen muss. Und tatsächlich, nur kurze Zeit später tauchen Männer am Tor auf und fragen nach den Frauen und was sie bei sich trugen ...

Die Geschichte wird aus der Perspektive von Beatrice erzählt. Sie ist nicht gerade eine Sympathieträgerin: als Bibliothekarin zieht sie sich von den anderen zurück, ist mürrisch, wenig zugänglich und nachtragend. Als Tochter eines Herzogs ging sie nach dem Tod des Vaters ins Kloster, weil sie nicht bei der Stiefmutter bleiben wollte. Im Kloster genießt sie aufgrund ihrer Stellung einige Sonderrechte, doch das gefällt nicht jeder. Das Klosterleben und die internen Intrigen vermögen in den Bann zu ziehen. Auch wird deutlich, wie wenig Macht Frauen hatten, wenn sie sich dem männlichen Willen widersetzen. Auch ein Kloster führen sie nur auf Gnade von Männern. Das Buch, das Beatrice vor dem Zugriff eines eifernden Mönchs schützen möchte, ist bald ein offenes Geheimnis. Doch was es damit auf sich hat, bleibt ein Mysterium. Angelehnt ist die Geschichte an das real existierende Voynich-Manuskript, das bis heute ein ungelöstes Rätsel der Kryptologie ist. Ziel der Autorin war es laut Nachwort, einen feministischen Roman über dieses Manuskript zu schreiben. Für mich ist dieses Umsetzung nicht überzeugend gelungen, denn es gibt zu viel Mystisch-Magisches. Das kann in einem historischen Roman durchaus seinen Platz haben, aber hier untergräbt es meiner Meinung nach die Botschaft. Es ist für mich zu viel Zauberei, die letztlich die Sicht der Männer wieder bestätigt und den Vorwurf von Hexerei und Hysterie untermauert. Hier gibt es keine starke Weiblichkeit, sondern wenn es eng wird, passieren unerklärliche mystische Dinge.

Alles in allem war das Buch unterhaltsam und durchaus spannend. Es liest sich flüssig, die düstere Grundstimmung kommt gut herüber, aber was das ungelöste Manuskript angeht, erscheinen mir die vorgeschlgenen Lösungen eher ideenlos. Auch der Anspruch, einen feministischen Roman zu schreiben, erfüllt das Buch meiner Meinung nach nicht. Für meinen Geschmack war zu viel Zauberei, zu Mystisch-Magisches im Spiel, sodass ich das Buch nicht restlos überzeugen konnte.

Bewertung vom 12.01.2024
Endstation Malma
Schulman, Alex

Endstation Malma


ausgezeichnet

Tolles Buch über schwierige Familienbeziehungen

Eine Reise durch das ländliche Schweden. Ein zehnjähriges Mädchen und sein Vater, ein Mann mit seiner Frau in einer kriselnden Ehe und eine junge Frau auf der Suche nach den Antworten zu ihrer Kindheit. Sie alle sind unterwegs nach Malma, weil sie hoffen, dort die Lösung für ihre dysfunktionalen Familienbeziehungen zu finden.

Für mich war es das erste Buch des Autors, sodass ich "unvoreingenommen" an das Buch herangehen und es nicht mit vorherigen Werken vergleichen konnte. Und es hat mich sehr beeindruckt. Die Geschichte ist toll konstruiert, wie die verschiedenen Reisen und Personen letztlich zusammengehören. Und auch wenn das nach relativ wenigen Kapiteln schon klar ist, möchte ich das hier nicht spoilern. Die Zugreise strukturiert die gesamte Geschichte, obwohl man durch Rückblenden während der Reise in die jeweilige Geschichte der Figuren eintaucht und vieles abseits der Bahnreise erfährt. Schulman ist eine emotionale Familiengeschichte gelungen, die gleichzeitig dramatisch und andererseits nicht übertrieben oder unglaubwürdig ist. Alle Figuren sind bemitleidenswert und es ist tragisch, wie sie in ihren Familiendynamiken gefangen sind. Das eigentlich Tragische an der Geschichte ist, dass vieles hätte anders verlaufen können, wenn die Figuren nur aus sich heraus gekonnt oder aus ihren Strukturen hätten ausbrechen können. Auch wenn die Handlungsbeschreibung dieses Buches zunächst eher langweilig klingt - ich gebe zu, dass ich mich nicht vom ersten Blick an für dieses Buch interessiert habe, sondern erst nach ein paar Stimmen dazu - entwickelt die Handlung einen stillen Sog und eine gewisse Spannung. Gleichzeitig geht es mit transgenerationalen Beziehungsproblemen oder gar Traumata um ein sehr ernstes Thema, das in einen angenehmen Erzählstil verpackt wird. Wechselnde Erzählperspektiven beleuchten die verschiedenen Probleme von verschiedenen Standpunkten, die alle nachvollziehbar und gerade dadurch besonders beklemmend und tragisch sind. Die Unfähigkeit der Eltern beeinflusst die Kinder ein Leben lang, selbst im Umgang mit ihren eigenen Kindern. Hier wird kein leichtes Thema verhandelt, doch "Endstation Malma" ist es ein beeindruckend einfühlsames Buch, das ich gern gelesen habe.

