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Benutzername: anushka
Danksagungen: 8 (erhaltene)


Bewertungen

Insgesamt 94 Bewertungen
Bewertung vom 27.11.2018
Der Apfelbaum
Berkel, Christian

Der Apfelbaum


sehr gut

Die Geschichte der Eltern im Spiegel der Zeit

Christian Berkel besucht seine Mutter. Ihm wird bewusst, dass ihm nicht mehr viel Zeit bleibt, um die Geschichte seiner Eltern zu erfahren, denn den Erinnerungen seiner Mutter ist immer weniger zu trauen. Also stückelt er die Geschichte zusammen und lässt von seiner Mutter die Lücken auffüllen, so gut es geht. Es ist eine Geschichte mit vielen Höhen und Tiefen, die durch den historischen Kontext nicht einfacher wird. Sala ist 13, Otto 17 als sie sich kennenlernen und ineinander verlieben. Sala, Halbjüdin mütterlicherseits, stammt aus einer intellektuellen Familie, während sich Otto, das Arbeiterkind, mühsam sein Medizinstudium erarbeitet. Ab 1938 führt Sala ein unstetes Leben, reist von Deutschland nach Spanien zur entfremdeten Mutter, von dort nach Paris zu einer modeschöpfenden Tante und landet schließlich in Argentinien. Währenddessen wird Otto zur Wehrmacht eingezogen und landet schließlich in Kriegsgefangenschaft.

"Der Apfelbaum" ist eigentlich eine sehr tragische Familiengeschichte, die zeigt, was Verfolgung und Krieg Menschen und ihren Beziehungen antun kann. Sala hat seit Jahren keinen Kontakt zu ihrer Mutter, identifiziert sich nicht mit deren Religion und versteht daher nicht, warum sie verfolgt wird. Durch ihre Flucht verliert sie ihre Wurzeln. Otto ist physisch und psychisch von der Kriegsgefangenschaft gezeichnet. Für beide ist es schwer, wenn nicht gar unmöglich, nach dem Erlebten wieder zusammenzufinden. Das ist schon eine sehr anrührende und, durch die Tatsache, dass es sie auf wahren Begebenheiten beruht, hoch interessante Geschichte. Sie gibt viele Denkanstöße, nicht nur aus historischer Betrachtung, sondern auch unter aktuellen Gesichtspunkten.

Dennoch haben mich einige Dinge beim Lesen auch gestört. Regelmäßig ist beispielsweise Dialekt eingestreut. Das ist bei Otto noch glaubhaft, weil es seine Herkunft deutlich macht und auch das Bemühen, sich unter bestimmten Bedingungen gewählter auszudrücken. Leider konnte ich mit Salas regelmäßigem "zum Piiiepen" wenig anfangen. Für mich wollte das einfach nicht zu einer Frau aus intellektuellen Kreisen passen und auch nicht an den Stellen, an denen es vorkam. Was mich aber eigentlich noch mehr gestört hat war, dass manche Szenen irgendwie zu verschwimmen schienen. In einigen Situationen wurde die Bedeutung plötzlich doppeldeutig und schwer greifbar, während der Rest geradlinig und direkt erzählt wurde. Durch den Stil und die Beschreibungen sind viele Szenen durchaus kunstvoll, aber mit manchen von ihnen wusste ich überhaupt nichts anzufangen und konnte sie überhaupt nicht einordnen. Bei mir kam das Gefühl auf, dass der Autor sich möglicherweise an gewisse Erinnerungen nicht herangetraut hat oder dass ihm bei diesen Szenen Informationen fehlten, die er nicht fiktiv auffüllen wollte.

Insgesamt ist "Der Apfelbaum" ein ehrgeiziges "Projekt", die Geschichte der eigenen Eltern zu verstehen, die im Spiegel ihrer Zeit sehr spannend war, aber tiefe Spuren bei den Betroffenen hinterlassen hat. Statt eines großen unterhaltsamen "Abenteuers", wie bei so vielen fiktiven Geschichten, zeigt "Der Apfelbaum" die ganze Tragik eines Lebens in der damaligen Zeit auf zutiefst menschliche Weise auf. Und somit ist das Buch inhaltlich auf jeden Fall etwas Besonderes. Stilistisch hatte es für mich leider ein paar Schwächen.

