Benutzername: anushka
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Insgesamt 68 Bewertungen
Bewertung vom 03.08.2017
Als die Träume in den Himmel stiegen
McVeigh, Laura

Als die Träume in den Himmel stiegen


gut

Streckenweise berührend, aber streckenweise auch enttäuschend

Samar reist mit ihrer Familie in der transsibirischen Eisenbahn. Sie sind auf der Flucht vor ihrer Vergangenheit in Afghanistan. Während der Zugreise schreibt Samar ihre und die Geschichte ihrer Familie auf: wie sie nach dem Rückzug der Russen aus dem gelben Haus mit dem Mandelbaum flüchten mussten und in ein Bergdorf im Hindukusch kamen. Und davon, wie sie auch dort nicht vor den Taliban und deren Gedankengut sicher sind, in einem Flüchtlingslager und schließlich in der transsibirischen Eisenbahn landen ...

Samars Geschichte ist dramatisch und einiges ist nicht so, wie es zunächst scheint. Im Fokus steht ganz klar das junge Mädchen Samar, das viele Schicksalsschläge verkraften muss und Stärke entwickeln und vor ihrer Zeit erwachsen werden muss. Manches Mal fragt man sich, wie ein Mensch, vor allem ein Kind, an dem Erlebten nicht zerbrechen soll. Samars Geschichte zeichnet die Entwicklung Afghanistans in den letzten Jahrzehnten nach, obwohl nie so richtig greifbar wird, um welchen Zeitraum es sich eigentlich handelt. Manche Jahreszahlen kann man sich anhand geschichtlicher Ereignisse erschließen (wie beispielsweise dem Abzug der Russen), doch gerade Samars Alter wird nie konkret genannt und das macht es immer wieder schwierig, Samars Verständnis des Geschehens einzuordnen oder überhaupt ein Bild von ihr zu bekommen.

Anfangs hat mich der Schreibstil irritiert, der einerseits leicht zu lesen ist, aber gerade am Anfang auf mich auch verkitscht wirkte. Das ändert sich, wenn die ersten ernsthaften Szenen aufkommen, bis dahin hatte ich dem Buch solche Szenen nicht mehr zugetraut. Mich hat aber auch die Fülle der Themen des Romans gestört: es werden viele Handlungsstränge aufgemacht, die teilweise thematisch auch weit auseinander liegen und die letztlich am Ende nicht aufgelöst werden. Beinahe wirkt es, als wäre eine Fortsetzung geplant.

Trotz der nicht unerheblichen Kritik an dem Buch hat es mich streckenweise aber auch immer wieder berührt. Auch wenn beispielsweise das Flüchtlingslager sehr kurz abgehandelt wird, werden die unmenschlichen Zustände dort doch sehr deutlich und die Tragik von Samars Leben wird immer wieder nachfühlbar.

Insgesamt war ich von dem Buch aber eher enttäuscht. Meiner Meinung nach hält es dem Vergleich mit dem "Drachenläufer" nicht stand, auch wenn es thematisch ähnlich ist. Für mich dringt es zu wenig in die Materie ein und verzettelt sich in Nebenschauplätzen, sodass das Ende für mich unbefriedigend ausfiel.

Bewertung vom 26.07.2017
Und Marx stand still in Darwins Garten
Jerger, Ilona

Und Marx stand still in Darwins Garten


sehr gut

Ein sehr ruhiges Buch, das vom Sprachstil und der Liebe zur Wissenschaft lebt

England, 1881: Charles Darwin ist bereits im hohen Alter von 72 Jahren und er treibt seine Forschungen weiter voran. Die Fahrt mit der Beagle und die Evolutionstheorie sind lange her, doch Darwin interessiert sich weiterhin dafür, wie die Natur funktioniert. Allerdings ist seine Gesundheit stark angegriffen. Seine Frau macht sich Sorgen, dass er nicht rechtzeitig den Weg zu Gott zurückfindet, während Darwin mit seinem Arzt seine Theorien und sein Leben erörtert. Es stellt sich heraus, dass der Arzt auch den schwer kranken Exilanten Karl Marx behandelt. Er kommt mit ihnen über die Theorien des jeweils anderen ins Gespräch und es wird deutlich, dass beide alte Männer viel Ballast mit sich herumtragen. Darwin wollte sich niemals gegen die Kirche stellen und auch nicht zu ihrer Abschaffung beitragen. Er fühlt sich missverstanden. Trotzdem genießt er Respekt und veröffentlicht weiterhin Bücher. Marx dagegen leidet sehr unter seinem Exil, das ihn in die Armut stürzt, obwohl er gern die Vorteile des Geldes genießt und er verzweifelt schier an den Manuskripten zu den Folgebänden des "Kapitals". Beide Männer haben vieles gemeinsam, doch ihr einziges Treffen endet im Streit.