Bewertung vom 28.12.2023
Die Kinder des Don Arrigo
Sciapeconi, Ivan

Die Kinder des Don Arrigo


gut

Wichtige Geschichte über Zivilcourage, die mich emotional nicht abgeholt hat

Nathan versteht die Welt nicht mehr, alles um ihn herum wird feindseliger, die Erwachsenen vorsichtiger. Nur sein Vater erzählt weiterhin scheinbar unbekümmert Geschichten und Witze. Doch dann kommen eines Tages die Braunhemden und holen seinen Vater ab. Eines Tages klingelt eine Frau an der Tür und bietet an, Nathan außer Landes zu bringen. Sein Bruder sei noch zu klein und so können er und die Mutter nicht mitkommen. Der Name der Frau ist Recha Freier. Zusammen mit anderen Kindern reist Nathan quer durch Europa, immer knapp vor den Braunhemden. Schließlich landen sie in dem kleinen Dorf Nonantola. Nicht alle sind begeistert von den Neuankömmlingen, doch viele halten zu ihnen. Und so schmiedet der Pfarrer Don Arrigo einen tollkühnen Plan als die Braunhemden auch Nonantola erreichen und sich auf die Suche nach versteckten Juden und Jüdinnen machen.

Das vorliegende Buch ist ein Versuch, den Sprung vom Kinderbuch zum Erwachsenenbuch zu schaffen. Das merkt man ihm auch an, denn der Schritt in das Erwachsenengenre gelingt noch nicht ganz. Die Geschichte hat mich nicht wirklich abgeholt, sie wirkt nicht gut ausgearbeitet und bringt nicht viel emotionale Tiefe mit. Zugegeben, die Geschichten der einzelnen Kinder sind tragisch und eigentlich berührend, aber es sind teilweise zu viele und man lernt die Kinder selbst wenig kennen. Zum Thema des Buches und insbesondere zu dieser Epoche gibt es bereits zahlreiche Bücher, sodass sich dieses Buch durchaus messen lassen muss. Die Kinder ziehen quer durch Europa, immer verfolgt von den politischen Entwicklungen. Bei mir kam allerdings nie so richtig Spannung auf. Auch bleibt der Erzähler reserviert und emotional wenig greifbar. Die eigentliche Handlung in Nonantola wirkte auch etwas oberflächlich und im Vergleich zum gesamten Buch recht kurz abgehandelt. Insgesamt erzählt das Buch eine wichtige Geschichte über die Zivilcourage vieler einzelner Personen, deren Zusammenwirken es ermöglicht hat, zahlreiche jüdische Kinder zu retten. Doch als Roman hat es mich nicht überzeugt und konnte mich emotional nicht abholen.

Bewertung vom 29.11.2023
Marschlande
Kubsova, Jarka

Marschlande


sehr gut

Sehr gutes Buch über Misogynie im Wandel der Zeit

Um 1580 im Hamburger Marschland führt Abelke Bleken allein einen großen Hof. Für eine Frau zu dieser Zeit ist das nicht ungefährlich, insbesondere, wenn sie auch noch weiß, was sie tut. Dank weiser Voraussicht ist ihr Hof von einer Springflut weniger betroffen als andere Höfe. Das ruft Neid, Missgunst und Misstrauen auf den Plan.
450 Jahre später zieht Britta Stoever in das Hamburger Marschland. Als studierte Geologin würde sie sich sicherlich als emanzipierte Frau betrachten. Erste Risse zeigen sich, doch werden ignoriert, als ihr Mann die Kaufentscheidung für das Haus trifft. Nun sitzt Britta ohne Job und Beschäftigung in ihrem “Eispalast” im Marschland. Ihr bleiben lange Spaziergänge und die Hausarbeit. Bei ihrem Engagement für den Heimatverein stößt sie auf die Geschichte von Abelke Bleken und taucht immer tiefer in diese ein. Und stellt dabei fest, dass ihre Lebensumstände mehr mit denen von Abelke gemein haben, als ihr lieb ist.