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Bewertung vom 14.11.2018
Deutsches Haus
Hess, Annette

Deutsches Haus


ausgezeichnet

"Die Deutschen wollen getröstet werden"

Frankfurt, 1963: Eva ist gelernte Dolmetscherin für Polnisch und unterstützt ihre Eltern in deren Wirtshaus "Deutsches Haus". Sehnsüchtig wartet sie auf einen Heiratsantrags ihres wohlhabenden Freundes, ein Unternehmersohn. Doch dann wird sie eines Tages für einen Auftrag abgeholt, für den sie gar nicht ausgebildet ist. Sie soll für den Generalstaatsanwalt die Zeugenaussage eines Mannes übersetzen, der über Kriegsverbrechen berichtet. Trotz ihres Schocks und ihrer Verwirrung nimmt sie entgegen dem Wunsch ihrer Familie und ihres Freundes den Auftrag an, während des ersten Auschwitz-Prozesses die Zeugenaussagen zu übersetzen. Von ursprünglichem Unglauben über tiefe Erschütterung muss sich Eva schließlich auch der Schuldfrage stellen. Was wussten die Menschen, nicht zuletzt ihre Eltern?

Dieses Buch hat mich sehr gefesselt. Es ist nicht so sehr ein Spannungsbogen gewesen, obwohl es den auch in irgendeiner Form gab, während sich die Familiengeschichte von Eva entfaltet und sie ihre Beziehung riskiert, weil sie sich gegen die gesellschaftliche Strömung stellt, die Verbrechen der Nationalsozialisten einfach zur verdrängen. Es sind auch nicht die geschilderten Taten der Nazis, denn die sind zur Genüge bekannt. Die Spannung stammt vielmehr aus dem langsamen Realisieren Evas und ihrer Nähe zu den Ereignissen, da sie noch während der Nazizeit geboren ist und sich für sie die Schuldfrage direkt und unmittelbar stellt. Während sie erschrocken den Erlebnissen der Zeugen zuhört und extrem nah dran ist, weil sie sie übersetzen soll, muss sie feststellen, dass ihr Umfeld nichts davon wissen will, und zwar mit vollem Vorsatz. Weil es ja doch nichts bringen würde, sich mit der Vergangenheit zu befassen. Und gleichzeitig haben ehemalige Nazis immer noch wichtige Positionen inne und die Hauptangeklagten spazieren jeden Verhandlungstag wieder frei aus dem Gerichtsgebäude. Es ist die emotionale Ebene, die mich besonders gepackt hat.
Der Schreibstil ist gradlinig und verstellt so nicht den Blick auf die Geschichte. Er erlaubt ein schnelles Vorankommen, ist aber nicht oberflächlich. Das einzige, was mich ein wenig gestört hat, war das Ende. Das hing leider nicht mehr so stringent zusammen, wie der Großteil des Buches, sondern wirkte ein wenig, als würde die Geschichte auseinander fasern. Stilistisch passte das jedoch irgendwie zum Ende dieser Geschichte, einem letztlich trotz kleiner Kritik großartigem und wichtigem Buch, das so perfekt zur aktuellen Zeit passt.

Bewertung vom 08.10.2018
Ida
Adler, Katharina

Ida


sehr gut

Viel mehr als nur die Freud-Patientin

USA, 1941: Ida Adler, 58 Jahre, geborene Bauer, steigt in New York von einem Schiff. Sie hat die Flucht aus Europa geschafft und verdankt dies vor allem ihrem berühmten toten Bruder, dem Sozialisten Otto Bauer, und ihrem Sohn, einem Dirigenten. Doch Ida selbst hatte bis dahin auch ein bewegtes Leben. Unter anderem war sie Patientin von Sigmund Freud und erlangte als Hysterie-Patientin Dora Berühmtheit durch seine "Bruchstücke einer Hysterie-Analyse", mit denen Freud Teile aus ihrer Psychoanalyse veröffentlichte. Ida wagte es, die Therapie bei Freud entgegen seines Ratschlags abzubrechen. Diese war nur eine in einer langen Reihe an mitunter schmerzhaften Behandlungen. Doch Ida ist sehr viel mehr als nur eine Fallstudie Freuds. Denn Ida ist Jüdin, Sozialistin und gleichzeitig wohlhabend. Ida hält Salons ab und landet schließlich über Umwege und lange Reiserouten in den USA. Ihre Urenkelin zeichnet in diesem biographischen Roman ihren Lebensweg vom Ende des 19. Jahrhunderts bis 1945 nach.