Ilona Jerger hat in ihrem Debütroman ein Szenario entwickelt, was passiert wäre, hätten sich Darwin und Marx im wahren Leben getroffen. Tatsächlich haben sie das nie, obwohl sie gar nicht weit voneinander lebten und bekannte Persönlichkeiten ihrer Zeit waren. "Und Marx stand still in Darwins Garten" ist ein sehr ruhiges Buch, das von der Begeisterung für die Wissenschaft und den wissenschaftlichen Diskurs lebt. Darwins Experimente und Theorien werden ausführlich, aber gut verständlich, dargelegt. Darwin als Mensch wird plastisch und man kann ihn sich in den verschiedenen Szenen förmlich vorstellen wie er auf den vielen Bildern gezeigt wird; ein gutmütiger alter Mann mit weißem Rauschebart. Hinzu kommt eine Prise Humor und eine interessante Analyse von Marx' Gesellschaftstheorien.
Marx hingegen ist nicht unbedingt ein Sympathieträger. Seine Theorien muten deutlich revolutionärer und der ganze Mann gröber an. Aber auch seinen Ausführungen kann man gut folgen und man kann diesen Schlagabtausch mit dem Doktor als Verbindungsmann richtiggehend genießen in einem Wettstreit der Ideen und Denker.

Auch wenn es dem Buch vielleicht etwas an "Spannung" mangelt und ein Großteil der Handlung einfach aus Gesprächen, vor allem zwischen dem jeweiligen Patienten und dem Arzt besteht, hat mich das Buch doch in seinen Bann gezogen. Ich hatte das Gefühl, zwei der ganz Großen persönlich kennenzulernen. Sie waren sehr lebensecht dargestellt und die Erläuterungen ihrer Theorien und Studien brachten für mich noch einen Erkenntnisgewinn. Viel Spaß hat mir auch die Sprache bereitet, die die Liebe zur Wissenschaft stark vermitteln konnte. Auch wenn es kleine Abstriche gibt, bspw. dass Darwin und Marx sich nur ein einziges Mal persönlich treffen, haben mir die vielen kleinen historischen Details (Marx hat Darwin tatsächlich ein signiertes Exemplar des "Kapitals" geschickt) und die Fabulierkunst der Autorin gut gefallen.

Bewertung vom 10.07.2017
Swing Time
Smith, Zadie

Swing Time


sehr gut

Viele Denkanstöße, aber nicht durchweg fesselnd

Bereits im Klappentext wird die Protagonistin nur als "die andere" bezeichnet. Diese bis zum Schluss namenlose junge Frau erzählt ihre Geschichte, die in einem Problemviertel in London beginnt und sie über die USA bis nach Afrika führen wird. Während der Grundschulzeit lernt die gemischtrassige Erzählerin die ebenfalls gemischtrassige Tracey kennen und beginnt mit ihr gemeinsam den Tanzunterricht. Allerdings ist nur Tracey darin wirklich begabt. Traceys Wahrheiten und Stimmungen bestimmen das Leben der Anderen. Doch mit dem jungen Erwachsenenalter ist plötzlich Schluss mit dieser Freundschaft und nur langsam wird aufgedeckt warum.

"Swing Time" ist sehr schwer einzuordnen. Es ist kein Buch nur über Freundschaft. Auch stehen Musik und Tanz nicht dauerhaft im Fokus. Unter anderem geht es auch um Identität, Herkunft und Wurzeln, Rasse, das Pop-Business, falsch verstandene Wohltätigkeit, Familie und Verantwortung. Es geht auch um manipulative Menschen und solche, die sich ausnutzen lassen. Das eigentliche, zentrale Thema lässt sich schwer einfangen. Viel zu viele Themen werden dafür angerissen und auch kaum eines abschließend zuende gebracht. Das Ende ist sehr offen für Interpretationen.

Stilistisch ist das Buch anspruchsvoll, aber nicht immer packend. Es ist vielschichtig und nicht immer einfach. Einiges an Sozialkritik lässt einen zustimmend nicken, an anderen Stellen hat man als weiße Leserin vielleicht nicht so umfangreiche Vorkenntnisse. Das Buch bietet an diesen Stellen gute Einblicke und Denkanstöße. Auf jeden Fall ist "Swing Time" keine herkömmliche Freundschaftsgeschichte und keine seichte Unterhaltung.