Ich muss zugeben, dass ich dieses Buch zunächst mit anderen Erwartungen gelesen habe. Ausgegangen war ich von einem historischen Roman zu einer wahren Geschichte. Nachdem ich dann recht zu Beginn der Geschichte nach Abelke Bleken gegoogelt habe, hatte ich mir auch etwas die Spannung genommen. Spannung ist etwas, das man von diesem Buch insgesamt weniger erwarten kann, insbesondere im Handlungsstrang um Britta. Die Geschichte geht auch weit darüber hinaus, nur ein historisches Ereignis wiederzugeben. Es geht vielmehr um das Erkennen von Mustern. Neben der Lebensgeschichte von Abelke Bleken seziert “Marschlande” vor allem das Aufkommen neuer Strukturen. War es zunächst noch üblich, dass die Menschen seit Generationen Bauern waren und ihre eigenen Höfe und Ländereien bewirtschafteten, werden wir hier Zeuge des aufkommenden Kapitalismus. Zunehmend geht es um Investitionen von Hamburger Bürgern, das Aufkaufen von Land, und die Ansammlungen von Besitzungen. Dabei steht Abelkes Geschichte eigentlich nur symptomatisch für etwas, das zunehmend mehr Bauern ereilt hat. Was Brittas Geschichte damit zu tun hat, wird erst auf den zweiten Blick deutlich und irritiert daher ein ums andere Mal, wenn der Handlungsstrang wechselt. Gerade das Nachwort der Autorin bietet hier noch einmal viel Substanz, die zum Verständnis beiträgt.

Mich hat dieses Buch sehr positiv überrascht. Man traut es sich kaum zu schreiben, weil dann viele dieses Buch von vornherein nicht lesen, obwohl es für sie aufschlussreich und interessant sein könnte: ja, dieses Buch ist deutlich feministischer ausgerichtet, als ich erwartet hatte. Dass die Hexenprozesse der Vergangenheit viel mit Misogynie und Machtverhältnissen zu tun hatten, ist längst bekannt. Dennoch empört und berührt es einen, Abelkes Geschichte zu lesen. Bei Britta fällt einem das Mitfühlen deutlich schwerer, weil sie unsympathischer wirkt. Auch sind die Probleme hier subtiler und damit nicht immer so eindeutig ungerecht. Gleichzeitig sind die Geschichten jedoch in eine faszinierende Umgebung verpackt. Die Autorin hat einen atmosphärischen Erzählstil: die vielen gelungenen Natur- und Tierbeschreibungen erwecken eine klamme, düstere und manchmal bedrohliche Stimmung, die der ganzen Geschichte einen sehr passenden Rahmen gibt. Auch sprachlich ist das Buch ein Genuss.

“Marschlande” hat mir sehr viele Denkanstöße mitgegeben und das oft auf eine fesselnde Art (zumindest bei Abelke). Der Handlungsstrang im Britta war mir allerdings für einen Roman dann doch etwas fade. Und dennoch ist dieses Buch eines meiner Jahreshighlights, weil es so wichtige Botschaften auf zumeist tolle Weise mit einem tollen Schreibstil vermittelt.

Bewertung vom 25.07.2023
Blue Skies (deutschsprachige Ausgabe)
Boyle, T. C.