Dabei wird deutlich, dass Ida sehr viel mehr ist und auch vor und nach Freud ein sehr bewegtes Leben hatte. Dementsprechend steht die Therapie bei Freud über große Strecken nicht im Fokus der Geschichte, auch wenn Freud immer wieder seinen Schatten auf Ida wirft. Katharina Adler hat das sehr interessante Leben von Ida (einer wahren Geschichte) aufgeschrieben und ihr viel Leben eingehaucht. Dabei ist Ida eine Figur, an der man sich durchaus stoßen kann. Die unterkühlte Beziehung ihrer Mutter zu ihr führt sie später mit ihrem eigenen Kind weiter. Gerade dann in den USA wird ihr Verhalten immer unsympathischer und meiner Meinung nach ist dies als Einstieg entsprechend ungünstig. Gerade am Anfang wirkt die Geschichte sehr bruchstückhaft und die Zeitsprünge haben mich gerade zu Beginn oft verwirrt und mir Ida ziemlich unnahbar gemacht. Das wurde im Verlauf des Buches besser, aber ich konnte nie wirklich eine Beziehung zu Ida aufbauen. Aber auch für verschiedene Anspielungen war dies ungünstig. So wird beispielsweise in einer Szene vorgegriffen, die zu diesem Zeitpunkt unverständlich ist, deren Erwähnung man jedoch schon wieder vergessen hat, wenn der Hintergrund schließlich erklärt wird. Mir ist das nur aufgefallen, weil ich nach Beenden des Buches die ersten Kapitel noch einmal quergelesen habe. Für mich macht das deutlich, dass das unchronologische Erzählen zwar künstlerisch ist, dadurch aber, zumindest in diesem Buch, auch einiges verlorengeht. Auch der Schreibstil war mitunter gewöhnungsbedürftig. Auch wenn er den Wiener Dialekt und Duktus durchaus anschaulich machte, haben mich die wiederholt unvollständigen Sätze als Stilmittel irritiert. Die eingestreuten Zitate aus Freuds Analysen dagegen fand ich sehr passend und interessant. Die Autorin hat sehr anschaulich gemacht, wie frustrierend Freuds Deutungsstil und Deutungshoheit für Ida gewesen sein müssen.

Insgesamt hat mich Idas Leben gefesselt und bewegt, auch wenn ich zu Ida als Figur immer eine Distanz empfunden habe und auch mehr in Bezug auf Freud erwartet hatte. Der Roman "Ida" bildet jedoch auf sehr interessante und spannende Weise die Umbruchsphase in Europa ab und das Leben derer, die sich mittendrin wiederfinden.

Bewertung vom 01.10.2018
Der Blumensammler
Whitehouse, David

Der Blumensammler


gut

Schwer greifbare Geschichte

Dove wollte mal Journalist werden, doch er hat das Studium nie beendet. Stattdessen arbeitet er nun in der Notrufzentrale. Sein Privatleben ist kaum erwähnenswert. Als er eine Blume sieht und plötzlich alles über sie weiß, obwohl er sich bisher nie für Blumen interessiert hat, wundert er sich. Kurz darauf beginnen die Flashbacks in das Leben eines anderen Menschen, Peter Manyweathers. Peter entdeckt Jahrzehnte zuvor in einem Buch in einer Bibliothek einen Liebesbrief. Dieser listet sechs seltene Blumenarten auf und Peter beginnt, sich mit ihnen zu beschäftigten. Schließlich will er alle sechs Blumen mit eigenen Augen sehen und das führt ihn um die ganze Welt. Was hat es mit Doves Erinnerungen an Peters Leben auf sich?

"Der Blumensammler" ist für mich ein sehr schwer zu fassendes Buch. Zunächst kann man den Eindruck haben, dass es sich hier vielleicht um eine oberflächliche Liebes- oder Entwicklungsgeschichte handeln wird. Doch zunächst dreht sich die Geschichte vor allem um die Suche nach den verschiedenen Blumen und eine Männerfreundschaft, die zunehmend dysfunktional wird. Gleichzeitig gibt es da das Rätsel der Erinnerungen, die sich Dove aufdrängen ohne dass er etwas dagegen tun kann. Das gibt der Geschichte einen etwas übersinnlichen Aspekt. Und dann ist da noch die Frage danach, was der wieder aufgetauchte Flugschreiber und das verschollene Flugzeug aus dem ersten Kapitel mit allem zu tun haben. All diese Verbindungen werden am Ende, meiner Meinung nach, grandios geknüpft. Das steht jedoch am Ende eines Berg-und-Talfahrt ähnlichen Leseerlebnisses durch verschiedene Genre, das mittendrin auch mal ins krimihafte abschweift und sogar eine Prise Noir enthält. Es gibt darüber hinaus etliche surreale Momente, die sich logischer Erklärung entziehen, zu diesem Buch aber überwiegend gut passen. Insgesamt war mir dieses Buch aber zu viel, die Mischung zu „wild“ und es wurden etliche Themen zu viel aufgemacht, wie beispielsweise politische Morde in irgendwelchen Kellern in Indonesien, deren Spuren Peter als Reinigungskraft entfernt ohne sich weiter damit zu beschäftigen. Überhaupt stellt sich die Frage, wie sich Peter die ganzen Reisen leisten kann. Auch die Wechsel zwischen Peter und vor allem Dove waren zunehmend verwirrend, weil nicht deutlich genug voneinander abgegrenzt. Das war vielleicht Absicht, erforderte aber beim Lesen viel Konzentration.