Die Protagonistin ist wie ein blanker Spiegel für die anderen Figuren des Romans. Sie selbst vertritt keine eigenen Interessen und begnügt sich damit, Spielball ihrer Umgebung zu sein. Das ist beim Lesen manchmal frustrierend, da diese namenlose Figur genauso wie ihr nicht vorhandener Name ungreifbar bleibt und somit wenig Identifikationsfläche bietet. Vielmehr erlebt der Leser seine Empörung dadurch noch potenziert, dass die Protagonistin sich nie zur Wehr setzt und der ewige "Sidekick" bleibt. So endet das Buch auch für sie profillos und für mich leicht enttäuschend, da sie für mich am Ende letztlich verschwand und förmlich mit dem Hintergrund verschmolz, ohne dass ich das Gefühl hatte, dass daraus etwas Großes entstanden sei. Insgesamt ist das Buch trotzdem aufgrund seiner vielen Anregungen und denkwürdigen Themen empfehlenswert, gerade auch, weil Zadie Smith schon eine der Großen der Gegenwartsliteratur ist,was sie auch hier wieder beweist.

Bewertung vom 21.06.2017
Das Haus der schwarzen Schwäne
Behnert, Jelle

Das Haus der schwarzen Schwäne


gut

Düster, mystisch, zum Ende hin surreal

Dänemark, 1693: Die junge Falka muss im Wattenmeer Würmer sammeln, damit die Familie genug zu essen hat. Nachdem der Vater und der Verlobte auf hoher See verschollen gehen, beschwört Falka ein mystisches Wesen, ihr die beiden zurückzubringen. Dass sie dazu den Kerzenhalter aus der Kirche verwendet, macht den ketzerischen Akt noch schlimmer. Sie wird von der Insel verstoßen und nach Tondern in eine Spitzenfabrik gebracht. Für Kost und Logis klöppelt sie dort 16 Stunden am Tag weiße Spitze.Falka entdeckt ihre Liebe zum Spitzenklöppeln. Während die schrecklichen Arbeitsbedingungen die Arbeiterinnen Gesundheit und sogar Leben kosten, arbeitet Falka an ihrer Rache am Fabrikbesitzer. Sie beginnt, schwarze Trauerschleier zu klöppeln, die eine düstere, mystische Magie auf ihre Besitzerinnen ausüben. Falkas ultimatives Ziel ist ein Mädchenreich ...

"Das Haus der schwarzen Schwäne" ist im frivolen Rokkoko angesiedelt. Tondern-Spitze genießt ein hohes Ansehen unter den Bürgern und macht den Fabrikbesitzer und seine Familie reich. Aus lauter Langeweile und Jahrzehnte langem Frieden wünscht man sich als Abwechslung Krieg. Man könnte nun einen unterhaltsamen, oberflächlichen, trivialen Roman erwarten. Doch beim Lesen merkt man schnell, dass dieses Buch anders ist. Schon der Schreibstil wirkt antiquiert, aber eigentlich lebt er völlig in der Zeit. Statt den Dingen moderne Namen zu geben und dem Leser den Aberglauben zu sezieren, ist auch der Schreibstil durchwachsen von mystischen Phänomen und zur Zeit passenden Worteigenkreationen. Spannend beschrieben sind Herstellung von und Handel mit Spitze. Auch die historischen Ansichten sind anschaulich und überzeugend dargestellt, wie beispielsweise der Aberglaube und der religiöse Fanatismus. Es wird sehr greifbar, dass die Hexenverfolgung noch nicht lange her ist. Über die ersten zwei Drittel war dieses Buch sehr glaubhaft und mit einem guten Spannungsaufbau. Neben den Lebensumständen von Spitzenklöpplerinnen, Bürgern und Adel spielt auch die Weltpolitik eine Rolle.
Die Protagonistin driftet immer weiter ab in den Mystizismus und Aberglauben. Geisterglaube und der Glaube an übersinnliche Phänomene ist noch groß. So glaubt Falka selbst, dass sie Wünsche und Bedürfnisse in die Schleier klöppeln kann. Dass die jungen Mädchen in ihrer Abschottung irgendwann eine eigene, ketzerische "Religion" entwickeln, ist unter Betrachtung der Epoche und des Alters des Mädchen noch halbwegs glaubhaft. Leider driftet das Buch im letzten Drittel dann aber sehr stark ins düstere Surreale ab. Das fehlende Nachwort ermöglichte es dann auch nicht, Fiktion und historische Fakten aufzudröseln, was sehr schade ist. Gerade bei diesem Buch hätte ich mir ein paar Zusatzinformationen gewünscht. Zumal man über die Geschichte Tonderns nicht allzu viele Informationen findet.