Blue Skies (deutschsprachige Ausgabe)


sehr gut

Bissige Familiengeschichte vor der Kulisse des Klimawandel

Dass das Klima sich verändert, leugnet hier keiner mehr: Die Mutter der Familie, Ottilie, ersetzt Teile ihrer Gerichte durch Insekten und Raupen und versucht insgesamt, mehr durch Selbstversorgung abzudecken. Sowohl sie als auch ihr Mann ächzen unter der monatelangen Trockenheit und Waldbrandgefahr in Kalifornien. Da geht es bei Cat, der Tochter, ganz anders zu. War ein Haus am Strand auf einer Halbinsel Floridas vor Jahren noch ein begehrtes Objekt, sind die Straßen nun ständig überschwemmt. Damit der knallrote Tesla von Cats Freund nicht korrodiert, muss sie ihn außerhalb der Halbinsel parken und ständig zu Fuß durch die überschwemmten Straßen waten. Um ihre Karriere als Influencerin in die Gänge zu bringen, kauft sie sich einen Tigerpython. Und dann ist da noch Cooper, Sohn der Familie, Bruder von Cat, und Insektenforscher. Auf Parties ist er mit seinem Weltuntergangsgerede die absolute Spaßbremse, umso mehr, nachdem ein Schicksalsschlag sein Leben drastisch verändert.

Ich habe zugegebenermaßen etwas mit diesem Buch gekämpft. Nicht, weil es nicht gut geschrieben oder nicht interessant wäre. Sondern weil Boyle so plastisch schreibt und seine Beschreibungen so realistisch sind, dass es meine Phobie extrem getriggert hat. Dazu ist das Buch vergleichsweise aufwendig gestaltet, mit Illustrationen von Schlangenkörpern zwischen den großen Abschnitten der Geschichte. Der wiederholte Alarmzustand meines Körpers hat das Lesevergnügen doch zwischendurch immer wieder um einiges eingeschränkt. Die entsprechenden Beschreibungen konnte ich zeitweise nur grob überfliegen. Als potentielle*r Leser*in mit entsprechender Phobie sollte man das vorab besser wissen.

Ansonsten erzählt Boyle hier eine bissige Familiengeschichte von Figuren, die den Klimawandel und etliche Einschränkungen spüren, ihr Leben daran anpassen, aber nicht wirklich viel verändern. Ottilie lässt sich ihre Insektenzucht von Amazon liefern und als diese alle an einer Krankheit eingehen, wird das Gefäß ohne zu zögern entsorgt und ein neues bestellt. In abwechselnden Kapitel über die jeweiligen Familienmitglieder geht es um die sozialen und emotionalen Auswirkungen, wenn beispielsweise die Nachbarn ihr Haus an einen Waldbrand verlieren und man sich nun gemeinsam in einem Haus arrangieren muss. Insgesamt wirft Boyle hier viele Themen in einem Topf und garniert sie mit der Klimawandelthematik: überforderte Mutter, deren Partner die ganze Zeit auf Reisen ist; Shitstorm in den sozialen Medien für öffentlich gewordenes Fehlverhalten; Behinderung und die Anpassungsschwierigkeiten daran; Influencertum; und vieles mehr. Dabei lässt er seine Figuren ganz schön leiden, erzählt ihre jeweiligen Geschichten überspitzt böse-humorvoll und zeigt dabei immer wieder ohne Moralkeule ihre Doppelmoral auf. Es bleibt einem aber auch immer wieder das Lachen im Halse stecken, wenn man darüber nachdenkt, wie präsent die Klimaveränderungen sind und wie sie die "normalen" Probleme noch potenzieren.

Insgesamt ist Boyle meiner Meinung nach eine gute Mischung aus Familiengeschichte und Gesellschaftskritik gelungen, die nicht mit dem Holzhammer daherkommt, sondern im Gewand einer neuen Normalität. Die Ereignisse und Veränderungen sind faktisch fundiert und stimmig, Das Buch ist keine Endzeit-Dystopie, sondern erzählt alltägliche Geschichten, in die sich die Endzeit längst eingeschlichen hat. Auch wenn meiner Meinung nach nicht alle Themen ausreichend Aufmerksamkeit bekommen haben bzw. es vielleicht zu viele Themen insgesamt waren, und die Frage letztlich bleibt, wohin die Geschichte insgesamt eigentlich führen sollte, ist dieses Buch für mich dennoch eine Leseempfehlung.