Insgesamt war dieses Buch anfänglich sehr vielversprechend. Leider hat es mich mit fortschreitender Geschichte immer mehr verloren, auch wenn mich das Ende doch nochmal packen und für die Geschichte und die Figuren gewinnen konnte. „Der Blumensammler“ war ein Buch, das für mich nur schwer greifbar war.

Bewertung vom 01.10.2018
Loyalitäten
Vigan, Delphine de

Loyalitäten


ausgezeichnet

Ein tragisches Schülerschicksal einfühlsam erzählt

Hélène ist Lehrerin. Zunehmend bemerkt sie Veränderungen an dem 12-jährigen Theo. Der sonst ruhige, aber gute Schüler wirkt zunehmend unbeteiligt und übermüdet. Doch als Lehrerin sind ihr die Hände gebunden und die Schulleitung reagiert nur zögerlich auf ihre Bitten, ein genaueres Auge auf ihn zu haben. Währenddessen trifft Theo sich mit seinem besten Freund in geheimen Ecken der Schule und trinkt zunehmend mehr Alkohol, Kommt Hélène hinter sein Geheimnis, bevor etwas Schlimmes passiert?

Delphine de Vigans neues Buch hat mich zutiefst berührt. Auf nur rund 180 Seiten erzählt sie eine intensive Geschichte vom Versagen von Eltern, ihre Kinder bedingungslos zu lieben; von einem System, das mehr Angst vor Regressansprüchen von Eltern hat, als dass seine Untätigkeit das Wohl eines Kindes gefährdet; von einem Kind, das von den Problemen der Erwachsenen heillos überfordert ist; und von einer Freundschaft unter Kindern, die uneingeschränkt loyal ist. In intelligenter Schreibe und aus drei verschiedenen Perspektiven beleuchtet die Autorin verschiedene Positionen in dieser Geschichte: die von Theo, die von Hélène und die der Mutter von Theos bestem Freund. Dadurch kennt man zwar schon vorab Theos Geheimnis, doch muss erstaunt feststellen, wie schwer es für das Umfeld ist, die Zeichen in diese Richtung richtig zu deuten. Und auch so bietet die Geschichte dennoch ausreichende Überraschungen. Die Geschichte geht sehr behutsam mit den Figuren um und behandelt das Thema sehr sensibel. Gerade dadurch wird es so eindringlich und die ganze Tragik des Geschehens bewusst. Die Autorin macht damit auf eine Thematik aufmerksam, die bislang meiner Meinung nach noch keinen prominenten Weg in die Erwachsenenliteratur gefunden hat, die aber unbedingt bewusst gemacht werden sollte. Ohne zu moralisieren zeigt die Autorin dabei auf, wo Versäumnisse geschehen und wo Handlungsmöglichkeiten bestünden, sowohl für ihre Figuren als auch im realen Leben.

Die Geschichte endet letztlich eher als eine Episode aus dem Alltag einer Lehrerin, aber auch aus dem tragischen Leben eines jungen Schülers. Das Ende können Pessimisten dabei in die eine, Optimisten in die andere Richtung deuten. Ich hätte mir hier gern noch ein paar Seiten mehr gewünscht. Andererseits gibt gerade das Ende dem Buch noch einmal Wucht und einen ziemlichen Effekt, sodass ich hierfür keine Abstriche vergeben möchte. Auf jeden Fall hat mich dieses Buch mit jeder Seite gepackt und berührt und ich empfehle es unbedingt weiter. Zum einen aufgrund seiner literarischen Qualität, aber auch aufgrund der absolut zeitgemäßen Thematik und der unglaublichen Einfühlsamkeit der Autorin.