Lange Zeit hat mir dieses Buch gut gefallen und die brutalen Szenen, die von einigen Leser/innen kritisiert wurden, haben mich nicht sonderlich gestört. Aber als das Buch dann immer stärker ins Surreale abdriftete, konnte ich ihm nicht mehr so gut folgen. Diese Vermischung war mir einfach zu stark und die "Realität" nicht mehr gut erkennbar. Ich hätte mir tatsächlich noch mehr historisch gesicherte Handlung gewünscht, auch wenn die Handlung, so wie sie hier verläuft, wichtige Dinge, wie die Rolle der Frau und die fließenden Grenzen zwischen Gut und Böse thematisiert. So hundertprozentig konnte mich dieses Buch leider nicht abholen.

Bewertung vom 17.05.2017
Das geheime Leben des Monsieur Pick
Foenkinos, David

Das geheime Leben des Monsieur Pick


sehr gut

Crozon, Frankreich: Angelehnt an den Roman "Die Abtreibung" von Richard Brautigan und die tatsächlich existierende Brautigan Library eröffnet der Bibliothekar eines französischen Provinznestes eine "Bibliothek der abgelehnten Manuskripte". Für die Pariser Lektorin Delphine ist das ein Kuriosum, das sie ihrem Schriftsteller-Freund bei einem Heimaturlaub zeigen möchte. Beim Stöbern entdecken sie ein Manuskript mit Potential und es wird der Überraschungserfolg der Saison. Nicht zuletzt wegen der Geheimnisse, die sich um seinen Autor ranken. Wer ist der verstorbene Henri Pick, Pizzabäcker des Ortes? Wie kann er einen solchen Roman schreiben, wenn er nach Aussage seiner Familie in seinem Leben noch nie ein Buch gelesen hat? Die Aufregung um Picks Roman wirbelt den Ort und das Leben seiner Bewohner gehörig durcheinander ...

Mit einem deutlichen Augenzwinkern erzählt Foenkinos aus einem kleinen französischen Dorf, aber auch der großen weiten Buch- und Verlagsbranche, die mit allen Mitteln um den nächsten Bestseller kämpft. Mit Liebe sind die Figuren gezeichnet, wenn sie auch manchmal ein wenig einfach (um nicht zusagen: einfältig) wirken. "Das geheime Leben des Monsieur Pick" ist kein wirklicher Pageturner, obwohl es schon die ein oder andere Überraschung bereithält. Es ist eher ein poetisches, aber auch leichtes (aber nicht seichtes!) Buch der ruhigen Art, obwohl manche Szenen auch an Slapstick erinnern und einiges überzeichnet ist. Die Lebensgeschichten der einzelnen Figuren holen manchmal etwas weit aus und ich empfand sie an manchen, wenigen Stellen als etwas ermüdend. Gleichzeitig fühlt man sich dadurch den Figuren verbunden und bekommt einen guten Eindruck des Dorflebens. Und über allem steht natürlich das große Rätsel um Picks Roman, dessen Auflösung meiner Meinung nach toll geglückt ist, weil am Ende noch einmal, mit den Worten des Verlages, "Gewissheit[en] [...] auf den Kopf gestellt [werden]".

Immer wieder erwähnt Foenkinos die bretonische Herkunft seiner Figuren. Die Bretonen seien ein ganz eigenes und spezielles Völkchen mit ihren ganz sonderbaren Eigenheiten, wird immer wieder betont. Das kann ich nicht gut beurteilen, da ich mich mit Frankreich wenig auskenne. Ich denke, dass es hier noch eine weitere Bedeutungs- oder auch Humorebene gibt für diejenigen, die davon Ahnung haben. Was auf jeden Fall klar wird ist, dass die Figuren alle etwas Exzentrisches haben.

Insgesamt finde ich die Beschreibung des Verlags ziemlich passend: das Buch wirkt "typisch" französisch("-charmant"), leicht, beschwingt und humorvoll. Und bietet nebenbei noch eine tolle Handlung für alle Buchbegeisterten.

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Bewertung vom 09.04.2017
Das Labyrinth der Lichter / Barcelona Bd.4
Ruiz Zafón, Carlos

Das Labyrinth der Lichter / Barcelona Bd.4


sehr gut

Eine Kurzzusammenfassung des "Labyrinth der Lichter" mit seinen fast 950 Seiten ist nahezu unmöglich. Zafón entwirft ein eigenes Universum an Charakteren und Schauplätzen im dunkelsten Barcelona der Franco-Ära und gleichzeitig auch noch eine hochkomplexe Handlung. Nicht nur muss Alicia den Fall aufklären, mit dem sie betraut wurde, es wird ihr auch ein unliebsamer Partner zur Seite gestellt, mit dem sie sich hoch amüsante verbale Schlagabtäusche liefert, den man als Leser aber auch schnell ins Herz schließt. Doch die beiden bleiben nicht lange die einzigen, die sich für den Fall interessieren. Ein vorheriger Polizist wurde bereits mit dem Fall beauftragt und verschwand. Schnell fühlt sich auch Alicia beobachtet und bald hat sie rätselhafte Feinde an den Fersen. Unterstützt wird sie jedoch von einer sympathischen Mischung an Nebenfiguren, die sowohl für Spannung als auch für Humor und auch die ein oder andere skurrile Situation sorgen. Aber gerade die Semperes haben auch ihre eigenen Familiengeheimnisse, die es zu lüften gilt. Diese Familie, die ich aus den ersten beiden Bänden sympathischer in Erinnerung hatte, wirkt hier etwas undurchschaubar und distanziert.