Bewertung vom 24.07.2023
Malibu Rising
Reid, Taylor Jenkins

Malibu Rising


sehr gut

Netter Sommerschmöker

Malibu, Sommer 1983. DIE Party des Jahres steht bevor und zwar im Haus von Nina Riva, Surfstar, Supermodel, Tochter eines berühmten Schauspielers. Jedes Jahr sorgt diese Party für viel Promi-Klatsch und noch mehr Skandale. Alle hoffen auf eine Einladung. Und natürlich versammelt sich hier dementsprechend alles, was in der Prominenz Malibus und darüber hinaus Rang und Namen hat. Oder gern hätte. Und obwohl ihre kaum weniger berühmten Geschwister voller Eifer die Party bereits vorbereiten, wäre Nina am liebsten überall sonst, nur nicht hier. Denn nach der frischen Trennung von ihrem Ehemann, was zu diesem Zeitpunkt immer noch ein Skandal ist, steht ihr absolut nicht der Sinn danach, von allen neugierig beäugt zu werden. Alles, was sich in der letzten Zeit zugetragen hat, kulminiert in dieser Party und die Geschwister und ihre Verbindungen werden nach dieser Party niemals wieder so sein vorher ...

Lange bin ich um dieses Buch herumgeschlichen, weil ich vom angekündigten Plot, der schon recht klischeehaft klingt, abgeschreckt war. Aber dann hat die Farbgestaltung des Covers mich rumgekriegt, sowie die Tatsache, dass es sich um ein Taschenbuch handelt, das mich bei einem Fehlgriff nicht ganz so teuer zu stehen kommt. Von der Autorin hatte ich vorher noch nichts gelesen, aber die begeisterten Stimmen zu "Evelyn Hugo" mitbekommen.

"Malibu Rising" ist eine Geschichte, die zwar wenig Neues bietet, nicht wirklich tiefschürfende Themen aufmacht, aber gut unterhalten konnte. In dieser Familiengeschichte lernen wir auf dem Weg zur Party alle zentralen Figuren und ihre Vergangenheiten einzeln kennen, das ganze immer mit der Patina der 1980er, als Malibu noch nicht ganz so reich und verschnöselt war und rückblickend alles so einfach wirkte. Natürlich wohnen die Figuren dennoch in einer zauberhaften Villa direkt am Strand und wie in einer guten Seifenoper sind die Probleme genau so dosiert, dass man nicht den Eindruck eines sorgenfreien Lebens bekommt, dass es aber auch den Wohlfühlfaktor beim Lesen nicht zu stark beeinträchtigt. Jede Figur hat ihre ihr eigenen Probleme und es fällt dadurch leicht, ihnen zu folgen. Die Familiengeschichte wird bis hin zu den Eltern der Eltern nachvollzogen um so auch zu erzählen, wie deren Verhalten sich auf die Riva-Geschwister ausgewirkt hat. Schicksalsschläge lassen beim Lesen auch mal emotional werden, aber auch hier bleibt alles wohl dosiert, sodass man am Ende das Buch mit einem guten Gefühl zuklappt. Interessant fand ich den Berührungspunkt mit einem anderen Buch der Autorin; Carrie Soto hat hier einen kurzen Gastauftritt, was die Neugier auf dieses Buch weckt, falls man es noch nicht gelesen hat und einem "Malibu Rising" zusagt.

Dieses Buch fängt ein gewisses Sommergefühl ein und lässt sich gut weglesen, mit Verwicklungen und etwas Herzschmerz, aber auch Wohlfühlfaktor und Ablenkung von den aktuellen Problemen der Welt. Es ist genau das, was man in den Sommerurlaub mitnimmt, wenn man sich mit guter, nicht allzu herausfordernder, Unterhaltung entspannen will. Eben ein netter Sommerschmöker.

Bewertung vom 18.06.2023
Der weiße Fels
Hope, Anna

Der weiße Fels


sehr gut

Ein Roman um Kolonialismus und kulturelle Aneignung mit einem mythischen Felsen als stummen Zeugen