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Bewertung vom 26.09.2018
Die Charité (MP3-Download)
Schweikert, Ulrike

Die Charité (MP3-Download)


ausgezeichnet

Gelungene Krankenhaus-Soap im 19. Jahrhundert

Elisabeth wohnt in einem der ärmsten Viertel Berlins und an den Frauen des Viertels sieht sie, welches Schicksal ihr mit einer Ehe bevorstünde. Sie sieht einen Ausweg darin, ihren Lebensunterhalt als Krankenwärterin an der Charité zu verdienen und entdeckt dabei ihre Leidenschaft für den Beruf und eine verbotene Liebe zu einem jungen Arzt. Martha arbeitet als Hebamme für Frauen aller Schichten. Ihr eigenes Leben ist jedoch ziemlich beschwerlich. Nach einer folgenschweren Entscheidung und weil sie ihrem Sohn ein besseres Leben ermöglichen will, tritt sie eine Arbeit als Totenfrau an der Charité an. Währenddessen könnte die Gräfin Ludovica ihr sorgenfreies Leben genießen. Doch ihr hypochondrischer Mann macht ihr das Leben schwer und sie sucht zunehmend Zuflucht in den Gesprächen mit dem Arzt ihres Mannes und ihrem Engagement für die Charité.

Ulrike Schweikert zeichnet in dieser Geschichte drei ganz unterschiedliche Frauenschicksale, die letztlich doch gar nicht so verschieden sind, da alle drei Frauen in ihrer jeweiligen Rolle gefangen sind und alle nicht das werden oder tun können, was sie gern wollen. Denn alle drei interessieren sich sehr für die Medizin. Doch das Medizinstudium bleibt ihnen als Frauen verwehrt. Dennoch sind alle drei nie verlegen, ihre Stärke zu zeigen und sich notfalls durchzusetzen, doch das kostet sie auch viel Kraft. "Die Charité" ist dennoch kein schwermütiges Sittengemälde, sondern ein über weite Strecken unterhaltsamer historischer Roman vor wohl recherchierter und historisch überzeugender Kulisse, der nicht die ein oder andere Gesellschaftskritik scheut wie beispielsweise der Umgang mit psychischen oder emotionalen Problemen, diese jedoch vielleicht etwas zu deutlich moralisierend präsentiert. Mit all seinen Verwicklungen und zwischenmenschlichen Beziehungen könnte man das Buch auch als Krankenhaus-Soap im 19. Jahrhundert betrachten, die jedoch keinesfalls oberflächlich, dafür aber mitunter emotional und dramatisch ist. Mich hat dieses Buch jedenfalls mitgerissen und gut unterhalten, wenn ich auch die ein oder andere Szene etwas eklig, weil sehr plastisch, fand.

Und da ich es als Hörbuch gehört habe, noch ein paar Worte zur Umsetzung: die Stimme der Sprecherin ist angenehm und passend, an einigen Stellen passt jedoch die Betonung nicht ganz. Zudem waren die Pausen zwischen den Perspektivwechseln zu kurz, sodass ich manchmal verwirrt und noch bei der vorherigen Protagonistin war. Insgesamt war dies jedoch eine gute Umsetzung, die zu fesseln wusste und die Aufmerksamkeit nicht abdriften ließ.

Bewertung vom 05.09.2018
Das weibliche Prinzip
Wolitzer, Meg

Das weibliche Prinzip


sehr gut

Aktuelles Thema, nicht ganz so spannend umgesetzt

2006 beginnt die schüchterne Greer ihr Studium an einem College. Ein Erlebnis mit einem Jungen einer Burschenschaft weckt in ihr die Empörung darüber, wie sie als Frau behandelt wird. Kurze Zeit später hält die berühmte Feministin Faith Frank einen Vortrag am College. Entgegen aller Wahrscheinlichkeit erregt Greer Faiths Aufmerksamkeit und ist von ihr tief beeindruckt. Faith Frank wird Greers Leben nachhaltig beeindrucken, denn sie weckt in Greer die Sehnsucht, sich selbst zu verwirklichen und zu engagieren. Und so tritt Greer eine lange und nicht immer leichte Reise zu sich selbst an ...