Noch vor Beginn der Geschichte gibt der Autor ein deutliches Statement ab, dass "Das Labyrinth der Lichter" zwar der vierte (und letzte) Band der Serie um den Friedhof der vergessenen Bücher ist, jedes Buch aber eigenständig und von der Reihenfolge unabhängig lesbar ist. Dem würde ich bedingt zustimmen, da es mit fortschreitender Geschichte ein immer komplexeres Netz aus Verwicklungen gibt und man im Vorteil ist, wenn man die Figuren bereits aus früheren Büchern kennt, sonst wird das Figurengeflecht etwas unübersichtlich. Die Verbindungen zu den vorherigen Bänden lassen sich dann auch besser würdigen. Andererseits macht das Buch aber auch ebenso neugierig auf die Vorgängerbände, wenn man diesen Band mochte.

Die Grundstimmung des Buches empfand ich eher als düster, was nicht wenig der historischen Einordnung in die Franco-Diktatur geschuldet sein dürfte, unter der unliebsame Personen verschwanden oder gleich getötet wurden. Und so wird auch diesem Buch nicht zimperlich umgegangen. Es wird gemordet und gefoltert und diese Szenen sind nichts für sanfte Gemüter, auch wenn routinierte Thriller-Leser wesentlich Schlimmeres gewohnt sein dürften.

Die Seitenzahl des Buches kommt sicherlich auch nicht zuletzt dadurch zustande, dass der Autor einen eher ausschweifenden, anspruchsvollen, vor Beschreibungen und Metaphern strotzenden Stil hat. Mir hat das gut gefallen. Die Szenerie wird plastisch und die meisten Beschreibungen sehr ansprechend. Einzig der alte Haudegen Fermín treibt es mit seinen verschwurbelten Dialogen für mich ein wenig zu sehr auf die Spitze, weil er in jeder Lebens- und Lebensgefahrenlage einen flotten Spruch auf den Lippen hat, was manchmal nicht ganz realistisch wirkt und in Situationen, in denen man knappe präzise Antworten erwartete, schon einmal nerven konnte.

"Das Labyrinth der Lichter" vollendet nun die Serie um den Friedhof der vergessenen Bücher und so rundet das Buch auch die Serie etwas ausführlicher ab und verbindet noch verbliebene lose Fäden. Für meinen Geschmack war dies etwas zu ausschweifig. Das mitunter zwischenzeitliche hohe Tempo fehlt am Ende völlig und es wirkt ein wenig zäh. Zudem kommt der Friedhof der vergessenen Bücher weniger in der Haupthandlung und dafür fast ausschließlich in der Rahmenhandlung vor, sodass beide nicht ganz zueinander zu passen scheinen. Zudem hätte ich mir noch ein wenig mehr der allseits angepriesenen Buchmagie gewünscht.

Insgesamt habe ich nicht ganz bekommen, was ich erwartet habe. Und trotzdem habe ich Zafón bekommen, wie ich ihn schon aus anderen Büchern kenne. Es war weniger Magie als gedacht, dafür mehr Düsternis, ein dunkles Barcelona und über weite Strecken sehr viel Spannung.