Ein weißer Fels vor der Küste Mexikos. Den Legenden der Wixárika nach ist er als die erste feste Form der Welt aus dem Meer gestiegen. Als stiller, stoischer Beobachter hat er zahllose menschliche Schicksale bezeugt.
Vier davon werden, einen Zeitraum von 250 Jahren umspannend, hier miteinander verknüpft. Da ist die Schriftstellerin, die sich im Jahr 2020 auf einer Reise durch Mexiko befindet, zu den heiligen Orten der Wixárika, um sich bei den Göttern zu bedanken. Jahre zuvor hatte sie um ein Kind gebeten. Dieses ist nun 3 Jahre alt und befindet sich mit ihr auf der Reise, die am Weißen Fels ihr Ende finden soll, genauso wie die Ehe der Schriftstellerin. Da ist 1969 ein Sänger, der in den USA ein gefeierter Star ist, sich aber eigentlich nach Ruhe sehnt und sich ungestört Alkohol und Drogen hingeben will. Am Weißen Fels hofft er auf irgendeine Erleuchtung. 1907 ist da ein Mädchen, eine Ureinwohnerin der Gegend von Arizona auf einem Deportationsschiff, für die der Weiße Fels die Unumkehrbarkeit ihrer Reise und ihres Schicksals als Sklavin bedeutet. Und schließlich ist da 1775 ein Marineleutnant auf dem Weg nach Nordamerika, um das Land zum Eigentum seines Königs zu erklären, doch am Weißen Fels verliert er den Verstand.
All diese Menschen stehen irgendwie am Abgrund. Die Schriftstellerin fürchtet den gesellschaftlichen Zusammenbruch am Vorabend der weltweiten Coronapandemie, der Sänger fürchtet seine Verhaftung und das Ende seiner Karriere, das Mädchen fürchtet den Tod auf den Sklavenplantagen und der Schiffsoffizier fürchtet die Eroberung Nordamerikas.

Die Geschichten scheinen, wenn überhaupt, nur lose verbunden. Dennoch hatte ich das Gefühl, dass sie beispielsweise zum Thema kulturelle Aneignung klar verbunden waren. Dort segeln die einen los, das Land zu erobern, dort werden die Ureinwohner deportiert und am Ende macht man sich ihre Mythen und Legenden auch noch zu eigen, um seine eigenen kleinen Wünsche erfüllt zu bekommen. Gerade der Handlungsstrang der Schriftstellerin macht diesen Gedanken deutlich auf, inwiefern es moralisch akzeptabel ist, von den Geschichten der Wixárika und Yoeme zu profitieren. Und das trifft ja auch direkt auf das vorliegende Buch zu. Insofern lässt sich hier länger darüber nachdenken, ohne eine schnelle und einfache Lösung finden zu können. Hier gibt Anna Hope etliche Denkanregungen. Mich hat es beispielsweise dazu gebracht, stundenlang weiter zu den Yoemem und den Wixárika zu recherchieren und mit Schrecken festzustellen, dass sie auch heute noch oft auf verlorenem Posten um die Rückerlangung ihrer historischen Landgebiete kämpfen.
Stilistisch ist das Buch ungewöhnlich aufgebaut: die Geschichten werden zur Hälfte erzählt, rückschreitend in die Vergangenheit, bis schließlich der Fels selbst zu Wort kommt und die Geschichten dann wieder in der Zeit vorwärts schreitend zu Ende erzählt werden. Wer den “Wolkenatlas” von David Mitchell kennt, wird diese Erzählform wiedererkennen. Besonders gelungen fand ich auch, dass die Abbildungen zwischen den einzelnen Abschnitten den Fels immer aus einer anderen Perspektive zeigen und somit noch einmal hervorgehoben wird, dass jede und jeder ihn anders sieht.
An der ein oder anderen Stelle hätten gerade der Strang der Schriftstellerin und des Sängers noch etwas spannender sein können. Zudem fand ich die Rolle des Sängers in diesem Buch am schwierigsten einzuordnen, aber letztendlich geht es auch hier um die Ausbeutung von Ritualen, rituellen Drogen und kulturellen Eigenheiten zur eigenen Bedürfnisbefriedigung, wenn das auch deutlich abstrakter ist als in den anderen Kapiteln. Insgesamt finde ich aber, dass es der Autorin gut gelungen ist, Stimmungen einzufangen und die Geschichten plastisch zu schildern. Noch einmal intensiver wird das Buch dadurch, dass allen Geschichten zumindest ein wahrer Kern zugrunde liegt, während der Strang der Schriftstellerin sogar eng verknüpft ist mit der Autorin selbst.

Ich habe wiederholt gelesen und gehört, dass Lesende das Buch nicht mochten oder es nicht spannend fanden. Viele der Begründungen kann ich nachvollziehen. Mein Eindruck ist, dass dieses Buch stärker als andere davon lebt, was man selbst hineininterpretiert. Mich hat es berührt, inspiriert und zum Nachdenken und Nachforschen angeregt. Und so hat der Weiße Fels auch hier wieder für jeden eine ganz eigene Bedeutung.