Die Beschreibung klingt vielleicht etwas esoterisch, aber Wolitzer gelingt es, das Normale an diesem Lebensweg hervorzuheben. Aus wechselnden Perspektiven wird hier der Lebensweg Greers von ihrer Jugend bis ca. zur Mitte ihrer 30er nachgezeichnet, einerseits anhand ihrer eigenen Geschichte und andererseits anhand der Geschichte ihres Freundes und ihrer besten Freundin. Interessant an dem Buch ist, dass Wolitzer hier nicht auf das Spektakuläre setzt, nicht auf Parolen schreiende, sitzstreikende halbe Superheldinnen, sondern den Weg aufzeigt, den ein normales junges Mädchen nimmt, das sich an einer sexuellen Belästigung stört und zunehmend die vor allem kleinen Ungerechtigkeiten im Alltag wahrnimmt. Hier geht es nicht um drastische Aktionen im Stile von Greenpeace, sondern es wird erzählt, wie der moderne Feminismus funktioniert, dass er oft aus Spendensammeln und Kompromissen besteht und nicht selten auch innerhalb der eigenen Community kritisiert wird. Gleichzeitig ist es aber auch eine Art Coming-of-Age-Roman der jungen Greer, die einerseits langsam ihre eigene Stimme findet und sich andererseits zunehmend von ihrem großen Idol löst, das lange Zeit unerreichbar für sie war und irgendwann plötzlich doch fehlbar scheint. Thematisiert wird dabei auch, wie sehr Aktivisten heutzutage auf Geldgeber angewiesen sind und wie abhängig sie sich dabei machen bzw. wie sehr sie ihre eigentlichen Ziele unterordnen müssen. "Das weibliche Prinzip" ist dementsprechend meiner Meinung nach ein moderner Gesellschaftsroman, der ein sehr wichtiges Thema bearbeitet, das eigentlich aufgrund der aktuellsten Debatten und auch Bedeutung in der Vergangenheit noch zu selten in Romanen vorkommt.

Dennoch hat das Buch für mich ein kleines Manko und das ist der Spannungsbogen. Greers Desillusionierung in Bezug auf Faith hätte meiner Meinung nach ruhig dramatischer ausfallen können. An der ein oder anderen Stelle gibt es durchaus Dramatik und ergreifende Entwicklungen, diese bleiben jedoch bald wieder auf der Strecke. Ich hatte dahingehend mehr von dem Buch erwartet.

Insgesamt ist das Buch aber auf jeden Fall lesenswert, wenn man sich vorab bewusst ist, dass es sich nicht um ein sehr spannungsgeladenes oder hoch emotionales Buch handelt. Stattdessen ist es ein Entwicklungs-, Gesellschafts- und Aufklärungsroman, der aufzeigt, dass man nicht hoch politisch oder schon immer engagiert gewesen sein muss, um zu einer*m Aktivist*in zu werden.

Bewertung vom 07.08.2018
Ins Dunkel
Harper, Jane

Ins Dunkel


ausgezeichnet

Es soll eine Teambuilding-Maßnahme sein. Fünf Frauen und fünf Männer einer großen Firma sollen sich für drei Tage durch den australischen Busch schlagen, das Männerteam gegen das Frauenteam. Doch die Frauen sind nicht zum verabredeten Zeitpunkt am Zielpunkt. Als sie endlich auftauchen, fehlt eine von ihnen, Alice Russell. Das brisante daran: Alice hat kurz zuvor Unterlagen der Firma an die Steuerfahndung weitergegeben. Also wird auch Aaron Falk zum Fall hinzugezogen und gemeinsam mit seiner Kollegin beginnt er den Wettlauf gegen die Zeit, um Alice noch lebend zu finden.

Ich kenne den Vorgängerband um Aaron Falk nicht, deswegen kannte ich die Autorin und ihren Stil auch noch nicht. "Ins Dunkel" ist jedoch auch sehr gut alleinstehend lesbar, auch wenn immer wieder kleine Verweise auf vorherige Ereignisse fallen. Diese stören aber nicht, sondern machen eher neugierig auf den Vorgängerband. Ich hatte aber nicht das Gefühl, Information für das Verständnis dieses zweiten Bands zu vermissen.
"Ins Dunkel" war für mich ein sehr atmosphärischer Thriller. Das eher trockene Thema der Wirtschaftsspionage verknüpft die Autorin mit sehr plastischen Beschreibungen des australischen Dschungels und seiner Gefahren. Zudem ergänzt sie die Geschichte um einen weiteren Aspekt, der die Handlung noch um einiges unheimlicher machte. Zwischenzeitlich war die Stimmung für mich sehr unheimlich (ich lese allerdings nur noch eher selten Thriller) und das völlig ohne Blutvergießen oder brutale Szenen und auch die teils sehr lebensfeindliche australische Tierwelt wurde nicht übermäßig strapaziert. Viel von der Stimmung wurde einfach nur über die Atmosphäre und die plastische Schilderung der Einsamkeit, Hilflosigkeit und zunehmenden Verzweiflung von survival-technisch völlig unerfahrenen Frauen transportiert.
Die Handlung wird abwechselnd geschildert aus Sicht des Polizisten Aaron Falk, der versucht, das Geschehen zu rekonstruieren, und durch Rückblenden zum tatsächlichen Geschehen, das chronologisch geschildert wird, bis sich die beiden Stränge kurz vor dem Ende endlich treffen. Dramaturgisch war das schon richtig filmreif und auch sonst ließ das Buch immer wieder filmtaugliche Szenen vor dem geistigen Auge entstehen.
Die Auflösung fand ich passend, plausibel und bis zum Schluss durchaus überraschend und nicht actionmäßig überdreht. Die Autorin hat einen flüssigen Erzählstil, der nicht aufhält und die Spannung durchweg hochhält und der sich gut und schnell "wegliest". Das Buch ist sicher nichts, über das man im Anschluss noch lange nachdenkt oder viel Diskussionsbedarf hat. Dafür ist es aber gute und spannende Unterhaltung, das von psychologischer Spannung lebt und sich angenehm von der Masse im Thrillerbereich abhebt.