Bewertung vom 26.02.2017
Sein blutiges Projekt
Burnet, Graeme Macrae

Sein blutiges Projekt


ausgezeichnet

Culduie, Schottland, 1869: Der 17-jährige Roderick Macrae läuft blutüberströmt die Straße hinunter. Er bestreitet nicht, drei Menschen brutal getötet zu haben. Doch was trieb den jungen Bauernsohn dazu? Auf Anraten seines Anwalts bringt er die Ereignisse zu Papier, die das raue Leben in einer kleinen Ortschaft darstellen, die Handvoll Familien, die dort leben, beherrscht von einem machtbesessenen Sheriff. Das Leben wird nach dem Tod der Mutter für Roderick und seine Geschwister Stück für Stück unerträglicher, bis die Ereignisse schließlich in der Bluttat kulminieren. Ergänzt werden Rodericks Schilderungen durch einen Bericht des Gefängnisarztes Thomson, der seine psychologische Begutachtung und deren Schlüsse zu Rodericks Schuldfähigkeit nüchtern, aber keineswegs neutral darlegt. Gerade diese Passage ist eine glaubhafte und interessante Darstellung der Anfänge der Kriminalpsychologie, samt der Ideologie und des Menschenbildes, die dahinterstehen. Viele der Feststellungen muten heute sehr krude an und wühlen in ihren mitunter offensichtlichen Fehlschlüssen beim Lesen auf. Abschließend wird der Gerichtsprozess mittels einer Zusammenfassung von Zeitungsberichten erzählt und stand im ersten Teil um die Morde der Ausgang bereits fest, so lebt hier die Spannung von verschiedenen Wendungen und der Ungewissheit des Ausgangs bis zum Schluss. In diesem Teil kam eine fast schon greifbare Spannung auf, die Anspannung im Gerichtssaal liegt beim Lesen knisternd in der Luft.

Die Geschichte ist sehr gekonnt konstruiert und vermittelt den überzeugenden Eindruck eines True-Crime-Berichts. Neben der Behauptung, in den Highland Archiven ein Manuskript von Roderick Macrae gefunden zu haben, liegt ein besonderer Kniff in der Namensähnlichkeit zwischen Täter und Autor. Hat man diese einmal bemerkt, spielen noch ganz andere Erwartungen in die Rezeption der Geschichte mit hinein (die ich leider aus Spoilergründen nicht näher benennen kann). Das Buch kommt ganz im Stile eines True-Crime-Berichts mit einer gewissen Trockenheit daher und ebenso mit einer gewissen Sachlichkeit. Der Autor spielt geschickt mit dem Leser und stiftet gekonnt Verwirrung darüber, ob diese Ereignisse wirklich stattgefunden haben, da ja gleichzeitig bekannt ist, dass das Buch für den Man Booker Prize nominiert war. Empfindet man nach dem schriftlichen Geständnis vielleicht noch Mitgefühl mit Roderick, vielleicht auch manches Mal Befremden (aber schließlich ist Roderick mit 17 wahrscheinlich auch noch in der Pubertät), so ist man später ob der Widersprüche seines Berichts mit den Zeugenaussagen keineswegs mehr sicher, wem man glauben soll und ob Roderick das Mitgefühl überhaupt verdient hat.

Mir hat zugegenermaßen an manchen Stellen ein wenig die Spannung gefehlt, dafür bin ich zum Ende hin geradezu durch die Seiten geflogen. Alle Figuren waren authentisch dargestellt und die Arroganz des Gefängnisarztes absolut zu Zeit und Tätigkeit angemessen. Burnet hat über die bislang erwähnten Punkte unterschwellig auch die Moral angesprochen und die auch heute noch aufkommenden Zweifel, ob nicht jeder, der so eine Tat begeht, eigentlich unzurechnungsfähig ist und inwiefern es gerecht ist, solche Taten ungesühnt zu lassen. Über allem aber steht die Technik des Autors und sein Können darin, den Leser in die Irre zu führen und Wahrheiten zu präsentieren, die möglicherweise keine sind.

Bewertung vom 21.01.2017
Die Spionin
Coelho, Paulo

Die Spionin


gut

Frankreich, 1917: In Paris wird eine Frau von einem Erschießungskommando hingerichtet. Es handelt sich dabei um die skandalumwitterte Tänzerin Mata Hari, die in den höchsten Kreisen verkehrte und schließlich der Doppelspionage angeklagt und für schuldig befunden wird.
In diesem Buch, verfasst Mata Hari kurz vor ihrer Hinrichtung einen (fiktiven) Brief an ihren Anwalt und schildert ihre Sicht der Ereignisse und Entwicklungen. Dabei erfährt man viel aus ihrer Biografie; wie sie sich in ihrer holländischen Heimat langweilte, deshalb einen britischen Offizier heiratete und mit ihm nach Java ging. Doch diese Ehe war geprägt von Gewalt und so verlässt die damals noch Marghareta genannte junge Frau ihren Mann und ihr Kind und beginnt ohne Ausbildung eine Karriere als Tänzerin. Ihre freien Interpretationen exotischer Tänze, die wenig Authentizität und dafür viel nackte Haut beinhalten, verhelfen ihr zu Berühmtheit. Sie prahlt in ihrem Brief mit ihren unzähligen Liebschaften und legt dabei sowohl Arroganz als auch Naivität an den Tag. Leider bleibt Mata Hari in diesem Abschnitt sehr schematisch. Es wirkt oft wie eine Aneinanderreihung von biografischen Fakten, oft fehlte mir dabei die Emotionalität und Nähe zur Figur. Zudem scheint der Autor damit spielen zu wollen, dass Mata Hari auch im Ruf einer Lügnerin stand und oft viel zu ihrer Geschichte dazu erfand. Das erfährt man jedoch erst im Nachwort oder bei weiteren Recherchen im Internet. Im Buch selbst ist ein solches Verwirrspiel leider nicht gut gelungen, weil es nicht deutlich genug herausgestellt oder in Widerspruch zu anderslautenden Aussagen gestellt wird. Als einziges relativierend wirkt der anschließende (fiktive) Brief von Mata Haris Anwalt, doch auch das ist nicht ausgearbeitet genug und dient wahrscheinlich eher dazu, die Abläufe zu schildern, die außerhalb Mata Haris Wissen lagen. Leider bleibt auch Mata Haris Spionagetätigkeit schwammig und wenig greifbar oder verständlich. Der Meinung der Buchfigur nach seien gar keine Informationen geflossen bzw. ist von der Weitergabe von Klatsch die Rede, nur dass nie deutlich wird, was und an wen Mata Hari geliefert hat. Deutlich wird nur, dass Mata Hari in ihrer Selbsterhöhung und ihrem Geltungsdrang dumme und naive Dinge getan hat und sich möglicherweise in eine Situation manövriert hat, deren Bedeutung sie gar nicht erfassen konnte. Auch wird deutlich, wie gefährlich eine Frau wahrgenommen hat, die die Geliebte vieler einflussreicher Männer war und schließlich mindestens für ihre Unkonventionalität mit dem Leben zahlen musste.