Bewertung vom 08.03.2023
Gleißendes Licht
Sinan, Marc

Gleißendes Licht


gut

Der Völkermord zwischen den Zeilen

Kaan wächst behütet in Bayern auf. Das einzige, was daran erinnert, dass er türkische Wurzeln hat, ist sein Name. Seine Mutter hat hart daran gearbeitet, sich anzupassen und Kaans Erfolg zu fördern. Sein musikalisches Talent wird früh entdeckt, als Erwachsener ist er ein bekannter Musiker und Komponist. Als seine Großmutter in hohem Alter stirbt, reist Kaan das erste Mal seit Jahren wieder in die Türkei und wird nach und nach mit der Vergangenheit seiner armenisch-türkischen Familie konfrontiert, in der das Trauma des Völkermords am armenischen Volk noch spürbar ist.

Ich hatte mir so viel von diesem Buch versprochen und hatte mir schon vorab Formulierungen zurecht gelegt wie "meisterhaft und feinsinnig komponiert", was natürlich einerseits klug und literarisch klingen sollte und andererseits zeigen sollte, dass auch ich auf den Komponistenhintergrund des Autors anspielen kann. Leider kam es dann etwas anders. Das Buch beginnt zwar mit einer schockierenden Szene im frühen 20. Jahrhundert, aber dann wechselt es in die 1990er Jahre und wir begleiten das egozentrische, unsympathische Musikgenie recht lange dabei, wie er erst die Liebe seines Lebens aufreißt und sie dann über Jahre hinweg heruntermacht. Wenn es nicht im Klappentext stünde, wäre ich selbst nicht unbedingt auf das Thema Transgenerationale Weitergabe von Traumata gekommen. Mein Eindruck wäre, dass Kaan eigentlich zu wenig Zeit mit seiner armenischen Großmutter verbracht hat, um durch Sozialisierung solche Dinge weitergegeben bekommen zu haben. Aber die Symptome, die sich dafür in der Literatur und verschiedenen Berichten finden, sind so unspezifisch, dass auch Kaans Probleme darunter fallen könnten. Ansonsten ist Kaan als Protagonist einfach nur umsympathisch, selbstabsorbiert, selbstverliebt und unreif.

Das Buch kommt sehr künstlerisch und verkopft daher, sodass man vieles über den Völkermord nur zwischen den Zeilen erzählt bekommt. Hauptsächlich dreht sich das Buch um den umsypathischen Protagonisten, ohne dass dieser jedoch seine möglichen Probleme reflektiert. Es werden Situationen geschildert, ohne dass sie eingeordnet werden (können) und teilweise driftet die Geschichte sogar ins Mystische ab. Die Geschichte selbst ist sehr fragmentiert und springt zwischen verschiedenen Zeiten und Perspektiven hin und her. Dies war mitunter verwirrend und es war schwierig, die verschiedenen Teile der Geschichte zu einem zusammenhängenden Ganzen zu verknüpfen. Der Schreibstil ist recht poetisch mit Verweisen auf die Musik, dies verleiht dem Buch eine gewisse Schönheit, aber es führt auch dazu, dass man sich beim Lesen von der Brutalität der Ereignisse entfremdet fühlt.

Ich möchte dem Autor gar nicht seine autobiographischen Bezüge absprechen oder abwerten. Aber ich kann unzufrieden mit diesem Buch sein. Ich habe es in die Hand genommen mit dem Ziel mich von der schrecklichen Geschichte vieler Menschen berühren zu lassen und mehr über diesen Völkermord zu lernen. Doch beides hat dieses Buch bei mir verfehlt. Insgesamt ist das Buch in seinem Stil künstlerisch, aber aufgrund seiner Fragmentierung und seines unsympathischen Protagonisten war es für mich schwer zugänglich. Es ist sicherlich ein wichtiges Werk, das den Völkermord an den Armeniern auf eine neue und kreative Weise behandelt, aber es ist nicht unbedingt für jeden Leser oder jede Leserin geeignet.