Bewertung vom 31.07.2018
Alligatoren
Spera, Deb

Alligatoren


ausgezeichnet

Südstaatendrama und Gesellschaftsroman

South Carolina, 1922: Getrude Pardee lehnt an einer Zypresse in einem Sumpf und belauert einen 3-Meter-Alligator, der sein Gelege bewacht. Das Tier würde Gertie und ihre vier Töchter auf Monate satt machen. Denn der Mann Alvin ist dem Alkohol verfallen, seit der Baumwollkäfer im Jahr zuvor die komplette Ernte vernichtet hat und seiner Frau erlaubt er nicht, zu arbeiten. Nun reicht das Geld hinten und vorn nicht mehr und Alvin lässt seine Wut immer häufiger an Getrude und den Töchtern aus. Die findet sich schließlich vor der Tür von Annie Coles wieder, bittet dort um einen Job und lässt tagelang eines ihrer Kinder bei der Haushälterin Retta zurück. Doch auch hier ist bei Weitem nicht alles gut. Die Plantagenbesitzerin Mrs. Coles betrauert noch immer einen Sohn, den ein Familiengeheimnis das Leben kostete. Nun, mit einem jungen Kind im Haus, kann sie nicht länger die Augen davor verschließen. Und auch Annie ist nicht frei, darf ihre eigene Näherei nur führen, so lange es ihrem Mann genehm ist. Zur Seite steht ihr jedoch die in erster Generation von der Sklaverei freie schwarze Haushälterin Oretta, die zwar einen liebenden Ehemann hat, aber von der Gesellschaft generell unterdrückt wird.

Diese drei Frauen führen eigene Leben, die sich an bestimmten Stellen immer wieder überschneiden, in denen sie sich gegenseitig zur Hilfe kommen und von denen jede auf ihre Weise für ihre Unabhängigkeit kämpft. "Alligatoren" ist ein packendes und emotionales Drama aus wechselnden Perspektiven, das sehr überzeugend die Beklemmung eines Lebens in den Sumpfgebieten, die Einengung durch starre und veraltete Konventionen, die Kleingeistigkeit in den Südstaaten zur damaligen Zeit und nicht zuletzt die bedrückende Schwüle transportiert. Die Figuren sehen sich einer Unzahl an Hürden gegenüber, unter ihnen häusliche Gewalt, Rassismus, Diskriminierung und finanzielle Abhängigkeit. Getrude ist bei Weitem keine Sympathieträgerin, aber das Mitgefühl für eine Frau in ihrer Situation und Ausweglosigkeit steigt mit jeder Seite, ob der Ungerechtigkeit, die ihr widerfährt. Gezwungenermaßen muss sie Stärke für sich und ihre Töchter zeigen. Getrude ist ein Sinnbild der Personengruppe, die man im heutigen Amerika als "white trash" bezeichnet.
Dass jedoch die höheren Gesellschaftsschichten nicht weniger verroht sind, zeigt Annie Coles Leben, das in vielen Dingen gar keinen so großen Kontrast zu Getrude bildet, auch wenn die Familie Geld hat. Doch auch wenn es ihr eigenes Geld ist, liegt die Entscheidungshoheit bei ihrem Mann, der ihre Arbeit mit der Näherei immer wieder herabwürdigt. Genau wie ihre Beziehung zu ihrem Sohn, der immer wieder versucht, sich dem Vater zu widersetzen und seinen eigenen Weg zu gehen. Da hat es der zweite Sohn schon leichter, der sich dem Vater bedingungslos unterordnet und seine Wünsche auch innerhalb der Familie umsetzt. Und über allem schwebt der Geist des toten Sohns, während die beiden Töchter den Kontakt zu den Eltern komplett abgebrochen haben.
Die oftmals im Hintergrund beobachtende Retta, die still und heimlich die meisten Geheimnisse kennt, muss sich Gedanken machen, wie sie mit zunehmendem Alter abgesichert ist. Denn klar ist: wird sie zu alt oder gebrechlich zum Arbeiten, wird sie einfach ersetzt und niemand wird sich um sie kümmern. Und natürlich erlebt sie tagtäglich den Rassismus gegen Farbige auch am eigenen Leib.