Mata Hari wird auch weiterhin eine Faszination auf mich ausüben, dieses Buch wird jedoch wenig zu meinem Bild von ihr beitragen. Der Schreibstil ist zugegebenermaßen ansprechend und durchaus poetisch, konnte mir aber zu keiner Zeit irgendeine Emotion vermitteln, was ich wirklich bedauerlich fand. Auch die biografischen Details wurden für mich nicht bildhaft genug. Meiner Meinung nach wurde hier einiges an Potential der Geschichte verschenkt. Ich hatte ein ergreifenderes Buch erwartet, nicht zuletzt aufgrund Mata Haris tragischem Ende und etlicher Ungerechtigkeiten, die ihr wiederfahren sind. So kann ich nur sagen "Kann man lesen, muss man aber nicht unbedingt".

Bewertung vom 21.01.2017
Das Nest
Sweeney, Cynthia D'Aprix

Das Nest


ausgezeichnet

Das Nest. Das sind zwei Millionen Dollar Erbe für die 4 Geschwister Leo, Jack, Melody and Bea Plumb, die sie endlich in wenigen Monaten zu Melodys 40. Geburtstag erhalten. Alle können das Geld gut gebrauchen, denn sie haben bisher so gelebt als hätten sie das Geld längst. Doch dann zahlt die Mutter kurz vorher einen Großteil des Fonds an den Playboy und Lebemann Leo allein aus und die restlichen Geschwister sind alles andere als glücklich.

"Das Nest" spielt ein interessantes Gedankenexperiment durch. Was passiert, wenn man "auf Pump" lebt und der Geldsegen dann plötzlich ausbleibt? Und wenn dann auch noch der eigene Bruder daran schuld ist, sich deswegen aber kein bisschen schlecht fühlt? Die Plumb-Geschwister standen sich eh nicht sonderlich nahe, was seine Ursachen auch in ihren Kindheiten und vor allem der Mutter hatte. Hier ist sich jeder immer selbst der nächste. Keines der Geschwister hat sein Leben wirklich im Griff. Jack führt ein Antiquitätengeschäft, das nicht mehr gut läuft und daher hat er eine Hypothek auf das gemeinsame Sommerhaus mit seinem Mann aufgenommen. Bea war eine vielversprechende Schriftstellerin, konnte aber nicht an den Erfolg anschließen und hat den Vorschuss vom Verlag längst aufgebraucht. Melody hat sich mit ihrem gutbürgerlichen Leben übernommen, das Haus ist zu teuer und nun sollen auch noch die Töchter auf Privatcolleges gehen. Der einzige, der bislang wirklich selbst Geld gemacht hat, war Leo, doch auch der ist damit leichtsinnig umgegangen.