Bewertung vom 08.03.2023
Sibir
Janesch, Sabrina

Sibir


gut

Wenig sibirische Gefangenschaft, viel deutsche ländliche Einöde

1945: Nachdem die Familie über Generationen in Galizien gelebt hat, wurden die Ambachers 1939 zunächst von den Nazis ins Wartheland umgesiedelt. Nun, nach Ende des Krieges, werden der 10-jährige Josef Ambacher, sein kleiner Bruder, seine Mutter, Tante und Großeltern nach Sibirien deportiert. Auf dem Weg stirbt bereits sein kleiner Bruder und das wird nicht der einzige Verlust bleiben. Die Ambachers sind nur einige der Zivilverschleppten.

1990: Leila stromert mit ihrem Freund Arnold durch das niedersächsische Örtchen Mühlheide und die umliegende Natur. Fasziniert lauscht sie immer wieder den Geschichten ihres Vaters aus seiner Kindheit und merkt dabei immer wieder deutlich, dass sie anders sind als viele der Mühlheidener. Als 1990 mit dem Ende der Sowjetunion viele Russlanddeutsche, die Neuankömmlinge, nach Mühlheide verschlagen werden, ist Josef Ambacher ihr Anker und Leila muss sich neben dem Erwachsenwerden auch damit auseinandersetzen, was diese Menschen, aber auch ihr Vater, in der Vergangenheit erlebt haben und wie sie alle versuchen, neue Wurzeln zu schlagen.

Auf dieses Buch habe ich mich sehr gefreut und ich hatte große Erwartungen. Generell finde ich die Idee gut, zwei Kindheiten zu unterschiedlichen Zeiten parallel laufen zu lassen, um die völlig verschiedenen Lebensbedingungen darzustellen. Josef, der in der kasachischen Steppe wortwörtlich mit seiner Familie ums Überleben kämpft vs. Leila, die in Mühlheide gut versorgt ist, aber als Kind von Russlanddeutschen eben doch immer wieder ausgegrenzt wird. Letztlich lebt in ihr das Erbe von Josefs Kindheitserfahrungen weiter. Trotzdem war mir das zu wenig. Die Verbindungen waren mir zu schwach verknüpft, dafür wurden für meinen Geschmack unnötig lang viele von Leilas mitunter recht trivialen Erlebnissen ausgewalzt. Die Perspektive wechselte regelmäßig zurück zu Josef in Sibirien, jedoch stand der Umfang der beiden Handlungsstränge in keinem ausgeglichenen Verhältnis. Die Szenen aus Sibirien waren mir zu kurz und immer, wenn es hier spannend wurde, wechselte die Handlung zurück in das gemächliche Mühlheide. Da ich bislang so wenig wusste über die Zivilverschleppung, hätte ich gern deutlich mehr darüber erfahren. Auch hätten die Erfahrungen der Familie Ambacher in Sibirien insgesamt deutlicher beleuchtet werden können. Mitunter bekam ich den Eindruck, für Josef war es weniger traumatisierend und mehr ein großes Abenteuer, obwohl eigentlich überall Mangel herrschte. Auch konnte ich mit zu wenig Hintergrundwissen, das in dem Buch auch nicht vermittelt wurde, die Handlung nicht gut einordnen. Glücklicherweise bin ich während des Lesens dieses Buches auf eine TV-Dokumentation über Zivilverschleppte gestoßen, die mir erst einmal deutlich gemacht hat, dass die Ambachers wohl zu Adenauers Rückgeführten gehört haben müssen, während viele andere erst 1990 aus der Gefangenschaft entlassen wurden in ein Land, dem sie zwar des Passes zufolge angehörten, das aber schon ihre Vorfahren gar nicht mehr kannten, weil seit Jahrhunderten in Polen, Russland oder der Ukraine siedelten. Erst mit diesem Zusatzwissen wurde auch vieles aus dem Mühlheide-Handlungsstrang nachvollziehbarer. Insgesamt war ich von diesem Buch also eher enttäuscht und hätte mir mehr Sibirien und weniger deutsche ländliche Einöde erhofft. Auch wenn hier wichtige und bislang wenig thematisierte historische Ereignisse beleuchtet werden, konnte mich das Buch emotional leider nur wenig erreichen. Nebenstränge wie die zu einem alten SS-Offizier oder lebenslang gehegte Schuldgefühle konnten weder die Spannung noch meine emotionale Beteiligung am Geschehen retten. Ich bleibe trotz einiger Denkanstöße insgesamt eher verwirrt und unzufrieden zurück.