Speras Figuren sind meiner Meinung nach sehr tiefgründig und detailliert ausgearbeitet. Dieses Südstaatendrama um die drei Frauen hat mich sehr mitleiden lassen, es hat mich aber auch bezüglich der Gesellschaftsdarstellung und -kritik überzeugt. Es zeigt ein Amerika der 1920er, das weit entfernt ist von Modernität, Gleichbehandlung und Gleichberechtigung. Für mich ist "Alligatoren" ein sehr empfehlenswertes Buch, das effekttechnisch und optisch zwar eher zurückhaltend daherkommt, beim Lesen aber wichtige Seiten offenbart und dabei beim Lesen immer noch "unterhält".

Bewertung vom 31.07.2018
Agnetas Erbe / Die Frauen vom Löwenhof Bd.1
Bomann, Corina

Agnetas Erbe / Die Frauen vom Löwenhof Bd.1


sehr gut

Unterhaltsam, mit Luft nach oben

Schweden, 1913: Agneta ist eine Grafentochter. Mit Mitte 20 hat sie es geschafft, sich von den Erwartungen ihrer Familie zu lösen und entfernt in Stockholm Kunst zu studieren. In ihrer Freizeit engagiert sie sich für Frauenrechte. Ein Telegramm beordert sie zurück zum Gut der Familie, wo sie sich vor dem aufgebahrten Körper ihres Vaters wiederfindet. Und auch ihr Bruder überlebt das Unglück auf dem Löwenhof nicht. Plötzlich ist Agneta die Erbin und neue Herrin eines Gutes und muss ihre adlige Rolle erfüllen, die sie in tiefe Konflikte stürzt. Mit ihrer humanistischen Einstellung versucht sie, den Hof umzukrempeln. Und natürlich erwacht auch bald die Sehnsucht nach Liebe in ihr ...

Ich habe mich am Anfang sehr schwer getan. Nach den ersten Kapiteln war ich ziemlich unzufrieden. Der Schreibstil war mir ein wenig zu umgangssprachlich und die Geschichte an manchen Punkten nicht ganz logisch. Gemäß der Konventionen, die geschildert wurden, hätte Agnetas Umgang mit Männern in Stockholm eigentlich nicht so einfach und unproblematisch sein dürfen. Auch wirkte sie mir für ihr Alter zu jung. Laut der Schilderungen durften Frauen mit 25 ihre eigene Vormundschaft beantragen, was sie auch getan hat. Dementsprechend müsste sie zu Beginn der Geschichte Mitte 20 sein. Ihrer Mutter gegenüber verhält sie sich jedoch eher wie ein trotziger Teenager. Das passte für mich nicht ganz mit ihrer Vorreiterrolle und angeblichen Stärke zusammenpassen.

Die Geschichte hat mich jedoch zunehmend gefesselt, auch wenn es zugegebenermaßen eher seichte, aber nette Unterhaltung ist. Dennoch gab es immer wieder die Momente, die mich auch schon zu Beginn gestört haben. Es gab immer so einen leicht theatralischen Hang, der zwischendurch einiges unglaubwürdig machte und übertrieben oder auch schmalzig wirken ließ. Und dann wiederum packte mich die Dramatik einzelner Wendungen. Ich konnte mich dann einem gewissen Sog nicht entziehen und letztendlich fühlte ich mich doch gut unterhalten. Man kommt der Familie doch nahe und leidet mit Agneta in ihrem Liebeskummer und ihrem Kampf mit den Konventionen mit. Man liest sich schließlich in diese Familiengeschichte ein und möchte dann doch wissen, wie es mit den Frauen des Löwenhofs weitergeht. Auch macht Agneta, zum Glück, eine Reifung durch, sodass sie sich nicht über 700 Seiten hinweg so pubertär benimmt wie zu Beginn. Auch hält das Buch einige dramatische Wendungen bereit und die Neugier auf den Folgeband ist definitiv geweckt.

Insgesamt ist der erste Band der "Frauen vom Löwenhof" gute, wenn auch nicht allzu anspruchsvolle Unterhaltung und ein richtiger Schmöker. Der historische Rahmen ist mir hier noch zu blass, sodass ich beim zweiten Band noch auf eine Verbessung hoffe, denn meiner Meinung nach hat "Die Frauen vom Löwenhof" noch Luft nach oben.