Die Autorin kann die Dynamik innerhalb der Familie sehr gut nachzeichnen. Doch es geht nicht nur um die Geschwister, auch ihr Umfeld ist von der plötzlich veränderten Situation betroffen. Nun müssen die Plumbs vor allem erst einmal sich selbst finden und dann schnellstmöglich eine Lösung für ihre finanziellen Probleme. Doch in der Gesellschaftsschicht, aus der sie stammen, ist das nicht einfach, denn hier geht es auch immer um den äußeren Schein. Es wird sehr gut deutlich, dass sich die Plumb-Geschwister dieses Leben eigentlich gar nicht leisten können und trotzdem geht es immer wieder darum, etwas darzustellen. Die Geschwister werden mit scharfem Auge "seziert" und auch ein feinsinniger Humor findet sich zwischen den Zeilen. Befürchtet man zuerst, dass man es durchweg mit jammernden, selbstmitleidigen, verwöhnten Menschen mittleren Alters zu tun haben wird, wachsen einem die Figuren doch schnell ans Herz. Die einzelnen Geschichten sind nicht zuletzt auch durch die Familienbande sehr gut verwoben. Auch wenn "Das Nest" kein Spannungsroman ist, hat mich eine gewisse unterschwellige Spannung immer bei der Stange gehalten. Zusätzlich gelungen finde ich auch das Cover, das perfekt zum Inhalt passt.

"Das Nest" ist leichtgängige Unterhaltung mit eingestreuten tiefgründigen Botschaften. Es ist nicht zu schwermütig und macht trotzdem die Ernsthaftigkeit der Erwartungen, Träume und Enttäuschungen der Figuren deutlich. Die Autorin hat eine gute Balance gefunden und mich mit diesem Buch perfekt unterhalten. Und am Ende bleibt vielleicht bei dem ein oder anderen Leser die bange Frage: wie würde meine Familie in so einer Situation reagieren?

Bewertung vom 25.10.2016
Die Wahrheit
Raabe, Melanie

Die Wahrheit


gut

Mehr ein Spannungsroman als ein Thriller, mit etwas enttäuschendem Ende

Sieben Jahre lang ist Philipp Petersen nun schon verschwunden. Auf einer Geschäftsreise in Südamerika wurde er entführt. Seine Frau, Sarah, lebt mit dem gemeinsamen Sohn in Hamburg und hat die Hoffnung nie aufgegeben. Nun ist sie bereit, neu anzufangen, da erreicht sie ein Anruf des Auswärtigen Amtes: Philipp wurde befreit und wird heimkehren. Doch der Mann, der schließlich vor ihr steht, ist nicht Philipp! Sarah versucht, es jemandem zu sagen, doch keiner glaubt ihr. Und der Fremde droht ihr, dass sie alles verlieren würde, sollte sie zur Polizei gehen ...

Dies ist mein erstes Buch von Mel Raabe und nach den begeisterten Stimmen zu ihrem ersten Buch war ich auf dieses sehr gespannt. Es gelingt dem Buch auch gut, die bedrückende und beängstigende Stimmung zu vermitteln, wenn man mit einem Fremden, dessen Absichten man nicht kennt, ein Haus teilen muss. Ein Großteil der Spannung ergibt sich hieraus sowie aus der Suche nach den Absichten und Motiven des Fremden. Erzählt wird die Geschichte abwechselnd aus Sarahs Sicht und der Sicht des Fremden. Beide umkreisen einander misstrauisch und oft feindselig. Bei Sarahs Verhalten wäre es für den Fremden jedoch ein Leichtes, sich ihrer bei der ersten Gelegenheit zu entledigen. Und das ist einer meiner zentralen Kritikpunkte: Sarahs Verhalten ist für mich nicht immer nachvollziehbar. Zum einen, würde man wirklich auch nur eine Nacht das Haus mit einem Fremden teilen, der einen zuvor sogar noch bedroht hat? Sarah vermutet zudem, dass er hinter dem Geld ihres Mannes her ist, der sehr wohlhabend war. Und doch lässt sie ihn phasenweise allein im Haus und kommt nicht ein Mal auf die Idee, das Geld auf den Konten beiseite zu schaffen. Insgesamt ist sie mir auch zu hysterisch und unbedacht.
Die Spannung wird immer wieder durch Rückblenden ausgebremst. Dabei geht es meist nicht um die Entführung oder Sarahs Verzweiflung in der Zeit danach, sondern vor allem um die Beziehung zwischen ihr und ihrem Mann. Dementsprechend ist dieses Buch auch kein wirklicher Thriller, sondern ein Roman mit Spannungselementen. Dazu passt auch der eher etwas poetischere Schreibstil.

Das Ende konnte mich leider nicht richtig überzeugen. Die Wendung kam mir unrealistisch vor, auch wenn sie einiges erklärt hat. Trotzdem war sie eher unspektakulär und ich hätte mir auch mehr Informationen über Philipps Entführung und Schicksal gewünscht. So bleibt ein Thema, das ja für Kolumbien lange Zeit an der Tagesordnung war nur eine Kulisse.

Aufgrund der genannten Kritikpunkte und einer trotzdem überwiegend recht spannenden Handlung bekommt dieses Buch 3,5 Sterne von mir.